Corona- und endlich haben wir Zeit

Tag 2 nach Bekanntmachung, dass es jetzt auch in unserem Land ernster zugeht.

Ich gebe zu, das ganze Drumherum hat mir eine riesen Angst gemacht und das hat viele Gründe:

1. Ich bin alleinerziehende Mama. Mir werden Sozialkontakte in dieser Zeit sehr fehlen.

Wer einen Mann mit im Boot sitzen hat, der kann sich die Arbeit im besten Fall teilen. Man kann sich mal zum Durchschnaufen abseilen und der andere übernimmt.

Man hat abends jemanden zum Austauschen und sich gegenseitig beruhigen, stärken, seine Sorgen und Ängste aussprechen.

Vielleicht kann man trotz allem mal kurz alleine im Auto sitzen und die Musik aufdrehen. Alleine einkaufen gehen und nicht mit 2 Kindern im Schlepptau, die alles anfassen und um Süssigkeiten betteln.

Hmmmm…ist nicht wirklich ne Umstellung. Ist eigentlich so wie immer. Komm ich also mit klar, schließlich ist das mein Alltag.

Was die Sache umso trauriger macht. Mit „Sache“ meine ich in diesem Fall wohl mich.

2. Ich bin Krankenschwester. Ich bin alleine für die Finanzen zuständig. Homeoffice ist nicht möglich und freigestellt werden auch nicht, ich muss ran!

Meine Kinder müssen deswegen in die Notbetreuung. Als ich meinen 9 jährigen dafür anmeldete, war er das einzige Kind bisher. Von Klasse 1 bis 5.

Das einzige Kind, das in die Notbetreuung muss, damit Mama arbeiten gehen kann.

Der Zwerg muss in eine ihm völlig unbekannte Gruppe zu ihm völlig fremden Erziehern. Ich hatte Bauchschmerzen.

Waren meine Prioritäten hier falsch? Will ich das meinem Kind antun, wo ich doch weiss, dass er sich mit allem Neuen so schwer tut?

Sollte mein Sohn nicht oberste Priorität sein? Wie mach ich das bloß? Wie löse ich diese Sache, die mich nicht schlafen lässt?

Jemand da oben meinte es gut mit mir als ich meine Einstellung änderte.

Meine Kinder können stolz auf ihre Mama sein, denn wenn jeder nur an sich denkt, kommt man nicht weit. Wo man helfen kann, muss man mit anpacken, damit es nicht nur für einen selber funktioniert, sondern noch für einige mehr.

Ich fahre nicht panisch alleine mit dem Rettungsboot los, wenn ich es stattdessen volladen kann, damit es noch viele mehr schaffen.

Als ich das begriffen hatte, lösten sich all meine Probleme und eins ergab das andere. Mein Schuljunge geht die ersten Tage mit dem Kindergartenbruder zusammen in die Notfallbetreuung des Kindergartens. Die Chefin holte meinen kleinen Sohn am Montag aus seiner Gruppe ab, um ihm in der neuen Umgebung alles zu zeigen, ihm die neuen Gesichter vorzustellen.

Mittags konnte er mir stolz den Weg zur Wurzelgruppe zeigen, wir stellten Hausschuhe, Gummistiefel ab und hängten die Matschhose an den ausgesuchten Haken.

Dort erfuhren wir, dass die 2 weiteren angemeldeten Kinder bekannte Kinder sind, mit denen er sonst auch spielt. Extra für ihn, weil ich Bedenken äußerte, wurde noch eine Erzieherin aus seiner Gruppe dort eingeteilt, die er sehr mag.

Morgen ist es also soweit und ich bringe meine beiden Kinder in die Notbetreuung. Zusammen. Mit 2 anderen Kindergartenkindern und 4!!!! Erziehern. Quasi 1:1 Betreuung.

Ich freue mich darauf alleine zur Arbeit zu fahren, meine Freundin per Sprachnachricht auf den neusten Stand zu bringen und mit Menschen zusammen zu sein, die mich nicht Mama nennen.

3. Hilfe, mein roter Faden ist weg! Ich liebe ihn und er gibt mir Sicherheit. Unter der Woche ist unser Tag wirklich gut getaktet. Schule, Kindergarten, Arbeit, Training, Hausaufgaben, Fernsehzeit, Abendessen und Schlafenszeit.

