Der Tag endet damit, dass ein 4 jähriger kleiner Bub vor mir steht und mit leidiger Stimme fragt: „Gehen wir schlafen, Mama?“
Und hier liege ich. Hellwach und mit knurrendem Magen. Aber überglücklich.
Heute war einer dieser tollen Tage, an dem ich alles weglächeln konnte und Zorn in Kinderlachen verwandeln.
An diesen Tagen ist schlechte Laune anderer nicht ansteckend, Gesagtes wird nicht auf die Goldwaage gelegt und selbst das Anstrengende ist so überhaupt nicht kräftezehrend.
Erhobenen Hauptes schreitet man durch den Tag und das Leben ist einfach nur schön.
Fremden schenkt man ein freundliches Lächeln, weil man gar nicht anders kann.
LÄCHLE UND DIE WELT LÄCHELT ZURÜCK!
An Tagen wie heute schaue ich meine Kinder noch genauer an, höre noch besser hin, drücke noch etwas länger und noch fester.
War ich vor wenigen Tagen doch noch so traurig und wütend über unsere Situation. Verfluchte ich alles und war die Ungeduld in Person.
Heute konnte mich nichts aus der Ruhe bringen.
Nicht, als der Zwerg immer wieder Gras über meinen Kopf rieseln ließ.
Nicht, als er auf meinen Rücken sprang, als ich mitten in meiner Sporteinheit war.
Nicht, als er wütend wurde, schrie und fluchte, weil ich nur zwei Dinge vom Garten nach oben getragen habe und er ganze drei.
“ Du hast fast nichts gemacht!“
„Immer muss ich mehr machen! Alles muss ich machen!“
Nicht, als er mich fragte, ob sein Bruder mehr Geld auf dem Konto habe und für Erklärungen, dass der ja auch 4 Jahre länger sparen konnte, nicht zugänglich war. Er forderte von mir die restliche Summe, um gleich viel zu haben. Jetzt sofort!
„Das ist unfair! Warum hat er mehr als ich?!“
Der Grosse drängelte, ich solle eeeendlich mit ins Trampolin kommen. Er erinnerte mich im Minutentakt, dass ich es versprochen habe. Ich kann es heute überhören und meine Sache beenden, bevor ich mithüpfe.
Der Ärgermeister bringt seinen kleinen Bruder auf die Palme, nicht aber mich. Er schafft es mit wenigen Worten und der Zwerg schreit mal wieder in allen Oktaven.
Heute ärgert es mich nicht und ich beiße nicht meine Zähne zusammen, weil ich mich so zusammenreißen muss. Heute sehe ich ihm in die Augen, sage herausfordernd: „Lauf“ und zähle bis 2. Dann liefern wir uns eine wilde Verfolgungsjagd, bei der ich niemals als Gewinner rausgehe.
Ich wirble ihn umher und geniesse sein lautes Lachen.
Heute gibt es keinen Kummer, kein Grübeln und keinen Groll.
Nur uns. Meine unperfekte perfekte Familie. Mich, die Mutter, die ich so immer sein will.
Meine Kinder, die die Zeit mit mir geniessen. Die Aufmerksamkeit, das Gesehenwerden. Meine Umarmungen und meine Küsse.
Ein perfekter Tag geht zu Ende und mein Herz lacht.
Können wir das alles jetzt bitte endlich beenden?!?
Ja, es war manchmal richtig toll.
Ja, wir haben festgestellt, dass wir gar nicht sooo viel vermissen.
Ja, es ist toll, dass wir ein bisschen gespart haben, weil wir weder ins Schwimmbad, noch ins Kino konnten.
Ja, wir haben viele neue Orte erkundet, die wir sonst vielleicht nie besucht hätten und ich liebe das.
Ja, dadurch ist zwischen dem Papa der Jungs und mir Waffenstillstand. Wir haben hier 6 Tage am Stück und einige Wochenenden in Harmonie verbracht, wenn ich arbeiten musste und er die Kinder gehütet hat.
Ja, es gab Erfolgserlebnisse und tolle Momente.
Ja, ja, ja…
ICH HABE ES KAPIERT!
Danke für diese Lektion.
Woche 1 und 2 brauchte ich zum Verstehen und Begreifen, was hier grad passiert.
In Woche 3 und 4 hab ich mich recht wohl gefühlt. Alles war geklärt, alle sind in der neuen Situation angekommen. Die Jungs sind in der Notbetreuung gut aufgehoben und sind danach ausgeglichener.
Ich hatte viele freie Tage und Urlaub, das Wetter war fantastisch und wir haben tolle Ausflüge gemacht.
In Woche 5 habe ich den Stapel neue Schulaufgaben abgeholt und mich gefreut, dass diesmal vorgegeben war, was an welchem Tag zu erledigen ist. Das hilft!
Bei der ersten Flut an Schulaufgaben waren wir einfach nur erschlagen und man konnte so gar nicht einschätzen, wie viel man täglich erledigen muss, um einigermaßen hinzukommen.
Wieder habe ich meinem Schulkind ein neues Thema in Mathe beigebracht, obwohl ich es nicht als meine Aufgabe empfinde.
Weder kann ich gut erklären, noch habe ich Geduld dafür. Aber gut, er kann jetzt das Einmaleins mit grossen Zahlen.
In Woche 5 kippte bei uns die Stimmung, ich erhob drohend den Zeigefinger, redete durch die Zähne, meine Halsschlagader bebte im Takt meiner Schreie.
Alles in mir schreit:
Ich. Will. Jetzt. Nicht. Mehr!
Ich kam an den Punkt, an dem ich nicht mehr geschrien habe, sondern geweint habe. Vor Wut, vor Erschöpfung und vor Traurigkeit.
Mein Sohn testet seine Grenzen wie nie zuvor und ich frage mich, ob man mit 9 schon in der Pubertät sein kann, oder das noch nichts im Vergleich dazu ist.
Hätte mir vor dieser Zeit jemand gesagt, dass ich es 6 Wochen und wahrscheinlich noch viele mehr ohne eine kleine Pause und Auszeit schaffe, ich hätte es nicht für möglich gehalten.
Ich überlege, was das kleinere Übel ist:
Meine Arbeitstage? Frühes Aufstehen, Stress, Zeitdruck, dröhnender Kopf und Gehetze. Dafür aber 10 Minuten Autofahrt. ALLEINE! Arbeitskollegen, also erwachsenen Menschen!
Vesper und Rucksäcke für die Kinder vorbereiten und sie in der Notbetreuung zurücklassen.
Meine freien Tage? Ausschlafen…bis ca. 7 Uhr, bevor ich Tippel Tippel höre und es bei mir an der Tür klopft.
Meine Kinder in den Garten schicken können, wenn es mir zu viel wird.
Im Haushalt was schaffen. Wenn auch nichts zu Ende, weil immer irgendwas ist und immer jemand irgendwas will. Oder irgendwas macht. Oder eben nicht macht, was er soll.
Ich bin durch nach Woche 5. Sie hat mir alles abverlangt und ich liege unbewaffnet am Boden.
Ich habe so viele Kohlenhydrate gegessen, dass mir meine Arbeitshosen nicht mehr passen. Ohne hätte ich es nicht geschafft.
Meine Kinder haben gemerkt, dass ich es leid bin zu verhandeln und zu diskutieren. Meine Ansagen werden deutlicher, ich konsequenter und die Grenzen klarer. Mit mir treibt man es jetzt besser nicht zu bunt, denn dafür hab ich keine Energie mehr.
Abends bleib ich nicht wie sonst ewig noch bei ihnen liegen und wir philosophieren über die Ereignisse des Tages. Jetzt verbringen wir notgedrungen so viel Zeit zusammen, dass ich auf dem Laufenden bin und der Austausch über Tag stattfindet.
Auf Sport hatte ich lange weder Lust, noch Energie übrig. Das machte ich sonst an meinen freien Tagen, wenn die Kinder im Kindergarten und in der Schule waren.
Das war meine Zeit! Da habe ich aufgetankt. Da ging es nur um mich.
Da habe ich Haushalt Haushalt sein lassen und habe mich gut um mich selbst gekümmert.
Jetzt wollen die Kinder so viel von mir, das für mich selbst nichts mehr übrig bleibt. Weder Zeit, noch Energie und Kraft.
Ich bildete mir gestern vor dem Spiegel ein, ich hätte ein graues Haar bei mir entdeckt. Es wundert mich nicht. Höchstens, dass es nur eins war.
Jetzt, in Woche 6 rennen wir alle mit Mundschutz rum, in mir rebelliert alles.
Ich fühle mich unwohl damit, stehe absolut nicht dahinter und es ist mehr als befremdlich.
Ich bin wütend. Denn ich werde zu etwas gezwungen, das ich nicht will.
Der erste Einkauf damit ist geschafft und es macht mir bereits vor dem Laden mehr als schlechte Laune.
Nein, für mich ist es kein modisches Accessoire und ich habe mir nicht wunderschönen Stoff dafür ausgesucht.
