Da ich oft auch am Wochenende arbeite, habe ich montags oft frei. So wie heute.
Eine Woche voller Normalität liegt hinter uns.
Mein Kindergartenkind ist endlich wieder mit allen anderen Kindern dort, darf wieder weben, seine Schultüte planen und gestalten.
Mein Schulkind darf wieder in der Mensa essen, hat wieder Sport und Mittagsschule.
Ein weiteres Lernpaket hätte unsere Mutter- Kind- Beziehung nicht gut verkraftet.
Ohne dieses „homeschooling“ hatten wir eigentlich eine ziemlich gute Zeit, also in den Ferien.
Zu der Zeit war der Montag nicht unser Lieblingstag, denn montags wurden die Lernpakete abgeholt.
Er war von der Menge erschlagen, unmotiviert und hatte keine Motivation überhaupt zu beginnen.
Es war eine sehr anstrengende Zeit und wir beide haben viele Nerven verloren.
Immer dieser Zwiespalt:
Lass ich es ihm durchgehen und Neune gerade sein?
Oder kann ich erwarten, dass er „dieses Bisschen“ abarbeitet, wo er doch den ganzen Tag Zeit hat und nichts anderes ansteht?
Gerne hätte ich zwei Kleinkinder gehabt, mit denen ich einfach gleich morgens raus kann, einen Ausflug machen, Picknick im Freien, ohne diesen Druck im Hinterkopf.
Die letzte Woche hat mir gezeigt, wie sehr mein Schulkind darunter „gelitten“ hat, auch wenn es ihm auf den ersten Blick an nichts fehlte.
Die Freunde waren ihm das Wichtigste und die, die er sehen wollte, traf er häufig.
Was ich jedoch jetzt bemerke?
Mein Kind ist wieder so, wie ich ihn vor dieser Zeit in Erinnerung habe.
Er kommt gut gelaunt und ausgeglichen nach Hause. Er hat so viel zu erzählen und wir sind wieder mehr im Kontakt, reden viel mehr miteinander als die letzten Wochen.
Wir streiten nicht mehr, es gibt nur noch wenig Gründe.
Es ist Schule, bis abends sind wir draußen, oder im Freibad.
Es gibt Tage ohne Tablet oder Fernsehen und keinen stört es. Die ewigen Diskussionen ab morgens haben aufgehört.
Die Prioritäten sind wieder andere und es gibt wieder so viel zu tun! Die Tage sind gefüllt und die Sonne scheint.
Er setzt sich nach der Schule ganz selbstverständlich an seinen Schreibtisch, erledigt selbstständig und singend seine Hausaufgaben.
Er gibt Gas, weil er fertig werden will. Ich muss nicht motivieren und er braucht mich nicht. Ich höre dann irgendwann nur: „Fertig!“
So kenne ich ihn! So war unser Alltag vor Corona.
Heute habe ich frei.
Ich liege auf meinem Balkon in der Sonne, habe bereits eingekauft uns geniesse jetzt.
Ich habe frei und bin alleine!
Alleine beim Autofahren, beim Einkaufen, beim Ausräumen und beim Hausarbeit erledigen.
Meine freien Tage und unser Alltag haben mir so sehr gefehlt.
Endlich wieder Durchatmen.
Dinge von A-Z erledigen, ohne für eine Mahlzeit sorgen zu müssen, Duschen ohne Publikum und ohne reden zu müssen.
Ich arbeite mit psychisch beeinträchtigten Menschen ab 18 Jahren und was ich in ihren Akten manchmal lese, lässt mich erstarren.
Mein Hauptaugenmerk liegt demnach immer auf der Komponente, nichts ist wichtiger als psychische Gesundheit finde ich.
Besonders in dieser Zeit höre und lese ich immer mehr von Kindern, die die Coronazeit nicht gut packen.
Freundinnen und Bekannte erzählen mir von weinenden Kindern, Verzweiflung, Angst.
Davon, dass Kinder viele Alpträume haben, oft zu den Eltern ins Bett kommen und auch davon, dass sie wieder beginnen einzunässen.
Mein Kollege hat einen 1 jährigen Sohn. Dieser kennt nur Familienangehörige und kommt eigentlich nie mit Gleichaltrigen in Kontakt: in der Familie ist er das einzige Kleinkind, auf dem Spielplatz kommt man in dem Alter noch nicht wirklich miteinander in Kontakt und Kita, Treffen, Gruppen finden nicht statt.
Er zeigte mir ein Foto von seinem strahlenden Sohn beim Shopping im Baumarkt. Er sitzt in einem dieser Einkaufswägen in Form eines Autos mit Sitz, Lenkrad und Hupe.
„Das ist unser Highlight der Woche, es ist wie im Freizeitpark für ihn!“
Ich bin Mama und was könnte mir wichtiger sein, als dass es meinen Jungs gut geht.
Jeder unterstützt dies auf seine Art. Individuell.
Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich hier keine Auffälligkeiten wahrnehme.
Ich habe keine Angst vor dem Leben.
