„Hey! Heute ist wieder einer der verdammten Tage, die ich kaum ertrage…“ sangen die Fantas in den 90ern und ich heute im Kopf auch einige Male.
Damals ging es um eine nicht erwiderte Liebe, jedoch haben wir gemeinsam, dass uns der Tag fast um den Verstand brachte.
Es ist Sonntag.
Wieder ein Sonntag, auf den ich mich freute und ihn mir am Abend davor so toll vorgestellt hatte. Pustekuchen!
Als ich mit meinem Kaffee auf dem Balkon saß, war die Welt bereits nicht mehr in Ordnung und der Haussegen hing schief.
Es war grad mal halb 8 und die Jungs hatten sich schon weh getan. Mit Worten, aber auch mit Fäusten.
Ich atmete die kühle Luft und schloss die Augen.
Dabei hoffte ich, dass das Geschrei von alleine aufhört und sie es ohne mein Zutun hinbekommen.
Halb 9 waren wir bereits im Garten, weil es drinnen ausartete.
Frische Luft hilft oft Wunder und zumindest für mich ist draußen alles etwas erträglicher.
Auch im Trampolin gab es nur Streit und Kampf. Tränen, Erpressen, Beleidigen, Beschimpfen.
Ich sah dem Grossen an, wie wütend er war und wie er durch die Zähne redete. So gern würde er dem kleinen Bruder eins mitgeben. So, dass es richtig weh tut und ohne schlechtes Gewissen danach.
Der Zwerg schrie wegen Allem und Nichts.
Einfach nichts passte ihm und er wollte seinen Kopf durchsetzen.
Letztendlich fingen sie an an mir zu kleben und genau das konnte ich gerade so gar nicht leiden.
Ich wollte weg! Weit, weit weg!
Schon wieder war ich enttäuscht von meiner eigenen Wunschvorstellung, was diesen heutigen Tag betrifft.
Also gut, vielleicht kann ein Lieblingsessen noch alles retten dachte ich optimistisch.
Beide wollten helfen und ich wollte genau heute so gar nicht ihre Gesellschaft in der Küche, aber das sagt man ja dann nicht.
Das Messer war nicht das richtige, der Hocker nicht hoch genug, eigentlich wollte jeder genau die Aufgabe des anderen, aber einfach tauschen ging auch nicht, weil „…jetzt hat er schon damit angefangen, dann will ich das jetzt auch nicht mehr!“
„Mann Mama“ hier und Mecker da.
Geschrei, Kampf und nicht hören. Vorm Herd rumhüpfen, auf dem das Öl gerade in der Pfanne heiss wird.
Beim Essen ging es weiter mit: „Ich mag das nicht“ und „Irgendwie schmeckt das heut anders!“
Am Nachmittag hatten sie mich soweit.
Als es nicht besser wurde und immer ein neuer Grund zum Streiten gefunden wurde, platzte ich.
Nachdem ich meine Anweisungen rausgebrüllt hatte, dass ich die Wohnung in dem ordentlichen Zustand vom Morgen vorfinden möchte, wenn ich wiederkomme, schlug ICH dann mal ausnahmsweise die Tür hinter mir zu.
Wenn ich dran gedacht hätte, ich hätte auch noch gestampft vor Wut. So!
Ich setzte mich ins Auto, hatte mein Sportzeug schon auf dem Beifahrersitz, da ich dachte, ich gehe zum Sportplatz.
Als ich aber so kurz dasaß und es so schön still war, entschied ich mich gegen Sport und für eine Runde Heulen. Ich heulte und heulte und versank in Selbstmitleid.
Jetzt wäre ein Moment, da hätte ich gern jemanden, der das für mich klärt. Jemand, der der Buhmann ist.
Es ist Sonntag. Sonntags will sich nie jemand treffen und ich frage auch niemanden mehr. Ich habe kapiert: Sonntags muss ich alleine da durch.
„Wir können uns ja vielleicht morgen treffen.“
Sonntag. Nicht gerade mein Lieblingstag. Obwohl ich es mir immer wieder fest vornehme.
Ich konnte nicht lange so dasitzen, auch wenn ich wollte.
