Es ist nie genug!

Seit meiner Trennung vor 4 Jahren wird mir immer wieder diese eine Sache gespiegelt:

DU BIST NICHT GENUG!

Ich habe mich oft zerrissen gefühlt und jeder will doch „gut genug“ sein. Dazugehören. Mithalten. Frei sein. Flexibel sein. Geachtet werden und geschätzt.

Also bin ich regelmässig über meine eigenen Grenzen gegangen, habe ertragen und geduldet.

Hingenommen, was nicht zu ändern war:

DU BIST NICHT GENUG!

Dieser Gedanke war lange unerträglich für mich und immer hatte ich das Gefühl doppelt so hart kämpfen zu müssen, NOCH mehr Einsatz zu zeigen, noch schneller zu werden und noch mehr tun zu müssen.

Immer wieder fühlte ich mich erschöpft und war frustriert, denn ich machte doch und machte…und doch:

DU BIST NICHT GENUG!

Eines Tages telefonierte ich mit einer Freundin und was sie sagte war so simpel. Es lag auf der Hand und doch änderte es alles.

Sie fragte, warum ich so dagegen ankämpfe, nicht genug zu sein. Ich solle aufhören damit.

“ Ja, egal was du machst und wieviel du davon machst, du wirst nichts gerecht. Nimm es doch hin! „

ICH BIN NICHT GENUG!

Plötzlich fühlte sich dieser Satz gar nicht mehr so schlimm an, dass ich immer und wieder dagegen ankämpfen wollte.

Ja, ich war frisch getrennt und stand mit allem alleine da.

Ja, meine Kinder waren noch sehr klein und brauchten mich sehr.

Ja, ich ging arbeiten und hatte viel zu oft viel zu wenig Schlaf, weil ich nachts mehrmals geweckt wurde.

Ja, ich bin nicht genug. Nicht genug Mama, nicht genug Krankenschwester und schon gar nicht genug ich selbst.

Nichts werde ich gerecht und das wird die nächsten Jahre so bleiben.

Ich bin nicht genug, aber hey, es ist okay.

Das anzunehmen war ein sehr langer Weg, es hat mich viele schlaflose Nächte gekostet und ebenso viele Tränen.

Heute kann ich es ganz leicht und mit einem Schulterzucken über meine Lippen bringen.

Ich definiere mich nicht mehr darüber und es tut nicht mehr weh.

Deshalb bin ich trotzdem eine tolle Mama, wenn auch nicht perfekt. Die Tatsache, wie meine Kinder sich entwickeln, wie selbständig, empatisch und offen sie sind, gibt mir Recht.

Früh habe ich gelernt, mich nicht über Materielles zu definieren. Nie hatte ich ein teures Auto, selten konnte ich mir Markenkleidung leisten, nicht jedes Jahr war ich im Urlaub, schon gar nicht mehrmals. Nie hatte ich das angesagteste Handy und als Teeny nie einen Computer.

Was mich ausmacht bin ich, nur ich, mein Wesen. Mich gibt es nur einmal, niemand ist wie ich und das macht mich unschlagbar.

Heute habe ich einen Herzensmensch getroffen und wir haben gerätselt, wann unser Freundschaft tiefer wurde, denn Kollegen waren wir schon einige Jahre.

Es war ein Moment, als ich ganz schwach und unten war, der uns näher zusammenrücken liess.

Ich erinnere mich nur noch vage, aber es muss ziemlich genau 4 Jahre her sein, als sie mit dem Fahrrad an mir vorbeifuhr und anhielt.

Mir war das gar nicht recht, ich wollte niemanden sehen und schon gar nicht reden.

Ich schob den Buggy mit dem Zwerg drin, der 10 Monate alt war. Der Grosse war 5 und fuhr Fahrrad, glaube ich. Es dauerte nicht lang und es sprudelte aus mir heraus. Alles!

Dass wir getrennt sind, er nicht mehr bei uns wohnt und ich nicht weiss wie es weiter geht. Dass ich es zu Hause im Haus nicht ertrage und es mich rauszieht. Nur raus, nur laufen, nur frische Luft und nicht denken.

Sie erinnert sich daran, dass ich schrecklich geweint habe, als ich ihr Auszüge erzählte. Und dass ich mich mehrmals entschuldigte, dass ich sie mit meinen Problemen belastet hatte.

Für mich ist diese Zeit sehr verschwommen. Im Nachhinein fragt man sich immer, wie man das alles nur geschafft hat. Was mir geholfen hat war, dass ich diese tollen kleinen Jungs hatte.

Ich musste jeden Tag früh aufstehen und konnte mich nicht unter der Bettdecke verkriechen. Jeden Tag gab es was zu lachen, auch wenn ich dabei geweint habe. Wir haben morgens das Haus verlassen und sind erst abends wieder zurück. Es hat so viel Kraft gekostet und doch tat es so gut.

Ich musste Essen kochen, ich habe Bücher vorgelesen, mit Baby auf dem Arm getanzt, ich habe vorgesungen und in den Schlaf gewiegt. Oft habe ich mich an meine Kinder gekuschelt und sie ganz fest gedrückt. Im Nachhinein bin ich sicher, dass ich die Umarmung viel mehr gebraucht habe als sie.

Wir haben viel miteinander geredet und sind als Team zusammengerückt. Weil alles war wie es war, bin ich auch wie ich bin. Wenn ich auf die letzten 4 Jahre zurückblicke, dann haben die Leute recht gehabt:

„Es wird leichter, deine Kinder werden grösser.“

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber sie macht Vieles erträglicher.

Irgendwann schliefen die Kinder durch, irgendwann konnte auch das Baby reden und laufen.

Irgendwann wachte er nicht mehr morgens halb 5 auf, bevor überhaupt mein Wecker zur Arbeit klingelte. Irgendwann lief der Grosse von der Schule nach Hause und begann schon mal mit seinen Hausaufgaben, bis ich kam.

Irgendwann konnte ich sie zusammen und alleine in den Garten schicken, damit ich durchatmen konnte, wenn mir alles zu viel war.

Ich liebe mein neues Leben, das absolut nicht mein Plan war. Ich tuhe mein Bestes, jeden Tag. Allein diese Tatsache lässt mich mit einem Schulterzucken leicht und locker sagen:

Ich bin nicht genug. Aber ich bin gut wie ich bin.

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