Die Zeit anhalten

Manchmal kann ich unser Glück gar nicht fassen, das diese verdammte Corona „Krise“ uns gebracht hat.

Wie oft hab ich mich aufgrund von Alltagsstress und Papa-Wochenenden über zu wenig qualitytime beschwert?

Tadaaaaaaaa: hier ist sie!

Tragisch wäre es gewesen, wenn das alles im tiefsten Winter stattgefunden hätte. Wenn alles grau und matschig ist. Bitterkalt und dunkel noch dazu.

Aber jetzt können wir mal genauer hinschauen, wie alles erwacht und blüht.

Etwas genauer hinhören, wie es um uns herum zwitschert und der Specht klopft.

Wir lieben es Schmetterlinge mit den Augen zu verfolgen. Auch beim Zehnten wird es nicht langweilig und wir rufen laut: „Schau mal da!“

Die Sonne scheint, kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen.

Zeit für den ersten Sonnenbrand, weil man nicht wahrhaben will, dass die Sonne doch schon so viel Kraft hat.

Unser Leben könnte nicht kontrastreicher sein zu dem davor, vor diesem ganzen Wahnsinn.

Wir brauchen nicht viel zum Glücklichsein. Es ist wenig, das wir vermissen und manchmal hab ich inzwischen Angst, dass wir bald wieder im alten Trott sind.

Von Termin zu Termin hetzen, zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein müssen. Unterbrechen, alles stehen und liegen lassen müssen. Stress. Negativer Stress. Stress von dem ich mir bis vor kurzem noch sicher war, dass ich das alles ganz genau so will!

Dass das mein/unser Glück ist. Dass beide Kinder einem Hobby nachgehen und ich deswegen eben…hetze.

Ich beobachte meine Kinder und mein Herz ist erfüllt.

Wir leben in den Tag hinein. Können (fast) alles tun, worauf wir Lust haben. Wir haben keine Termine.

Wo es schön ist, bleiben wir stehen. Um Corona an sich geht es hier schon lange nicht mehr.

Wir sitzen 5 Stunden am Fluss und es ist keine Minute langweilig.

Wir kamen mit leeren Taschen. Und finden dort alles was wir brauchen, um glücklich zu sein. Meine Jungs bauen Staudämme mit bloßen Händen, türmen Steine aufeinander oder lassen sie im Wasser springen.

Sie suchen Stöcke und besondere Steine, die als Andenken in den Hosentaschen verschwinden.

Sie klettern und balancieren und haben Zeit auf Grashalmen zu kauen.

Ich sitze in den Kieselsteinen am Ufer und frage mich was wäre, wenn DAS das wahre Leben ist?

Was ist, wenn das Wenige es ist, worum es geht und was Glück für uns bedeutet?

Ich bin traurig, dass wir zuvor so wenig Zeit dafür hatten.

Ich sage glücklich: „Hört mal ganz genau hin!“

Mein Sohn antwortet schon leicht genervt: „Stille! Ja ich weiss!“ Aber sie tut uns allen so gut.

Ich mag das. Die Zeit vergeht so schnell, obwohl wir nicht vom Fleck kommen.

Ist es nicht so, dass Die Zeit immer nur dann so rast, wenn es am schönsten ist?

Was ist, wenn das das wahre Leben ist? Und wir erst jetzt richtig anfangen zu leben? Ich trauere um die ganzen Stunden, die wir verloren haben, wenn es so sein sollte!

Ich bin unsicher, wie wir weitermachen, wenn wir in unser altes Leben können.

Eine innere Stimme flüstert mir zu:

Nutz die Chance!

Noch ist sie sehr leise und ich bin noch nicht überzeugt, ob ich mutig genug bin.

Tief im Inneren wünsche ich mir, dass wir nach den Hausaufgaben noch Zeit genug haben an Strohhalmen zu knabbern und auf warmen Kieselsteinen zu sitzen. Feuer zu machen. Pizza zu bestellen, die wir ohne Besteck in der Einfahrt auf dem Boden sitzend essen.

Ich weiss, wir haben ne verdammt gute Zeit und wir brauchen so wenig.

Wir haben gerade Zeit für die EIGENTLICHEN Dinge. Dinge, an die die Kinder sich ewig erinnern werden und in Jahren noch fragen:

„Weisst du noch damals, als…“

Dass Grundschulkinder unter der Woche keine Zeit mehr finden sich zu treffen erscheint mir gerade mehr als absurd. Jeder hat sein Hobby und den Verein. Jeder an einem anderen Tag Training.

Also hetzt man von Termin zu Termin, um allem gerecht zu werden und sich zu beschweren, dass man keine Zeit für gar nichts hat. Dass man sich gestresst fühlt und unglücklich.

Dass scheinbar etwas fehlt- nur was?

Traut man sich nicht genauer hinzuhören? Aus Angst nicht dazuzugehören? Aus Angst was zu verpassen? Nicht zu genügen allein in seinem Sein? Der Irrglaube, dass man etwas leisten muss, um zu zählen?

Mit jedem Tag, der vergeht, wird die Stimme lauter. Der Mut grösser.

Ich bin mir sicher: wir brauchen so wenig und hier muss ich Einiges überdenken.

Machen wir weiter wie zuvor? Im Dezember wird dann wieder alles zuviel, die Termine und Veranstaltungen nehmen überhand und ich hoffe auf Erlösung.

Darauf, dass im nächsten Jahr alles anders ist. Und dann bin ich enttäuscht.

Diese Woche fragte ich meinen Sohn, was er vermisst seit Corona. Seine Freunde! Nicht die Schule, nicht ins Kino gehen, keinen Indoorspielplatz. Nicht mal sein Turnen. „Null“, sagt er sogar und ein bisschen muss ich schlucken.

War es doch noch nicht lang her, dass er sich sein Leben ohne seinen Sport nicht vorstellen konnte.

Aber damals hatten wir auch noch nicht soviel Zeit. Zum Steine werfen und auf Grashalmen zu kauen.

Vielleicht hatte ihm auch jemand eingeredet, das müsste alles so sein.

Der Zwerg ist sich sicher, dass er nicht mehr zur Musikschule will. Das akzeptiere ich und werde ihn abmelden.

Wenn der Grosse nur noch zwei Mal in der Woche trainieren will, oder auch nur einmal…nur so zum fit bleiben und aus Spass an der Freude, vielleicht ist er dann auch glücklicher.

Ich halte die Augen offen und höre in mich rein. Ich höre auf mein Bauchgefühl, es wird mir den richtigen Weg zeigen.

Solange sitze ich auf warmen Kieselsteinen und träume vor mich hin. Ich werde die Stille geniessen, die niemals langweilig wird.

Ein Kommentar zu „Die Zeit anhalten

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