Introvertiert/extrovertiert

C.G Jung und seine Persönlichkeitstheorie ist mir bekannt und war auch Teil meiner Ausbildung als Krankenschwester.

Erst vor ein paar Wochen stolperte ich zufällig wieder darüber und plötzlich macht alles Sinn!

Meine Jungs sind 8 und 4 Jahre alt und könnten nicht unterschiedlicher sein.

Mit meinem Grossen fühle ich mich sehr verbunden, weil ich verstehe, wie er tickt. Seinen Code kann ich schnell knacken, weil ich so bin wie er.

Wenn er wütend ist, weiss ich meist, was dahinter steckt und worum es WIRKLICH geht.

Er ist extrovertiert.

Er ist laut, trägt sein Herz auf der Zunge. Seine Mimik und Gestik ist sehr ausgeprägt und wenn er lügt, durchschaue ich das sofort.

Er ist voller Energie und Tatendrang.

Immer gibt es was zu tun, er arbeitet immer an irgendwas, kann nicht still sitzen.

Wenn ich ihn an den Schreibtisch „zwinge“, um etwas für die Schule zu lernen, ist das Ergebnis sehr ernüchternd. Es funktioniert definitiv nicht, denn wenn ich nach ihm schaue, ist er 100 %ig mit etwas ganz anderem beschäftigt.

Das 1×1 lernte er im Handstand, speziell die 8er Reihe den Berg runter rollend.

Gedichte werden am besten gelernt, wenn er sie beatboxt und sich dazu bewegt. Oder er bekommt die Aufgabe, es ja ohne Betonung oder in Jammerstimme aufzusagen. Hauptsache nicht ernsthaft an die Sache gehen und nicht im Sitzen.

Für ihn muss ich kreativ werden und meine Prinzipien verabschieden, denn damit komme ich nicht weit.

Wenn er mir etwas erzählen will, dann muss es jetzt sofort sein. Hole ich ihn vom Training ab und warte im Auto, steht er aufgeregt an der Beifahrertür und zwingt mich dazu, das Fenster runterzulassen.

Direkt sprudelt es aus ihm heraus. Dann erst steigt er ein. Es muss so sein, man gewöhnt sich daran.

Wenn wir essen, ist es vergebene Liebesmühe, ihn zum Sitzen bleiben zu motivieren. Das kann er nicht.

Er muss kurz aufstehen und mir etwas zeigen. Oder kurz etwas holen. Nur ein paar Klimmzüge an seiner Stange. Nur kurz was nachschauen und nur einmal soll ich ihm ne Note für sein Kunststück auf der Sitzbank geben.

Es macht mich verrückt, ja. Ich habe akzeptiert, dass ich ein Kind habe, das nicht mit mir am Tisch sitzt und sich mit mir in Ruhe austauscht. Bei uns gibt es die Regel nicht, dass alle sitzen bleiben, bis der letzte fertig mit Essen ist.

Ich bestrafe mich nicht mehr selber und esse dann lieber alleine und in Ruhe weiter. Ohne Diskussionen. Ohne Kampf.

Schon früher im Kindergarten fragte er bereits beim Abholen, mit wem wir uns heute treffen. Er war enttäuscht, wenn ich nichts ausgemacht hatte und sagte: „Oh Mann, immer nur Familie ist doch langweilig!“

Heute noch ist es so, dass er eher „durchdreht“, wenn nichts ansteht und mal keine action ist. Dann quält es ihn und er fängt an, den Bruder zu ärgern, oder auch mal mich.

Er weiss dann nicht wohin mit sich und seiner Energie. Er will höher, schneller, weiter.

Wenn er nach der Schule noch 2 h Kunstturnen hat und danach bis 19 Uhr zu seinem Freund darf, bekomme ich abends ein zutiefst glückliches Kind zurück.

Ausgeglichen, ruhig. Dann geht das Einschlafen auch mal unter 30 Minuten und ohne Kopfstände auf dem Kopfkissen.

Das sind die wenigen Momente, wo er mal sagt:“ Kannst du jetzt bitte aufhören zu reden? Ich bin müde!“

Das ist ungewohnt für mich und wir lachen. Normalerweise ist das ins Bett bringen der anstrengendste Teil. Da ist meine Energie schon weg, ich freu mich, dass der kleine Bruder wenigstens schläft. Aus dem Dunkel kommt dann: “ Und über was reden wir heute?“

Wenn ich auf dem Klo sitze, dauert es nicht lange, dann höre ich es schon wieder:“Moooooooom, wo bist?“

Ich verdrehe die Augen wenn ich antworte. Ihn stört es nicht, wenn ich auf dem Klo sitze, während er mir alles erzählt, was nicht warten kann.

Manchmal reicht es mir und ich gebe der Tür einen Schlag, weil ich es nicht mehr hören kann und endlich mal alleine sein will.

Empört und lachend macht er sie wieder auf, denn er war ja noch nicht fertig. Manchmal lässt er sie auch zu und setzt sich davor auf den Boden, um weiter zu erzählen.

