Corona- und endlich haben wir Zeit

Tag 2 nach Bekanntmachung, dass es jetzt auch in unserem Land ernster zugeht.

Ich gebe zu, das ganze Drumherum hat mir eine riesen Angst gemacht und das hat viele Gründe:

1. Ich bin alleinerziehende Mama. Mir werden Sozialkontakte in dieser Zeit sehr fehlen.

Wer einen Mann mit im Boot sitzen hat, der kann sich die Arbeit im besten Fall teilen. Man kann sich mal zum Durchschnaufen abseilen und der andere übernimmt.

Man hat abends jemanden zum Austauschen und sich gegenseitig beruhigen, stärken, seine Sorgen und Ängste aussprechen.

Vielleicht kann man trotz allem mal kurz alleine im Auto sitzen und die Musik aufdrehen. Alleine einkaufen gehen und nicht mit 2 Kindern im Schlepptau, die alles anfassen und um Süssigkeiten betteln.

Hmmmm…ist nicht wirklich ne Umstellung. Ist eigentlich so wie immer. Komm ich also mit klar, schließlich ist das mein Alltag.

Was die Sache umso trauriger macht. Mit „Sache“ meine ich in diesem Fall wohl mich.

2. Ich bin Krankenschwester. Ich bin alleine für die Finanzen zuständig. Homeoffice ist nicht möglich und freigestellt werden auch nicht, ich muss ran!

Meine Kinder müssen deswegen in die Notbetreuung. Als ich meinen 9 jährigen dafür anmeldete, war er das einzige Kind bisher. Von Klasse 1 bis 5.

Das einzige Kind, das in die Notbetreuung muss, damit Mama arbeiten gehen kann.

Der Zwerg muss in eine ihm völlig unbekannte Gruppe zu ihm völlig fremden Erziehern. Ich hatte Bauchschmerzen.

Waren meine Prioritäten hier falsch? Will ich das meinem Kind antun, wo ich doch weiss, dass er sich mit allem Neuen so schwer tut?

Sollte mein Sohn nicht oberste Priorität sein? Wie mach ich das bloß? Wie löse ich diese Sache, die mich nicht schlafen lässt?

Jemand da oben meinte es gut mit mir als ich meine Einstellung änderte.

Meine Kinder können stolz auf ihre Mama sein, denn wenn jeder nur an sich denkt, kommt man nicht weit. Wo man helfen kann, muss man mit anpacken, damit es nicht nur für einen selber funktioniert, sondern noch für einige mehr.

Ich fahre nicht panisch alleine mit dem Rettungsboot los, wenn ich es stattdessen volladen kann, damit es noch viele mehr schaffen.

Als ich das begriffen hatte, lösten sich all meine Probleme und eins ergab das andere. Mein Schuljunge geht die ersten Tage mit dem Kindergartenbruder zusammen in die Notfallbetreuung des Kindergartens. Die Chefin holte meinen kleinen Sohn am Montag aus seiner Gruppe ab, um ihm in der neuen Umgebung alles zu zeigen, ihm die neuen Gesichter vorzustellen.

Mittags konnte er mir stolz den Weg zur Wurzelgruppe zeigen, wir stellten Hausschuhe, Gummistiefel ab und hängten die Matschhose an den ausgesuchten Haken.

Dort erfuhren wir, dass die 2 weiteren angemeldeten Kinder bekannte Kinder sind, mit denen er sonst auch spielt. Extra für ihn, weil ich Bedenken äußerte, wurde noch eine Erzieherin aus seiner Gruppe dort eingeteilt, die er sehr mag.

Morgen ist es also soweit und ich bringe meine beiden Kinder in die Notbetreuung. Zusammen. Mit 2 anderen Kindergartenkindern und 4!!!! Erziehern. Quasi 1:1 Betreuung.

Ich freue mich darauf alleine zur Arbeit zu fahren, meine Freundin per Sprachnachricht auf den neusten Stand zu bringen und mit Menschen zusammen zu sein, die mich nicht Mama nennen.

3. Hilfe, mein roter Faden ist weg! Ich liebe ihn und er gibt mir Sicherheit. Unter der Woche ist unser Tag wirklich gut getaktet. Schule, Kindergarten, Arbeit, Training, Hausaufgaben, Fernsehzeit, Abendessen und Schlafenszeit.

In den Tag hineinleben, puh, das macht mir Schwierigkeiten. Meine Jungs haben Pfeffer im Hintern und sind nicht müde zu bekommen.

Hilfe!

Ich sehe meine wenige Zeit zwischen Kinder ins Bett bringen und selber schlafen schwinden. Wann hol ich bitte Luft? Wann tank ich auf, wenn ich beide Tag und Nacht um mich habe, außer, wenn ich arbeite!?!

Das erinnert mich an die Anfangszeit nach der Trennung, als ich deswegen auf dem Zahnfleisch ging.

Ich habe mir selber im Laufe der Zeit ein paar Freiheiten erkämpft, zb donnerstags, da muss ich beide erst halb 4 abholen. Oft bleibe ich da länger bei der Arbeit, um an Fortbildungen teilzunehmen, die Dokumentation in den Akten nachzuholen, oder einfach Kollegen zu unterstützen. Es fühlt sich trotzdem so nach Freiheit an!

Ebenso habe ich dafür gesorgt, dass jedes Kind Exklusivzeit mit Mama hat. Der Kleine, wenn der Bruder im Training oder bei Freunden ist.

Der Grosse, wenn der Zwerg 2 mal bis nachmittags im Kindergarten ist. Da werden Hausaufgaben zusammen gemacht und am Küchentisch.

Da wird für Tests gelernt und Buchpräsentationen vorbereitet. Manchmal auch nur Kniffel gespielt. Ich sehe die schöne Blase vor meinem geistigen Auge platzen.

Peng!!!!

4. Es gab doch noch so viel zu tun! Die Jungs müssen zum Friseur und der Kindergeburtstag muss vorbereitet werden.

Letztendlich ist für beides jetzt nicht die richtige Zeit. Der Kurzhaarschnitt ist eben jetzt etwas länger. Hier stört das niemanden und wir haben auch noch Geld gespart.

Meinem Sohn hab ich fest versprochen den Kindergeburtstag nachzuholen.

Noch wilder, noch lauter und mit 3 Kindern mehr, da jetzt das Wetter besser wird und wir dann im Garten feiern können. Er ist einerseits enttäuscht, hat aber gleichzeitig laut gejubelt.

Ich freu mich, dass mir der Grosseinkauf erspart bleibt und das Backen.

Also bin ich eine seeeeeehr entspannte Mutter, die die Zeit mit den Kindern in vollen Zügen geniessen kann! Haaaaaha.

Nein, bin ich nicht.

Ich bin gottfroh darüber, dass es in der Pflege keinen Homeoffice gibt, denn es ist mir ein Rätsel, wie DAS funktionieren soll. Ich würde ausrasten!

Ich bin froh, dass wir einen grossen Garten haben. Mit Gras, Tieren, Schaukel und Trampolin. Was für ein Glück! Momentan liege ich mittendrin in der Sonne. Kurzärmlig und mit Sonnenbrille auf. Ich habe schon 100 Kniebeugen gemacht und werde mit Salzbrezeln gefüttert.

Meine Jungs kämpfen viel und die schlimmste Zeit ist BIS 10 Uhr morgens. Wir sind das nicht gewohnt, lang am Stück aufeinanderzuhocken und keine Pause voneinander zu haben.

Das passiert schon allein durch die Papawochenenden nicht so oft. Und wenn, unternehmen wir eben was.

Grundsätzlich machen wir viel zusammen und brauchen dafür keine Coronakrise.

Auch sonst bauen wir Höhlen, kneten, machen Fahrradtouren, spielen Spiele, bauen mit Lego, machen Puzzle, malen, basteln und gehen in die Natur. Diese ganzen Tipps aus dem Internet…das ist unser Alltag.

Und doch habe ich Neues entdeckt, wenn man zum Entschleunigen gezwungen wird. Nicht flüchten kann wie sonst.

Gestern Mittag sind wir bepackt mit Proviant und Rollern aufgebrochen. Vielleicht sollte es eine Drohung sein, als ich ankündigte, dass wir erst am Abend zurück sein werden.

Wir hatten eine Mission: das weit entfernte Fass 2 Orte weiter. Noch nie haben wir es zu dritt hingeschafft. Mit dem Zwerg bin ich oft da, wenn der Grosse im Training ist.