Lieber möchte ich böse Wörter darauf schreiben.
Mein Blick hat sich in Woche 6 verfinstert. Ich kann es nicht mehr geniessen, so sehr ich mich anstrenge.
Die Luft ist raus.
Ich will wieder völlig selbstbestimmt leben. Vielleicht mit weniger Terminen. Weniger hin-und hergefahre. Mehr Besinnung auf das Wesentliche. Aber jetzt ernsthaft, ich will mein Leben zurück.
Ich ertrage die Kämpfe meiner Kinder nicht mehr, denn auch sie brauchen dringend eine Pause voneinander.
Ich will alleine sein! Ein paar Stunden! Immer wieder! Um Dinge zu tun, die nur mit mir zu tun haben.
Einfach kurz in den Laden springen und ein paar Kleinigkeiten holen. Ohne Wagen, so wie davor. Alles in meinen Armen stapeln und mich darüber ärgern, dass ich es mal wieder falsch eingeschätzt habe.
Ich will nach Hause kommen und keinen vorfinden, weil Nachmittagschule ist. Nicht reden, keine Fragen beantworten. Nicht diskutieren, nicht kochen, nicht hinterherräumen.
Ich will, dass mein Sohn sich nach der Schule an seinen Schreibtisch setzt und zügig seine Hausaufgaben macht, weil er weiss, er hat 15 Uhr Training.
Letztes Jahr 2 Wochen weiter hab ich die ersten Runden im Freibad gedreht. Dazu wird es jetzt nicht kommen.
Ich will auf den Sportplatz morgens um 8 und zehn Uhr guten Gewissens auf der Couch sitzen. Nach Sport, Frühstück und Dusche.
Ich will Termine und Telefonate ohne die Anwesenheit von lauten Kindern wahrnehmen können.
Mir graut es vor den nächsten Tagen, weil es viel regnen soll. Das hilft mir nicht wirklich. Danke für nichts lieber Wettergott.
Kann einer bitte machen, dass das aufhört! Ich mag nicht mehr!
Es ist sehr faszinierend, was diese „Krise“ mit mir macht und wie die Gefühlswelt schwankt.
Die Meldung, dass ein Schul-und Kindergartenalltag für meine Jungs in weite Ferne gerutscht ist, hat mich gestern voll erwischt.
Obwohl es absehbar war und auch mir klar, dass es nicht gleich weitergehen wird, war ich am Boden zerstört. Es war so ein bisschen hoffen, beten, hoffen, beten.
Und dann…
Ach nö, doch nicht! Ätsch!
Das Rumpelstielzchen in mir wurde geweckt und ich wollte einfach nur immer wieder wütend und vor Zorn stampfen.
Nach einmal drüber schlafen, sieht die Welt schon wieder anders aus. Wie bei allen Dingen, die erstmal so gewaltig wirken.
Diese Woche habe ich Urlaub und wir hätten ihn bei und mit meiner besten Freundin plus Familie verbracht.
Seit vielen Monaten ist es geplant, über mehrere Bundesländer hinweg, mit verschiedenen Ferienzeiten. Es war nicht einfach.
Noch schwerer war die Feststellung, dass auch hoffen hier nicht mehr reicht: es klappt nicht.
Am 1. 5 wären wir bei den Ehrlich Brothers in Stuttgart, das hatte ich meinem Sohn zum 9. Geburtstag geschenkt. Seit November hab ich die Karten schon und habe bis 15.3 das Geheimnis gehütet.
An seinem Geburtstag war für mich schon klar, dass wir da nicht hingehen werden, zumindest nicht im Mai. Es fühlt sich schlecht an.
Dann ist da noch unsere geplante Mutter-Kind-Kur Ende Mai, die bis jetzt auch sehr wackelt.
Wie hatte ich dafür gekämpft und wie hatte ich mich auf die 3 Wochen im Schwarzwald gefreut.
Wald und Natur, gute Luft.
Wir konnten vor 4 Jahren dort so schöne Erinnerungen sammeln.
Damals, nach der Trennung war das dieser kleine Lichtblick und er machte alles etwas erträglicher.
So war es!
Über diese ganzen Änderungen bin ich enttäuscht. Punkt.
Und doch! Wir sind gesund und wir haben uns.
Wir können viel Zeit miteinander verbringen, die uns oft gefehlt hat.
Alle zwei Wochen schloss ich am Freitag Abend die Tür hinter ihnen und meinem Ex-Mann. Immer dankbar, dass ich alleine sein darf, um Energie zu tanken. Und immer traurig über die fehlenden Stunden ohne Termine und Zeitdruck.
Heute hatten wir einige Erledigungen am Vormittag: Rezept abholen, Sanitätshaus, Pfandflaschen abgeben, zum Glascontainer und durch ein Autohaus sind wir geschlendert.
Anschnallen, abschnallen. Einsteigen, aussteigen.
Es tat gut, etwas vorzuhaben. Menschen zu sehen und mit ihnen zu reden. Über meine Arbeitskollegin und den Tratsch mit ihr habe ich mich sehr gefreut.
Wir drei beschlossen gemeinsam, dass wir heute nur im Garten bleiben.
Ausnahmsweise war es meine Idee und ich brachte den Jungs zwei Eimer mit Wasser. Sie waren kräftig am Rühren in ihren Behältern und immer mehr Zutaten in Form von Erde, Sand, Asche, Gras, Löwenzahn, Kies und Ziegelsteinpulver wurden dazugemischt.
Der Kleine sah mich fragend an, wenn er eine neue Idee hatte. Ich lächelte entspannt und dann zack- wurde es dazugemischt.
Immer wieder spritzte die braune Suppe ihm ins Gesicht und er wischte sich mit dem Arm ab.
Ich mag das, wenn meine Kinder dreckig sind. Echt!
Wenn sie so vertieft ins Spiel sind, vor Ideen fast explodieren, wenn sie wie wild arbeiten, machen und tun.
Ich mag die schwarzen Hände, die staubigen Hosen, die Grasflecken auf den Knien.
Die Nachbarskinder kamen mit Decke und Spielzeug bepackt dazu. Die Jungs freuen sich, denn es sind zur Zeit die einzigen Spielkameraden weit und breit. Sie hüpfen wild im Trampolin und spielen Karten.
Plötzlich wird es voll im Garten, drei Autos kommen näher. Die Vermieter und ihre Helfer kommen angedüst und wollen wahr machen, was sie so lang angekündigt haben: Hühner!
Schnell wird geklopft und gehämmert, ein Zaun aufgebaut und Schlafplätze. Die Kinder jubeln und helfen bereitwillig, das Material aus dem Auto zu laden.
Die Vermieterin fährt weg und als sie wiederkommt, steigt sie lachend aus.
30 Hühner hatte sie vor dem Tod gerettet und die Kinder sind ausser Rand und Band.
Ich beobachte sie und wie sie sich freuen. Jetzt haben wir den riesengroßen Garten, der uns zwar nicht gehört, aber den wir jederzeit nutzen dürfen. Wir haben ein Trampolin, eine Schaukel, einige Schafe und jetzt 30 Hühner.
Was haben meine Jungs für ein endloses Glück so aufwachsen zu dürfen!
Entschuldigung Corona, wir hätten gar keine Zeit für Schule und Alltag!
Wir sind viel zu beschäftigt mit das Leben geniessen, in der Sonne liegen, unsere Ohrwürmer wieder und immer wieder zu hören und uns neu zu entdecken.
Mir wird es etwas kühl und ich gehe schon mal rein.
Mein Grosser, der normalerweise an mir klebt wie Kaukummi, ruft nur:
„Ok, Mama.“
Ich drehe mich verwundert um. Nein, sie folgen mir nicht. Immer noch nicht…
Ich bin alleine!
Ich liege auf der Couch. Niemand redet, keiner legt sich dazu. Keiner hüpft auf mich drauf. Ich muss nichts machen. Nur liegen. Und geniessen.
Stille, ich vermisse dich!
Es reicht noch, um ein paar Wintersachen in den Keller zu räumen und nach Sandalen zu suchen. Hier räume ich ein bisschen rum und da.
Dann klingelt es an der Tür.
Die Jungs erzählen ganz aufgeregt, dass alle unten grillen. Ich gebe ihnen eine Packung Würstchen mit, Brot und 2 Teller.
Als es das nächste Mal klingelt ist es bereits nach 20 Uhr. Beide stinken nach Rauch, haben schwarze Gesichter und Hände. Sie überreichen mir einen vollen Teller. Brötchen, Salat und Fleisch.
„Das ist für dich haben sie gesagt!“
Ich bin dankbar und überrascht.
Die Jungs sitzen in der Wanne. Ich sitze am Tisch und esse.
Die Kinder sind ausgelassen und fröhlich. Sie reden durcheinander, singen und reimen. Sie fallen mir in den Arm und der Grosse sagt:
„Ich liebe dich nicht. Nicht.“
Das bedeutet, dass er mich liebt, so macht er das seit Wochen. Es ist nicht ganz so gefühlvoll wie ein „Ich liebe dich“ und dennoch ist alles gesagt.
