Mein Baby wird groß

„Große Kinder sind ein Segen“, höre ich mich in letzter Zeit oft sagen.

Ich hab wieder viel mehr Zeit für mich allein, kann einfach so die Wohnung verlassen und wenn ich morgens wach werde, ist es oft noch ganz still.

Ich genieße es so sehr und fühle mich frei.

All das hatte ich die letzten Jahre nicht, vor allem nicht mehr, seit vor wenigen Jahren die regelmäßigen Papa-Wochenenden weggebrochen sind.

24/7, arbeiten gehen, Kinder und wieder von vorne. Immer Ansprechpartner, immer in Bereitschaft, immer allein verantwortlich.

Die andere Seite der Medaille ist, ich vermisse meinen Teenager.

Jetzt ist sein kleiner Bruder endlich alt genug, auch mal alleine daheim zu bleiben, was all die Jahre nicht ging.

So gern hätte ich öfter mal was mit ihm alleine unternommen. Der Bruder musste aber immer mit, nicht so, wie bei anderen, die Mama und Papa haben und sich aufteilen können.

Ich vermisse ihn. Und Zeit mit ihm.

Nicht nur, wenn ich ihn ins Training bringe und wir uns 10 min unterhalten.

Nicht nur, wenn ich an seiner Tür klopfe und frage, ob er Wäsche hat, weil ich waschen will.

Ich sagte ihm das und machte den Vorschlag, dass nur wir Zwei einmal im Monat essen gehen. Er bestimmt, ob Döner,  McDonalds oder Sushi.

Mit Essen krieg ich ihn, da war ich sicher.

Grundsätzlich fand er die Idee gut, aber er wollte nicht essen gehen.

Er sagte, ich soll ihm drei Vorschläge machen und er suche sich dann was davon aus.

Ich zerbrach mir den Kopf. Dachte nach.

Nichts von all meinen Ideen haute mich um.

Wenn essen nicht zieht, wie konnte ihm Minigolf, Billard, schwimmen, oder sonstwas Freude mit mir machen?

Und dann fiel es mir ein…

Wie sportlich er ist.

Wie viel Freude es ihm machte, in den Schulferien mit mir ins Gym zu gehen.

Damals, lang vor Corona, als er 6 und 7 war und Zeit mit mir das Größte für ihn war.

Wie wir damals zusammen burpees und Kniebeugen machten und danach abgeklatscht haben.

Es war schön!

Er hat niemals damit gerechnet und die Freude war groß!

Der kleine Bruder darf nicht mit. Das ist nur unsere Zeit.

Danach reden wir über unsere Erfolge, tauschen uns aus und gönnen uns einen Shake.

Manchmal erfahre ich auf der Fahrt Dinge über ihn, die ich noch nicht wusste.

Jetzt ist alles anders als damals noch, denn heute ist diese gemeinsame Zeit für MICH das Größte.

…(bevor ich wieder an die Tür klopfen muss)

Große Kinder sind ein Segen. Und sie sind auch ganz schön groß.

Sommer, Sonne, Balkonien- wenn Reisen nicht drin ist

Rund 38 % der deutschen Alleinerziehenden konnten sich 2024 keinen 1 wöchigen Urlaub mit ihren Kindern leisten, so die Statistik.

Letzten Sommer konnte ich meinem Kindern die Mutter- Kind -Kur im Schwarzwald noch als Urlaub verkaufen. Baden im Schluchsee, Boot fahren am Titisee, Gondelfahren am Feldberg, das alles fühlte sich auch wirklich nach Urlaub an.

Diesen Sommer habe ich drei Wochen Urlaub, wir verbringen ihn aber in unserem städtischen Freibad und machen Tagesausflüge.

Es ist nicht Italien, nicht Kroatien, nicht zumindest der Gardasee oder Schnorcheln in Ägypten.

Und es ist auch nicht deswegen so, weil wir bereits in den Oster- oder Pfingstferien verreist sind.

Das letzte Mal am Meer waren wir vor 3 Jahren. Damals erfüllten wir uns einen großen Traum und sahen den Burj Khalifa nicht nur im Guinessbuch, sondern in echt.

Für manche ist das undenkbar, andere waren dieses Jahr schon mehrfach im Urlaub, für andere gehört es standardmäßig dazu, in allen Schulferien zu verreisen.

In meinem Alleinerziehendentreff zeigt es sich deutlich: alle Mamas arbeiten, die Kinder sind oft in der Ferienbetreuung, da ein Erwachsener leider nicht so viele Ferientage abdecken kann.

Und doch- reicht es finanziell eher als Ausnahme für ein paar Tage am Meer, maximal zum Campen mit Selbstverpflegung.

Nirgends merkt man als Alleinerziehende so sehr, dass man nicht mithalten kann, wie beim Thema Urlaub.

Wenn in Klasse 8 nicht gefragt wird ob, sondern wohin man in Urlaub geht…

Mein Sohn ist einer der wenigen. Ob es ihm peinlich ist? Vielleicht. Er würde es aber niemals zeigen, oder sagen.

Zu sehr sind ihm Monate in Erinnerung, in denen nicht mal ausreichend für Essen und Benzin gesorgt war.

Ihm sind Sätze präsent wie:

„Der Kühlschrank ist leer, wir müssen aber noch eine Woche Reste essen bis ich mein Gehalt bekomme…bis das Kindergeld überwiesen wird.“

Er kennt es, im Laden zu den roten Angebotsschildern zu gehen und die Summen zu überschlagen, weil an der Kasse ein festes Budget nicht überschritten werden darf. 

Er hat mich weinen gesehen, weil ich nicht wusste, wie ich überraschende, unverschuldete Rechnungen zahlen sollte.

Niemals würde er nach Urlaub am Meer fragen, mir deswegen Vorwürfe machen, dass Wünsche und Träume offen bleiben.

Lieber nimmt er sich vor irgendwann den richtigen Job zu wählen, gut zu verdienen. Er hat hohe Ziele und ich wünsche es ihm von Herzen.

Für uns und viele andere, ist in Urlaub fahren/ fliegen absoluter Luxus.

Ich habe jetzt 3 Wochen Urlaub, aber Urlaub ist nicht drin.

Wir freuen uns über ein leeres Freibad, weil viele andere im Urlaub sind.

Wir freuen uns, in den Tag hinein leben zu können, ausschlafen, machen was man will.

Gestern fragte ich meinen kleinen Sohn, ob er den Wochentag wüsste.

„Mittwoch?“

Ich hab gelacht. Und ihm dann gesagt, dass Ferien sich exakt so anfühlen müssen. Ferien sind dann gut, wenn es keine Rolle spielt, ob es Sonntag oder Mittwoch ist.