Von uns daheim ist es weit. Also nicht für mich, wenn ich alleine wäre. Aber weit für einen 4 jährigen. Ich dachte nicht darüber nach, ob er die Strecke schafft. Wir hatten keine Zeitnot, keine Termine. Ob wir 2 h länger brauchen als geplant, war völlig egal. Wir hielten überall an, wo es schön war und wo etwas zu tun und erforschen war.

Immer wieder blieben wir stehen und staunten über die Aussicht. Der eine musste geduldig warten, bis der andere fertig mit Erkunden war, dann erst ging es weiter.

Wir haben viel über Konfuzius gelernt und selbst der Grosse musste schmunzeln, weil seine Zitate wie für ihn gemacht sind.

„Der Weg ist das Ziel“ war dabei unser stetiger Begleiter.

Denn am Ziel anzukommen, sich aber auf dem Weg  dahin selbst die Laune zu verderben, ein Stinkstiefel zu sein, andere mit runterziehen, sich zu bekriegen und am Ende selbst nicht ausstehen zu können, war nicht Sinn der Sache. Es geht nicht nur um das Ziel!

Wir waren unheimlich stolz, als wir es von Weitem entdeckten. Wir hatten es geschafft, jubelten und es fühlte sich toll an, das gemeinsam geschafft zu haben. Am Ende waren es fast 10 km, der Zwerg wollte nicht einmal getragen werden. Keiner klagte über schmerzende Füsse. Wir hatten alle Zeit der Welt! Wann hatten wir das sonst schon?

Ich bin dankbar für Amazon Prime, denn wir haben schon tolle Filme gesehen. Keine blöden Kinderserien, sondern schöne Filme mit Tiefgang. Heute musste ich sogar weinen vor Rührung und mein Grosser konnte nicht damit umgehen!

Er wollte, dass ich sofort aufhöre und fand das albern. Ich weiss, dass er so reagieren muss um sein Gesicht zu wahren, denn ihm ging es nicht anders als mir. Aber er denkt immer noch, dass es sich für einen „Mann“ nicht gehört. Er wollte nicht zuhören, hielt sich die Ohren zu und sang „lalalala“, als ich ihm meine Meinung dazu gesagt habe. Ich weiss, dass er mich gehört hat und hoffe er hat ebenso auch verstanden.

Meine Jungs werden 2 wichtige Dinge lernen: mit Langeweile umgehen ist das Erste. Davon haben wir jetzt mehr als genug und ich rühre mich nicht. Es gibt Schlimmeres, als sich in einem Garten voller Möglichkeiten zu langweilen.

Sich stöhnend auf die Decke fallen zu lassen und die Wolken zu beobachten. Tief im Inneren schmunzle ich. Denn wann haben wir dafür sonst schon Zeit?

Nach unserem Ausflug holte ich 2 Lappen und 1 Eimer Wasser. Damit putzen Sie ihre Roller, ihre Schuhe und am Ende sogar mein ganzes Auto.

Lektion Nr 2 wird sein, dass jeder mitanpacken muss. Noch mehr wie sonst. Da keine Schule ist, kein Training und auch sonst nichts, von dem man sich erholen müsste, sind die Aufgaben gewachsen.

Jeder saugt zum Beispiel sein Zimmer täglich selbst. Sie haben alle Fenster und Spiegel im Haus geputzt. Wann sonst ist dafür schon Zeit?

Die Hausaufgaben für die nächsten Wochen erscheinen mir momentan wie ein Berg.

Die Konzentration ist nicht gut, wenn der kleine Bruder im Nachbarzimmer Fernseh schaut. Es ist schwer einem Grundschulkind zu vermitteln, dass das hier nichts mit Ferien zu tun hat. Es nervt mich unheimlich, wenn ich bereits eine Seite vorgelesen habe, Sohnemann keine einzige der Fragen beantwortet hat und lachend sagt:

“ Ich glaub das ist grad alles umsonst, weil ich hör dir gar nicht zu.“

Ich habe keine Angst mehr. Unsere Tage sind anders, ja. Aber anders gut. Mit neuen Blickwinkeln. Neuen Ideen. Neuen Möglichkeiten. Wir nutzen es!

Die nächsten Tage werden wir noch Kinderyoga machen. Wir werden selber Spätzle schaben, statt sie zu kaufen. Denn…

wann bitte haben wir sonst schon dafür Zeit?

Über Lebensqualität und das glücklich sein

Es war der 2.8.2016.

Dieses Datum werde ich nie vergessen, denn es war sehr eindrücklich.

An diesem Tag zogen die Kinder und ich aus unserem Haus aus. Wieder in eine Wohnung.

Als ich damals zur Wohnungsbesichtigung ging, waren meine Jungs gerade 5 und 1. Der Grosse wollte nicht mit und als ich ihn fragte, was ihm wichtig sei, sagte er: eine Badewanne.

Die Aufteilung war perfekt, Küche war drin, Möbel konnte ich teilweise von der netten Vermieterin übernehmen und sie hatte tatsächlich eine Badewanne.

Bevor ich den Mietvertrag unterschrieb, ging ich mit den Kindern hin, um ihnen unser neues Zuhause zu zeigen.

Ich hatte Angst davor und entschuldigte mich davor schon bei der Vormieterin, falls abfällige Kommentare fallen würden und die Laune schlecht war. Sie kannte unsere Situation, erwartete uns mit Schokoriegeln, viel Geduld und einem seligen Lächeln.

Ich war überrascht, denn der Grosse lief aufgeregt durch alle Zimmer, freute sich riesig über den Balkon so hoch oben, die Katze, die im Haus wohnt und die elektrische Rollo im Wohnzimmer. Das alles hatten wir im Haus nicht.

Von Kindern kann man sehr viel lernen!

Ich fühlte mich unheimlich eingeengt und wie ein Hamster im Käfig. Ich trauerte der neuen Küche hinterher, den schönen Fliesen, dem Platz und dem Garten. Alles weg.

Es dauerte sehr lange, bis dieses Gefühl verging. Meine Jungs hatten es nie.

Sie freuten sich über ihre neuen Zimmer und dass wir alle in einem Bett schlafen. Es war Sommer, das machte Vieles gut.

Was ich damals noch nicht ahnte war, dass einer der Vermieter, nämlich genau der, der mit im Haus wohnte, sehr mürrisch war. Er lächelte nie und hasste Kinder.

Als ich ihn verzweifelt darum bat, mit mir die Woche für die Kehrwoche zu tauschen, liess er mich kalt abblitzen.

Ich war immer dann dran, wenn die Kinder das Wochende bei mir waren. Der Kleine konnte noch nicht laufen und machte schon keinen Mittagsschlaf mehr. Ich konnte beide nicht 1 h alleine in der Wohnung lassen. Ich hatte also beide im Schlepptau, kam nicht voran und hatte immer Angst, dass der Zwerg die Treppe runterfällt.

Letztendlich haben wir diese Zeit auch überstanden.

Es gab einen riesengroßen Garten, der zum Haus gehörte, den man aber nicht nutzen durfte. Da wurde nur regelmäßig Rasen gemäht, sonst passierte da nichts.

Ich vermisste es so sehr, mit den Kindern einfach raus in den Garten zu gehen.

Wir mussten also jeden Tag den Rucksack packen und irgendwo hinfahren, um in der Natur zu sein. Es war anstrengend.

Vielleicht habe ich es zu der Zeit auch nur so empfunden. Wir waren den ganzen Tag unterwegs. Von mittags bis abends.

Hauptsache raus. Hauptsache nicht nachdenken müssen. Hauptsache nicht in dieser kleinen Wohnung sein.

Einmal fragte ich den Vermieter, ob ich nicht mit den Jungs ab und zu in den Garten dürfe. Mal ein Rad schlagen, Picknick. Keine Löcher graben oder Sonstiges.

Er sagte ganz klar nein. In der Gießkanne vorm Haus hätte er nämlich 3 Steine gefunden und hatte jetzt schon Angst um seinen Garten und was wir dort wohl anstellen würden.

Ich hatte Tränen in den Augen. Das weiss ich noch.

Als mein Sohn irgendwann vom Stellplatz übers Gras zum Hauseingang lief, schrie er ihm hinterher, dass er das nicht mehr sehen will. Es gäbe nicht umsonst einen Gehweg! Da hatte er Tränen in den Augen.

Am nächsten Tag war an der Stelle ein Zaun. Ich war sprachlos und fühlte mich so unwohl. Der Preis war aber gut und etwas Größeres hätten wir uns nicht leisten können.

Irgendwann passierte es.

Das Haus wurde verkauft und der grimmige Kinderfeind zog aus.

Seitdem hat sich viel geändert. Alles!

Der neue Vermieter riss an Tag 2 schon den Zaun ab, der für meinen Sohn errichtet wurde. Ich schmunzelte.

