Mein Herz wächst

Es ist sehr faszinierend, was diese „Krise“ mit mir macht und wie die Gefühlswelt schwankt.

Die Meldung, dass ein Schul-und Kindergartenalltag für meine Jungs in weite Ferne gerutscht ist, hat mich gestern voll erwischt.

Obwohl es absehbar war und auch mir klar, dass es nicht gleich weitergehen wird, war ich am Boden zerstört. Es war so ein bisschen hoffen, beten, hoffen, beten.

Und dann…

Ach nö, doch nicht! Ätsch!

Das Rumpelstielzchen in mir wurde geweckt und ich wollte einfach nur immer wieder wütend und vor Zorn stampfen.

Nach einmal drüber schlafen, sieht die Welt schon wieder anders aus. Wie bei allen Dingen, die erstmal so gewaltig wirken.

Diese Woche habe ich Urlaub und wir hätten ihn bei und mit meiner besten Freundin plus Familie verbracht.

Seit vielen Monaten ist es geplant, über mehrere Bundesländer hinweg, mit verschiedenen Ferienzeiten. Es war nicht einfach.

Noch schwerer war die Feststellung, dass auch hoffen hier nicht mehr reicht: es klappt nicht.

Am 1. 5 wären wir bei den Ehrlich Brothers in Stuttgart, das hatte ich meinem Sohn zum 9. Geburtstag geschenkt. Seit November hab ich die Karten schon und habe bis 15.3 das Geheimnis gehütet.

An seinem Geburtstag war für mich schon klar, dass wir da nicht hingehen werden, zumindest nicht im Mai. Es fühlt sich schlecht an.

Dann ist da noch unsere geplante Mutter-Kind-Kur Ende Mai, die bis jetzt auch sehr wackelt.

Wie hatte ich dafür gekämpft und wie hatte ich mich auf die 3 Wochen im Schwarzwald gefreut.

Wald und Natur, gute Luft.

Wir konnten vor 4 Jahren dort so schöne Erinnerungen sammeln.

Damals, nach der Trennung war das dieser kleine Lichtblick und er machte alles etwas erträglicher.

So war es!

Über diese ganzen Änderungen bin ich enttäuscht. Punkt.

Und doch! Wir sind gesund und wir haben uns.

Wir können viel Zeit miteinander verbringen, die uns oft gefehlt hat.

Alle zwei Wochen schloss ich am Freitag Abend die Tür hinter ihnen und meinem Ex-Mann. Immer dankbar, dass ich alleine sein darf, um Energie zu tanken. Und immer traurig über die fehlenden Stunden ohne Termine und Zeitdruck.

Heute hatten wir einige Erledigungen am Vormittag: Rezept abholen, Sanitätshaus, Pfandflaschen abgeben, zum Glascontainer und durch ein Autohaus sind wir geschlendert.

Anschnallen, abschnallen. Einsteigen, aussteigen.

Es tat gut, etwas vorzuhaben. Menschen zu sehen und mit ihnen zu reden. Über meine Arbeitskollegin und den Tratsch mit ihr habe ich mich sehr gefreut.

Wir drei beschlossen gemeinsam, dass wir heute nur im Garten bleiben.

Ausnahmsweise war es meine Idee und ich brachte den Jungs zwei Eimer mit Wasser. Sie waren kräftig am Rühren in ihren Behältern und immer mehr Zutaten in Form von Erde, Sand, Asche, Gras, Löwenzahn, Kies und Ziegelsteinpulver wurden dazugemischt.

Der Kleine sah mich fragend an, wenn er eine neue Idee hatte. Ich lächelte entspannt und dann zack- wurde es dazugemischt.

Immer wieder spritzte die braune Suppe ihm ins Gesicht und er wischte sich mit dem Arm ab.

Ich mag das, wenn meine Kinder dreckig sind. Echt!

Wenn sie so vertieft ins Spiel sind, vor Ideen fast explodieren, wenn sie wie wild arbeiten, machen und tun.

Ich mag die schwarzen Hände, die staubigen Hosen, die Grasflecken auf den Knien.

Die Nachbarskinder kamen mit Decke und Spielzeug bepackt dazu. Die Jungs freuen sich, denn es sind zur Zeit die einzigen Spielkameraden weit und breit. Sie hüpfen wild im Trampolin und spielen Karten.

Plötzlich wird es voll im Garten, drei Autos kommen näher. Die Vermieter und ihre Helfer kommen angedüst und wollen wahr machen, was sie so lang angekündigt haben: Hühner!

Schnell wird geklopft und gehämmert, ein Zaun aufgebaut und Schlafplätze. Die Kinder jubeln und helfen bereitwillig, das Material aus dem Auto zu laden.

Die Vermieterin fährt weg und als sie wiederkommt, steigt sie lachend aus.

30 Hühner hatte sie vor dem Tod gerettet und die Kinder sind ausser Rand und Band.

Ich beobachte sie und wie sie sich freuen. Jetzt haben wir den riesengroßen Garten, der uns zwar nicht gehört, aber den wir jederzeit nutzen dürfen. Wir haben ein Trampolin, eine Schaukel, einige Schafe und jetzt 30 Hühner.

Was haben meine Jungs für ein endloses Glück so aufwachsen zu dürfen!

Entschuldigung Corona, wir hätten gar keine Zeit für Schule und Alltag!

Wir sind viel zu beschäftigt mit das Leben geniessen, in der Sonne liegen, unsere Ohrwürmer wieder und immer wieder zu hören und uns neu zu entdecken.

Mir wird es etwas kühl und ich gehe schon mal rein.

Mein Grosser, der normalerweise an mir klebt wie Kaukummi, ruft nur:

„Ok, Mama.“

Ich drehe mich verwundert um. Nein, sie folgen mir nicht. Immer noch nicht…

Ich bin alleine!

Ich liege auf der Couch. Niemand redet, keiner legt sich dazu. Keiner hüpft auf mich drauf. Ich muss nichts machen. Nur liegen. Und geniessen.

Stille, ich vermisse dich!

Es reicht noch, um ein paar Wintersachen in den Keller zu räumen und nach Sandalen zu suchen. Hier räume ich ein bisschen rum und da.

Dann klingelt es an der Tür.

Die Jungs erzählen ganz aufgeregt, dass alle unten grillen. Ich gebe ihnen eine Packung Würstchen mit, Brot und 2 Teller.

Als es das nächste Mal klingelt ist es bereits nach 20 Uhr. Beide stinken nach Rauch, haben schwarze Gesichter und Hände. Sie überreichen mir einen vollen Teller. Brötchen, Salat und Fleisch.

„Das ist für dich haben sie gesagt!“

Ich bin dankbar und überrascht.

Die Jungs sitzen in der Wanne. Ich sitze am Tisch und esse.

Die Kinder sind ausgelassen und fröhlich. Sie reden durcheinander, singen und reimen. Sie fallen mir in den Arm und der Grosse sagt:

„Ich liebe dich nicht. Nicht.“

Das bedeutet, dass er mich liebt, so macht er das seit Wochen. Es ist nicht ganz so gefühlvoll wie ein „Ich liebe dich“ und dennoch ist alles gesagt.

Mein Fazit:

Jeder braucht Menschen um sich, Gespräche. In der Krise sind es vielleicht auch mal andere Menschen, mit denen man näher zusammen rückt.

Heute ist so ein Tag, an dem wir absolut nichts vermissen!

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