Corona kann uns mal!

Die letzten Tage war ich genervt und gefrustet. Von den Kindern, die es vor 8 Uhr morgens schaffen sich zu schlagen. Von dem Geschrei, dem Gestreite, dem dauernden: „Ich hab Hunger!“

Ich war genervt von den Schulaufgaben und dass es nicht voran geht.

Fühlte mich verspottet von den Artikeln, dass Kinder teilweise nicht mehr gewisse Läden betreten dürfen.

Ich fragte mich, ob alle jetzt spinnen, oder, ob ich es vielleicht bin.

Mich nervt dieses Thema langsam so sehr und doch kommt man nicht dran vorbei.

Noch nie hatte ich das Gefühl, dass meine Freiheit so eingeschränkt wird und es macht mich rebellisch.

Ich stelle mir insgeheim die Frage, ob man im Vorbeigehen doch mal auf die Rutsche steigen sollte. Ist ja eh niemand dort, darum geht’s doch wohl.

Der Spielplatz ist nicht das Problem, nur soll man sich dort nicht versammeln. Alles verstanden. Dann beanspruche ich diesen 10 min des ganzen Tages und wir sind alle glücklich.

Ich werde meine Jungs so sehr auf der Schaukel anschucken, dass sie etwas abheben und ihnen die Haare hochstehen.

Wie schnell man die „normalen“ Dinge seines Lebens vermisst, wenn man dieses Absperrband sieht.

Gestern Abend fing es schon leicht an zu kribbeln. Ich habe viele Tage am Stück frei und habe Ideen, wie wir die Zeit verbringen können.

Ich freute mich drauf.

Gut gelaunt starteten wir in den Tag.

Wenn in unserem Hause der Rucksack gepackt wird, bedeutet das nur eins: ABENTEUER!

An dieser Stelle im Wald sind wir ab und zu im Sommer. Ich war der Meinung, dass ein Waldspielplatz nicht gesperrt ist, weil er doch mitten im Wald ist. Und Wald ist doch gut.

Zumindest war da kein Absperrband drum herum.

Wir fingen an ein Tipi um einen Baum herum zu bauen. Wie immer haben wir Sägen, Feilen und die Schnitzmesser dabei, da macht alles gleich viel mehr Spass.

Wir arbeiteten alle zusammen und der Grosse bestimmte, welche Äste wohin kommen. Er schimpfte, als ich nach Stunden eine 2. Pause machte und nur von meinem Baumstamm sitzend beobachtete.

Er war verbissen, voll dabei und liess sich von nichts ablenken. Wie immer, wenn ihn etwas so fesselt.

Er fand ich hatte gute Ideen und ich freute mich über sein: “ Hey Mama, das macht echt voll Spass mit dir!“

An den Reckstangen neben uns tauchte ein junger Mann in grauem Jogginganzug auf. Er wärmte sich mit Hampelmännern auf und hatte scheinbar Grösseres vor.

Der Grosse sah mich lächelnd und verstohlen an. „Findest du den gut, sei ehrlich!?!“

Ich bin sehr kurzsichtig. Ich denke er gefiel mir, sicher kann man sich mit fast minus 2 Dioptrin nie sein. Er könnte 25 sein. Oder auch schon 35. Dass er gross und sportlich war konnte ich gut erkennen.

Sohn und ich lächelten einander an. Er kennt mich. Und ich war verwirrt. Es war eine etwas befremdliche Situation.

Heute ist Dienstag, oder Mittwoch. Wer weiss das schon so genau!?!

Der Mann vom Ordnungsamt lief lächelnd vorbei.

Es war ja nicht der Spielplatz! Es war der Fitnessparcour!

Auf dem kleinen Schild an dem Baum war nur vom Spielplatz die Rede. Heute nehmen wir es genau! Heute sind wir pingelig und der Mann vom Ordnungsamt ist auf unserer Seite. Danke dafür!

Es liefen immer mehr Menschen durch den Wald. Viele mit ihrem Hund.

Genauso viele mit Kindern, die einmal kurz balancierten, nen Aufschwung machten oder sich an dem Barren hochstemmten.

Alles mit Abstand und alles geregelt. Jedem sah man das schlechte Gewissen etwas an und sicher jeder hoffte, dass einen niemand ermahnte. Die Stimmung schien gut, man grüsste sich, lächelte. Allen ging es wie uns. Alle wollen raus und sich bewegen.

Erst am frühen Abend zog es uns zum Auto zurück. Dreckig, staubig, mit Ästen im Kragen, Moos auf der Mütze, singend, pfeiffend und mit Stock in der Hand.

So muss es sein. Ich bin glücklich.

Gar nicht mehr bäh und mit Zornesfalte.

Ich denke:

Danke Corona für diesen Tag! Ohne dich wären wir nie mitten in der Woche dort gelandet.

Danke, dass wir jetzt so viel Zeit haben für die Dinge, die uns gut tun und zusammenschweissen.

Danke für unser kleines „Schweden-gefühl“ heute. Frei sein, alles machen können. Trotzdem Abstand halten und Respekt vor dir.

Das geht. Alle, die uns heute dort begegnet sind, haben es bewiesen. Es war schön zu sehen.

Danke für die neuen Blickwinkel, dass du uns nicht mehr nimmst als du uns gibst.

Fast 5 Mal fragte der Grosse mich, wie spät es sei. Nicht, weil es langweilig war. Sondern weil er weiss, dass die Zeit wie im Flug vergeht, wenn es Spass macht. Er wollte sie am liebsten anhalten und hatte Angst, dass bald Abend ist, bevor sein Werk fertig ist.

Auf der Fahrt nach Hause haben wir viel geredet, und laut mitgesungen.

Nach einer kurzen Pause sagte der Zwerg ernst: „Also ich fand den Mann im Wald heute auch sehr schön!“

Unsere Blicke trafen sich im Rückspiegel und wir haben laut gelacht.

Danke Corona für den abendlichen Film auf Prime, den wir zusammengekuschelt auf der Couch sehen und uns schon morgens darauf freuen.

Vor einigen Wochen habe ich mir genau das so sehr gewünscht: dass einfach mal NICHTS ist! Keine Termine, dass ich keins der Kinder irgendwohin kutschieren und immer: „Los jetzt“ sagen muss.

Das Leben ist schön! Immer noch!

Anders, gewöhnungsbedürftig. Ich möchte das NORMALE bitte bald wieder zurück, ja.

Das, indem meine Jungs abends von ihren Freunden und den Erlebnissen in Schule und Kindergarten erzählen.

Das, indem nicht ich (die keine Geduld hat) meinem Sohn das Subtrahieren mit zwei Mal wechseln beibringen muss.

Das, in dem wir alle einige Stunden am Vormittag voneinander getrennt sind und uns aufeinander freuen können.

Das, indem ich Geld auf die Mensakarte laden kann, weil ich Kochen so gar nicht mag.

Bis dahin, was soll ich sagen? Wir machen das beste draus und geniessen. Sicher werden wir irgendwann dieses Jahr zurückblicken und denken:

Ach, damals im Frühling. Als wir Mitten in der Woche diese ganzen Ausflüge gemacht haben! Das war schön!

Alles wird gut! Alles IST gut!

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