Mein Fazit:
Jeder braucht Menschen um sich, Gespräche. In der Krise sind es vielleicht auch mal andere Menschen, mit denen man näher zusammen rückt.
Heute ist so ein Tag, an dem wir absolut nichts vermissen!
Manchmal kann ich unser Glück gar nicht fassen, das diese verdammte Corona „Krise“ uns gebracht hat.
Wie oft hab ich mich aufgrund von Alltagsstress und Papa-Wochenenden über zu wenig qualitytime beschwert?
Tadaaaaaaaa: hier ist sie!
Tragisch wäre es gewesen, wenn das alles im tiefsten Winter stattgefunden hätte. Wenn alles grau und matschig ist. Bitterkalt und dunkel noch dazu.
Aber jetzt können wir mal genauer hinschauen, wie alles erwacht und blüht.
Etwas genauer hinhören, wie es um uns herum zwitschert und der Specht klopft.
Wir lieben es Schmetterlinge mit den Augen zu verfolgen. Auch beim Zehnten wird es nicht langweilig und wir rufen laut: „Schau mal da!“
Die Sonne scheint, kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen.
Zeit für den ersten Sonnenbrand, weil man nicht wahrhaben will, dass die Sonne doch schon so viel Kraft hat.
Unser Leben könnte nicht kontrastreicher sein zu dem davor, vor diesem ganzen Wahnsinn.
Wir brauchen nicht viel zum Glücklichsein. Es ist wenig, das wir vermissen und manchmal hab ich inzwischen Angst, dass wir bald wieder im alten Trott sind.
Von Termin zu Termin hetzen, zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein müssen. Unterbrechen, alles stehen und liegen lassen müssen. Stress. Negativer Stress. Stress von dem ich mir bis vor kurzem noch sicher war, dass ich das alles ganz genau so will!
Dass das mein/unser Glück ist. Dass beide Kinder einem Hobby nachgehen und ich deswegen eben…hetze.
Ich beobachte meine Kinder und mein Herz ist erfüllt.
Wir leben in den Tag hinein. Können (fast) alles tun, worauf wir Lust haben. Wir haben keine Termine.
Wo es schön ist, bleiben wir stehen. Um Corona an sich geht es hier schon lange nicht mehr.
Wir sitzen 5 Stunden am Fluss und es ist keine Minute langweilig.
Wir kamen mit leeren Taschen. Und finden dort alles was wir brauchen, um glücklich zu sein. Meine Jungs bauen Staudämme mit bloßen Händen, türmen Steine aufeinander oder lassen sie im Wasser springen.
Sie suchen Stöcke und besondere Steine, die als Andenken in den Hosentaschen verschwinden.
Sie klettern und balancieren und haben Zeit auf Grashalmen zu kauen.
Ich sitze in den Kieselsteinen am Ufer und frage mich was wäre, wenn DAS das wahre Leben ist?
Was ist, wenn das Wenige es ist, worum es geht und was Glück für uns bedeutet?
Ich bin traurig, dass wir zuvor so wenig Zeit dafür hatten.
Ich sage glücklich: „Hört mal ganz genau hin!“
Mein Sohn antwortet schon leicht genervt: „Stille! Ja ich weiss!“ Aber sie tut uns allen so gut.
Ich mag das. Die Zeit vergeht so schnell, obwohl wir nicht vom Fleck kommen.
Ist es nicht so, dass Die Zeit immer nur dann so rast, wenn es am schönsten ist?
Was ist, wenn das das wahre Leben ist? Und wir erst jetzt richtig anfangen zu leben? Ich trauere um die ganzen Stunden, die wir verloren haben, wenn es so sein sollte!
Ich bin unsicher, wie wir weitermachen, wenn wir in unser altes Leben können.
Eine innere Stimme flüstert mir zu:
Nutz die Chance!
Noch ist sie sehr leise und ich bin noch nicht überzeugt, ob ich mutig genug bin.
Tief im Inneren wünsche ich mir, dass wir nach den Hausaufgaben noch Zeit genug haben an Strohhalmen zu knabbern und auf warmen Kieselsteinen zu sitzen. Feuer zu machen. Pizza zu bestellen, die wir ohne Besteck in der Einfahrt auf dem Boden sitzend essen.
Ich weiss, wir haben ne verdammt gute Zeit und wir brauchen so wenig.
Wir haben gerade Zeit für die EIGENTLICHEN Dinge. Dinge, an die die Kinder sich ewig erinnern werden und in Jahren noch fragen:
„Weisst du noch damals, als…“
Dass Grundschulkinder unter der Woche keine Zeit mehr finden sich zu treffen erscheint mir gerade mehr als absurd. Jeder hat sein Hobby und den Verein. Jeder an einem anderen Tag Training.
Also hetzt man von Termin zu Termin, um allem gerecht zu werden und sich zu beschweren, dass man keine Zeit für gar nichts hat. Dass man sich gestresst fühlt und unglücklich.
Dass scheinbar etwas fehlt- nur was?
Traut man sich nicht genauer hinzuhören? Aus Angst nicht dazuzugehören? Aus Angst was zu verpassen? Nicht zu genügen allein in seinem Sein? Der Irrglaube, dass man etwas leisten muss, um zu zählen?
Mit jedem Tag, der vergeht, wird die Stimme lauter. Der Mut grösser.
Ich bin mir sicher: wir brauchen so wenig und hier muss ich Einiges überdenken.
Machen wir weiter wie zuvor? Im Dezember wird dann wieder alles zuviel, die Termine und Veranstaltungen nehmen überhand und ich hoffe auf Erlösung.
Darauf, dass im nächsten Jahr alles anders ist. Und dann bin ich enttäuscht.
Diese Woche fragte ich meinen Sohn, was er vermisst seit Corona. Seine Freunde! Nicht die Schule, nicht ins Kino gehen, keinen Indoorspielplatz. Nicht mal sein Turnen. „Null“, sagt er sogar und ein bisschen muss ich schlucken.
War es doch noch nicht lang her, dass er sich sein Leben ohne seinen Sport nicht vorstellen konnte.
Aber damals hatten wir auch noch nicht soviel Zeit. Zum Steine werfen und auf Grashalmen zu kauen.
Vielleicht hatte ihm auch jemand eingeredet, das müsste alles so sein.
Der Zwerg ist sich sicher, dass er nicht mehr zur Musikschule will. Das akzeptiere ich und werde ihn abmelden.
Wenn der Grosse nur noch zwei Mal in der Woche trainieren will, oder auch nur einmal…nur so zum fit bleiben und aus Spass an der Freude, vielleicht ist er dann auch glücklicher.
Ich halte die Augen offen und höre in mich rein. Ich höre auf mein Bauchgefühl, es wird mir den richtigen Weg zeigen.
Solange sitze ich auf warmen Kieselsteinen und träume vor mich hin. Ich werde die Stille geniessen, die niemals langweilig wird.
Die letzten Tage war ich genervt und gefrustet. Von den Kindern, die es vor 8 Uhr morgens schaffen sich zu schlagen. Von dem Geschrei, dem Gestreite, dem dauernden: „Ich hab Hunger!“
Ich war genervt von den Schulaufgaben und dass es nicht voran geht.
Fühlte mich verspottet von den Artikeln, dass Kinder teilweise nicht mehr gewisse Läden betreten dürfen.
Ich fragte mich, ob alle jetzt spinnen, oder, ob ich es vielleicht bin.
Mich nervt dieses Thema langsam so sehr und doch kommt man nicht dran vorbei.
Noch nie hatte ich das Gefühl, dass meine Freiheit so eingeschränkt wird und es macht mich rebellisch.
Ich stelle mir insgeheim die Frage, ob man im Vorbeigehen doch mal auf die Rutsche steigen sollte. Ist ja eh niemand dort, darum geht’s doch wohl.
Der Spielplatz ist nicht das Problem, nur soll man sich dort nicht versammeln. Alles verstanden. Dann beanspruche ich diesen 10 min des ganzen Tages und wir sind alle glücklich.
Ich werde meine Jungs so sehr auf der Schaukel anschucken, dass sie etwas abheben und ihnen die Haare hochstehen.
Wie schnell man die „normalen“ Dinge seines Lebens vermisst, wenn man dieses Absperrband sieht.
Gestern Abend fing es schon leicht an zu kribbeln. Ich habe viele Tage am Stück frei und habe Ideen, wie wir die Zeit verbringen können.
Ich freute mich drauf.
Gut gelaunt starteten wir in den Tag.
Wenn in unserem Hause der Rucksack gepackt wird, bedeutet das nur eins: ABENTEUER!
An dieser Stelle im Wald sind wir ab und zu im Sommer. Ich war der Meinung, dass ein Waldspielplatz nicht gesperrt ist, weil er doch mitten im Wald ist. Und Wald ist doch gut.