Wir durften jetzt offiziell übers Gras laufen.

Der neue Vermieter wunderte sich, warum wir immer in unserer Sackgasse Ball spielten und nicht in den Garten gehen, da sei doch so viel Platz. Er war sprachlos, als ich ihm erzählte, dass wir da noch nie waren.

Dann kam der Tag, als wir es wagten.

Wir betraten den heiligen Garten und es war fantastisch! Wir hatten Obstbäume, von denen wir nichts ahnten. Der Grosse rollte sich im Gras und kletterte auf alle Bäume.

Es dauerte lange alles zu erkunden, denn der Garten war so riesig.

Nach einigen Wochen stand da ne Schaukel und ne Turnstange.

Es wurde noch besser.

Irgendwann fragte ich den Vermieter, ob mein grosser Sohn sich ein Trampolin zum Geburtstag wünschen darf und ob er das im Garten erlaubt. Aber natürlich!

Mein Sohn sagte nie, dass er das Haus vermisst. Aber sein Trampolin, das dort zurückblieb vermisste er sehr.

Die Tage waren gerettet!

Stundenlang sprangen die beiden und waren so glücklich. Für mich wurde es auch viel leichter. Ich konnte einfach auf der Decke in der Sonne liegen und hatte mal keinen an mir kleben.

Mit meiner Sonnenbrille auf der Nase konnte ich so tun, als schaue ich zu ihnen, hatte die Augen aber geschlossen und dachte nach. Ab und an wachte ich auch von meinem eigenen Schnarchen auf.

Letztes Jahr gab es die größte Überraschung, die wirklich so richtig unser Leben geändert hat. Plötzlich standen 5 Schafe im Garten und wir konnten es nicht fassen. Ich weiss noch, dass ich laut lachte und nicht aufhören konnte. Vor Glück. So richtig und mit Tränen in den Augen.

Nach einer Woche kamen sie schon angerannt, wenn wir klatschten. Sie ließen alles geduldig über sich ergehen: Kuckuckspiele zb, indem dem Schaf mit den eigenen Ohren die Augen zugehoben wurden.

Wir verbrachten jeden Tag Stunden im Garten und es gab sooooo viel zu tun. Wir hatten so viel Platz und auch noch Tiere, die sich übrigens schnell vermehrt haben.

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir ihnen nicht Karotten bringen und sie bürsten, streicheln, oder uns einfach über die handzahmen Tiere freuen.

Jetzt können sie Löcher graben, Insekten suchen, den Berg runterrollen, schaukeln, auf Bäume klettern und Verstecken spielen.

Im Sommer kommen noch Hühner und Enten dazu und wir haben so viel Glück!

Unser Leben hat sich dadurch komplett gewandelt. Ich stehe oft auf dem Balkon und schaue in den Garten. So viel Platz! 10 mal so gross wie der im Haus. Wir haben dort alles verloren, aber was wir gewonnen haben ist 1000 mal besser.

Ich bin so glücklich darüber, wie meine Kinder aufwachsen dürfen.

Jetzt haben wir sogar neue Nachbarn, 2 Mädchen im gleichen Alter wie meine Jungs. Sie verstehen sich sehr gut und toben oft zusammen. Ich freue mich so sehr auf den Frühling und den Sommer. Auf Picknick und auf der Decke eindösen.

Auf Flugzeug spielen unter freiem Himmel, auf Wolken im Liegen beobachten. Auf Stöcke schnitzen.

Auf Obst naschen direkt vom Baum.

Auf das Gefühl der Freiheit. Die schöne Aussicht. Auf Grasflecken, die beim Waschen nicht rausgehen.

Ferien, oder: wie mir die Puste ausging

Ich bin alleine. Um mich herum: RUHE!

Es ist Montag, die Ferien sind vorbei und ich habe heute frei. Ob meine Chefin beim Schreiben des Plans schon ahnte, dass ich das brauchen werde, oder es reiner Zufall ist, ich weiss es nicht.

Ferien sind toll, oder wie ich sage:

Anders anstrengend!

Diesmal habe ich gut durchgehalten und ich bin auch ein bisschen stolz auf mich.

„Ich mag jetzt nicht mehr“, stellte sich erst gestern im Laufe des Vormittages ein. Erstaunlich spät.

Ich merkte, wie mich die Lautstärke immer mehr nervte, wie ich innerlich die Augen verdrehte, wenn ein Kind etwas mit mir spielen wollte.

Mich trieb die Unordnung so allmählich in den Wahnsinn und der Satz „Ich hab Hunger“, machte mir schlechte Laune.

Jetzt kam der Egoismus durch, der Bock in mir:

Ich will jetzt nichts mehr für euch machen müssen, ich will nicht mehr spielen und kochen und hinter euch herräumen.

Ich kann eure Kämpfereien nicht mehr ertragen, auch wenn ihr kurz darauf wieder zusammen lacht.

Das Knallen der Türen lässt mich erstarren, wenn ihr euch vor dem Bruder in Sicherheit bringt.

Ich merke, wie ich meine Zähne fest zusammenbeisse, wenn aus den Kissen auf der Couch wieder eine Höhle gebaut wird.

Ich will nicht mehr mit euch rausgehen, weil ich weiss, was mich danach erwartet: Wäsche, Schuhe putzen, Bad putzen, weil es braun die Fliesen runterläuft und der Seifenspender voller Matsch ist.

Alles in mir schreit:

Ich will jetzt nur noch stundenlang auf die Couch sitzen, mich einkuscheln, Kaffee trinken, das Wort Mama nicht mehr hören, Disney Filme schauen, eine ordentliche Wohnung, saubere Böden.

Vielleicht sogar mal ohne Unterbrechung duschen und nicht schreien müssen: „Tür zu, es zieht!“ Alleine aufs Klo gehen wäre toll. Ohne „stell mir ne Aufgabe“ und „ich packe meinen Koffer.“

Bevor ich mich jetzt selber in Depressionen rede und mich für die schlimmste Mutter auf Erden halte, hier die Fakten.

Meine Fensterscheiben sind übersät mit Fingerabdrücken, weil meine Kinder dem Schnee zugeschaut haben, Sonnenaufgänge beobachtet und mehrere Marienkäfer gerettet haben.

Die Waschmaschine lief ungelogen jeden Tag, weil sie Berge runtergerollt sind, etwas gebaut haben, Ziegelsteine zu Pulver verarbeitet haben, Löcher gegraben, sich an Gartenarbeit beteiligt haben.

Sie sind mit dem Roller durch viele, viele Pfützen gefahren und ich hab die Augen zusammengekniffenen.

Sie haben sich hinfallen lassen, nur damit die 3 jährige Nachbarin auf der Schaukel lacht.

Sie sind auf Bäume geklettert, haben „Suppe gekocht“ und mit dem Stock gerührt. Sie haben geschnitzt und gesägt, damit die Schafe im Garten grüne Blätter fressen können, die sie so lieben.

Sie haben vor Freude geschrien, als ich fragte, wer Lust hat ins Schwimmbad zu gehen.

Wir haben Sterne beobachtet und den grossen Wagen gefunden.

Wir haben einen grossen Ausflug gemacht, der so entspannt war wie kein anderer zuvor. Nichts macht mich glücklicher, als meinen Jungs dabei zuzusehen, wie sie voller Begeisterung spielen.

Wie sie mit fremden Kindern zusammenarbeiten, was für tolle Einfälle sie haben. Wie der Kleine Ausschau nach dem Grossen hält und dann beruhigt weiterspielt.

Wie der Grosse sofort zur Stelle ist, wenn dem Zwerg die Steine von Älteren geklaut werden und er sich nicht durchsetzen kann.

Wir haben diesmal sehr viel gelacht und die Stimmung war gut.

Mehr als einmal hörte ich: „Du bist die beste Mama“, weil ich das Lieblingsessen machte, oder den berühmten „gesunden Teller“ brachte, damit der Film nicht wegen Hunger unterbrochen werden musste.

Wir haben viel gekuschelt und als ich mich in den Arm vom Zwerg legte, schloss er die Augen, lächelte sanft und sagte:

„Irgendwie tut mir das hier gut!“

Eins unserer Schafe im Garten hat 2 Babys bekommen und wir haben sie jeden Tag besucht und bestaunt.

Zum ersten Mal haben meine Jungs sich überwunden bei den neuen Nachbarn zu klingeln, die kein Wort deutsch können. Die 2 Mädels verstanden auf Anhieb und im Garten war Leben.