Wir haben wenige Termine, kaum Verpflichtungen und viel, viel Zeit. Das ist für mich Urlaub und Luxus.

Ja, manchmal bin ich neidisch. Neidisch sein heisst aber nur, dass man gerne auch etwas hätte, was andere haben. Nicht, dass man es denen nicht gönnt.

Und dann spiel ich in der warmen Abendluft mit Sohn im Trampolin. Wir hören Musik, lachen, tanzen, sind albern und ausgelassen.

Wir gehen 21 Uhr die Straßen entlang, begrüßen jede Katze, die uns entgegenkommt und bewundern den Sonnenuntergang.

Wir haben Zeit. Sind nicht gehetzt, nicht gestresst, spielen Baseball mit faulen Äpfeln und einem Ast. Keiner wartet auf uns. Wir müssen nirgends hin. Die Uhr spielt keine Rolle.

In meinem Kopf ist Ruhe. Seelenfrieden. Und er denkt, dass vielleicht Mittwoch sein könnte.

Wir philosophieren über die Textzeile:

„Auch wenn ich nichts mehr hab, dann geb ich dir die Hälfte.“

Ist das vielleicht der wahre Luxus?

Grenzen

Heute beim Alleinerziehendentreff wurde es ehrlich – wir haben über Grenzen gesprochen. Unsere eigenen, die unserer Kinder und die, die wir manchmal erst mühsam wiederfinden müssen.

Wir stellten fest- alle, die wir da saßen:

Wir konnten schlecht oder gar nicht für uns einstehen und teilweise haben wir immer noch damit zu kämpfen.

Das schöne an unseren monatlichen Treffen ist, dass wir uns gegenseitig aufmerksam machen und uns stärken.

Wir befanden uns in Partnerschaften, in denen Missbrauch jeglicher Art stattfand. Nicht von Anfang an.

Wir alle sind an verschiedenen Punkten im Lernen, manche entdecken den Ursprung ganz neu, andere haben bereits aus Fragezeichen Ausrufezeichen gemacht.

Wir wirken auf den ersten Blick taff und stark. Jedoch kommen die meisten aus einer Beziehung, in der sie nicht nur einmal zugelassen haben, dass ihre Grenze überschritten wurde.

Erst als man sich in Sicherheit wähnte und nur hinter verschlossenen Türen. Nicht von Anfang an.

Ich vergleiche es immer mir dem Zubereiten eines Frosches, den man nicht ins kochende Wasser wirft, weil er sonst sofort rausspringen würde.

Man legt ihn ins kalte Wasser und erhöht allmählich die Temperatur. Wenn das arme Tier bemerkt, was gespielt wird, ist es längst zu spät.

Genau so verlieren wir in ungesunden Beziehungen Stück für Stück das Gefühl für unsere eigenen Grenzen.
In einer toxischen Beziehung werden also Manipulation, Schuldumkehr, emotionale Abhängigkeit, Kontrolle so langsam und kleinschrittig eingeführt, dass Betroffene sie nicht sofort als gefährlich erkennen.

Anfangs sind die Ausmaße noch gering. Der Täter gibt einem nur einen kleinen Vorgeschmack auf das, was teilweise Jahre danach folgt.

Die Abstände, in denen seine Augen sich schwarz verändert und er mit Drohgebärden vor dir steht, sind noch lang.

Lang genug, um es als „einmalig“ abzustempeln.

„Er war halt wütend, sonst ist er ja nicht so!“

Grenzen kann man nicht früh genug lernen.

Dazu sind Erwachsene nötig, die das selber gelernt haben und weitergeben können.

Kein: „Ach, so schlimm war das jetzt auch nicht.“

Kein: „Reiß dich doch mal zusammen!“

Kein: „Augen zu und durch.“

Kein Durchhalten um jeden Preis.

Grenzen lernt man, indem die eigenen gewahrt wurden und nicht übergangen.

Grenzen lernt man, indem man seinen eigenen Wert kennt und das Unrecht erkennt.

Grenzen lernt man, indem man dich gut behandelt und du nichts anderes zulässt.

Grenzen lernt man, indem man Grenzen setzen darf, ohne daß einem Liebe, Zuwendung, oder Sicherheit entzogen wird.


Grenzen und Selbstwertgefühl gehören zusammen wie Wurzeln und Standfestigkeit – ohne das eine wankt das andere.


Wie das Lenkrad und die Richtung – ohne Grenzen verliert das Selbstwertgefühl schnell die Orientierung.


Wie Stimme und Gehör – wer seinen Selbstwert spürt, traut sich auch, Nein zu sagen.


Wir alle haben das durch schmerzhafte Erfahrung lernen müssen und lernen immer noch.

Nein sagen, Grenzen setzen, für sich selber einstehen, ohne sich schlecht und egoistisch zu fühlen.

Schuldig, weil uns das immer so eingeredet wurde.

Eine Ehe/ Partnerschaft ist nicht dann gut, wenn sie für immer hält.

Oft haben wir Frauen einfach nur gelernt klein beizugeben, still zu sein, keinen Aufstand zu machen, nicht laut zu sein, nicht aufzustehen, alles unter den Teppich zu kehren, durchzuhalten. Für Harmonie zu sorgen.

Auszuhalten.

Weil unsere Mütter und Großmütter es genau so getan haben. Egal was war!

Tyrann, Schläger, Alkoholiker, Fremdgeher, Choleriker, das alles spielte keine Rolle, denn man hatte zu bleiben.

„Das macht man nicht!“

„Das ist halt so!“

„Manche Dinge kann man nicht ändern.“

Es gibt immer noch viel zu viele Frauen die bleiben. Oder bleiben müssen. Aus Angst, aus finanzieller oder psychischer Abhängigkeit. Aus Angst um die Kinder.

Was einem als Frau drohen kann, wenn man es wagt zu gehen, kann man jeden zweiten Tag in der Zeitung lesen.

Einige haben keine Vorstellung davon, was hinter verschlossenen Türen in Deutschland so passiert.

Von anderen Ländern ganz zu schweigen.

Was man als Kind nicht gelernt hat, muss man sich selbst im Erwachsenenalter mühsam beibringen:

Ich darf laut sein, wenn es ungerecht wird.

Ich darf aufstehen, wenn es sich nicht gut anfühlt.

Ich darf auf mein Bauchgefühl hören, wenn es mir Zeichen gibt.

Ich darf Grenzen setzen, wenn ich nicht gut behandelt werde.

Und ich darf gehen, wenn es nicht aufhört.

Ich stehe für all diese Frauen,

… die täglich ihre Stimme erheben, auch wenn sie zittert.

… die gelernt haben, dass Nein sagen Selbstfürsorge ist.

… die sich selbst wieder wichtig nehmen.