Er ist eine Herausforderung. Nach einem Tag mit ihm bin ich leer. Er hat alles genommen, was ich zu geben habe: Zeit, Geduld, mein Gehör, meinen Zuspruch, meine Meinung. Alles!

Diese temperamentvollen Kinder haben Eigenschaften, die wir an anderen sehr schätzen. Beharrlichkeit Durchsetzungsvermögen und Zielstrebigkeit zum Beispiel.

Er ist der Flummi in einem Zimmer voller Gummibällen. („Wie anstrengende Kinder zu großartigen Erwachsenen werden“, das Podcast, das mir die Augen öffnete)

Meinen 2. Sohn habe ich mir so sehr gewünscht. Ich wusste er ist wichtig.

Warum er so wichtig ist, wurde mir erst vor kurzem klar.

Er ist so anders. In ihm schlummert ein Schatz, den man nicht auf Anhieb sieht. Man muss sich schon die Mühe machen genauer hinzuschauen.

Er ist anders als der Grosse und ich und es geht darum, dass wir ihn so sein lassen. Denn wenn er sich uns anpassen würde, ginge sein Potential verloren.

In ihm steckt viel mehr als man denkt, aber er zeigt es nicht jedem.

Er ist ruhig. Er beobachtet viel. Redet weniger.

Er ist der, der in Ruhe sitzen bleibt und isst, während alle anderen schon im Kinderzimmer spielen.

Er ist der, der es auch genießt Spielfreunde da zu haben, dem es dann aber schnell zu viel wird.

Der, der dann in sein Zimmer geht und kurz die Tür schließt, bevor er wiederkommt. Er braucht Pausen.

Ihm wird es schnell zu laut und zu wild.

Er braucht Auszeiten. Er ist am glücklichsten, wenn mal nichts geplant ist nach dem Kindergarten.

Wenn er krank ist und mit mir alleine zu Hause ist, dann bin ich tiefenentspannt. Er braucht nicht viel, ein bisschen Kuscheln, lesen und viel, viel Ruhe. Nichts machen. Nur so daliegen und lächeln.

Er kann sich gut alleine beschäftigen und findet in seinem Zimmer immer etwas, was er gerne macht.

Ich habe eingesehen, dass wir ihn oft überfordern in unserem Sein. Mit unserem Temperament. Bei uns geht es immer laut zu, auch wenn wir uns normal unterhalten.

Verwundert schauen der Grosse und ich uns an, wenn der Zwerg ruft: „Das ist mir jetzt zu laut hier!“

Sein Herz ist gross und oft sagt er Dinge, die tiefsinnig sind und mich dahinschmelzen lassen.

Abends ist ihm Ruhe besonders wichtig, er legt sich hin, kuschelt sich ein, BLEIBT liegen und macht einfach so die Augen zu. Verrückt.

Wenn er zum Doppelkindergeburtstag eingeladen ist und dort schon 10 Kinder toben als er dazukommt, dann schüchtert ihn das ein und er will nicht bleiben.

Er war besonders wichtig in unserem Leben, denn er lehrt uns, ihn anzunehmen in seinem Anders sein. Und die Kunst ist es, ihn trotzdem zu SEHEN, auch wenn er nicht an mir hochspringt und danach schreit.

Seit mir das alles bewusst ist, ist unser Alltag harmonischer.

Ich halte den grossen Bruder davon ab ins Zimmer hinterherzustapfen, wenn dort die Tür gerade geschlossen wurde. „Gib ihm ein paar Minuten, danach spielt er sicher wieder weiter mit dir!“

Gestern Abend haben sie sich aus Pappe Schwerter gebastelt und gekämpft. Ich bemerkte, dass es dem Zwerg wieder zu viel wurde und er seinen Bruder aber nicht enttäuschen wollte.

Ich bat den Grossen, ihm etwas Ruhe zu gönnen. Er verstand.

Sie zogen sich ins Zimmer zurück und spielten Friseur. Alle Bürsten und Kämme, die wir besitzen, lagen um sie herum.

Irgendwann kam der Grosse lachend raus und sagte, der Zwerg wäre eingeschlafen. Ich konnte es nicht fassen. Als ich ins Zimmer schlich, lag er auf dem Boden. Auf einem Kissen, eingewickelt in Decken. Es sah kuschelig aus.

Das Licht war gedimmt und ein warmes, feuchtes Tuch war auf seiner Stirn.

Das sei die Gesichtsmaske klärte der Grosse mich auf. Auch, dass er ihm über den Kopf gestreichelt hätte. Es sei zwar total nervig gewesen und anstrengend, aber er habe einfach weiter gemacht, weil der Zwerg es so genossen hätte.

Der Grosse durfte mir dann 20 Uhr beim Möbel rücken helfen und war voll in seinem Element.

Ich schätze, ich habe gestern viel gelernt. Über das Annehmen und Anderssein.

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