
Ich habe Schiss.
So. Jetzt ist es raus.
Ich habe einen Thailand-Urlaub gebucht. Das ist weit weg. Ich verlasse absolut meine Komfortzone. Die letzten paar Jahre hab ich es mir nicht zugetraut. Dieses Jahr hatte ich mich doch wieder für Urlaub in Europa entschieden. Und obwohl ich normalerweise der Typ Mensch bin, der vorher ungefähr 37 mögliche Katastrophenszenarien durchdenkt, habe ich es einfach gemacht.
Ich freue mich wie verrückt. Beides darf gleichzeitig sein.
Vielleicht ist genau das Mut: Nicht keine Angst zu haben. Sondern Angst zu haben und es trotzdem zu tun.
Denn ich will leben.
Nicht irgendwann, wenn alles perfekt ist. Wenn genug Geld auf dem Konto liegt, das Auto garantiert nicht kaputtgeht, der Kater für alle Eventualitäten versorgt ist und ich jedes Problem gelöst habe, das möglicherweise irgendwann auftreten könnte.
Ich will jetzt leben.
Es gab einige Jahre in der Kindheit meiner Jungs, in denen vieles finanziell einfach nicht möglich war. Nicht jedes Jahr Urlaub. Nicht mal eben ans Meer. Und schon gar keine große Reise.
Und jetzt wird R. 16.
Sechzehn!!
Wie viele Sommer bleiben mir noch, in denen er überhaupt Lust hat, mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder zu verreisen?
Vielleicht viele. Vielleicht nicht.
Aber ich möchte nicht irgendwann zurückblicken und feststellen, dass ich die Zeit, die wir hatten, damit verbracht habe, auf den Moment zu warten, in dem sich alles sicher anfühlt.
Denn diese Sicherheit gibt es nicht.
Corona hat uns das spätestens gezeigt. Und manchmal reicht auch einfach eine Trennung, um zu verstehen, wie schnell ein vermeintlich sicheres Leben plötzlich ganz anders aussehen kann.
Ich weiß inzwischen, was möglich ist.
Letztes Jahr habe ich so viele Schulden abbezahlt, die eigentlich gar nicht meine waren.
Schulden des Kindsvaters, die mich auf Umwegen erreicht haben. Und ich war so verzweifelt.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, denke ich: Wenn ich DAS geschafft habe – und nicht einmal für etwas, das mir Freude gemacht hat – was ist dann erst möglich, wenn ich weiß, wofür ich es tue?
Diesmal spare ich nicht, um irgendein Loch aus der Vergangenheit zu stopfen.
Diesmal spare ich für uns.
Für Bangkok. Fürs Meer. Für Erinnerungen.
Und wenn wir dafür zwischendurch wieder einen Monat lang abends Eier in sämtlichen Variationen essen müssen – dann ist das eben so.
Diesmal weiß ich wenigstens, wofür.
Meine Freundin hat mich für diese Entscheidung richtig gefeiert.
Gerade weil sie mich kennt. Weil sie weiß, wie sehr ich normalerweise vorausdenke und Probleme finde, bevor sie überhaupt existieren.
Sie sagte:
„Petra, genau das ist Leben. Du lebst. Probleme kommen und um die kümmert man sich, wenn es soweit ist.“
Und irgendwie hat sie recht.
Ich habe diesmal nicht vorher geklärt, wer zwei Wochen auf meinen Kater aufpasst.
Es wird sich jemand finden.
Ich habe auch nicht beschlossen, die Reise lieber nicht zu machen, weil theoretisch vorher mein Auto kaputtgehen könnte.
Wenn es kaputtgeht, kümmere ich mich darum, wenn es soweit ist.
Denn Leben bedeutet nicht, dass keine Probleme mehr kommen.
Sie werden kommen.
Es wird Rechnungen geben. Dinge werden kaputtgehen. Pläne werden sich ändern. Es wird Hürden geben.
Aber wenn sie da sind, werde ich eine Lösung finden.
So wie ich schon für verdammt viele Dinge eine Lösung gefunden habe.
Ich will Erinnerungen schaffen.
Ich möchte mit meinen Kindern Bangkok entdecken, Boot fahren, Tempel sehen, durch Märkte laufen und Dinge essen, deren Namen wir wahrscheinlich nicht einmal aussprechen können.
Ich möchte mit ihnen am Meer sitzen.
Ich möchte, dass wir uns verlaufen. Dass wir lachen. Dass wir irgendwann Geschichten erzählen, die mit „Weißt du noch damals in Thailand …?“ anfangen.
Und ich möchte mit ihnen zurück zu einem Teil ihrer Wurzeln. Ihr Papa ist halb Thai. Thailand gehört zu ihrer Geschichte.
Wir waren dort, als sie klein waren.
B. war gerade fünf Monate alt und beschwert sich heute darüber, dass das ziemlich unfair sei, weil er sich schließlich an nichts erinnern kann.
Also gut.
Dann machen wir neue Erinnerungen.
Ich habe Schiss.
Natürlich habe ich den.
Ich möchte mein Leben nicht länger damit verbringen, mich vor Problemen zu schützen, die noch gar nicht existieren.
Vielleicht brauche ich gar nicht mehr Sicherheit.
Vielleicht brauche ich einfach mehr Vertrauen darin, dass ich mit dem klarkomme, was kommt.
Schiss haben. Buchen. Sparen. Losfliegen.
Thailand, wir kommen!

