… die nicht länger schweigen, wenn ihre Grenzen verletzt werden.

Weil jede von uns es verdient, mit Respekt behandelt zu werden.

… weil Veränderung bei uns beginnt.

… damit unsere Töchter und Söhne in einer Welt aufwachsen, in der Grenzen geachtet werden.


Weil ich weiß, wie viel Mut es braucht.

… weil auch ich diesen Weg gehe – Tag für Tag.

… weil ich ihre Geschichten kenne – sie sind auch meine.

Verlustangst

„Mama, ich schnapp mir den Fussball und meine Kopfhörer und geh vor die Tür“, höre ich ihn sagen und staune.

Es ist noch gar nicht so lang her, dass seine Verlustangst Jahre nach der Trennung sowas nicht möglich gemacht hat.

Ich stehe am Fenster, lächle vor mich hin und schau ihm zu. Ich musste mich selbst davon überzeugen, sonst hätte ich es nicht geglaubt.

Vor Jahren war es für ihn die schlimmste Strafe, wenn ich ihn mit seinem Bruder vor die Tür geschickt hab.

Es ging nur mit Streiten, Gegenwehr, Betteln und Flehen.

„Aber nur mit dir“, war der Satz, der auf meine Ankündigung folgte.

Wir fühlten uns beide zerrissen und diese Situationen waren so energieraunend.

Ich verstand warum er sich so verhielt.

Ich wusste, dass er Angst hatte, mir könnte was passieren.

Ich wusste, er vermutet, da ist ein neuer Mann in meinem Leben und ich werde telefonieren.

Ich wusste, er hatte Angst auch mich zu verlieren.

Ich verstand, dass ich alles war, was ihm blieb, nachdem alles um ihn herum zerbrach. Alles stand und fiel mit mir.

Ich verstand, dass ich seine einzige Sicherheit war und der Fels in der Brandung. Die Rettungsboje, an die er sich klammerte, wenn er hilflos auf dem Wasser trieb und keinen Boden spürte.

Ich verstand, dass er nicht bereit war mich zu teilen, einen Mann in mein Leben zu lassen, der nicht sein Papa war.

Ich wusste, er hatte Angst. Ich sah es ganz deutlich in seinen Augen.

Sobald ich es angesprochen hatte, verfinsterte sich seine Mine und er versprach, sich ganz ruhig in seinem Zimmer zu verhalten, aber ich solle ihn bitte, bitte nicht rausschicken.

Mit normalem Menschenverstand kam man nicht dagegen an. Wir führten so viele Gespräche, ich erklärte ihm, dass ich 24 h für sie da bin und mit ihnen zusammen. Ich brauche nur diese halbe Stunde, um durchatmen zu können.

Nur diese halbe Stunde, um klar denken zu können, zu weinen, mit Anwälten telefonieren, atmen, einfach nur daliegen, ne Sprachnachricht an meine Freundin schicken und mein Herz erleichtern.

Ich brauchte diese halbe Stunde am Tag, um Energie zu sammeln für die weiteren Stunden des Tages.

Diese halbe Stunde, ohne Geschrei, ohne Ermahnungen, ohne Fragen zu beantworten, ohne zu diskutieren, ohne den Verstand zu verlieren.

Ich versicherte ihm, dass sein Bruder und er das allerallerwichtigste in meinem Leben sind. Dass sie mir Kraft geben, das alles durchzustehen.

Dass ich das alles jederzeit wieder so entscheiden würde, mir nichts anders wünsche und schon gar nicht im Bezug auf sie beide.

Ich versprach ihm, dass ich sie über alles liebe und immer da sein werde. Niemals werde ich mein Versprechen brechen und mich je gegen sie entscheiden.

Er verstand es.

Aber er konnte nicht anders. Das verstand ich ebenso.

Es war nicht seine Absicht mich zu ärgern, es auf die Spitze zu treiben, mich zu provozieren.

Und dennoch, ich konnte keine Überweisung tätigen, wenn sich über meinem Kopf der Ball zugeworfen wurde.

Ich konnte nicht telefonieren, wenn um mich herum Fange gespielt wurde.

Ich konnte nicht kochen, wenn beide an mir zerrten und mit mir spielen wollten.

Ich war nur einer. Für einen Job, der für zwei ausgelegt ist.

Der Satz damals saß:

„Wenn wir bei Papa sind, kocht er und seine Freundin spielt mit uns Ball.“

Jahrelang suchte er nach Möglichkeiten, diese halbe Stunde vor der Tür zu umgehen.

Er klingelte nach max 10 Minuten und musste aufs Klo. Meist dauerte es nur wenige Minuten, bis es klingelte. Irgendwas war immer. Durst, Klo, etwas vergessen. 

„Können wir nicht einfach wieder hoch?“

Oft saß er die Zeit direkt vor der Eingangstür ab. Im wahrsten Sinne.

Er saß auf dem Fussabtreter und wartete nervös, bis die Zeit abgelaufen war. Dabei starrte er auf den Timer.

Wenn er es schaffte draussen zu bleiben, klingelte er 10 min vor Ablauf dieser 30 Minuten und wollte hoch.

Es trieb mich regelmäßig in den Wahnsinn. So oft hatte ich das Gefühl nicht atme zu können. Ich fühlte mich erdrückt und fremdbestimmt.

Er sich völlig verloren und schutzsuchend.

Ich hasste es so sehr, dass alles an mir hing.

Und gleichzeitig versuchte ich ihm zu geben, was er brauchte.

Sicher gelang es mir nicht immer, und wenn, nicht immer gleich gut.

Sein Bruder war nicht so. Er genoß die Zeit mit ihm draußen. Trampolin springen, mit Malkreide malen und Fussball spielen.

Oft habe ich die halbe Stunde durchgesetzt, egal wieviel es mir abverlangte. Die restlichen  23 1/2 Stunden war ich da.

Irgendwann gab ich auf. Irgendwann konnten sie die 30 Minuten am Mittag in ihren Zimmern verbringen.

Alles ändert sich, alles ist im Wandel.

Nur eines nicht: ich war nie weg und bin immer noch da!

Ich hab nie aufgehört mich zu sorgen, zu kümmern und zu lieben.

Und dazusein. 

Ich stehe am Fenster und schaue ihm zu.

Nacheheliche Gewalt

Aus eigener Erfahrung und auch dadurch, dass ich einen Alleinerziehenden- Treff leite, erlebe ich regelmäßig die Formen von Gewalt nach einer Trennung, oder Scheidung.

Diese können psychisch, emotional, finanziell, oder sogar physisch sein und dienen häufig dazu, weiterhin Kontrolle über den Ex- Partner auszuüben.