Zumindest war da kein Absperrband drum herum.
Wir fingen an ein Tipi um einen Baum herum zu bauen. Wie immer haben wir Sägen, Feilen und die Schnitzmesser dabei, da macht alles gleich viel mehr Spass.
Wir arbeiteten alle zusammen und der Grosse bestimmte, welche Äste wohin kommen. Er schimpfte, als ich nach Stunden eine 2. Pause machte und nur von meinem Baumstamm sitzend beobachtete.
Er war verbissen, voll dabei und liess sich von nichts ablenken. Wie immer, wenn ihn etwas so fesselt.
Er fand ich hatte gute Ideen und ich freute mich über sein: “ Hey Mama, das macht echt voll Spass mit dir!“
An den Reckstangen neben uns tauchte ein junger Mann in grauem Jogginganzug auf. Er wärmte sich mit Hampelmännern auf und hatte scheinbar Grösseres vor.
Der Grosse sah mich lächelnd und verstohlen an. „Findest du den gut, sei ehrlich!?!“
Ich bin sehr kurzsichtig. Ich denke er gefiel mir, sicher kann man sich mit fast minus 2 Dioptrin nie sein. Er könnte 25 sein. Oder auch schon 35. Dass er gross und sportlich war konnte ich gut erkennen.
Sohn und ich lächelten einander an. Er kennt mich. Und ich war verwirrt. Es war eine etwas befremdliche Situation.
Heute ist Dienstag, oder Mittwoch. Wer weiss das schon so genau!?!
Der Mann vom Ordnungsamt lief lächelnd vorbei.
Es war ja nicht der Spielplatz! Es war der Fitnessparcour!
Auf dem kleinen Schild an dem Baum war nur vom Spielplatz die Rede. Heute nehmen wir es genau! Heute sind wir pingelig und der Mann vom Ordnungsamt ist auf unserer Seite. Danke dafür!
Es liefen immer mehr Menschen durch den Wald. Viele mit ihrem Hund.
Genauso viele mit Kindern, die einmal kurz balancierten, nen Aufschwung machten oder sich an dem Barren hochstemmten.
Alles mit Abstand und alles geregelt. Jedem sah man das schlechte Gewissen etwas an und sicher jeder hoffte, dass einen niemand ermahnte. Die Stimmung schien gut, man grüsste sich, lächelte. Allen ging es wie uns. Alle wollen raus und sich bewegen.
Erst am frühen Abend zog es uns zum Auto zurück. Dreckig, staubig, mit Ästen im Kragen, Moos auf der Mütze, singend, pfeiffend und mit Stock in der Hand.
So muss es sein. Ich bin glücklich.
Gar nicht mehr bäh und mit Zornesfalte.
Ich denke:
Danke Corona für diesen Tag! Ohne dich wären wir nie mitten in der Woche dort gelandet.
Danke, dass wir jetzt so viel Zeit haben für die Dinge, die uns gut tun und zusammenschweissen.
Danke für unser kleines „Schweden-gefühl“ heute. Frei sein, alles machen können. Trotzdem Abstand halten und Respekt vor dir.
Das geht. Alle, die uns heute dort begegnet sind, haben es bewiesen. Es war schön zu sehen.
Danke für die neuen Blickwinkel, dass du uns nicht mehr nimmst als du uns gibst.
Fast 5 Mal fragte der Grosse mich, wie spät es sei. Nicht, weil es langweilig war. Sondern weil er weiss, dass die Zeit wie im Flug vergeht, wenn es Spass macht. Er wollte sie am liebsten anhalten und hatte Angst, dass bald Abend ist, bevor sein Werk fertig ist.
Auf der Fahrt nach Hause haben wir viel geredet, und laut mitgesungen.
Nach einer kurzen Pause sagte der Zwerg ernst: „Also ich fand den Mann im Wald heute auch sehr schön!“
Unsere Blicke trafen sich im Rückspiegel und wir haben laut gelacht.
Danke Corona für den abendlichen Film auf Prime, den wir zusammengekuschelt auf der Couch sehen und uns schon morgens darauf freuen.
Vor einigen Wochen habe ich mir genau das so sehr gewünscht: dass einfach mal NICHTS ist! Keine Termine, dass ich keins der Kinder irgendwohin kutschieren und immer: „Los jetzt“ sagen muss.
Das Leben ist schön! Immer noch!
Anders, gewöhnungsbedürftig. Ich möchte das NORMALE bitte bald wieder zurück, ja.
Das, indem meine Jungs abends von ihren Freunden und den Erlebnissen in Schule und Kindergarten erzählen.
Das, indem nicht ich (die keine Geduld hat) meinem Sohn das Subtrahieren mit zwei Mal wechseln beibringen muss.
Das, in dem wir alle einige Stunden am Vormittag voneinander getrennt sind und uns aufeinander freuen können.
Das, indem ich Geld auf die Mensakarte laden kann, weil ich Kochen so gar nicht mag.
Bis dahin, was soll ich sagen? Wir machen das beste draus und geniessen. Sicher werden wir irgendwann dieses Jahr zurückblicken und denken:
Ach, damals im Frühling. Als wir Mitten in der Woche diese ganzen Ausflüge gemacht haben! Das war schön!
Wie ich momentan empfinde, würde Stunden dauern zu erklären.
Mein Pendel schlägt auf beiden Seiten stark aus:
Liebe und Wut
Traurigkeit und laut lachen
Einsamkeit und geniessen
Aufgewühlt und ruhig
Schockstarre und drauf los tanzen
Hoffnung und wie soll das alles nur werden?
Meine Freundin sagt: „Es ist wie im Krieg!“
Nein, Krieg fühlt sich glaube ich anders an. Dafür habe ich nicht genug Angst um mein Leben und das meiner Kinder.
Einerseits dränge ich meinen Sohn seinen Berg Schulaufgaben abzuarbeiten, weil schließlich sind ja keine Ferien und er darf sein Köpfchen ruhig etwas anstrengen.
Andererseits ist für mich noch kein Ende in Sicht. Vielleicht ist er schon in der 4. Klasse, wenn er wieder zur Schule darf. Vielleicht geht unser Leben erst im Herbst weiter, wenn endlich mal jemand wieder auf „play“ drückt.
Oder wir pausieren noch länger. Oder es wird nie wieder wie es noch vor 3 Wochen war. Was dann? Ich überlege mir, was ich beibehalten will, was ich sehnlichst vermisse und in Zukunft anders will.
Obwohl so Vieles weggefallen ist an Terminen und was man alles so schaffen muss, fühle ich mich gehetzt und ruhelos.
Ich vermisse mein altes Leben. Mit meinen Inseln, die mich wieder klar denken lassen. Mit dem „Alleinesein“, das mir jetzt so fehlt.
Ich vermisse die Stunden, in denen ich nur eins der Kinder bei mir habe und mich nur auf dieses konzentriere.
Es fehlt mir die Kinder zu Fuss von Schule und Kindergarten abzuholen und zusammen nach Hause zu schlendern.
Ich vermisse es unterwegs nette Menschen zu treffen, kurz stehen zu bleiben und sich auszutauschen.
Heute war der erste Tag, an dem die Kinder laut aussprachen, dass sie ihre Freunde vermissen.
Der Grosse fragte, ob wir mal wieder ins Legoland gehen und ob Tripsdrill schon geöffnet sei. Ich lächelte zaghaft und versprach, dass wir alles nachholen werden, wenn das hier vorbei ist.
Die Jungs streiten und kämpfen viel. Ich stehe regungslos da und hoffe, dass sie es selber lösen können. So lange beiße ich meine Zähne fest aufeinander, schließe die Augen und …
aaaaaatme…
1, 2, 3, 4…
Dann fällt mir auf, dass die beiden sich sonst am Tag oft nur wenige Stunden wach sehen.
Jetzt sind sie auch noch in der Notbetreuung zusammen und können sich nicht aus dem Weg gehen, gar vermissen.
Wir alle tun mir leid. Weil keiner auf seine Kosten kommt und ich niemanden gerecht werden kann. Mir am aller wenigsten.
Gegen trübe Gedanken gibts bei uns nur eins: raus, raus, raus!
Der Himmel war blau, die Sonne schien, das macht Hoffnung.
Erst unterwegs entschlossen wir uns um und landeten bei der Ruine im Nachbarort. Lange ist es her, dass wir dort waren, denn meist fanden wir im Alltagstrott keine Zeit dafür.
Als wir so wanderten und ich meine Jungs, die vor mir liefen beobachtete, lächelte ich.
Ich stellte fest, dass wir die schönsten Ausflüge gerade JETZT machen. Die in der Natur. Die, die keinen Cent kosten und doch so wertvoll sind.
Die, die schlechte Laune vertreiben und bei denen man „ahhhhhhh“ denkt.
Es wurde geschnitzt, gefeilt, gesägt, gesprungen, geklettert, gestaunt, entdeckt, erforscht, Energie abgebaut, geübt, gereimt, balanciert, sich gerollt, gehüpft und gesungen.