Essen wurde geteilt, auf die Kleinen wurde Rücksicht genommen und mal wieder konnte ich feststellen, wie emphatisch meine Kinder sind. Unabhängig von der Sprache und den dreckigen Händen.

Dass die Lehrerin gleich nach den Ferien die Arbeit zum Thema Überwinterung der Tiere ankündigte und wir uns in den Ferien damit beschäftigen mussten, nervte mich sehr.

Ich bin (inzwischen) absoluter Verfechter davon, dass Ferien Ferien bleiben sollen. Ich will schließlich in meinem Urlaub auch nicht kurz zur Arbeit. Auch wenn es nur 30 min vom ganzen Tag wären, würde es sich nicht wie Urlaub anfühlen.

Aber nur deswegen wusste jeder genau, was zu tun ist, als ein Igel an uns vorbeihuschte. Es herrschte grosse Aufregung und die Angst, er könne wegen dem Energieverlust im eigentlichen Winterschlaf sterben.

Ich denke, wir sind uns wieder etwas näher, haben uns wieder neu entdeckt, wieder besser kennengelernt.

Und umso besser wird uns jetzt der Abstand zueinander tun.

Eigentlich mag ich Alltag sehr. Dieser rote Faden. Wenn der Tag genau durchgetaktet ist und jeder weiss, was als Nächstes kommt.

Nach den Ferien ist vor den Ferien und ich freu mich drauf.

-ENDE-

Mein Spagat (zwischen Arbeit und den Kindern)

Ich bin Krankenschwester. Eigentlich habe ich diese Woche frei, habe mich aber breitschlagen lassen, heute wegen Personalengpaß einzuspringen. Gleichzeitig sind Ferien.

Meine Kinder sind öfter mal mit dabei.

Bei der Arbeit????

Ja. Denn ich arbeite in einem Seniorenheim und da ist immer was los.

Meine Vorgesetzten sind da sehr entspannt, die Kollegen fühlen sich nicht gestört und die Bewohner erfreuen sich am Kinderlachen.

Es sind die Tage, an denen ich einen Zuckerschock befürchte, weil den beiden schon morgens Süßigkeiten zugesteckt werden.

Wir haben ein gemütliches Fernsehzimmer und wenn ich versuche sie da rauszulocken, sagen meine Kollegen:

„Ach komm, es sind Ferien!“

Meine Kinder wissen, wie wichtig mir diese Arbeit ist und wir uns nur deswegen Ausflüge leisten können, Eis essen, Schwimmbad und Kinonachmittage.

Ich bin wahnsinnig froh, dass ich als Alleinerziehende dieses Glück habe, meine Jungs mittags aus ihren Einrichtungen abholen zu können.

Das war mir von Anfang an sehr wichtig und ich habe mich bewusst dafür entschieden. Mir ist Zeit viel wichtiger als Geld, deshalb arbeite ich „nur“ 50%.

Das ist momentan genau der Spagat, den ich leisten kann, solang meine Jungs noch klein sind.

Mir geht es (meist) gut damit.

Ich habe gelernt auf mein Bauchgefühl zu hören und meine Grenzen anzunehmen was Zeit, Kraft, Geld, Flexibilitat etc betrifft.

Ja, ich kann nicht allem gerecht werden und ja, momentan ist mein Einsatz selten genug, weder zu Hause, noch im Beruf.

Wenn man das mal so akzeptiert, geht alles etwas leichter von der Hand.

Als ich vor Wochen gemütlich auf der Treppe saß und meinem Sohn beim Training zusah, fragte mich eine andere Mama, ob ich denn dafür Zeit hätte. Ich verstand nicht gleich und sie fragte, wann ich meinen Haushalt mache?

Ich musste kurz überlegen, aber dann leuchtete es mir ein. Der läuft einfach irgendwie mit und ist nicht auf Platz 1 meiner Prioritätenliste.

Natürlich habe ich nie das Gefühl allem gerecht zu werden, irgendwo hängt es immer. Meist am Geduldsfaden.

Von Anfang an dachte ich:

„Wenn ich das alles schon alleine machen muss, dann wenigstens richtig.“

Ich will sie nicht 16. 30 Uhr aus ihren Einrichtungen abholen, um sie kurz darauf ins Bett zu bringen. Das würde mich furchtbar unglücklich machen.

Mir ist bewusst, dass Viele in meiner Situation keine andere Wahl haben.

Wenn ich mir das bewusst mache, erfüllt mich dieses Gefühl: Dankbarkeit!

Wenn meine Kinder mich begleiten, sind die Regeln klar.

In erster Linie bin ich dort um zu arbeiten!

Bevor man in ein Zimmer geht, klopft man immer an und wartet erstmal.

Die Mama wird nicht in Bewohnerzimmer verfolgt, weil manche davon unbekleidet sein könnten und das nicht wollen.

Heute hörte ich vor der geschlossenen Tür öfter mal den Pfiff meines Sohnes, rein traute er sich nicht. Ich pfiff zurück. Dieses Zeichen gefiel ihm und es reichte aus.Wenn ich später die Tür öffnete, stand er fröhlich lächelnd davor.

Sie müssen höflich bleiben, auch wenn sie von der gleichen dementen Frau 10 mal das gleiche gefragt werden. Nett lächeln reicht mir dabei.

Oder sagen, dass sie etwas nicht wollen, aber eben freundlich.

Der Zwerg zog die Strategie mit dem NUR Lächeln heute knallhart durch.

Wir sind trotzdem irgendwie zusammen. Ich hab keinen Druck, weil ich in den Kindergarten hetzen muss und gehe alles in Ruhe an.

Es ist schön sie bei mir zu haben. Ihnen etwas zeigen zu können. Die Regeln im Umgang mit Menschen erklären zu können.

Sie lernen allein durch das Beobachten viel und sind sehr empathisch. Beide haben schon ein Gebiss gesehen, wissen genau was Demenz ist und kennen alle Fernbedienungen der Hilfsmittel. Sie wissen, dass alte Menschen „Windeln“ tragen und nicht immer alleine essen können.

Dass man blinden Menschen alles genau beschreiben muss, weil sie eben nicht sehen können. Sie wissen, dass es Tabletten in allen Formen und Farben gibt und was ein Rollator ist.

An einem Tag, als mich nur der Grosse begleitet hat, gab es einen Todesfall. Er kannte die Dame gut.

Er fragte, ob er mit mir zusammen in das Zimmer dürfe, um sie zu sehen.

Hand in Hand sind wir rein und haben ihr tschüss gesagt. Der Anblick machte ihm keine Angst, wir reden offen über den Tod.

Ich will das alles. Genauso!

Ich will die Hausaufgaben, den Stress, das Hin- und Hergefahre zu Hobbies und Freunden, das nur dadurch möglich ist.

Selten habe ich das Gefühl etwas zu verpassen und wir sind ein gutes Team.

Heute war es sehr harmonisch bei uns, fast schon unheimlich harmonisch.

Und wir alle waren unheimlich müde und erschöpft. Ich habe viel Kaffee getrunken, der Zwerg ist auf dem Teppich eingeschlafen und der Grosse hat seine Puzzleliebe wieder entdeckt.

Es war teilweise viele Minuten einfach still, weil jeder beschäftigt war. Herrlich!

Vielleicht habe ich heut etwas mehr durchgehen lassen wie sonst und vielleicht durften beide etwas länger wach bleiben als sonst. Einfach so.

Der Grosse sagte seinem Bruder heute ganze 3 mal, dass er ihn lieb hat und ich sagte auch mehrmals, wie froh ich bin, dass ich genau sie als Kinder habe.

Heute haben wir alle fürs Leben gelernt und unsere Herzen sind wieder etwas gewachsen.

Ich verbringe gerne Zeit mit ihnen. Mindestens so gern wie ohne sie. 😉

Introvertiert/extrovertiert

C.G Jung und seine Persönlichkeitstheorie ist mir bekannt und war auch Teil meiner Ausbildung als Krankenschwester.

Erst vor ein paar Wochen stolperte ich zufällig wieder darüber und plötzlich macht alles Sinn!

Meine Jungs sind 8 und 4 Jahre alt und könnten nicht unterschiedlicher sein.

Mit meinem Grossen fühle ich mich sehr verbunden, weil ich verstehe, wie er tickt. Seinen Code kann ich schnell knacken, weil ich so bin wie er.

Wenn er wütend ist, weiss ich meist, was dahinter steckt und worum es WIRKLICH geht.

Er ist extrovertiert.

Er ist laut, trägt sein Herz auf der Zunge. Seine Mimik und Gestik ist sehr ausgeprägt und wenn er lügt, durchschaue ich das sofort.

Er ist voller Energie und Tatendrang.