Das Telefon klingelte und auch das schlechte Gewissen, dass ich meine Kinder nicht in so einer Situation zurücklassen kann.
Lächeln konnte ich noch nicht. Und wütend war ich auch noch, das merkte ich daran, dass ich eben nicht lächeln konnte.
Ich bat meine Jungs mir eine Stunde Zeit zu geben und sie gingen alleine in den Garten.
Nach nicht mal 20 min klingelte es das erste Mal an der Tür.
Nur kurz Entschuldigung sagen und Blumen in die Hand drücken.
Mit Wurzel und Dackelblick.
Das zweite mal Klingeln war, um mir von der Eidechse draußen zu erzählen.
Das dritte Mal, um zu fragen:
„Wie lang noch?“
Das vierte Mal um zu sagen:
„Ich hab dich NICHT NICHT lieb!“
Doppelte Verneinung heisst nämlich, dass ich geliebt werde.
Trotz allem. Ich schäme mich und frage mich ernsthaft, wer sich kindischer verhalten hat, die Kinder oder ich.
Ich brauchte Bewegung, schnappte mir meine Schlüssel und ging zu ihnen runter.
Es war bereits Abend und ich wollte sie so richtig müde machen, damit sie früh ins Bett können.
Ich lief los und als der Zwerg feststellte, dass ich nicht nur in den Garten will, sondern laufen, fing er an zu schreien. Ich lief langsam, aber bestimmt weiter. Beide hinter mir her, beide mürrisch und einer schreiend.
Der Zwerg war richtig sauer und beschimpfte mich, stellte sich mir in den Weg, schrie mich an. Als mich das nicht beeindruckte, schrie er nur noch hysterisch, dass ihm seine Beine weh tun und er eine Pause braucht.
Da waren wir gerade 70 m von Zuhause weg.
Der Berg war geschafft, jetzt waren wir mitten in den Weinbergen und an den Häusern vorbei.
Der Grosse versuchte ihn abzulenken und einzulenken, womit er alles noch viel schlimmer machte.
Ich weiss, er tat es für mich, weil er gemerkt hat, dass es mir nicht gut geht. Jedoch erklärte ich ihm, dass sein Bruder wütend sein darf. Die Wut muss raus, irgendwo hin, damit es besser werden kann.
Als eine Pfütze kam, kündigte ich an, dass ich da reinspringen werde und man besser Abstand von mir hält.
PATSCH!
Bis zum Po spritzte das Pfützenwasser und ich wunderte mich, WIE gut das tat.
Der Grosse wollte auch unbedingt und der Zwerg schrie, weil er nass wurde.
Ab Kilometer 3 konnte er dann wohl selber sein Geschrei nicht mehr hören und gab mir zwar wütend, aber immerhin versöhnlich die Hand.
Wir warfen Steine den Berg runter. Ich forderte sie auf, ihre ganze Wut mitzuschleudern und ja, sie waren wütend.
Dann haben wir alle drei geschrien. So richtig alles gegeben. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
Ich brachte sie zu dem Plätzchen, das mir zuletzt gute Laune machte, weil es dort einfach zu schön ist, um miese Laune zu empfinden.
Jeder hatte einen Stock und sie haben Baseball mit faulen Äpfeln vom Boden gespielt. Ui, da hat sich ganz schön was entladen.
Wir haben Grillen beobachtet und gelacht. Als es anfing zu dämmern, wollte keiner zurück.
Auf dem Rückweg war es bereits viel später als ich wollte und wir haben noch auf fiese Schimpfwörter Reime gesucht.
Sie haben gesungen, gepfiffen, Abkürzungen genommen, geklettert, erforscht und einige Äpfel gegessen, die akkurat vorher mit dem Taschenmesser geteilt wurden.
Die Laune war fantastisch und von Ärger keine Spur mehr.
„Sooo schlecht war der Tag ja gar nicht“, denke ich und weiss, dass heute Mittag niemand diesen Satz zu mir hätte sagen sollen.
Ich bin froh, dass der Zwerg morgen wieder in den Kindergarten kann.
Und noch mehr darüber, dass dieser Tag doch noch so ausgegangen ist.
Ende gut, alles gut und morgen fangen wir wieder neu an.



