Wir haben in der Sonne, an der Mauer gelehnt und unsere Lieblingsmusik gehört. Ich konnte die Augen schließen und wendete mein Gesicht der Sonne zu.
Wir waren alleine dort, kein Mensch weit und breit war zu sehen.
Ich stand auf, um ein paar Hampelmänner zu machen. „Es“ musste raus!
Mein Sohn übte seinen flic flac und der Kleine seine Liegestütze. Jeder war beschäftigt und es machte Spass.
Als „eye oft the tiger“ lief, fingen wir alle ausgelassen an zu tanzen. So wie man eben tanzt, wenn man weiss, dass keiner einem zuschaut.
Nur wir drei, unter freiem Himmel, laut lachend. Mitten am Tag. Einfach so. Es ist das Lied, dass bei der allerersten Vorführung meines Sohnes im Geräteturnen lief und es macht was mit uns!
Ich dachte für mich:
Schau uns an, was haben wir es doch gut! Was haben wir nur für ein Glück!
Der Zwerg versuchte mehrmals mit dem Stock in seiner linken Hand den hochgeworfenen Stein zu treffen. Er gab nicht auf und ich rief ihm zu:
„Du schaffst das! Ich glaub an dich!“
Nach weiteren 6 Versuchen klappte es und ich strahlte mit ihm um die Wette, als ich dachte:
So müsste es immer sein!
Der Grosse wollte umdrehen, ich wollte laufen. Der Zwerg äußerte keine Wünsche und lief laut pfeiffend weiter, völlig eins mit der Natur.
Der Grosse merkte, dass sein Gemecker mich so gar nicht störte. Draußen ist es so viel leichter zu ertragen und auch zu ignorieren. Also was blieb ihm übrig?
„Wir protestieren, auf allen Vieren. Denn wir wissen, weiter laufen ist beschissen!“
Ich schmunzelte und versuchte nicht darauf zu reagieren, bis wir beide lauthals losgelacht haben.
Der Tank ist immer noch fast voll (also der am Auto!) und ich freue mich bei jedem Einsteigen ins Auto. Geld geben wir momentan nur für Lebensmittel aus.
Kein Kino, kein indoorspielplatz, kein Eis essen gehen.
Ich vermisse das Gefühl von Freiheit. Mich an allen Orten ohne schlechtes Gewissen aufhalten zu können.
In meinem Kopf sind noch so viele Orte, für die wir die nächsten Wochen Zeit haben. Solche, die keinen Cent kosten und bei denen man „ahhhhh“ denkt.
Tag 2 nach Bekanntmachung, dass es jetzt auch in unserem Land ernster zugeht.
Ich gebe zu, das ganze Drumherum hat mir eine riesen Angst gemacht und das hat viele Gründe:
1. Ich bin alleinerziehende Mama. Mir werden Sozialkontakte in dieser Zeit sehr fehlen.
Wer einen Mann mit im Boot sitzen hat, der kann sich die Arbeit im besten Fall teilen. Man kann sich mal zum Durchschnaufen abseilen und der andere übernimmt.
Man hat abends jemanden zum Austauschen und sich gegenseitig beruhigen, stärken, seine Sorgen und Ängste aussprechen.
Vielleicht kann man trotz allem mal kurz alleine im Auto sitzen und die Musik aufdrehen. Alleine einkaufen gehen und nicht mit 2 Kindern im Schlepptau, die alles anfassen und um Süssigkeiten betteln.
Hmmmm…ist nicht wirklich ne Umstellung. Ist eigentlich so wie immer. Komm ich also mit klar, schließlich ist das mein Alltag.
Was die Sache umso trauriger macht. Mit „Sache“ meine ich in diesem Fall wohl mich.
2. Ich bin Krankenschwester. Ich bin alleine für die Finanzen zuständig. Homeoffice ist nicht möglich und freigestellt werden auch nicht, ich muss ran!
Meine Kinder müssen deswegen in die Notbetreuung. Als ich meinen 9 jährigen dafür anmeldete, war er das einzige Kind bisher. Von Klasse 1 bis 5.
Das einzige Kind, das in die Notbetreuung muss, damit Mama arbeiten gehen kann.
Der Zwerg muss in eine ihm völlig unbekannte Gruppe zu ihm völlig fremden Erziehern. Ich hatte Bauchschmerzen.
Waren meine Prioritäten hier falsch? Will ich das meinem Kind antun, wo ich doch weiss, dass er sich mit allem Neuen so schwer tut?
Sollte mein Sohn nicht oberste Priorität sein? Wie mach ich das bloß? Wie löse ich diese Sache, die mich nicht schlafen lässt?
Jemand da oben meinte es gut mit mir als ich meine Einstellung änderte.
Meine Kinder können stolz auf ihre Mama sein, denn wenn jeder nur an sich denkt, kommt man nicht weit. Wo man helfen kann, muss man mit anpacken, damit es nicht nur für einen selber funktioniert, sondern noch für einige mehr.
Ich fahre nicht panisch alleine mit dem Rettungsboot los, wenn ich es stattdessen volladen kann, damit es noch viele mehr schaffen.
Als ich das begriffen hatte, lösten sich all meine Probleme und eins ergab das andere. Mein Schuljunge geht die ersten Tage mit dem Kindergartenbruder zusammen in die Notfallbetreuung des Kindergartens. Die Chefin holte meinen kleinen Sohn am Montag aus seiner Gruppe ab, um ihm in der neuen Umgebung alles zu zeigen, ihm die neuen Gesichter vorzustellen.
Mittags konnte er mir stolz den Weg zur Wurzelgruppe zeigen, wir stellten Hausschuhe, Gummistiefel ab und hängten die Matschhose an den ausgesuchten Haken.
Dort erfuhren wir, dass die 2 weiteren angemeldeten Kinder bekannte Kinder sind, mit denen er sonst auch spielt. Extra für ihn, weil ich Bedenken äußerte, wurde noch eine Erzieherin aus seiner Gruppe dort eingeteilt, die er sehr mag.
Morgen ist es also soweit und ich bringe meine beiden Kinder in die Notbetreuung. Zusammen. Mit 2 anderen Kindergartenkindern und 4!!!! Erziehern. Quasi 1:1 Betreuung.
Ich freue mich darauf alleine zur Arbeit zu fahren, meine Freundin per Sprachnachricht auf den neusten Stand zu bringen und mit Menschen zusammen zu sein, die mich nicht Mama nennen.
3. Hilfe, mein roter Faden ist weg! Ich liebe ihn und er gibt mir Sicherheit. Unter der Woche ist unser Tag wirklich gut getaktet. Schule, Kindergarten, Arbeit, Training, Hausaufgaben, Fernsehzeit, Abendessen und Schlafenszeit.
In den Tag hineinleben, puh, das macht mir Schwierigkeiten. Meine Jungs haben Pfeffer im Hintern und sind nicht müde zu bekommen.
Hilfe!
Ich sehe meine wenige Zeit zwischen Kinder ins Bett bringen und selber schlafen schwinden. Wann hol ich bitte Luft? Wann tank ich auf, wenn ich beide Tag und Nacht um mich habe, außer, wenn ich arbeite!?!
Das erinnert mich an die Anfangszeit nach der Trennung, als ich deswegen auf dem Zahnfleisch ging.
Ich habe mir selber im Laufe der Zeit ein paar Freiheiten erkämpft, zb donnerstags, da muss ich beide erst halb 4 abholen. Oft bleibe ich da länger bei der Arbeit, um an Fortbildungen teilzunehmen, die Dokumentation in den Akten nachzuholen, oder einfach Kollegen zu unterstützen. Es fühlt sich trotzdem so nach Freiheit an!
Ebenso habe ich dafür gesorgt, dass jedes Kind Exklusivzeit mit Mama hat. Der Kleine, wenn der Bruder im Training oder bei Freunden ist.
Der Grosse, wenn der Zwerg 2 mal bis nachmittags im Kindergarten ist. Da werden Hausaufgaben zusammen gemacht und am Küchentisch.
Da wird für Tests gelernt und Buchpräsentationen vorbereitet. Manchmal auch nur Kniffel gespielt. Ich sehe die schöne Blase vor meinem geistigen Auge platzen.
Peng!!!!
4. Es gab doch noch so viel zu tun! Die Jungs müssen zum Friseur und der Kindergeburtstag muss vorbereitet werden.
Letztendlich ist für beides jetzt nicht die richtige Zeit. Der Kurzhaarschnitt ist eben jetzt etwas länger. Hier stört das niemanden und wir haben auch noch Geld gespart.
Meinem Sohn hab ich fest versprochen den Kindergeburtstag nachzuholen.
Noch wilder, noch lauter und mit 3 Kindern mehr, da jetzt das Wetter besser wird und wir dann im Garten feiern können. Er ist einerseits enttäuscht, hat aber gleichzeitig laut gejubelt.