Immer gibt es was zu tun, er arbeitet immer an irgendwas, kann nicht still sitzen.

Wenn ich ihn an den Schreibtisch „zwinge“, um etwas für die Schule zu lernen, ist das Ergebnis sehr ernüchternd. Es funktioniert definitiv nicht, denn wenn ich nach ihm schaue, ist er 100 %ig mit etwas ganz anderem beschäftigt.

Das 1×1 lernte er im Handstand, speziell die 8er Reihe den Berg runter rollend.

Gedichte werden am besten gelernt, wenn er sie beatboxt und sich dazu bewegt. Oder er bekommt die Aufgabe, es ja ohne Betonung oder in Jammerstimme aufzusagen. Hauptsache nicht ernsthaft an die Sache gehen und nicht im Sitzen.

Für ihn muss ich kreativ werden und meine Prinzipien verabschieden, denn damit komme ich nicht weit.

Wenn er mir etwas erzählen will, dann muss es jetzt sofort sein. Hole ich ihn vom Training ab und warte im Auto, steht er aufgeregt an der Beifahrertür und zwingt mich dazu, das Fenster runterzulassen.

Direkt sprudelt es aus ihm heraus. Dann erst steigt er ein. Es muss so sein, man gewöhnt sich daran.

Wenn wir essen, ist es vergebene Liebesmühe, ihn zum Sitzen bleiben zu motivieren. Das kann er nicht.

Er muss kurz aufstehen und mir etwas zeigen. Oder kurz etwas holen. Nur ein paar Klimmzüge an seiner Stange. Nur kurz was nachschauen und nur einmal soll ich ihm ne Note für sein Kunststück auf der Sitzbank geben.

Es macht mich verrückt, ja. Ich habe akzeptiert, dass ich ein Kind habe, das nicht mit mir am Tisch sitzt und sich mit mir in Ruhe austauscht. Bei uns gibt es die Regel nicht, dass alle sitzen bleiben, bis der letzte fertig mit Essen ist.

Ich bestrafe mich nicht mehr selber und esse dann lieber alleine und in Ruhe weiter. Ohne Diskussionen. Ohne Kampf.

Schon früher im Kindergarten fragte er bereits beim Abholen, mit wem wir uns heute treffen. Er war enttäuscht, wenn ich nichts ausgemacht hatte und sagte: „Oh Mann, immer nur Familie ist doch langweilig!“

Heute noch ist es so, dass er eher „durchdreht“, wenn nichts ansteht und mal keine action ist. Dann quält es ihn und er fängt an, den Bruder zu ärgern, oder auch mal mich.

Er weiss dann nicht wohin mit sich und seiner Energie. Er will höher, schneller, weiter.

Wenn er nach der Schule noch 2 h Kunstturnen hat und danach bis 19 Uhr zu seinem Freund darf, bekomme ich abends ein zutiefst glückliches Kind zurück.

Ausgeglichen, ruhig. Dann geht das Einschlafen auch mal unter 30 Minuten und ohne Kopfstände auf dem Kopfkissen.

Das sind die wenigen Momente, wo er mal sagt:“ Kannst du jetzt bitte aufhören zu reden? Ich bin müde!“

Das ist ungewohnt für mich und wir lachen. Normalerweise ist das ins Bett bringen der anstrengendste Teil. Da ist meine Energie schon weg, ich freu mich, dass der kleine Bruder wenigstens schläft. Aus dem Dunkel kommt dann: “ Und über was reden wir heute?“

Wenn ich auf dem Klo sitze, dauert es nicht lange, dann höre ich es schon wieder:“Moooooooom, wo bist?“

Ich verdrehe die Augen wenn ich antworte. Ihn stört es nicht, wenn ich auf dem Klo sitze, während er mir alles erzählt, was nicht warten kann.

Manchmal reicht es mir und ich gebe der Tür einen Schlag, weil ich es nicht mehr hören kann und endlich mal alleine sein will.

Empört und lachend macht er sie wieder auf, denn er war ja noch nicht fertig. Manchmal lässt er sie auch zu und setzt sich davor auf den Boden, um weiter zu erzählen.

Er ist eine Herausforderung. Nach einem Tag mit ihm bin ich leer. Er hat alles genommen, was ich zu geben habe: Zeit, Geduld, mein Gehör, meinen Zuspruch, meine Meinung. Alles!

Diese temperamentvollen Kinder haben Eigenschaften, die wir an anderen sehr schätzen. Beharrlichkeit Durchsetzungsvermögen und Zielstrebigkeit zum Beispiel.

Er ist der Flummi in einem Zimmer voller Gummibällen. („Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden“, das Podcast, das mir die Augen öffnete)

Meinen 2. Sohn habe ich mir so sehr gewünscht. Ich wusste er ist wichtig.

Warum er so wichtig ist, wurde mir erst vor kurzem klar.

Er ist so anders. In ihm schlummert ein Schatz, den man nicht auf Anhieb sieht. Man muss sich schon die Mühe machen genauer hinzuschauen.

Er ist anders als der Grosse und ich und es geht darum, dass wir ihn so sein lassen. Denn wenn er sich uns anpassen würde, ginge sein Potential verloren.

In ihm steckt viel mehr als man denkt, aber er zeigt es nicht jedem.

Er ist ruhig. Er beobachtet viel. Redet weniger.

Er ist der, der in Ruhe sitzen bleibt und isst, während alle anderen schon im Kinderzimmer spielen.

Er ist der, der es auch genießt Spielfreunde da zu haben, dem es dann aber schnell zu viel wird.

Der, der dann in sein Zimmer geht und kurz die Tür schließt, bevor er wiederkommt. Er braucht Pausen.

Ihm wird es schnell zu laut und zu wild.

Er braucht Auszeiten. Er ist am glücklichsten, wenn mal nichts geplant ist nach dem Kindergarten.

Wenn er krank ist und mit mir alleine zu Hause ist, dann bin ich tiefenentspannt. Er braucht nicht viel, ein bisschen Kuscheln, lesen und viel, viel Ruhe. Nichts machen. Nur so daliegen und lächeln.

Er kann sich gut alleine beschäftigen und findet in seinem Zimmer immer etwas, was er gerne macht.

Ich habe eingesehen, dass wir ihn oft überfordern in unserem Sein. Mit unserem Temperament. Bei uns geht es immer laut zu, auch wenn wir uns normal unterhalten.

Verwundert schauen der Grosse und ich uns an, wenn der Zwerg ruft: „Das ist mir jetzt zu laut hier!“

Sein Herz ist gross und oft sagt er Dinge, die tiefsinnig sind und mich dahinschmelzen lassen.

Abends ist ihm Ruhe besonders wichtig, er legt sich hin, kuschelt sich ein, BLEIBT liegen und macht einfach so die Augen zu. Verrückt.

Wenn er zum Doppelkindergeburtstag eingeladen ist und dort schon 10 Kinder toben als er dazukommt, dann schüchtert ihn das ein und er will nicht bleiben.

Er war besonders wichtig in unserem Leben, denn er lehrt uns, ihn anzunehmen in seinem Anders sein. Und die Kunst ist es, ihn trotzdem zu SEHEN, auch wenn er nicht an mir hochspringt und danach schreit.

Seit mir das alles bewusst ist, ist unser Alltag harmonischer.

Ich halte den grossen Bruder davon ab ins Zimmer hinterherzustapfen, wenn dort die Tür gerade geschlossen wurde. „Gib ihm ein paar Minuten, danach spielt er sicher wieder weiter mit dir!“

Gestern Abend haben sie sich aus Pappe Schwerter gebastelt und gekämpft. Ich bemerkte, dass es dem Zwerg wieder zu viel wurde und er seinen Bruder aber nicht enttäuschen wollte.

Ich bat den Grossen, ihm etwas Ruhe zu gönnen. Er verstand.

Sie zogen sich ins Zimmer zurück und spielten Friseur. Alle Bürsten und Kämme, die wir besitzen, lagen um sie herum.

Irgendwann kam der Grosse lachend raus und sagte, der Zwerg wäre eingeschlafen. Ich konnte es nicht fassen. Als ich ins Zimmer schlich, lag er auf dem Boden. Auf einem Kissen, eingewickelt in Decken. Es sah kuschelig aus.

Das Licht war gedimmt und ein warmes, feuchtes Tuch war auf seiner Stirn.

Das sei die Gesichtsmaske klärte der Grosse mich auf. Auch, dass er ihm über den Kopf gestreichelt hätte. Es sei zwar total nervig gewesen und anstrengend, aber er habe einfach weiter gemacht, weil der Zwerg es so genossen hätte.