Finanzielle Gewalt:

Verweigerung von Unterhaltszahlungen werden gern zum Anlass genommen, die Ex- Partnerin in eine Spirale aus Schlaflosigkeit und ständiges Grübeln zu bringen, immer in Sorge, wie alle Rechnungen gezahlt werden können.

Ausserdem können sich Selbstständige ärmer rechnen lassen, die Väter Schwarzarbeit betreiben und diese sind natürlich nicht in den Unterhaltszahlungen berechnet.

Es kommt vor, dass das Kind auf den Vater privat versichert ist, die Mutter gesetzlich. Sollte das Kind krank sein, kann die Mutter  beim kranken Kind bleiben. Sie hat aber nicht nur den finanziellen Ausfall durch ihre eigene Arbeit, sondern bekommt keinen Cent Krankengeld fürs Kind.

Das Kind kann erst nach der Scheidung auf die Mutter versichert werden und damit lässt der Vater sich alle Zeit der Welt.

Es gibt Väter, die überweisen die Unterhaltssumme nicht auf einmal, sondern schön kleckerlesweise, alle paar Tage, Wochen ein bisschen was. Sie wissen genau, dass das die Mutter oft krank vor Sorge macht, da Abzüge meist am Monatsanfang erfolgen.

Verursachen von Schulden ist nicht selten. Und nicht selten erlebe ich, dass die Frauen nach Trennung erstmal Schulden ihres Partners abbezahlt haben.

Wie in meinem aktuellen Fall, 8 Jahre nach Trennung, wenn man nicht mehr mit sowas rechnet:

Gemeinsames Haus. Er konnte mich nicht ausbezahlen, hat danach alleine noch 2 Jahre drin gewohnt (für die Kinder! 😉)

Ich wusste damals nicht was richtig ist, wusste aber genau, wenn ich ihm meine Hälfte überschreibe, geh ich hier komplett leer aus.

Das Haus ist lang verkauft, die Schulden für Wasser, Abwasser und Grundsteuer aus den zwei Jahren sind nicht beglichen. Da er jetzt in Privatinsolvenz ist, kam der Boomerang zu mir. Mitgefangen, mitgehangen.

Also zahle ich einige Raten mit einer Summe,  die mich komplett überrollt. Plus den Anwalt, der mir keinen Weg da raus zeigen konnte.

Mir gehörte immer nur die Hälfte des Hauses, jedoch die Schulden ganz.

Während er mir ins Gesicht lacht, weil…“Ach das schaffst du schon! Du schaffst doch immer alles!“

Und unseren Kindern zu Weihnachten ne nigelnagelneue Playstation kauft, in ner special edition und der große Held ist, während ich auf Urlaub und Unternehmungen mit den Kindern verzichte, um seine Schulden abzuzahlen.

Ich bin noch wütend und fassungslos über soviel Dreistigkeit, aber es wird vergehen und dann bin ich frei.

Man könnte auch einfach seinen Job kündigen, weil Arbeitslosengeld und Einkünfte aus der Schwarzarbeit allemal reichen, so ohne die lästigen Unterhaltszahlungen.

Ich weiss es nicht von ihm, obwohl es mich unmittelbar und zeitnah betrifft.

Von ihm kam nur eine 6 sekündige Sprachnachricht, in der er lachend sagte:

„Ach, kleiner Tipp nebenbei. Besorg dir lieber schon mal Unterhaltsvorschuss!“

Elterliche Gewalt ( über die Kinder):

Jahrelang war ich durch meine regelmäßige Wochenendarbeit als Krankenschwester abhängig von den Umgangswochenenden.

Bevor ich den Arbeitsvertrag damals unterschrieben habe, fragte ich ihn, ob ich mich auf ihn verlassen könne. Dass es den Job nur in Verbindung mit Wochenendarbeit gebe. Ja klar!

Klar, bis zu meinen ersten Widerworten, bis ich ein problematisches Verhalten ansprechen musste, oder kritisiert habe. Dann kam:

„Am Wochenende bin ich übrigens nicht da!“

Dabei interessiert keinen, dass die Kinder klein sind und beaufsichtigt werden müssen und man gleichzeitig bei der Arbeit erwartet wird.

Betreuungsmöglichkeiten am Wochenende gibt es nicht, ausser du bezahlst teuer dafür. Na klar hab ich Menschen um mich gehabt, die mich hin und wieder unterstützt haben. Aber wem kann man 2 Kinder ein Wochenende lang je ca 10 Stunden anvertrauen. Ab 5 Uhr morgens, damit man 6 Uhr starten kann? Come on!

Ich hab dann gelernt sehr wohl zu dosieren. Kritik erst direkt nach dem Umgangswochenende zu äußern, damit er zwar tobt, aber dann zwei Wochen Zeit hat sich wieder zu beruhigen.

Dazwischen kam die Phase, als ich nie wusste, ob er kommt, oder nicht. Er war nicht erreichbar, Nachrichten und Anrufe wurden nicht beantwortet. Es gab keine Uhrzeit, auf die ich mich freitags vorm Umgangswochenende verlassen konnte. Der Zwerg war noch so klein, schlief oft schon 18 Uhr auf meinem Schoß ein und musste dann 19 Uhr geweckt werden, wenn Papa kam. Meist ging es dann noch zum Großeinkauf mit dem anderen Elternteil, weil „Ich hab nur gearbeitet und bin nicht dazu gekommen. Ich hab nichts zum Essen im Haus.“

Das tat mir so unendlich leid. Auch dass ich dem Großen nie seine Frage  beantworten konnte, wann Papa kommt. Nicht mal ob!

Ich war aufgrund der Ungewissheit mit den Nerven durch, weil ich oft bis 19 Uhr noch nicht wusste, ob er kommt. Nur, dass ich am nächsten Tag Frühschicht habe.

Stress pur!

Es ist wichtig, sich so früh wie möglich von jeglichen Abhängigkeiten frei zu machen!

Es ist so ein gutes Gefühl, wenn man nicht darauf angewiesen ist und es keine Rolle spielt, ob er kommt, oder nicht ( außer für die Kinder natürlich).

Absprachen sind nicht möglich, bewirken eher noch das Gegenteil.

So habe ich meinen Ex damals oft darauf hingewiesen, dass er unseren Sohn nicht gut für die einstündige Autobahnfahrt  anschnallt. Er zog ihm nie die dicke Winterjacke aus und die Gurte hingen locker über beide Oberarme. Ich hab geredet, erklärt, auf Gefahren hingewiesen, Adac- Crash test Videos geschickt.

Er lachte mich aus.

Wäre ich nicht so abhängig gewesen und hätte ich mein Wissen von jetzt, hätte ich ganz anders reagiert. Ich war gefangen in der Opferrolle.

Absprachen werden oft verweigert.