In den Tag hineinleben, puh, das macht mir Schwierigkeiten. Meine Jungs haben Pfeffer im Hintern und sind nicht müde zu bekommen.

Hilfe!

Ich sehe meine wenige Zeit zwischen Kinder ins Bett bringen und selber schlafen schwinden. Wann hol ich bitte Luft? Wann tank ich auf, wenn ich beide Tag und Nacht um mich habe, außer, wenn ich arbeite!?!

Das erinnert mich an die Anfangszeit nach der Trennung, als ich deswegen auf dem Zahnfleisch ging.

Ich habe mir selber im Laufe der Zeit ein paar Freiheiten erkämpft, zb donnerstags, da muss ich beide erst halb 4 abholen. Oft bleibe ich da länger bei der Arbeit, um an Fortbildungen teilzunehmen, die Dokumentation in den Akten nachzuholen, oder einfach Kollegen zu unterstützen. Es fühlt sich trotzdem so nach Freiheit an!

Ebenso habe ich dafür gesorgt, dass jedes Kind Exklusivzeit mit Mama hat. Der Kleine, wenn der Bruder im Training oder bei Freunden ist.

Der Grosse, wenn der Zwerg 2 mal bis nachmittags im Kindergarten ist. Da werden Hausaufgaben zusammen gemacht und am Küchentisch.

Da wird für Tests gelernt und Buchpräsentationen vorbereitet. Manchmal auch nur Kniffel gespielt. Ich sehe die schöne Blase vor meinem geistigen Auge platzen.

Peng!!!!

4. Es gab doch noch so viel zu tun! Die Jungs müssen zum Friseur und der Kindergeburtstag muss vorbereitet werden.

Letztendlich ist für beides jetzt nicht die richtige Zeit. Der Kurzhaarschnitt ist eben jetzt etwas länger. Hier stört das niemanden und wir haben auch noch Geld gespart.

Meinem Sohn hab ich fest versprochen den Kindergeburtstag nachzuholen.

Noch wilder, noch lauter und mit 3 Kindern mehr, da jetzt das Wetter besser wird und wir dann im Garten feiern können. Er ist einerseits enttäuscht, hat aber gleichzeitig laut gejubelt.

Ich freu mich, dass mir der Grosseinkauf erspart bleibt und das Backen.

Also bin ich eine seeeeeehr entspannte Mutter, die die Zeit mit den Kindern in vollen Zügen geniessen kann! Haaaaaha.

Nein, bin ich nicht.

Ich bin gottfroh darüber, dass es in der Pflege keinen Homeoffice gibt, denn es ist mir ein Rätsel, wie DAS funktionieren soll. Ich würde ausrasten!

Ich bin froh, dass wir einen grossen Garten haben. Mit Gras, Tieren, Schaukel und Trampolin. Was für ein Glück! Momentan liege ich mittendrin in der Sonne. Kurzärmlig und mit Sonnenbrille auf. Ich habe schon 100 Kniebeugen gemacht und werde mit Salzbrezeln gefüttert.

Meine Jungs kämpfen viel und die schlimmste Zeit ist BIS 10 Uhr morgens. Wir sind das nicht gewohnt, lang am Stück aufeinanderzuhocken und keine Pause voneinander zu haben.

Das passiert schon allein durch die Papawochenenden nicht so oft. Und wenn, unternehmen wir eben was.

Grundsätzlich machen wir viel zusammen und brauchen dafür keine Coronakrise.

Auch sonst bauen wir Höhlen, kneten, machen Fahrradtouren, spielen Spiele, bauen mit Lego, machen Puzzle, malen, basteln und gehen in die Natur. Diese ganzen Tipps aus dem Internet…das ist unser Alltag.

Und doch habe ich Neues entdeckt, wenn man zum Entschleunigen gezwungen wird. Nicht flüchten kann wie sonst.

Gestern Mittag sind wir bepackt mit Proviant und Rollern aufgebrochen. Vielleicht sollte es eine Drohung sein, als ich ankündigte, dass wir erst am Abend zurück sein werden.

Wir hatten eine Mission: das weit entfernte Fass 2 Orte weiter. Noch nie haben wir es zu dritt hingeschafft. Mit dem Zwerg bin ich oft da, wenn der Grosse im Training ist.