Ich freu mich, dass mir der Grosseinkauf erspart bleibt und das Backen.
Also bin ich eine seeeeeehr entspannte Mutter, die die Zeit mit den Kindern in vollen Zügen geniessen kann! Haaaaaha.
Nein, bin ich nicht.
Ich bin gottfroh darüber, dass es in der Pflege keinen Homeoffice gibt, denn es ist mir ein Rätsel, wie DAS funktionieren soll. Ich würde ausrasten!
Ich bin froh, dass wir einen grossen Garten haben. Mit Gras, Tieren, Schaukel und Trampolin. Was für ein Glück! Momentan liege ich mittendrin in der Sonne. Kurzärmlig und mit Sonnenbrille auf. Ich habe schon 100 Kniebeugen gemacht und werde mit Salzbrezeln gefüttert.
Meine Jungs kämpfen viel und die schlimmste Zeit ist BIS 10 Uhr morgens. Wir sind das nicht gewohnt, lang am Stück aufeinanderzuhocken und keine Pause voneinander zu haben.
Das passiert schon allein durch die Papawochenenden nicht so oft. Und wenn, unternehmen wir eben was.
Grundsätzlich machen wir viel zusammen und brauchen dafür keine Coronakrise.
Auch sonst bauen wir Höhlen, kneten, machen Fahrradtouren, spielen Spiele, bauen mit Lego, machen Puzzle, malen, basteln und gehen in die Natur. Diese ganzen Tipps aus dem Internet…das ist unser Alltag.
Und doch habe ich Neues entdeckt, wenn man zum Entschleunigen gezwungen wird. Nicht flüchten kann wie sonst.
Gestern Mittag sind wir bepackt mit Proviant und Rollern aufgebrochen. Vielleicht sollte es eine Drohung sein, als ich ankündigte, dass wir erst am Abend zurück sein werden.
Wir hatten eine Mission: das weit entfernte Fass 2 Orte weiter. Noch nie haben wir es zu dritt hingeschafft. Mit dem Zwerg bin ich oft da, wenn der Grosse im Training ist.
Von uns daheim ist es weit. Also nicht für mich, wenn ich alleine wäre. Aber weit für einen 4 jährigen. Ich dachte nicht darüber nach, ob er die Strecke schafft. Wir hatten keine Zeitnot, keine Termine. Ob wir 2 h länger brauchen als geplant, war völlig egal. Wir hielten überall an, wo es schön war und wo etwas zu tun und erforschen war.
Immer wieder blieben wir stehen und staunten über die Aussicht. Der eine musste geduldig warten, bis der andere fertig mit Erkunden war, dann erst ging es weiter.
Wir haben viel über Konfuzius gelernt und selbst der Grosse musste schmunzeln, weil seine Zitate wie für ihn gemacht sind.
„Der Weg ist das Ziel“ war dabei unser stetiger Begleiter.
Denn am Ziel anzukommen, sich aber auf dem Weg dahin selbst die Laune zu verderben, ein Stinkstiefel zu sein, andere mit runterziehen, sich zu bekriegen und am Ende selbst nicht ausstehen zu können, war nicht Sinn der Sache. Es geht nicht nur um das Ziel!
Wir waren unheimlich stolz, als wir es von Weitem entdeckten. Wir hatten es geschafft, jubelten und es fühlte sich toll an, das gemeinsam geschafft zu haben. Am Ende waren es fast 10 km, der Zwerg wollte nicht einmal getragen werden. Keiner klagte über schmerzende Füsse. Wir hatten alle Zeit der Welt! Wann hatten wir das sonst schon?
Ich bin dankbar für Amazon Prime, denn wir haben schon tolle Filme gesehen. Keine blöden Kinderserien, sondern schöne Filme mit Tiefgang. Heute musste ich sogar weinen vor Rührung und mein Grosser konnte nicht damit umgehen!
Er wollte, dass ich sofort aufhöre und fand das albern. Ich weiss, dass er so reagieren muss um sein Gesicht zu wahren, denn ihm ging es nicht anders als mir. Aber er denkt immer noch, dass es sich für einen „Mann“ nicht gehört. Er wollte nicht zuhören, hielt sich die Ohren zu und sang „lalalala“, als ich ihm meine Meinung dazu gesagt habe. Ich weiss, dass er mich gehört hat und hoffe er hat ebenso auch verstanden.
Meine Jungs werden 2 wichtige Dinge lernen: mit Langeweile umgehen ist das Erste. Davon haben wir jetzt mehr als genug und ich rühre mich nicht. Es gibt Schlimmeres, als sich in einem Garten voller Möglichkeiten zu langweilen.
Sich stöhnend auf die Decke fallen zu lassen und die Wolken zu beobachten. Tief im Inneren schmunzle ich. Denn wann haben wir dafür sonst schon Zeit?
Nach unserem Ausflug holte ich 2 Lappen und 1 Eimer Wasser. Damit putzen Sie ihre Roller, ihre Schuhe und am Ende sogar mein ganzes Auto.
Lektion Nr 2 wird sein, dass jeder mitanpacken muss. Noch mehr wie sonst. Da keine Schule ist, kein Training und auch sonst nichts, von dem man sich erholen müsste, sind die Aufgaben gewachsen.
Jeder saugt zum Beispiel sein Zimmer täglich selbst. Sie haben alle Fenster und Spiegel im Haus geputzt. Wann sonst ist dafür schon Zeit?
Die Hausaufgaben für die nächsten Wochen erscheinen mir momentan wie ein Berg.
Die Konzentration ist nicht gut, wenn der kleine Bruder im Nachbarzimmer Fernseh schaut. Es ist schwer einem Grundschulkind zu vermitteln, dass das hier nichts mit Ferien zu tun hat. Es nervt mich unheimlich, wenn ich bereits eine Seite vorgelesen habe, Sohnemann keine einzige der Fragen beantwortet hat und lachend sagt:
“ Ich glaub das ist grad alles umsonst, weil ich hör dir gar nicht zu.“
Ich habe keine Angst mehr. Unsere Tage sind anders, ja. Aber anders gut. Mit neuen Blickwinkeln. Neuen Ideen. Neuen Möglichkeiten. Wir nutzen es!
Die nächsten Tage werden wir noch Kinderyoga machen. Wir werden selber Spätzle schaben, statt sie zu kaufen. Denn…
Dieses Datum werde ich nie vergessen, denn es war sehr eindrücklich.
An diesem Tag zogen die Kinder und ich aus unserem Haus aus. Wieder in eine Wohnung.
Als ich damals zur Wohnungsbesichtigung ging, waren meine Jungs gerade 5 und 1. Der Grosse wollte nicht mit und als ich ihn fragte, was ihm wichtig sei, sagte er: eine Badewanne.
Die Aufteilung war perfekt, Küche war drin, Möbel konnte ich teilweise von der netten Vermieterin übernehmen und sie hatte tatsächlich eine Badewanne.
Bevor ich den Mietvertrag unterschrieb, ging ich mit den Kindern hin, um ihnen unser neues Zuhause zu zeigen.
Ich hatte Angst davor und entschuldigte mich davor schon bei der Vormieterin, falls abfällige Kommentare fallen würden und die Laune schlecht war. Sie kannte unsere Situation, erwartete uns mit Schokoriegeln, viel Geduld und einem seligen Lächeln.
Ich war überrascht, denn der Grosse lief aufgeregt durch alle Zimmer, freute sich riesig über den Balkon so hoch oben, die Katze, die im Haus wohnt und die elektrische Rollo im Wohnzimmer. Das alles hatten wir im Haus nicht.
Von Kindern kann man sehr viel lernen!
Ich fühlte mich unheimlich eingeengt und wie ein Hamster im Käfig. Ich trauerte der neuen Küche hinterher, den schönen Fliesen, dem Platz und dem Garten. Alles weg.
Es dauerte sehr lange, bis dieses Gefühl verging. Meine Jungs hatten es nie.
Sie freuten sich über ihre neuen Zimmer und dass wir alle in einem Bett schlafen. Es war Sommer, das machte Vieles gut.
Was ich damals noch nicht ahnte war, dass einer der Vermieter, nämlich genau der, der mit im Haus wohnte, sehr mürrisch war. Er lächelte nie und hasste Kinder.
Als ich ihn verzweifelt darum bat, mit mir die Woche für die Kehrwoche zu tauschen, liess er mich kalt abblitzen.
Ich war immer dann dran, wenn die Kinder das Wochende bei mir waren. Der Kleine konnte noch nicht laufen und machte schon keinen Mittagsschlaf mehr. Ich konnte beide nicht 1 h alleine in der Wohnung lassen. Ich hatte also beide im Schlepptau, kam nicht voran und hatte immer Angst, dass der Zwerg die Treppe runterfällt.
Letztendlich haben wir diese Zeit auch überstanden.
Es gab einen riesengroßen Garten, der zum Haus gehörte, den man aber nicht nutzen durfte. Da wurde nur regelmäßig Rasen gemäht, sonst passierte da nichts.