So dass z.B keine richtige Urlaubsplanung möglich ist. Die mütter haben oft das Nachsehen, wissen nicht, wie sie die Ferien abdecken sollen, weil der Vater sich nicht einbringen will.

Allerdings besteht er dann aber, kaum sind die Ferien im Kindergarten um-  Überraschung- auf Ferien mit SEINEM Kind. Es stehe ihm schließlich zu und wenn nicht, bezichtigt er dich der Kindesentziehung.

Das leidige Thema mit der Kleidung kennt nahezu jede Alleinerziehende. Die Mutter packt die Tasche fürs Umgangswochenende und nur die Hälfte kommt wieder zurück.

Gibt man also nur alte, günstige Kleidung von irgend nem Flohmarkt mit, bei der es nicht ganz so schlimm ist, wenn was fehlt…beschwert er sich über die hässlichen Kleider, in denen SEIN Kind rumrennen muss.

„Schliesslich zahl ich ja Unterhalt!“

Die Zeit dieser Väter ist gekommen, wenn du sie um eine Unterschrift bittest. Sei es für eine Schulanmeldung, die Kontoeröffnung fürs Kind, die Konfirmationsunterlagen. Es ist gar nicht so oft der Fall, aber doch immer wieder nötig.

Der Ton, in dem man fragt, der sollte schon passen. Wehe, der Vater liest zwischen den Zeilen Missmut ihm gegenüber. Dann wird so eine Unterschrift einfach verwehrt.

Ich hab dazu gelernt. Es steht nicht auf meiner Stirn geschrieben, dass ich geschieden bin! Kein verheiratetes Paar fragt man i.d.R nach beiden Unterschriften. Also habe ich aufgehört es zu thematisieren. Und komme damit ganz gut durch- ganz ohne Betteln.

Immernoch „darf“ eine Mutter mit ihrem Kind nach der Trennung nicht weiter weg ziehen, ohne, dass der andere Part es „erlaubt“.

Das Umgangsrecht darf nicht wesentlich beeinträchtigt werden.

Es gibt keine konkrete Kilometeranzahl laut Chat-GPT, es muss aber im Bereich der Zumutbarkeit liegen. Diese wird individuell betrachtet.

Will also eine Mama mit dem Kind an ihren alten Wohnort ziehen, wo sie Familie und Freunde als Unterstützung hätte, evtl auch günstigen Wohnraum im Haus der Eltern z.B, kann der Kindsvater das boykottieren.

Zieht er aber wiederum danach in ein anderes Bundesland, ist das ok.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt davon, womit Alleinerziehende sich so herumschlagen.

Das Leben könnte so schön sein. In meinem Umfeld sind ausschließlich alleinerziehende Mamas, die Erwerbsarbeit nachkommen und sich liebevoll um Kind, oder Kinder kümmert. 

Manchmal bin ich voller Wut auf meinen Ex- Mann, weil er mir so oft Steine in den Weg legt und mir das Leben selbst nach Jahren immer noch oft schwer macht.

Unsere Kinder könnten es so viel besser haben mit zwei verantwortungsvollen, getrennten Elternteilen.

Gleichzeitig ist es eine gute Lernaufgabe darüber, wie man sich frei macht. Wie man Grenzen setzt. Was man über sich ergehen lässt und was nicht. Wann es wert hat, sich zu verteidigen und zu erklären- und wann nicht.

Ich investiere nur noch wenig Energie in ihn und seine Geschichten.

You’re toxic

Es gibt sehr wenige richtige Narzissten, aber im Volksmund ist der Begriff weit verbreitet. Jedoch gibt es jede Menge Menschen, die Züge davon haben und sich in Beziehungen nicht so gut benehmen.

Ich war immer aufgeschlossen und unternehmungslustig, bis ich ihn kennenlernte.

Ich hatte eine große Klappe und einen noch größeren Gerechtigkeitssinn. Mir konnte keiner was vormachen und ich hatte Kämpfergeist.

Er machte mich in unserer Beziehung immer klein, hat sich in all den Jahren nicht wirklich für mich interessiert.

Er machte mir Vorwürfe, wenn ich krank war. Meist ging es ihm genau dann noch ein bisschen schlechter als mir, so dass ich mich wieder um alles kümmerte und mich nicht ausruhen konnte.

Warum es so lang gedauert hat, bis ich ihn verlassen habe?

Ich dachte, wenn ich mich nur genug anstrenge, schaffen wir das schon.

Ich dachte es sei meine Schuld, wenn es nicht gut läuft. Man soll doch zusammenhalten, in guten wie in schlechten Zeiten.

Anfangs fühlte es sich wirklich nach Zusammenhalten an, wir waren uns sehr verbunden in unseren Ängsten und dem mangelndem Selbstbewusstsein, der nicht so schönen Kindheit.

Ich wollte immer nur gesehen werden, ich tat alles dafür. Doch vergeblich.

Er wuchs bei der Oma auf, die alles für ihn tat und ihm seine Wünsche von den Lippen ablas.

Sein Vater hat ihn nie gesehen- obwohl er alles dafür tat. Doch vergeblich.

Was ich heute verstanden habe:

Er war nur mit mir zusammen, weil er mich gebraucht hat, um sich selber besser zu fühlen.

Ich war nur Mittel zum Zweck, nie auf Augenhöhe.

Warum ich mich damals in ihn verliebt habe?

Sein schwarzer Humor gefiel mir sehr und da war diese magische Anziehungskraft.

Sogar das Schwierige mochte ich, aber schwierig war es von Anfang an. Er war sehr empfindlich und sehr schnell gekränkt, nahm alles persönlich. Wenn er sich neue Schuhe kaufen wollte und diese mir so gar nicht gefielen, warf er sie zurück ins Regal und war beleidigt.

Er vertraute mir als Erster Dinge an, die er noch nie jemanden erzählt hat und das ließ mich besonders fühlen.

Wir wollten es so anders als unsere Eltern machen, die beide getrennt waren.

Ich hoffte, er würde sich dafür genauso anstrengen.

Er machte mich sehr selten vor anderen runter, meist nur, wenn wir alleine waren. Da war ihm jeder Anlaß willkommen.

Über Vieles hätte man reden, oder lachen können, meist waren es Lapalien, an die ich mich im Nachhinein nicht mal mehr erinnerte. Doch er wurde wütend, so richtig wütend.

Was auch immer ich tat, oder sagte, für ihn war ich dumm. War ich schlecht drauf, reagierte er genervt und sagte, ich solle mich nicht so anstellen. Ob man mir eigentlich nie was recht machen könne.

Einmal war ich bereit zu gehen, dann sagte er mir, ich hätte alles falsch verstanden. Das konnte er gut, immer die Tatsachen verdrehen.