Von uns daheim ist es weit. Also nicht für mich, wenn ich alleine wäre. Aber weit für einen 4 jährigen. Ich dachte nicht darüber nach, ob er die Strecke schafft. Wir hatten keine Zeitnot, keine Termine. Ob wir 2 h länger brauchen als geplant, war völlig egal. Wir hielten überall an, wo es schön war und wo etwas zu tun und erforschen war.

Immer wieder blieben wir stehen und staunten über die Aussicht. Der eine musste geduldig warten, bis der andere fertig mit Erkunden war, dann erst ging es weiter.

Wir haben viel über Konfuzius gelernt und selbst der Grosse musste schmunzeln, weil seine Zitate wie für ihn gemacht sind.

„Der Weg ist das Ziel“ war dabei unser stetiger Begleiter.

Denn am Ziel anzukommen, sich aber auf dem Weg  dahin selbst die Laune zu verderben, ein Stinkstiefel zu sein, andere mit runterziehen, sich zu bekriegen und am Ende selbst nicht ausstehen zu können, war nicht Sinn der Sache. Es geht nicht nur um das Ziel!

Wir waren unheimlich stolz, als wir es von Weitem entdeckten. Wir hatten es geschafft, jubelten und es fühlte sich toll an, das gemeinsam geschafft zu haben. Am Ende waren es fast 10 km, der Zwerg wollte nicht einmal getragen werden. Keiner klagte über schmerzende Füsse. Wir hatten alle Zeit der Welt! Wann hatten wir das sonst schon?

Ich bin dankbar für Amazon Prime, denn wir haben schon tolle Filme gesehen. Keine blöden Kinderserien, sondern schöne Filme mit Tiefgang. Heute musste ich sogar weinen vor Rührung und mein Grosser konnte nicht damit umgehen!

Er wollte, dass ich sofort aufhöre und fand das albern. Ich weiss, dass er so reagieren muss um sein Gesicht zu wahren, denn ihm ging es nicht anders als mir. Aber er denkt immer noch, dass es sich für einen „Mann“ nicht gehört. Er wollte nicht zuhören, hielt sich die Ohren zu und sang „lalalala“, als ich ihm meine Meinung dazu gesagt habe. Ich weiss, dass er mich gehört hat und hoffe er hat ebenso auch verstanden.

Meine Jungs werden 2 wichtige Dinge lernen: mit Langeweile umgehen ist das Erste. Davon haben wir jetzt mehr als genug und ich rühre mich nicht. Es gibt Schlimmeres, als sich in einem Garten voller Möglichkeiten zu langweilen.

Sich stöhnend auf die Decke fallen zu lassen und die Wolken zu beobachten. Tief im Inneren schmunzle ich. Denn wann haben wir dafür sonst schon Zeit?

Nach unserem Ausflug holte ich 2 Lappen und 1 Eimer Wasser. Damit putzen Sie ihre Roller, ihre Schuhe und am Ende sogar mein ganzes Auto.

Lektion Nr 2 wird sein, dass jeder mitanpacken muss. Noch mehr wie sonst. Da keine Schule ist, kein Training und auch sonst nichts, von dem man sich erholen müsste, sind die Aufgaben gewachsen.

Jeder saugt zum Beispiel sein Zimmer täglich selbst. Sie haben alle Fenster und Spiegel im Haus geputzt. Wann sonst ist dafür schon Zeit?

Die Hausaufgaben für die nächsten Wochen erscheinen mir momentan wie ein Berg.

Die Konzentration ist nicht gut, wenn der kleine Bruder im Nachbarzimmer Fernseh schaut. Es ist schwer einem Grundschulkind zu vermitteln, dass das hier nichts mit Ferien zu tun hat. Es nervt mich unheimlich, wenn ich bereits eine Seite vorgelesen habe, Sohnemann keine einzige der Fragen beantwortet hat und lachend sagt:

“ Ich glaub das ist grad alles umsonst, weil ich hör dir gar nicht zu.“

Ich habe keine Angst mehr. Unsere Tage sind anders, ja. Aber anders gut. Mit neuen Blickwinkeln. Neuen Ideen. Neuen Möglichkeiten. Wir nutzen es!

Die nächsten Tage werden wir noch Kinderyoga machen. Wir werden selber Spätzle schaben, statt sie zu kaufen. Denn…

wann bitte haben wir sonst schon dafür Zeit?

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