Der Grosse durfte mir dann 20 Uhr beim Möbel rücken helfen und war voll in seinem Element.

Ich schätze, ich habe gestern viel gelernt. Über das Annehmen und Anderssein.

Jeder Tag ist ein neuer Anfang

Papawochenende.

Ich gebe zu, seit langer Zeit lief es nicht optimal. Am Freitag Abend gab es Meinungsverschiedenheiten über die späte Abholzeit.

Als ich anfing zu argumentieren, war mir noch nicht bewusst, wo das endet und dass es sich so hochschaukelt. Ich ahnte nichts von seinem Tag und habe nicht gefragt WARUM er so spät kommt.

Wie schlimm das speziell für meinen grossen Sohn ist, weiss ich. Vieles verkneife ich mir und entscheide mich oft dagegen, ihn zu kritisieren. An diesem Tag musste es eben gesagt werden, weil ich ein Mensch bin, Gefühle habe und sonst geplatzt wäre.

Das Ende vom Lied war, dass der Abschied mehr als doof war, ist mir doch besonders da Harmonie so wichtig.

Ich versuche ihm zu erklären, dass man Dinge, die nicht gut laufen ansprechen muss und denke er versteht es.

Trotzdem seh ich seine glänzenden Augen, als er sich aus meiner Umarmung löst. Er läuft rückwärts, ohne Spannkraft im Körper und mit hängenden Schultern. Er schaut mich dabei an und sein Blick sagt mir:

Ich bin traurig.

Ich bin wütend.

Ich habe Angst.

Als die Tür ins Schloss fiel, habe ich geweint. Sein Blick hat mich lang verfolgt. Mehr als der letzte Satz des Zwuckels:

„Oh Mama, das alles ist AUCH deine Schuld!“

Ich habe hin und her überlegt, warum und wieso es so endete, wie es endete. Wie ich die Dinge in Zukunft beeinflussen kann, damit eben genau das nicht mehr so läuft.

Als es heute Abend an der Tür klingelte, stand der Plan und ich war guter Dinge.

Ich öffnete lächelnd die Tür, bat alle Beteiligten rein und wir setzten uns kurz. Endlich konnte mein Sohn seinem Papa das Zeugnis zeigen und die neusten Tricks an der Reckstange vorführen.

Später in der Wanne erzählte er mir von seiner Erleichterung darüber. Ich erzählte ihm dafür von meinem Plan, wie die Freitage am Papa Wochenende in Zukunft laufen könnten. Er strahlte mich an und zwinkerte.

Ich nehme mir vor, dass es klappt und deshalb WIRD es klappen. Nicht nur für mich, nicht wegen dem Papa, FÜR die Kinder.

Als er später Tomaten schnippelte und ich im Rührei stocherte, schlief der kleine Bruder schon lang. Wieder fingen wir an darüber zu reden.

Er sagte, dass er enttäuscht und sauer auf uns beide war.

„Aber ich hatte auch Angst, dass unser Haus untergeht von deinen vielen Tränen!“

Dann lachte er. Er fragte, ob ich geweint habe und ich war ehrlich.

„Ich wusste es“, triumphierte er.

Er habe es in seinem Herzen gefühlt.

Ich fragte ungläubig:

„Du warst sauer, enttäuscht und traurig. Und hast trotzdem noch darüber nachgedacht, wie es MIR geht???“

Ja klar, antwortete er. Er denke immer viel nach, deshalb könne er abends auch lange nicht einschlafen.

Er ist heute lächelnd in meinem Arm eingeschlafen.

Für Kinder lohnt es sich immer sich zu reflektieren und an sich zu arbeiten.

Es geht um Fortschritt, nicht um Perfektion.

Ich bin kein Roboter und habe Gefühle.

Mache Fehler und treffe unkluge Entscheidungen, auf die ich nicht stolz bin.

Das dürfen meine Kinder ruhig wissen.

Ich bin erleichtert. Und glücklich.

Wie schön, dass man immer neue Entscheidungen treffen kann und dazulernt.

Den Papa darf man lieb haben

Vor ein paar Tagen stieß ich auf dieses Bild und merkte, wie ich unbewusst nickend zustimmte.

Jaaaaa, tatsächlich bringt keiner mich so schnell auf die Palme wie er. Jaaaaa, bis heute leistet er sich Dinge, die mich an den Rande des Wahnsinns treiben.

Vieles von dem was er tut und wie er es tut, sind für mich absolut nicht nachvollziehbar. Immer wieder frage ich mich, wie er sich so weit weg von mir entwickeln konnte, waren wir doch mal bei so vielen Dingen gleicher Meinung.

Ich hätte allen Grund ihn zu hassen, weil er sich schon so viel geleistet hat. Ich kann meine Tränen nicht zählen, die ich wegen seinen Taten vergossen habe.

Ja, erst heute Abend habe ich ihn verflucht, weil er die Kinder fast 1 h im Auto schlafen hat lassen, als sie 18 Uhr hier ankamen. Kniffel und Tiptoi nach 20.30 Uhr standen heute wirklich nicht mehr auf der Agenda.

Morgen werden sie müde sein, wenn ich sie wecke. Genügend Schlaf hätte ihnen mehr als gut getan, sind sie doch beide etwas angeschlagen.

Ja, ich schüttle immer wieder verständnislos den Kopf, wenn ich die mitgegebenen Kleider unbenutzt in den Schrank räumen muss.

Bei Papa läuft alles anders. Denn er ist der Papa und eben nicht ich.

Meine Jungs lieben ihren Papa und das dürfen sie auch. Sollen sie sogar!

Wenn mein Sohn fragt: „Wann ist eigentlich mal wieder Papawochenende?“

Dann weiss ich, dass er ihm fehlt. Diesmal komme es ihm besonders lang vor sagte er. So etwas schreibe ich ihm dann tatsächlich auch mal zwischendurch.

Weil ich weiss, dass er sich darüber freut. Und weil ich einfach ich bin.

Ich kann ihn nicht hassen und habe es wohl noch nie wirklich getan, egal an welchem Punkt ich war.

Er lebt sein Leben, so wie er möchte. Das darf er. Und soll er. Ich bin erleichtert, dass ich mich darüber nicht mehr so aufregen muss wie damals in der Beziehung.

Ich gebe zu, dass es nicht leicht ist, die eigenen Gefühle den Kindern nicht zu zeigen und sie von manchen Dingen fernzuhalten. Ob es um Umgang geht oder Unterhaltsproblemen.

Ganz am Anfang nach der Trennung, als die Nerven blank lagen und mein Sohn mich herausforderte, schrie ich ihn an: „Frag doch deinen scheiss Vater!“

Autsch! Das würde mir heute nicht mehr passieren und ich ärgere mich immer noch sehr darüber, dass es damals passierte.

Mein Sohn, damals 5, hatte die perfekte Antwort. Er sagte jede Silbe betonend: „Der ist nicht scheisse. Und wenn du sowas sagst, bist nur DU scheisse!“

Ja, da musste ich ihm recht geben. Es macht mich traurig, was die Kinder manchmal so aushalten müssen. Letzte Woche sagte der Grosse erst wieder: „Ich bin froh, dass ihr nicht mehr so streitet wie am Anfang!“

Ich übrigens auch. Aber es war ein sehr langer, sehr schmerzhafter Weg. Und ich gehe ihn immer noch!

Ich weiss, dass ich ihn niemals ändern kann. Die einzige Möglichkeit, dass es besser wird ist, dass ich mein Verhalten ihm gegenüber ändere.

Meist bin ich froh, dass ich ihn nur alle 2 Wochen sehen muss.

Hin und wieder reicht es für etwas small talk.

Selten mal sitzen wir noch ne halbe Stunde zusammen und reden. Aber das gibt es auch.

Manchmal überrascht er mich auch, so wie heute. Er hatte doch tatsächlich ein kleines Geschenk für meinen morgigen Geburtstag dabei.

Wenn ich ihn frage, ob er die Kinder etwas früher holen kann, weil ich Schüttelfrost habe, dann ist er da.

Wenn ich frage, ob er die Kinder etwas später zurückbringen kann, weil ich mich noch ausruhen will, Sport machen, oder sonst was…dann ist er da.

Wenn ich ihn an Feiertagen spät abends angerufen habe, weil das Kind Juckreiz hatte und kein Fenistil im Haus war, dann ist er los zur Notapotheke.

Von Anfang an habe ich darauf geachtet, dass die Kinder an Weihnachten und zu Geburtstagen etwas zum Schenken für ihn hatten. Sie haben gemalt, oder gebastelt, ne Karte geschrieben, oder es war mal nur ein Bild.