Ich blieb und dieses Muster zog sich durch unsere Beziehung. Ich glaubte ihm, wenn er mir hoch und heilig versprach sich zu ändern.

Ich hangelte mich von Hoffnungsschimmer zu Hoffnungsschimmer, es würde sicher bald besser werden.

Wenn wir nur erst zusammen wohnen, wenn das erste Kind mal da ist, wenn wir nur endlich in unser Haus ziehen können, wenn nur seine Weiterbildung abgeschlossen ist.

Ich habe viel gelesen über narzisszisch gestörte Beziehungen und habe alles verschlungen. Mit jedem Satz stellte ich fest:

Das sind doch wir!?

Der narzisstische Partner setzt den anderen und alles was ihm lieb ist, herab.

Dass sie ihre Partner mit Liebesentzug strafen.

Statt ihm klar zu machen, dass er so nicht mit mir umgehen kann, verstummte ich. Ich hab jeden seiner Vorwürfe auf mich genommen. Dann habe ich versucht, Dinge nicht mehr auszusprechen, weil es dann Streit gegeben hätte. Zu oft habe ich dabei gehört:

„Ach, jetzt geht es mal wieder nur um dich!“ Und: „Ach, jetzt bin ich wieder an allem Schuld?!“

Ich hätte ihm die Stirn bieten sollen, fürchtete mich aber vor seinem eiskalten Blick und seinen schwarzen Augen, die er dann immer bekam.

Als ich die Reißleine zog, hatte ich aufgegeben, dass er sich je ändert. Er ist kein schlechter Mensch, aber er kann nicht anders, verstand ich.

Was ich noch verstand war, dass auch ich kein schlechter Mensch bin.

Ich hatte mich in all der Zeit so sehr von mir selber entfernt und war traurig.

Und obwohl ich in dieser Beziehung fast vor die Hunde ging, schmerzte der Abschied so sehr. 

Ebenso schmerzte die Frage, was mein Anteil daran war. Zu einer Beziehung gehörten ja immer zwei. Einer der ausführt und ein anderer, der zulässt. 

Jeder muss seine Rolle in einem Partnerschaft hinterfragen. Es ist nicht so, dass man einfach mit jemanden zusammen den Weg geht und dann gibt es plötzlich einen Schuldigen. 

Beziehungsdynamiken werden von zwei Seiten gespeist.

Sicher gab es ganz große Anzeichen, wie es endet, von Anfang an. Jeder kennt es, hinterher denkt man „Ach ja, natürlich!“

Klar hätte ich was merken müssen, aber ich habe es mir einfach schön geredet, weil ich es mir so sehr gewünscht habe.

Ich hatte immer das Gefühl, ich muss mich reduzieren, damit ich diese Beziehung aufrecht halten kann.

Wir akzeptieren somit Dinge an Menschen, die wir nie akzeptieren sollten. Es ist meist gar nicht so sichtbar, eher subtil.

Viele kleine Taten, viele kleine Schritte, bei denen man denkt: „Naja, so schlimm war das ja jetzt nicht!“ Dann suchte ich insgeheim nach Argumenten, warum diese Beziehung EIGENTLICH ja ganz gut ist.

Bedürfnisse werden in der Kindheit angelegt. Klar freut man sich bei schwachem Selbstbewusstsein, wenn da jemand kommt und sagt: „Dich will ich, du bist es!“

Es ist so wichtig seine eigene Geschichte zu kennen und zu hinterfragen.

Ist das eine Beziehungskonstellation, in der ich wirklich gesund leben kann, oder füttert es eigentlich nur mein Trauma?

In einer Beziehung mit einem Narzissten hast du nur eine Alternative: dich selber und all deine Bedürfnisse verschwinden zu lassen. Als Partner können wir ihm nicht so viel geben, ohne uns selber komplett auszulöschen.

Die Beziehung macht nur für den Narzissten Sinn, weil er damit sein Ego füttern kann.

Heute wird mehr darüber geredet und dabei denken einige: „Das ist ja wie bei mir!“

Ich habe alles geheim gehalten, weil ich auch eine erfolgreiche Beziehung führen wollte.

Und aus Scham, weil ich genau wusste, zu was ein Außenstehender mir raten würde beim Hören meiner Geschichte. Dann wäre klar, dass ich ein totes Pferd durch die Wüste geritten habe.

Lieber keine Beziehung, als eine schlechte sage ich heute.

Mit dem Wissen von heute…

Hattet ihr auch schon mal den Wunsch eure „großen“ Kinder nochmal von vorne zu erziehen- nur mit den Erkenntnissen und Erfahrungen von heute?

Ich wäre heute eine so viel bessere Mutter für meine Jungs, wie die unreflektierte junge Frau von damals es sein konnte.

Mit dem Wissen von heute würde ich so gern nochmal von vorne beginnen.

Ich würde so Vieles immer wieder genau so machen. Ich bin so erfüllt von all der gemeinsamen Zeit, dem Lachen, dem Tragen, den stundenlangen Schlafbegleitungen, dem Vorlesen, den Waderungen, dem Höhlen bauen , barfuß laufen, in Pfützen springen, auf Bäume klettern und all den Grasflecken.

Ich habe alles tief in mich eingesaugt, geküsst, am Haar gerochen, gestreichelt, massiert und endlos gekuschelt.

Was ich wirklich, wirklich bereue und meinem Ich von damals sagen würde:

Nimm das Leben nicht ganz so schwer!

Mach eine lange Elternzeit und geh nicht gleich nach einem Jahr wieder arbeiten!

Ich war so drin in diesem „Sicherheitsding“ und es war von vorn herein immer klar, dass finanziell nicht mehr als 1 Jahr drin ist. Ich hab das nie hinterfragt, es war halt so.

Die Doppelbelastung hat mich eiskalt erwischt, der Druck, da es kaum mal einen Monat ohne Kindkranktage gab. Es war so frustrierend und ich so ungeduldig.

Beim 2. Sohn hatte ich es immer noch nicht gelernt. Dann schon alleinerziehend. Die paar Monate im Harz 4 nach der Trennung haben mich gebrochen. Gesuchte Fachkraft, unbefristeter Arbeitsvertrag und trotzdem in dieser Lage. Diese Verzweiflung mich ganz unten zu befinden und die ewige Frage:

Wie konnte das nur passieren?

Ich hab noch nachts gestillt. Morgens um 5, wenn der Wecker klingelte, fühle ich mich wie vom LKW überrollt.

Zwei kleine Kinder morgens vor der Arbeit fertig machen, mich nebenbei auch noch. Mit müdem Kind, das mich sitzend von der Waschmaschine aus in seinem Schlafsack beim Schminken beobachtet.