Ich vermisste es so sehr, mit den Kindern einfach raus in den Garten zu gehen.
Wir mussten also jeden Tag den Rucksack packen und irgendwo hinfahren, um in der Natur zu sein. Es war anstrengend.
Vielleicht habe ich es zu der Zeit auch nur so empfunden. Wir waren den ganzen Tag unterwegs. Von mittags bis abends.
Hauptsache raus. Hauptsache nicht nachdenken müssen. Hauptsache nicht in dieser kleinen Wohnung sein.
Einmal fragte ich den Vermieter, ob ich nicht mit den Jungs ab und zu in den Garten dürfe. Mal ein Rad schlagen, Picknick. Keine Löcher graben oder Sonstiges.
Er sagte ganz klar nein. In der Gießkanne vorm Haus hätte er nämlich 3 Steine gefunden und hatte jetzt schon Angst um seinen Garten und was wir dort wohl anstellen würden.
Ich hatte Tränen in den Augen. Das weiss ich noch.
Als mein Sohn irgendwann vom Stellplatz übers Gras zum Hauseingang lief, schrie er ihm hinterher, dass er das nicht mehr sehen will. Es gäbe nicht umsonst einen Gehweg! Da hatte er Tränen in den Augen.
Am nächsten Tag war an der Stelle ein Zaun. Ich war sprachlos und fühlte mich so unwohl. Der Preis war aber gut und etwas Größeres hätten wir uns nicht leisten können.
Irgendwann passierte es.
Das Haus wurde verkauft und der grimmige Kinderfeind zog aus.
Seitdem hat sich viel geändert. Alles!
Der neue Vermieter riss an Tag 2 schon den Zaun ab, der für meinen Sohn errichtet wurde. Ich schmunzelte.
Wir durften jetzt offiziell übers Gras laufen.
Der neue Vermieter wunderte sich, warum wir immer in unserer Sackgasse Ball spielten und nicht in den Garten gehen, da sei doch so viel Platz. Er war sprachlos, als ich ihm erzählte, dass wir da noch nie waren.
Dann kam der Tag, als wir es wagten.
Wir betraten den heiligen Garten und es war fantastisch! Wir hatten Obstbäume, von denen wir nichts ahnten. Der Grosse rollte sich im Gras und kletterte auf alle Bäume.
Es dauerte lange alles zu erkunden, denn der Garten war so riesig.
Nach einigen Wochen stand da ne Schaukel und ne Turnstange.
Es wurde noch besser.
Irgendwann fragte ich den Vermieter, ob mein grosser Sohn sich ein Trampolin zum Geburtstag wünschen darf und ob er das im Garten erlaubt. Aber natürlich!
Mein Sohn sagte nie, dass er das Haus vermisst. Aber sein Trampolin, das dort zurückblieb vermisste er sehr.
Die Tage waren gerettet!
Stundenlang sprangen die beiden und waren so glücklich. Für mich wurde es auch viel leichter. Ich konnte einfach auf der Decke in der Sonne liegen und hatte mal keinen an mir kleben.
Mit meiner Sonnenbrille auf der Nase konnte ich so tun, als schaue ich zu ihnen, hatte die Augen aber geschlossen und dachte nach. Ab und an wachte ich auch von meinem eigenen Schnarchen auf.
Letztes Jahr gab es die größte Überraschung, die wirklich so richtig unser Leben geändert hat. Plötzlich standen 5 Schafe im Garten und wir konnten es nicht fassen. Ich weiss noch, dass ich laut lachte und nicht aufhören konnte. Vor Glück. So richtig und mit Tränen in den Augen.
Nach einer Woche kamen sie schon angerannt, wenn wir klatschten. Sie ließen alles geduldig über sich ergehen: Kuckuckspiele zb, indem dem Schaf mit den eigenen Ohren die Augen zugehoben wurden.
Wir verbrachten jeden Tag Stunden im Garten und es gab sooooo viel zu tun. Wir hatten so viel Platz und auch noch Tiere, die sich übrigens schnell vermehrt haben.
Kaum ein Tag vergeht, an dem wir ihnen nicht Karotten bringen und sie bürsten, streicheln, oder uns einfach über die handzahmen Tiere freuen.
Jetzt können sie Löcher graben, Insekten suchen, den Berg runterrollen, schaukeln, auf Bäume klettern und Verstecken spielen.
Im Sommer kommen noch Hühner und Enten dazu und wir haben so viel Glück!
Unser Leben hat sich dadurch komplett gewandelt. Ich stehe oft auf dem Balkon und schaue in den Garten. So viel Platz! 10 mal so gross wie der im Haus. Wir haben dort alles verloren, aber was wir gewonnen haben ist 1000 mal besser.
Ich bin so glücklich darüber, wie meine Kinder aufwachsen dürfen.
Jetzt haben wir sogar neue Nachbarn, 2 Mädchen im gleichen Alter wie meine Jungs. Sie verstehen sich sehr gut und toben oft zusammen. Ich freue mich so sehr auf den Frühling und den Sommer. Auf Picknick und auf der Decke eindösen.
Auf Flugzeug spielen unter freiem Himmel, auf Wolken im Liegen beobachten. Auf Stöcke schnitzen.
Auf Obst naschen direkt vom Baum.
Auf das Gefühl der Freiheit. Die schöne Aussicht. Auf Grasflecken, die beim Waschen nicht rausgehen.
Es ist Montag, die Ferien sind vorbei und ich habe heute frei. Ob meine Chefin beim Schreiben des Plans schon ahnte, dass ich das brauchen werde, oder es reiner Zufall ist, ich weiss es nicht.
Ferien sind toll, oder wie ich sage:
Anders anstrengend!
Diesmal habe ich gut durchgehalten und ich bin auch ein bisschen stolz auf mich.
„Ich mag jetzt nicht mehr“, stellte sich erst gestern im Laufe des Vormittages ein. Erstaunlich spät.
Ich merkte, wie mich die Lautstärke immer mehr nervte, wie ich innerlich die Augen verdrehte, wenn ein Kind etwas mit mir spielen wollte.
Mich trieb die Unordnung so allmählich in den Wahnsinn und der Satz „Ich hab Hunger“, machte mir schlechte Laune.
Jetzt kam der Egoismus durch, der Bock in mir:
Ich will jetzt nichts mehr für euch machen müssen, ich will nicht mehr spielen und kochen und hinter euch herräumen.
Ich kann eure Kämpfereien nicht mehr ertragen, auch wenn ihr kurz darauf wieder zusammen lacht.
Das Knallen der Türen lässt mich erstarren, wenn ihr euch vor dem Bruder in Sicherheit bringt.
Ich merke, wie ich meine Zähne fest zusammenbeisse, wenn aus den Kissen auf der Couch wieder eine Höhle gebaut wird.
Ich will nicht mehr mit euch rausgehen, weil ich weiss, was mich danach erwartet: Wäsche, Schuhe putzen, Bad putzen, weil es braun die Fliesen runterläuft und der Seifenspender voller Matsch ist.
Alles in mir schreit:
Ich will jetzt nur noch stundenlang auf die Couch sitzen, mich einkuscheln, Kaffee trinken, das Wort Mama nicht mehr hören, Disney Filme schauen, eine ordentliche Wohnung, saubere Böden.
Vielleicht sogar mal ohne Unterbrechung duschen und nicht schreien müssen: „Tür zu, es zieht!“ Alleine aufs Klo gehen wäre toll. Ohne „stell mir ne Aufgabe“ und „ich packe meinen Koffer.“
Bevor ich mich jetzt selber in Depressionen rede und mich für die schlimmste Mutter auf Erden halte, hier die Fakten.
Meine Fensterscheiben sind übersät mit Fingerabdrücken, weil meine Kinder dem Schnee zugeschaut haben, Sonnenaufgänge beobachtet und mehrere Marienkäfer gerettet haben.
Die Waschmaschine lief ungelogen jeden Tag, weil sie Berge runtergerollt sind, etwas gebaut haben, Ziegelsteine zu Pulver verarbeitet haben, Löcher gegraben, sich an Gartenarbeit beteiligt haben.
Sie sind mit dem Roller durch viele, viele Pfützen gefahren und ich hab die Augen zusammengekniffenen.
Sie haben sich hinfallen lassen, nur damit die 3 jährige Nachbarin auf der Schaukel lacht.
Sie sind auf Bäume geklettert, haben „Suppe gekocht“ und mit dem Stock gerührt. Sie haben geschnitzt und gesägt, damit die Schafe im Garten grüne Blätter fressen können, die sie so lieben.
Sie haben vor Freude geschrien, als ich fragte, wer Lust hat ins Schwimmbad zu gehen.
Wir haben Sterne beobachtet und den grossen Wagen gefunden.
Wir haben einen grossen Ausflug gemacht, der so entspannt war wie kein anderer zuvor. Nichts macht mich glücklicher, als meinen Jungs dabei zuzusehen, wie sie voller Begeisterung spielen.
