Heute ist Sonntag.
Und dieser Sonntag erinnert mich daran, wie es war, als meine Kinder noch kleiner waren.
Unter der Woche war die Struktur von außen vorgegeben: aufstehen, Kinder fertig machen, Schule oder Kita, Arbeit, Kinder abholen, Abendessen, Schlafenszeit.
Der Alltag war voll und oft wahnsinnig anstrengend. Aber zwischen Arbeit und Kinderabholen gab es manchmal diesen einen kleinen Moment zum Durchatmen. Vielleicht war man nur zehn Minuten allein im Auto. Niemand sprach mit einem, niemand wollte etwas, niemand stellte eine Frage. Das Lieblingslied kurz in voller Lautstärke anhören, ne Sprachnachricht an die beste Freundin verfassen, oder auch mal kurz weinen.
Es war keine echte Pause – aber zumindest ein kurzer Moment, in dem man einmal nicht unmittelbar zuständig war, oder Zuschauer hatte.
Am Wochenende, besonders am Sonntag, fiel selbst dieser winzige Freiraum weg.
Sonntage konnten endlos lang sein.
Schon morgens begann die Verantwortung mit der Frage nach dem Frühstück. Danach kam das Mittagessen und irgendwann das Abendessen. Dazwischen Snacks, Getränke und immer wieder die Frage: Was essen wir später? Auch an einem vermeintlich freien Tag mussten Mahlzeiten geplant, zubereitet und hinterher wieder weggeräumt werden.
Und man war ständig Ansprechpartner. Für Hunger, Langeweile, Streit, Fragen, Tränen und Wünsche. Für alles. Es gab keinen zweiten Erwachsenen, zu dem die Kinder einmal gehen konnten. Kein „Frag bitte Papa“ oder „Ich bin jetzt mal eine halbe Stunde raus“. Man blieb zuständig – körperlich, emotional und organisatorisch.
Zur kompletten Verantwortung gehörten auch all die Entscheidungen, die von außen oft klein wirken: Wie viel Medienzeit ist heute in Ordnung? Haben sich die Kinder genug bewegt? Müssen wir noch raus? Sollte ich einen Ausflug planen? Haben sie etwas erlebt? War ich geduldig genug?
Währenddessen wollte man selbst vielleicht einfach nur schlafen. Oder in Ruhe ein Buch lesen. Auf dem Sofa sitzen, ohne jemanden zu beschäftigen und ohne dabei schon wieder den nächsten Programmpunkt zu planen. Aber Ausruhen fühlte sich schnell falsch an, weil die Kinder dann womöglich zu lange vor einem Bildschirm saßen oder sich langweilten und sprichwörtlich an einem klebten.
Selbst in einem ruhigen Moment lief die Verantwortung im Kopf weiter.
Sonntag gilt außerdem als Familientag. Man sieht Paare beim Spaziergang oder auf dem Spielplatz. Zwei Erwachsene, die sich abwechseln können. Einer spielt, während der andere Kaffee trinkt. Einer kümmert sich, während der andere kurz durchatmet. Als Alleinerziehende spürt man an solchen Tagen besonders deutlich, dass dieser zweite Erwachsene fehlt.
Aber auch ein Sonntag ohne Kinder ist nicht automatisch leicht. Wenn die Kinder beim anderen Elternteil sind, kann die Ruhe guttun – und gleichzeitig wehtun. Das Zuhause ist plötzlich still. Man vermisst die Kinder, fragt sich, wie es ihnen geht, oder schafft es kaum, die freie Zeit wirklich zu genießen.
Bei verlässlichem Umgang kann ein kinderfreies Wochenende echte Entlastung bringen. Trotzdem ist der Sonntag oft ein Übergangstag: Die Kinder kommen zurück, Taschen werden ausgepackt, Erlebnisse und Gefühle müssen aufgefangen und die neue Woche vorbereitet werden.
Ist der Umgang unregelmäßig, konfliktbeladen oder wird kurzfristig abgesagt, steht der Sonntag unter Anspannung. Kommen die Kinder wie vereinbart? In welcher Stimmung kommen sie zurück? Muss alles spontan umgeplant werden? Sind sie gesund, oder muss ich ins Kindkrank?
Und wenn es gar keinen Umgang gibt, gibt es auch keine Pause – kein Wochenende und keinen Sonntag, an dem jemand anderes selbstverständlich übernimmt.
In den Ferien verstärkt sich all das. Mit Kindern müssen viele freie Tage am Stück gestaltet, organisiert und finanziert werden. Ohne Kinder können sich diese Tage sehr leer anfühlen. Und bei schwierigen Absprachen wird selbst Freizeit zur Organisationsaufgabe.
Sonntage sind deshalb nicht für alle Alleinerziehenden auf dieselbe Weise schwer. Manche sind laut und übervoll, andere bedrückend still. Manche bedeuten Dauerverantwortung, andere Vermissen. Manche bringen Erholung, aber auch ein schlechtes Gewissen.
Genau deshalb findet unser Alleinerziehenden-Treff immer sonntags statt.
Weil an diesem Tag viele andere mit ihren Familien beschäftigt sind. Weil Angebote fehlen. Weil alle Läden geschlossen sind. Weil man einen Ort braucht, an dem niemand erklären muss, warum der Sonntag so lang sein kann. Einen Ort, an dem die Kinder beschäftigt sind, Erwachsene miteinander reden können und man für einen Moment nicht alles allein tragen muss.
Heute sind meine Kinder größer. Vieles ist leichter geworden oder zumindest anders. Aber Sonntage erinnern mich noch immer an diese Zeit – und daran, wie wertvoll es ist, wenn Alleinerziehende einander genau dann auffangen, wenn das Alleinsein besonders spürbar wird.

