Nie wieder würde ich mich so sehr kaputt machen wie damals. Heute würde ich weiss Gott weniger mit der Situation hadern. Ich würde 3 Jahre mit meinem Kleinkind daheim bleiben, trotz wenig Geld und würde mir selbst sagen:

Ich hab es mir nicht ausgesucht und ich hab das System nicht so gemacht. Ich schaue nach mir, nach uns, ich hab noch genug Gelegenheit in die Kasse einzuzahlen. Jetzt brauche ich erstmal die Hilfe, um klarzukommen.

Ebenso würde ich mich bei kranken Kindern ganz ohne schlechtes Gewissen krankmelden.

Nicht so viel mit Medizin arbeiten, damit sie ja bald wieder funktionieren und ich arbeiten gehen kann. Vor lauter schlechtem Gewissen den Kollegen gegenüber.

Ich würde ihnen die Zeit geben, die ihr kleiner Körper braucht und mich entspannt mit ihnen unter der Decke einkuscheln.

Ich würde nicht wieder verzweifelt nach Lösungen suchen, wenn der Kindsvater mal wieder das Umgangswochenende abgesagt hat, oder die Ferien nicht wie geplant stemmen kann.

Es ist nicht meine Schuld, ich kann nichts dafür, ich bade es nicht aus und melde mich einfach krank, um für meine Kinder dazusein. So mein heutiges Ich.

Ich würde mich genauso wie damals von einem Mann trennen, der nicht gut zu mir ist.

Jedoch würde ich mir viel schneller mein soziales Netzwerk aufbauen, mich unabhängig von ihm machen und frei.

Ich würde viel mehr auf mein Bauchgefühl hören und seine Spielchen viel schneller unterbinden.

Niemals wieder würde ich auf irgendwas verzichten, was mir eigentlich zusteht, nur aus der Hoffnung heraus, dass dann bald Harmonie ist und der Ex aufhört zu toben.

Das ist das einzige, was ich anderen frisch getrennten Mamas rate:

Holt euch, was euch zusteht und verzichtet auf NICHTS!

Das macht man halt so/ Das macht man nicht

Gestern waren wir auf dem Wintermarkt im Nachbarort zum Langos essen.

Wir warteten extra bis es dunkel wurde. Für die Stimmung.

Dort trafen wir eine Bekannte und sie sagte sowas wie:

“ Am Tag wird was geschafft und wenn man nichts mehr sieht, geht man auf den Weihnachtsmarkt. Das war schon immer so.“

Der Satz hallte nach und gab mir zu denken.

Was hatte ich heute getan, dass ich mir den Weihnachtsmarkt verdiene?

Mein Sohn sorgte fürs Frühstück und machte wie immer am Wochenende pancakes.

Mittagessen hab ich nicht kochen müssen, denn ich habe Freitag vorgekocht.

Hier wurde in der Küche getanzt, was für die Schule gemacht, gespielt, gebastelt, geschraubt und gebacken.

Wir hatten es sehr entspannt und lagen stundenlang auf der Couch, bevor wir dort hingingen.

Sogar ein Nickerchen hab ich eingelegt.

Ich leiste viel. Und muss mir nichts verdienen entschied ich für mich.

Ich bin nicht faul. Ganz und gar nicht.

Ich achte auf mich. Auf uns.

Auf Ruhe und Entspannung.

Ich bin froh über unser Leben, das nicht geleitet ist von „das macht man halt so“.

Wir entscheiden selber, wie wir es machen!

Im Alltag mit Schule und Arbeit, Training der Jungs und all dem, ist bei uns immer alles durchgehalten. Da sitze ich abends das erste Mal und spüre die Schritte des Tages.

Da geht es drum pünktlich zu sein und alles zu schaffen.

Das Wochenende darf ein Kontrast dazu sein.

Dazu gehört in den Tag hinein leben, faul sein, sich einkuscheln, absolut nichts vorhaben.

Die Zeit nicht im Blick zu haben, mittags die Reste vom Frühstück zu essen und das Mittagessen ausfallen lassen.

Kuscheln und spielen mit dem Kater.

22 Uhr nochmal beim Teenager klopfen und fragen, ob er alles hat für einen gemütlichen Abend und sich wohl fühlt.

Wenn er dann sein Handy weglegt und wir bis 22.22 Uhr deeptalken, ich mit ner fetten Umarmung aus seinem Zimmer geschickt werde, dann ist die Welt für mich in Ordnung.

Meine Kinder können sehr gut für sich sorgen und achten besonders am Wochenende darauf, dass sie es ganz gemütlich haben.

Heute musste ich mit meinem kleinen Sohn in sein Bett liegen. Er hat alles dunkel gemacht und die Rollo runtergelassen.

Per Fernbedienung gehen die Lichter seiner neuen Lichterkette an.

Er legte sich in meinen Arm und sagte:

„Das ist so schön!“ Und das war es.

Ich liebe das Vorlesen am Tag, weil wir einfach Zeit haben.

Das Uno spielen 8 Uhr morgens.

Ich muss zum Glück nicht im Garten arbeiten, weil ich gar keinen besitze.

Ich muss nicht das ganze Haus auf Vordermann bringen, weil wir nur ne kleine Wohnung haben.

Was jedoch groß ist- das ist mein Herz.

Wo ich reich bin- das ist an schönen Erinnerungen genau an all das.

Mir egal, wie man das so macht. Ich mach es so.

Lernprozesse und Erfolgserlebnisse

Hausaufgaben sind bei uns ja so ein Thema.

Immer mehr Lehrer und Schulen entscheiden sich gegen Hausaufgaben, da einfach nicht alle Kinder gute Voraussetzungen und Bedingungen zu Hause haben.

Ich warte so sehr auf den Tag und hoffe, wir erleben ihn noch.

Hausaufgaben sind bei uns ein wahnsinns Stressfaktor und ein enormer Gefährder unserer guten Bindung.

Das war vielleicht früher ok, als nur die Männer gearbeitet haben, die Frauen Hausfrauen waren und 12 Uhr mittags das frisch gekochte Essen auf dem Tisch stand.

Diese Mütter hatten dann genügend Kapazität , sich im Anschluss um die Hausaufgaben der Kinder zu kümmern.

Die Zeiten haben sich geändert.

Wenn man, wie in meinem Fall, alleinerziehend und berufstätig ist, muss man schon einiges auf sich nehmen.

Ich habe zb meine Arbeitsstunden umverteilt, um so oft wie möglich mittags mit meinem Sohn in der 4. Klasse Hausaufgaben machen zu können.

Das geht nur, wenn man einen tollen, entgegenkommenden Vorgesetzten hat, der Verständnis zeigt, wenn dein Kind in dieser riesen Gruppe mit anderen Hausaufgabenkindern untergeht, sich nicht konzentrieren kann und kaum voran kommt.