Wie sie mit fremden Kindern zusammenarbeiten, was für tolle Einfälle sie haben. Wie der Kleine Ausschau nach dem Grossen hält und dann beruhigt weiterspielt.
Wie der Grosse sofort zur Stelle ist, wenn dem Zwerg die Steine von Älteren geklaut werden und er sich nicht durchsetzen kann.
Wir haben diesmal sehr viel gelacht und die Stimmung war gut.
Mehr als einmal hörte ich: „Du bist die beste Mama“, weil ich das Lieblingsessen machte, oder den berühmten „gesunden Teller“ brachte, damit der Film nicht wegen Hunger unterbrochen werden musste.
Wir haben viel gekuschelt und als ich mich in den Arm vom Zwerg legte, schloss er die Augen, lächelte sanft und sagte:
„Irgendwie tut mir das hier gut!“
Eins unserer Schafe im Garten hat 2 Babys bekommen und wir haben sie jeden Tag besucht und bestaunt.
Zum ersten Mal haben meine Jungs sich überwunden bei den neuen Nachbarn zu klingeln, die kein Wort deutsch können. Die 2 Mädels verstanden auf Anhieb und im Garten war Leben.
Essen wurde geteilt, auf die Kleinen wurde Rücksicht genommen und mal wieder konnte ich feststellen, wie emphatisch meine Kinder sind. Unabhängig von der Sprache und den dreckigen Händen.
Dass die Lehrerin gleich nach den Ferien die Arbeit zum Thema Überwinterung der Tiere ankündigte und wir uns in den Ferien damit beschäftigen mussten, nervte mich sehr.
Ich bin (inzwischen) absoluter Verfechter davon, dass Ferien Ferien bleiben sollen. Ich will schließlich in meinem Urlaub auch nicht kurz zur Arbeit. Auch wenn es nur 30 min vom ganzen Tag wären, würde es sich nicht wie Urlaub anfühlen.
Aber nur deswegen wusste jeder genau, was zu tun ist, als ein Igel an uns vorbeihuschte. Es herrschte grosse Aufregung und die Angst, er könne wegen dem Energieverlust im eigentlichen Winterschlaf sterben.
Ich denke, wir sind uns wieder etwas näher, haben uns wieder neu entdeckt, wieder besser kennengelernt.
Und umso besser wird uns jetzt der Abstand zueinander tun.
Eigentlich mag ich Alltag sehr. Dieser rote Faden. Wenn der Tag genau durchgetaktet ist und jeder weiss, was als Nächstes kommt.
Nach den Ferien ist vor den Ferien und ich freu mich drauf.
Ich bin Krankenschwester. Eigentlich habe ich diese Woche frei, habe mich aber breitschlagen lassen, heute wegen Personalengpaß einzuspringen. Gleichzeitig sind Ferien.
Meine Kinder sind öfter mal mit dabei.
Bei der Arbeit????
Ja. Denn ich arbeite in einem Seniorenheim und da ist immer was los.
Meine Vorgesetzten sind da sehr entspannt, die Kollegen fühlen sich nicht gestört und die Bewohner erfreuen sich am Kinderlachen.
Es sind die Tage, an denen ich einen Zuckerschock befürchte, weil den beiden schon morgens Süßigkeiten zugesteckt werden.
Wir haben ein gemütliches Fernsehzimmer und wenn ich versuche sie da rauszulocken, sagen meine Kollegen:
„Ach komm, es sind Ferien!“
Meine Kinder wissen, wie wichtig mir diese Arbeit ist und wir uns nur deswegen Ausflüge leisten können, Eis essen, Schwimmbad und Kinonachmittage.
Ich bin wahnsinnig froh, dass ich als Alleinerziehende dieses Glück habe, meine Jungs mittags aus ihren Einrichtungen abholen zu können.
Das war mir von Anfang an sehr wichtig und ich habe mich bewusst dafür entschieden. Mir ist Zeit viel wichtiger als Geld, deshalb arbeite ich „nur“ 50%.
Das ist momentan genau der Spagat, den ich leisten kann, solang meine Jungs noch klein sind.
Mir geht es (meist) gut damit.
Ich habe gelernt auf mein Bauchgefühl zu hören und meine Grenzen anzunehmen was Zeit, Kraft, Geld, Flexibilitat etc betrifft.
Ja, ich kann nicht allem gerecht werden und ja, momentan ist mein Einsatz selten genug, weder zu Hause, noch im Beruf.
Wenn man das mal so akzeptiert, geht alles etwas leichter von der Hand.
Als ich vor Wochen gemütlich auf der Treppe saß und meinem Sohn beim Training zusah, fragte mich eine andere Mama, ob ich denn dafür Zeit hätte. Ich verstand nicht gleich und sie fragte, wann ich meinen Haushalt mache?
Ich musste kurz überlegen, aber dann leuchtete es mir ein. Der läuft einfach irgendwie mit und ist nicht auf Platz 1 meiner Prioritätenliste.
Natürlich habe ich nie das Gefühl allem gerecht zu werden, irgendwo hängt es immer. Meist am Geduldsfaden.
Von Anfang an dachte ich:
„Wenn ich das alles schon alleine machen muss, dann wenigstens richtig.“
Ich will sie nicht 16. 30 Uhr aus ihren Einrichtungen abholen, um sie kurz darauf ins Bett zu bringen. Das würde mich furchtbar unglücklich machen.
Mir ist bewusst, dass Viele in meiner Situation keine andere Wahl haben.
Wenn ich mir das bewusst mache, erfüllt mich dieses Gefühl: Dankbarkeit!
Wenn meine Kinder mich begleiten, sind die Regeln klar.
In erster Linie bin ich dort um zu arbeiten!
Bevor man in ein Zimmer geht, klopft man immer an und wartet erstmal.
Die Mama wird nicht in Bewohnerzimmer verfolgt, weil manche davon unbekleidet sein könnten und das nicht wollen.
Heute hörte ich vor der geschlossenen Tür öfter mal den Pfiff meines Sohnes, rein traute er sich nicht. Ich pfiff zurück. Dieses Zeichen gefiel ihm und es reichte aus.Wenn ich später die Tür öffnete, stand er fröhlich lächelnd davor.
Sie müssen höflich bleiben, auch wenn sie von der gleichen dementen Frau 10 mal das gleiche gefragt werden. Nett lächeln reicht mir dabei.
Oder sagen, dass sie etwas nicht wollen, aber eben freundlich.
Der Zwerg zog die Strategie mit dem NUR Lächeln heute knallhart durch.
Wir sind trotzdem irgendwie zusammen. Ich hab keinen Druck, weil ich in den Kindergarten hetzen muss und gehe alles in Ruhe an.
Es ist schön sie bei mir zu haben. Ihnen etwas zeigen zu können. Die Regeln im Umgang mit Menschen erklären zu können.
Sie lernen allein durch das Beobachten viel und sind sehr empathisch. Beide haben schon ein Gebiss gesehen, wissen genau was Demenz ist und kennen alle Fernbedienungen der Hilfsmittel. Sie wissen, dass alte Menschen „Windeln“ tragen und nicht immer alleine essen können.
Dass man blinden Menschen alles genau beschreiben muss, weil sie eben nicht sehen können. Sie wissen, dass es Tabletten in allen Formen und Farben gibt und was ein Rollator ist.
An einem Tag, als mich nur der Grosse begleitet hat, gab es einen Todesfall. Er kannte die Dame gut.
Er fragte, ob er mit mir zusammen in das Zimmer dürfe, um sie zu sehen.
Hand in Hand sind wir rein und haben ihr tschüss gesagt. Der Anblick machte ihm keine Angst, wir reden offen über den Tod.
Ich will das alles. Genauso!
Ich will die Hausaufgaben, den Stress, das Hin- und Hergefahre zu Hobbies und Freunden, das nur dadurch möglich ist.
Selten habe ich das Gefühl etwas zu verpassen und wir sind ein gutes Team.
Heute war es sehr harmonisch bei uns, fast schon unheimlich harmonisch.
Und wir alle waren unheimlich müde und erschöpft. Ich habe viel Kaffee getrunken, der Zwerg ist auf dem Teppich eingeschlafen und der Grosse hat seine Puzzleliebe wieder entdeckt.
Es war teilweise viele Minuten einfach still, weil jeder beschäftigt war. Herrlich!
Vielleicht habe ich heut etwas mehr durchgehen lassen wie sonst und vielleicht durften beide etwas länger wach bleiben als sonst. Einfach so.
Der Grosse sagte seinem Bruder heute ganze 3 mal, dass er ihn lieb hat und ich sagte auch mehrmals, wie froh ich bin, dass ich genau sie als Kinder habe.
Heute haben wir alle fürs Leben gelernt und unsere Herzen sind wieder etwas gewachsen.
Ich verbringe gerne Zeit mit ihnen. Mindestens so gern wie ohne sie. 😉