Hin- und hergerissen

Wie ich momentan empfinde, würde Stunden dauern zu erklären.

Mein Pendel schlägt auf beiden Seiten stark aus:

Liebe und Wut

Traurigkeit und laut lachen

Einsamkeit und geniessen

Aufgewühlt und ruhig

Schockstarre und drauf los tanzen

Hoffnung und wie soll das alles nur werden?

Meine Freundin sagt: „Es ist wie im Krieg!“

Nein, Krieg fühlt sich glaube ich anders an. Dafür habe ich nicht genug Angst um mein Leben und das meiner Kinder.

Einerseits dränge ich meinen Sohn seinen Berg Schulaufgaben abzuarbeiten, weil schließlich sind ja keine Ferien und er darf sein Köpfchen ruhig etwas anstrengen.

Andererseits ist für mich noch kein Ende in Sicht. Vielleicht ist er schon in der 4. Klasse, wenn er wieder zur Schule darf. Vielleicht geht unser Leben erst im Herbst weiter, wenn endlich mal jemand wieder auf „play“ drückt.

Oder wir pausieren noch länger. Oder es wird nie wieder wie es noch vor 3 Wochen war. Was dann? Ich überlege mir, was ich beibehalten will, was ich sehnlichst vermisse und in Zukunft anders will.

Obwohl so Vieles weggefallen ist an Terminen und was man alles so schaffen muss, fühle ich mich gehetzt und ruhelos.

Ich vermisse mein altes Leben. Mit meinen Inseln, die mich wieder klar denken lassen. Mit dem „Alleinesein“, das mir jetzt so fehlt.

Ich vermisse die Stunden, in denen ich nur eins der Kinder bei mir habe und mich nur auf dieses konzentriere.

Es fehlt mir die Kinder zu Fuss von Schule und Kindergarten abzuholen und zusammen nach Hause zu schlendern.

Ich vermisse es unterwegs nette Menschen zu treffen, kurz stehen zu bleiben und sich auszutauschen.

Heute war der erste Tag, an dem die Kinder laut aussprachen, dass sie ihre Freunde vermissen.

Der Grosse fragte, ob wir mal wieder ins Legoland gehen und ob Tripsdrill schon geöffnet sei. Ich lächelte zaghaft und versprach, dass wir alles nachholen werden, wenn das hier vorbei ist.

Die Jungs streiten und kämpfen viel. Ich stehe regungslos da und hoffe, dass sie es selber lösen können. So lange beiße ich meine Zähne fest aufeinander, schließe die Augen und …

aaaaaatme…

1, 2, 3, 4…

Dann fällt mir auf, dass die beiden sich sonst am Tag oft nur wenige Stunden wach sehen.

Jetzt sind sie auch noch in der Notbetreuung zusammen und können sich nicht aus dem Weg gehen, gar vermissen.

Wir alle tun mir leid. Weil keiner auf seine Kosten kommt und ich niemanden gerecht werden kann. Mir am aller wenigsten.

Gegen trübe Gedanken gibts bei uns nur eins: raus, raus, raus!

Der Himmel war blau, die Sonne schien, das macht Hoffnung.

Erst unterwegs entschlossen wir uns um und landeten bei der Ruine im Nachbarort. Lange ist es her, dass wir dort waren, denn meist fanden wir im Alltagstrott keine Zeit dafür.

Als wir so wanderten und ich meine Jungs, die vor mir liefen beobachtete, lächelte ich.

Ich stellte fest, dass wir die schönsten Ausflüge gerade JETZT machen. Die in der Natur. Die, die keinen Cent kosten und doch so wertvoll sind.

Die, die schlechte Laune vertreiben und bei denen man „ahhhhhhh“ denkt.

Es wurde geschnitzt, gefeilt, gesägt, gesprungen, geklettert, gestaunt, entdeckt, erforscht, Energie abgebaut, geübt, gereimt, balanciert, sich gerollt, gehüpft und gesungen.

Wir haben in der Sonne, an der Mauer gelehnt und unsere Lieblingsmusik gehört. Ich konnte die Augen schließen und wendete mein Gesicht der Sonne zu.

Wir waren alleine dort, kein Mensch weit und breit war zu sehen.

Ich stand auf, um ein paar Hampelmänner zu machen. „Es“ musste raus!

Mein Sohn übte seinen flic flac und der Kleine seine Liegestütze. Jeder war beschäftigt und es machte Spass.

Als „eye oft the tiger“ lief, fingen wir alle ausgelassen an zu tanzen. So wie man eben tanzt, wenn man weiss, dass keiner einem zuschaut.

Nur wir drei, unter freiem Himmel, laut lachend. Mitten am Tag. Einfach so. Es ist das Lied, dass bei der allerersten Vorführung meines Sohnes im Geräteturnen lief und es macht was mit uns!

Ich dachte für mich:

Schau uns an, was haben wir es doch gut! Was haben wir nur für ein Glück!

Der Zwerg versuchte mehrmals mit dem Stock in seiner linken Hand den hochgeworfenen Stein zu treffen. Er gab nicht auf und ich rief ihm zu:

„Du schaffst das! Ich glaub an dich!“

Nach weiteren 6 Versuchen klappte es und ich strahlte mit ihm um die Wette, als ich dachte:

So müsste es immer sein!

Der Grosse wollte umdrehen, ich wollte laufen. Der Zwerg äußerte keine Wünsche und lief laut pfeiffend weiter, völlig eins mit der Natur.

Der Grosse merkte, dass sein Gemecker mich so gar nicht störte. Draußen ist es so viel leichter zu ertragen und auch zu ignorieren. Also was blieb ihm übrig?

„Wir protestieren, auf allen Vieren. Denn wir wissen, weiter laufen ist beschissen!“

Ich schmunzelte und versuchte nicht darauf zu reagieren, bis wir beide lauthals losgelacht haben.

Der Tank ist immer noch fast voll (also der am Auto!) und ich freue mich bei jedem Einsteigen ins Auto. Geld geben wir momentan nur für Lebensmittel aus.

Kein Kino, kein indoorspielplatz, kein Eis essen gehen.

Ich vermisse das Gefühl von Freiheit. Mich an allen Orten ohne schlechtes Gewissen aufhalten zu können.

In meinem Kopf sind noch so viele Orte, für die wir die nächsten Wochen Zeit haben. Solche, die keinen Cent kosten und bei denen man „ahhhhh“ denkt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s