Unabhängig davon, was davor zwischen uns los war und ob dicke Luft herrschte.

Ich wollte nie so sein. Ich wollte nie Rache. Ich wollte es ihm nie zurückzahlen und ihn leiden sehen.

In erster Linie wollte ich Ruhe und Waffenstillstand. Der Alltag war hart genug. Ich brauchte meine ganze Kraft.

Ich verstand nie, dass er nicht versteht, dass er damit auch den Kindern schadet.

Es ist immer noch teilweise holprig. Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

Die Kinder wissen, dass sie uns beide lieb haben dürfen. Wenn sie Papa lieb haben, wird das ja nicht von meiner Liebe abgezogen. Sie müssen sich niemals entscheiden, auf wessen Seite sie sind. Sie sind nämlich auf keiner.

Wenn es um die Kinder geht, stehen wir auf einer Seite. Wir wünschen uns, dass es ihnen gut geht!

Ich freu mich, wenn sie nach 2 Wochen an die Tür rennen und ihm dann in die Arme fallen.

Es ist gut, dass sie ihn haben. So wie er ist. Auch, wenn ich ihn mal blöd finde.

Liebe ist stärker

Ich habe vor ein paar Stunden geweint! Ernsthaft.

Es war vor Glück und Rührung. Dankbarkeit und Liebe.

Meine Jungs hatten Streit. Diesmal ging es um den Legobatman, der nicht auffindbar war. Es wurde laut, der Zwerg haute alle bösen, verbotenen Wörter raus, die er kannte und wiederholte sie in Dauerschleife.

Es wurde brutal. Sie sprangen aufeinander, zogen sich am Haar. Ich sah, wie der Grosse die Zähne fletschte und ich fühlte seine unbändige Wut.

Der kleine Bruder hat ihn zu lange herausgefordert und er hat sich zu lange versucht zurückzuhalten.

Ich hatte Mühe, die 2 Hitzköpfe zu trennen und sah im Augenwinkel, wie der Zwerg einen ganz miesen Tritt abbekam. Autsch.

Er krümmte sich und weinte bitterlich ins Kissen.

Es brach mir das Herz!

Ich litt gleich mit, ging zum trösten und er kuschelte sich an mich. Ich konnte ihn verstehen.

Der Grosse atmete schnell und hatte die Fäuste geballt. Ich konnte ihn verstehen.

Der Zwerg wurde still und hörte auf zu weinen.

Ich hatte ihn noch im Arm liegen und versuchte die Situation sachlich Revue passieren zu lassen.

Der Grosse fand, dass sein Bruder selber Schuld war, weil er ihn so lang provoziert hätte. 4 mal habe er gesagt, dass er damit aufhören soll, aber er hätte immer weiter gemacht.

Also war das die einzige Lösung fand er und stand zu seiner Entscheidung. Er fand sie sogar sehr gut und er bereue nichts. Im Gegenteil!

Puh! Atmen!

18 Uhr war Fernsehzeit ausgemacht.

Ich sagte, dass keiner den Fernseher anmacht, solange hier so eine Stimmung ist.

Das brachte den Grossen noch mehr auf die Palme.

Schließlich sei es für mich ja die größte Strafe fand er, weil er jetzt einfach mal MICH ärgern würde.

Oh, ich kenne dieses Spiel! Nein, ich lasse mich heute nicht provozieren und bleibe gaaaaaanz ruhig.

Wuuuuuuusa.

Zwischendurch war ich nicht sicher, ob ich es kann, denn die Fernbedienung flog vom Tisch. Legos wurden in den Mund genommen und durchs Zimmer gespuckt. Mit Schmackes.

Die Würfel vom Kniffel wurden einfach mal mit einem Grinsen unter die Couch gewürfelt.

Ohhhh, er kennt meine Punkte so gut!

Ich versuchte erneut sachlich zu vermitteln.

Der Zwerg hüpfte vor Freude auf und ab und sang dabei:

LIEBE IST STÄRKER!

Ich schmunzelte und der Grosse setzte den bösen Blick auf:

„Nein, ist sie gar nicht. Momentan hasse ich dich einfach nur. Jetzt ist der Hass für dich viel stärker. Ich habe null Liebe für dich!“

Ich las in dem kleinen Gesicht. Er hatte verstanden. War kurz traurig, senkte seinen Blick, wurde nachdenklich.

Der Zwerg formte mit seinen Händen ein Herz. Und der andere machte sich darüber lustig. „Was soll das sein? Ein Dreieck“, sagte er abwertend und mit einem hämischen Grinsen.

Der Grosse wollte sich nur entschuldigen, wenn der Zwerg sich ZUERST entschuldigen würde.

Dieser schmiss erst ein Kissen in seine Richtung. Dann hüpfte er zu ihm und streckte die Arme aus.

Der Grosse wollte auf keinen Fall SO!

„NEIN, nicht so, weil ich hasse dich doch! Ich hasse dich doch. Ahhhhh.“

Unsere Blicke trafen sich, ich beobachtete ihn ganz genau, sah, wie seine Gesichtszüge wieder weicher wurden und er hatte keine Chance. Der kleine Bruder drückte ihn so fest. Dann lagen sie sich minutenlang in den Armen und lachten.

Und ich hab geweint, mein Herz ist jetzt ungefähr doppelt so gross wie davor und ich bin so froh, dass es diesmal so endete.

Ich bin ohne Geschwister gross geworden und kenne das so nicht, vielleicht bin ich deshalb so gerührt.

Mindestens so gerührt wie ich auch empört sein kann, wie bitterböse und furchtbar gemein Geschwister zueinander sein können.

Wieder mal bin ich so, so dankbar, dass der Zwerg bei uns ist. Dass meine Kinder nie alleine sind und immer jemanden haben. Zum Kämpfen und Liebhaben.

Wie einsam wären wir ohne ihn. Es hätte immer etwas gefehlt.

Sein Herz ist so groß. Er sagt, dass es so gross ist, weil da so viele Menschen drin sind.

Die schlimmste Wut, die bösesten Absichten…nichts kann der Liebe widerstehen.

Ps: Liebe ist stärker. Immer!

Sei gut zu dir!

„ERST WENN DU VERLOREN BIST, FÄNGST DU AN DICH ZU FINDEN.“

Vor gut 3 Jahren hatte ich mich verloren.

Ich war frisch getrennt, mit den Jungs aus dem Haus ausgezogen, hatte meine Arbeit wegen der neuen „Unflexibilität“ verloren und weinte viel.

Ein Tag ist mir dabei in besonderer Erinnerung geblieben:

Ich hatte ein paar Stunden für mich und stellte fest, dass ich keine Ahnung habe, wer ich bin.

Ich war die letzten Jahre Mutter, Ehefrau, Krankenschwester, aber wer war ICH?

Darauf keine Antwort zu haben erschreckte mich so sehr.

Ich wusste nichts über mich selber.

Wie will ich sein, was habe ich für Ziele, was ist mir wichtig, wie möchte ich mein Leben gestalten, was will ich erreichen, was meinen Kindern vorleben?

Die vielen Fragezeichen ließen mich schier verzweifeln.

Noch immer habe ich mich noch nicht gefunden, arbeite an vielen „Baustellen“, aber ich habe mich zumindest mal auf den Weg gemacht.

Das fühlt sich gut an.

Ich habe Antworten auf all meine Fragen gefunden und komme mir selber wieder etwas näher.

Bald habe ich Geburtstag und seit Jahren beschenke ich mich dazu selbst.

Vor 2 Jahren nahm ich all meinen Mut zusammen und schloss mich dieser Sportgruppe an, von der ich dachte, dass mein Fitnesslevel nicht reinpasst.

Aber es passte. Und dieser Tag änderte alles!

Diese Kraft, die ich an dem Tag in mir wahrnahm, die wollte ich jetzt immer spüren.

Ich war verblüfft, wozu ich fähig war. Ich konnte mit vielen anderen dort nicht mithalten, aber das war auch nicht mein Ziel. Jeder geht im eigenen Tempo und das ist auch o.k so.

Ich brannte. Ja, das war irgendwie ich.

Dabei hatte ich keine Ahnung, dass Sport für mich so wichtig werden konnte, hielt ich mich doch immer für viel zu unsportlich und ohne Kondition.

An dem Tag stellte ich spätestens fest, dass ich voller Überraschungen steckte und alles möglich ist.

Letztes Jahr schenkte ich mir die Kleidergrösse 40 und eine grosse Kleiderbestellung. Ich freute mich darüber, dass es im Schrank noch Kleidung von früher gab, lang vor den Kindern.

Sie passte wieder und es hat mich beflügelt. Wie anders plötzlich alles war.