Am Freitag gibt es gefühlt immer die meisten Hausaufgaben, ganz nach dem Motto:

Da hat man ja genügend Zeit!

Und tatsächlich haben sich diesmal die Hausaufgaben von Freitag bis Sonntag erstreckt. Ich habe Freitag auf einen Teil Englisch und Mathe bestanden.

Es war wirklich viel, ich wusste, wie sehr ihn das fordern wird. Gleichzeitig weiss ich, dass er freitags nach der Schule einfach nur k.o ist und da nicht viel geht.

Am Samstag Fussballtraining, Mittagessen und ein Friseurtermin in der Stadt- schon hatten wir die Überforderung.

Müde, keine Lust und „es ist einfach so viel!“

Für heute war noch ein Schleichdiktat übrig, ein langes. Und das war der Endgegner.

Gestern Abend kündigte er schon sehr bestimmt an, dass er das auf gaaaar keinen Fall machen wird.

Ich habe den Druck deutlich gespürt und auch meine Angespanntheit.

Wir haben heute Nachmittag etwas Schönes vor, das ihm wichtig ist.

Es war klar, nach Ausschlafen, frühstücken, anziehen usw. wird begonnen.

Es war zäh. Immer wieder wurden Wörter durchgestrichen, Rechtschreibfehler gemacht, vom Schriftbild nicht zu reden.

Klar hatte ich es auf der Zunge:

„Du machst das jetzt, sonst gehen wir nicht ins Kino!“

„Das wird jetzt gemacht und basta!“

„So viel ist es doch gar nicht, jetzt komm!“

Wenn du das nicht machst, kannst du sämtliche Medien heute vergessen!“

Er saß da und rebellierte.

„Noch so viel, das schaff ich nicht!“

Wir hatten den Wecker auf 30 min gestellt, die war längst rum und der Text noch nicht annähernd fertig.

Pause.

Er legte sich auf die Couch, gähnte, spielte mit dem Kater.

Traurig sah er aus, erschöpft und überfordert.

Als ich mich zu ihm legte, fing er an zu weinen.

Er fühlte sich erpresst, „weil wenn ich es nicht mache, gehen wie sicher nicht ins Kino!“

Also wurde erstmal geklärt, dass diese Verabredung mit dem besten Freund indiskutabel ist. Daran wird nicht gerüttelt. Niemals.

Ich hielt ihn lange im Arm und verstand ihn total. Es war wirklich viel. Vollstes Verständnis, dass er keine Lust mehr hatte, wo er doch schon so viel geleistet hatte.

Ich hatte die bereits abgeschriebenen Zeilen in Streifen geschnitten und wir einigten uns darauf, diese erstmal zu verbrennen.

Ja, in der Wohnung. Mit Feuerzeug und Papierstreifen in der Hand halten.

Dafür haben wir unsere extra Schüssel.

Er stellte fest, dass er ja bereits über der Hälfte sein muss, so viele Streifen, wie er verbrennen darf.

Nach ganz viel kuscheln, ein paar Lieblingsliedern über Püpse und Bratwürste, hatte ich seine Bereitschaft wieder.

Streifen für Streifen legte ich ihm zum Abschreiben hin und danach wollte er jeden mit einem Karatetrick durchtrennen.

Wir lachten, hatten Spass und ich spürte die Erleichterung.

Der letzte Satz war vollbracht und diesen Streifen wollte er wieder verbrennen.

„Boah!“

Als alles in den Ranzen gepackt werden konnte, klatschten wir ab. Meine Handinnenfläche glühte und war feuerrot. Er lachte.

Dann wünschte ich mir zur Feier des Tages einen Freudentanz, um das vollbrachte Werk zu feiern.

Er grinste, zog die Augenbrauen hoch. Dann hörte ich:

„Alexa, bitte spiele Macarena!“

Und wir tanzten drei Runden, fielen uns lachend in den Arm. Ich sagte ihm, dass ich sehr froh über ihn bin und dankte ihm fürs Mitmachen.

Diese Momente fallen mir noch oft schwer. Wie viel leichter ist es mit „Wenn- dann“ zu arbeiten, weil man es nicht besser gelernt hat und völlig hilflos ist.

Dass dieses Diktat geschrieben wird, stand nie zur Debatte.

Nur das WIE!

Hier heilt auf ein bisschen mein inneres Kind!

Alleinerziehend und der Tod

Als Krankenschwester habe ich viele Menschen in den Tod begleitet, habe ihre Hand gehalte, Verstorbene versorgt und gerichtet.

Bei einem Sterbeseminar vor Jahren merkte ich, wie klar es war:

Der Tod gehört zum Leben dazu. Ich kann gut damit umgehen…solange es nicht um meinen eigenen geht.

Die Dozentin hatte ein paar Fragen vorbereitet, die jeder für sich im Stillen beantworten sollte.

Mir ging es gar nicht gut damit, Panik stieg auf.

Es war das gleiche Gefühl, das mich vor einigen Tagen aufsuchte.

Ich hatte einen schönen Abend mit Kollegen, fuhr mit dem Auto nach Hause und verfasste meiner Freundin eine Sprachnachricht.

Ich erzählte ihr, wie gut dieser Abend ohne Kinder mir tat und wie toll es ist große Kinder zu haben, die man alleine zu Hause lassen kann.

Es war dunkel und neblig. Plötzlich hatte ich für 2 Sekunden dieses Bild vor meinem geistigen Auge, wie ich nach einem Unfall nur noch wimmerte und eingeklemmt war.

Nicht tot, aber es sah nicht gut aus.

Es schien mir wie eine Art Warnung zu sein.

Klar, ich wollte schnell nach Hause.

Aber gesund und lebendig.

Gleich bremste ich ab und konzentrierte mich auf die Straße.

Wieder wurde es mir bewusst:

Mir darf nichts passieren.

Jemand der glücklich verheiratet ist, oder ein toller, verantwortungsvoller Papa sich um die Kinder kümmert, da ist es klar.

Sollte die Mama sterben, ist immerhin der Papa da und man weiss das Kind in guten Händen. 

Wenn der Kindsvater jedoch nicht mal für sich die Verantwortung übernehmen kann, man selber keine Geschwister hat, ja dann wird es eng.

Was soll aus den Kindern werden, wenn ich nicht mehr bin?

Also ist die Antwort klar: mir wird nichts passieren und ich werde nicht sterben, bevor die Jungs selbständig leben können.

Und wenn doch, hoffe ich, sie sind alt genug und ich habe ihnen genug gute Werte mit auf den Weg gegeben, dass sie widerstandsfähig und selbstbewusst genug sind, danach zu leben.