Mein Spagat (zwischen Arbeit und den Kindern)

Ich bin Krankenschwester. Eigentlich habe ich diese Woche frei, habe mich aber breitschlagen lassen, heute wegen Personalengpaß einzuspringen. Gleichzeitig sind Ferien.

Meine Kinder sind öfter mal mit dabei.

Bei der Arbeit????

Ja. Denn ich arbeite in einem Seniorenheim und da ist immer was los.

Meine Vorgesetzten sind da sehr entspannt, die Kollegen fühlen sich nicht gestört und die Bewohner erfreuen sich am Kinderlachen.

Es sind die Tage, an denen ich einen Zuckerschock befürchte, weil den beiden schon morgens Süßigkeiten zugesteckt werden.

Wir haben ein gemütliches Fernsehzimmer und wenn ich versuche sie da rauszulocken, sagen meine Kollegen:

„Ach komm, es sind Ferien!“

Meine Kinder wissen, wie wichtig mir diese Arbeit ist und wir uns nur deswegen Ausflüge leisten können, Eis essen, Schwimmbad und Kinonachmittage.

Ich bin wahnsinnig froh, dass ich als Alleinerziehende dieses Glück habe, meine Jungs mittags aus ihren Einrichtungen abholen zu können.

Das war mir von Anfang an sehr wichtig und ich habe mich bewusst dafür entschieden. Mir ist Zeit viel wichtiger als Geld, deshalb arbeite ich „nur“ 50%.

Das ist momentan genau der Spagat, den ich leisten kann, solang meine Jungs noch klein sind.

Mir geht es (meist) gut damit.

Ich habe gelernt auf mein Bauchgefühl zu hören und meine Grenzen anzunehmen was Zeit, Kraft, Geld, Flexibilitat etc betrifft.

Ja, ich kann nicht allem gerecht werden und ja, momentan ist mein Einsatz selten genug, weder zu Hause, noch im Beruf.

Wenn man das mal so akzeptiert, geht alles etwas leichter von der Hand.

Als ich vor Wochen gemütlich auf der Treppe saß und meinem Sohn beim Training zusah, fragte mich eine andere Mama, ob ich denn dafür Zeit hätte. Ich verstand nicht gleich und sie fragte, wann ich meinen Haushalt mache?

Ich musste kurz überlegen, aber dann leuchtete es mir ein. Der läuft einfach irgendwie mit und ist nicht auf Platz 1 meiner Prioritätenliste.

Natürlich habe ich nie das Gefühl allem gerecht zu werden, irgendwo hängt es immer. Meist am Geduldsfaden.

Von Anfang an dachte ich:

„Wenn ich das alles schon alleine machen muss, dann wenigstens richtig.“

Ich will sie nicht 16. 30 Uhr aus ihren Einrichtungen abholen, um sie kurz darauf ins Bett zu bringen. Das würde mich furchtbar unglücklich machen.

Mir ist bewusst, dass Viele in meiner Situation keine andere Wahl haben.

Wenn ich mir das bewusst mache, erfüllt mich dieses Gefühl: Dankbarkeit!

Wenn meine Kinder mich begleiten, sind die Regeln klar.

In erster Linie bin ich dort um zu arbeiten!

Bevor man in ein Zimmer geht, klopft man immer an und wartet erstmal.

Die Mama wird nicht in Bewohnerzimmer verfolgt, weil manche davon unbekleidet sein könnten und das nicht wollen.

Heute hörte ich vor der geschlossenen Tür öfter mal den Pfiff meines Sohnes, rein traute er sich nicht. Ich pfiff zurück. Dieses Zeichen gefiel ihm und es reichte aus.Wenn ich später die Tür öffnete, stand er fröhlich lächelnd davor.

Sie müssen höflich bleiben, auch wenn sie von der gleichen dementen Frau 10 mal das gleiche gefragt werden. Nett lächeln reicht mir dabei.

Oder sagen, dass sie etwas nicht wollen, aber eben freundlich.

Der Zwerg zog die Strategie mit dem NUR Lächeln heute knallhart durch.

Wir sind trotzdem irgendwie zusammen. Ich hab keinen Druck, weil ich in den Kindergarten hetzen muss und gehe alles in Ruhe an.

Es ist schön sie bei mir zu haben. Ihnen etwas zeigen zu können. Die Regeln im Umgang mit Menschen erklären zu können.

Sie lernen allein durch das Beobachten viel und sind sehr empathisch. Beide haben schon ein Gebiss gesehen, wissen genau was Demenz ist und kennen alle Fernbedienungen der Hilfsmittel. Sie wissen, dass alte Menschen „Windeln“ tragen und nicht immer alleine essen können.

Dass man blinden Menschen alles genau beschreiben muss, weil sie eben nicht sehen können. Sie wissen, dass es Tabletten in allen Formen und Farben gibt und was ein Rollator ist.

An einem Tag, als mich nur der Grosse begleitet hat, gab es einen Todesfall. Er kannte die Dame gut.

Er fragte, ob er mit mir zusammen in das Zimmer dürfe, um sie zu sehen.

Hand in Hand sind wir rein und haben ihr tschüss gesagt. Der Anblick machte ihm keine Angst, wir reden offen über den Tod.

Ich will das alles. Genauso!

Ich will die Hausaufgaben, den Stress, das Hin- und Hergefahre zu Hobbies und Freunden, das nur dadurch möglich ist.

Selten habe ich das Gefühl etwas zu verpassen und wir sind ein gutes Team.

Heute war es sehr harmonisch bei uns, fast schon unheimlich harmonisch.

Und wir alle waren unheimlich müde und erschöpft. Ich habe viel Kaffee getrunken, der Zwerg ist auf dem Teppich eingeschlafen und der Grosse hat seine Puzzleliebe wieder entdeckt.

Es war teilweise viele Minuten einfach still, weil jeder beschäftigt war. Herrlich!

Vielleicht habe ich heut etwas mehr durchgehen lassen wie sonst und vielleicht durften beide etwas länger wach bleiben als sonst. Einfach so.

Der Grosse sagte seinem Bruder heute ganze 3 mal, dass er ihn lieb hat und ich sagte auch mehrmals, wie froh ich bin, dass ich genau sie als Kinder habe.

Heute haben wir alle fürs Leben gelernt und unsere Herzen sind wieder etwas gewachsen.

Ich verbringe gerne Zeit mit ihnen. Mindestens so gern wie ohne sie. 😉

2 Kommentare zu „Mein Spagat (zwischen Arbeit und den Kindern)

  1. Wunderbarer Text, liebe Petra! Ich finde, aus deinen Beiträgen spricht oft so eine Wärme und Lebensklugheit. Freue mich immer, wenn du wieder einen Artikel postest!🙂 Und ja – deine Jungs lernen an den Tagen sicher mehr übers Leben als in jeder Kinderbetreuung und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es für die alten Damen und Herren auch schön ist. Diese Trennung der Lebensbereiche „Beruf/Privatleben“ oder auch „Krankheit/Gesundheit“, „Alter/Jugend“ empfinde ich ohnehin oft als wenig lebens- und menschgerecht. Danke für den schönen Beitrag! Lg, Sarah

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