Und wie anders es sich anfühlte!

Ich lernte mich immer besser kennen, wahrzunehmen, in mich reinzuhören, aufmerksam zu sein im Bezug auf mich selbst.

Warum und wieso alles so ist wie es jetzt ist…wer weiss das schon?!?

Wichtig ist, dass es gut ist wie es jetzt ist und es fühlt sich tatsächlich so an.

In wenigen Tagen werde ich 38 und fühle mich voller Tatendrang.

Es kribbelt und ich freue mich sehr auf mein Geschenk an mich selbst.

Dieses Jahr wird es eine Bio Pol Massage und ein bisschen Meditation im Anschluss.

Ich habe an diesem Montag frei, werde die Kinder in Schule und Kindergarten absetzen und dann gut zu mir sein.

An dieses Gefühl erinnere ich mich aus meiner Ehe nicht.

Meist wusste ich vorher schon was ich bekomme, weil ich es mir auf Nachfrage gewünscht hatte. Oder er hat es vorher schon versehentlich verraten, obwohl er mir doch nur einen Tipp geben wollte.

Was mich heute beschäftigt, das ist die Frage:

Warum erst jetzt?

Warum war das alles nötig, warum musste ich durch das alles gehen, um an diesen Punkt zu kommen?

Als verheiratet Frau waren die Prioritäten andere. Es ging um das Haus, die Kinder, den Mann, die Arbeit, die Organisation, die Finanzen…aber es ging nie wirklich um mich.

Daran bin ich natürlich selber schuld, denn ich habe mich ja auch nie zur Priorität gemacht.

Ich habe immer nur danach geschrien, als mal wieder Land unter war und das Kind schon längst in den Brunnen gefallen.

Dann nahm ich mir mal wieder vor viel mehr mein Ding durchzuziehen und mehr an mich zu denken.

Nur blöd, dass ich ja gar nicht wusste, was „mein Ding“ war und so war es schnell wieder vergessen.

Allein sein ist auch eine ziemliche Herausforderung, wenn man nichts mit sich anfangen kann, keine Hobbies hat, nichts für sich ganz alleine hat.

Also war es sehr leicht sich hinter dem Modell „heile Familie“ zu verstecken und zu jammern.

Niemals wäre ich die geworden, die ich heute bin, mit allem was mich ausmacht, mit meiner ganzen Essenz.

Es ist wie es ist! Und das ist gut so. Auch wenn ich das vor einigen Jahren noch nicht so sehen konnte.

Ich finde es äußerst wichtig gut zu sich zu sein. Auf sich Acht zu geben, sich gesund zu ernähren, sich zu bewegen…körperlich und geistig.

Rauszufinden wer man wirklich ist und sich regelmäßig mal in den Mittelpunkt rückt.

Das darf man und soll man, ohne schlechtes Gewissen.

Wenn ich achtsam mit mir bin, bin ich es auch mit meinem Umfeld. Wenn ich gut zu mir bin, kann ich auch gut zu anderen sein.

Nur wenn es mir gutgeht, kann es meinen Kindern gut gehen. Jeder profitiert letztendlich davon.

Und ganz unter uns:

Wenn meine Kinder schon nur mit ihrer Mama gross werden müssen, dann doch bitte mit einer, die immer an sich arbeitet, nie damit aufhört und ihnen vorlebt, dass es wichtig ist, gut zu sich zu sein.

Mein 2019

Ich bin glücklich.

Auch darüber, dass ich das so sagen kann.

Aber am meisten, weil ich seit Jahren das erste Mal erkennen kann:

Mein Jahr 2019 war sowas von der Wahnsinn!

Es war aufregend, sorgte für viel Bauchkribbeln, ich war bewusster, habe besser hingehört und gesehen.

Ich habe sehr viel gelacht und schöne Zeiten mit wunderbaren Menschen verbracht, hab viele schöne Erinnerungen im Herzen und kann davon noch ganz lange zehren.

Es war ein Jahr voller Entwicklung, neuen Erkenntnissen und voller Aha-Momenten.

Ich habe neue Orte erkundet, mir einige Herzenswünsche erfüllt und mir ein paar mal selber auf die Schulter klopfen können.

Bald ist es 4 Jahre her seit der Trennung von meinem jetzt Ex-Mann und 2019 ist seither das erste Jahr, dass ich wahnsinnig zufrieden abschließen kann.

Einmal mehr wird mir bewusst:

Ich habe das richtige getan. Eine Trennung muss nicht dein Untergang sein. Sie kann auch eine neue Chance sein.

Wenn man mutig ist wird man belohnt. Mit ein bisschen Seelenfrieden dann und wann.

Und ja, ich halte es immer noch für überaus mutig eine Ehe zu beenden, alle Sicherheit aufzugeben und mit nichts dazustehen.

Es ist viel mutiger zu gehen statt zu bleiben, wenn man feststellt, dass die Werte und Ziele nicht mehr die gleichen sind.

Dass man nicht mehr bedingungslos geliebt wird. Dass man sich jeden Tag fremder wird, weil man sich verbiegt und unglücklich ist.

„Die Angst vor dem Neuen kann nicht größer sein, als der Frust vom Alten!“

Ich schätze an diesem Punkt war ich .

Ich rate niemanden mein Modell, der nicht ganz so verzweifelt ist wie ich damals.

Es lohnt sich immer für und um die Liebe zu kämpfen, keine Frage.

Ne Menge Erleichterung spielt auch noch mit, denn damals dachte ich nie wieder so glücklich sein zu können.

Die Gewissheit, dass diese furchtbare Zeit vorbei ist, ich es jetzt wirklich endgültig da raus geschafft habe. Aus der Hoffnungslosigleit und der puren Verzweiflung.

Dass es sehr wohl immer etwas besser wurde und ich mir mein Leben Stück für Stück zurückerobert habe.

Ein sehr befriedigendes Gefühl ist es, das alte Jahr nicht verfluchen zu müssen und zu hoffen, dass das Nächste bitte besser wird.

Natürlich gab es Rückschläge, traurige Momente und Tränen.

Aber wenn ich an mein 2019 denke, schießen mir Bilder in den Kopf, die mich schmunzeln lassen. Mein Herz gross machen.

Es gab so viele Highlights, dass ich es mit den schwarzen Tagen gut aufnehmen konnte. Sie haben nie die Macht übernommen.

Dank der letzten Jahre weiss ich:

Es gibt nichts, mit dem ich es nicht aufnehmen kann.

Nichts, das es schafft mich je zu brechen.

Denn es gibt da diese eine Sache, die mir niemand nehmen kann: mein Lachen!

Die Kunst ist es an harten Tagen den Mut nicht zu verlieren. Sich immer wieder neu motivieren zu können, immer wieder aufzustehen, niemals liegen zu bleiben.

Dabei darf man verheulte Augen haben und alles scheisse finden. Traurig sein, wütend und auch ein bisschen verzweifelt.

Um so mehr Tage muss man selber erschaffen, für die es sich lohnt das alles durchzustehen.

Das Gefühl den Verstand zu verlieren, das hatte ich schon sehr lange nicht mehr und darüber freue ich mich sehr.

Ich habe nie aufgehört dankbar zu sein für so viele Dinge, die meistens gar keine Dinge sind. Sondern eher Zeit, Erlebnisse und über seine Grenzen zu gehen.

Festzustellen, was man alles so schafft, wenn einem nichts anderes übrig bleibt und man einfach muss.

Wie wundervoll ist es festzustellen:

Es war schon so viel schlimmer! Aber das ist Vergangenheit!

Wow! 2019 ich danke dir für alles was du mir gegeben hast.

Danke für die Reise, fürs Ankommen.

Ich hatte heute Frühschicht und hab gestern Abend lächelnd die Rollos um 23 Uhr runtergelassen. Ich hatte mir mein Lieblingsessen gekocht und mich ausgiebig gepflegt.

Ich bin im Reinen.

Ich brauche kein bestimmtes Datum, von dem ich irgend etwas abhängig mache.

Ich brauche kein bestimmtes Datum, um neue Dinge anzugehen und mir Vorsätze zu überlegen.

Sagt die, die am 31.12 vor 10 Jahren ihre letzte Zigarette geraucht hat und wusste, dass sie ab 1.1. 2010 Nichtraucher sein wird.

Grundsätzlich versuche ich übers ganze Jahr an mir zu arbeiten, mich weiter zu entwickeln und auf meine Ziele hinzuarbeiten.

Ich warte ganz gespannt darauf, was das neue Jahr noch so für mich bereithält.

Was es auch sein mag, ich bin sowas von bereit!