Ich habe auch keine Angst vor dem Tod.
Aber bevor ich sterbe, lasst mich leben!
Unsere Lebenslust hat nie pausiert. Sie war mal grösser und mal kleiner, mal war sie präsenter und mal eher im Hintergrund. Aber sie war immer da! Das kann uns keiner nehmen.
Wir sind immer in der Natur, das hilft!
Tief durchatmen- das hilft mir.
Stöcke, Steine, Sand und Wasser hilft meinen Jungs.
Manchmal bevorzugen wir die Ruhe, machen unser eigenes Ding und wollen unter uns sein.
Oft aber zieht es uns zu anderen Menschen, unseren Freunden.
Dann treffen wir uns auf dem Spielplatz, im Wald oder wo auch immer. Wir machen Picknicks, laden Gäste ein, machen Spontanbesuche, grillen zusammen und uns tut das gut.
Mein Grosser ist 10 Jahre alt.
Ja, er vermisst das Schwimmbad, den Indoorspielplatz und das Legoland.
Aber er ist glücklich behaupte ich.
Er kann nicht zur Schule, hat also keine Mittagsschule und nicht mehr 3× wöchentlich Training. Er hat Zeit sich mit seinen Freunden zu verabreden. Und die haben endlich auch alle Zeit. Sie fahren Fahrrad, quatschen, ziehen alleine los, oder hüpfen im Trampolin.
Ihm fehlt nichts würde er sagen. Man kann ihm alles nehmen. Solange er seine Freunde hat, ist er glücklich.
Die neue Selbstständigkeit tut ihm gut merke ich. Wenn wir uns abends treffen, er seinen Helm abnimmt und sich durch sein verschwitztes Haar fährt, hat er so viel zu erzählen und strahlt.
Mein anderer Sohn ist 5, fast 6.
Er zieht noch nicht alleine los. Also verbringen wir viel Zeit zusammen. Und viele Stunden auf Spielplätzen.
Kinder brauchen Kinder und Kinder müssen spielen finde ich.
Er ist auch durch die Pandemie nicht müde geworden, hat noch jede Menge Flausen im Kopf und verrückte Ideen.
Er ist extrem selbstbewusst geworden und steht so gut für sich ein, das fällt mir positiv auf. Er braucht mehr Ruhe als sein Bruder, dann aber braucht er wieder dieses Wilde: Matschberge erklimmen, Löcher graben, sich von einem Berg runterkullern zu lassen.
Auch er ist glücklich behaupte ich.
Wir alle finden Corona und diese Zeit trotzdem mehr als doof und das dürfen wir auch! Wir hören nur nicht auf zu leben!
Ich habe keine Angst, weil ich schon so oft im Leben Glück hatte. So oft hatte ich schon Angst und es ist gar nichts passiert.
Ich glaube fest daran, dass es bestimmt ist, wann es mich erwischt und dass ich rein gar nichts dagegen tun kann.
Ich kann aufhören, über diese stark befahrene Strasse zu gehen. Dann verunglücke ich eben bei einem Autounfall. Es wird auf anderem Weg zu mir kommen.
Deshalb gehe ich voll ins Vertrauen, dass schon alles gut gehen wird. Oder eben nicht, aber dass ich dann so gar nichts dagegen tun konnte.
Vor ein paar Tagen hatte ich eine Auseinandersetzung mit meinem 10 jährigen Sohn.
Ich wollte ALLEINE sein, um mit meiner Freundin zu telefonieren, der es nicht gut ging.
Immer wieder kam eins der Kinder rein, wollte mithören, etwas fragen, oder genau in DIESEM Zimmer spielen.
Ich war ausser mir und kommunizierte das auch lautstark.
Das Telefonieren ist oft Thema gewesen und auch mit 10 und 5 Jahren habe ich immer noch das Gefühl, dass jede Diskussion umsonst war.
Es nervt mich so sehr in Anwesenheit meiner Kinder zu telefonieren, weil es einfach nicht klappt. Zumindest nicht, wenn es über zehn Minuten hinausgeht.
Was war zuerst da? Die Telefonabneigung an sich, oder die Telefonabneigung, weil ich immer unterbrochen werde?
Mein Sohn war empört, dass ich so deswegen schimpfte. Er fand, ich hab alles und kann doch alles machen, was ich will.
Ich bat ihn sich zu mir in die Küche zu setzen und fing an zu erzählen, was ich alles gern machen will, aber nicht kann.
Wenn meine Kinder gross sind, will ich Kinderbücher schreiben. Vielleicht was mit Superhelden, denn damit kenne ich mich inzwischen gut aus.
Wenn Sie gross sind, will ich alleine ans Meer. Mich langweilen, was für ein schöner Gedanke!
Ich werde in der Sonne brutzeln, mir einen Sonnenbrand einfangen und die Augen stundenlang nicht öffnen.
Ich will Städte erkunden und ganz viel laufen. Ohne jemanden hinter mir herzuziehen und überreden müssen, mit mir zu gehen.
Ich werde in ein Schweigekloster gehen und mir die ganze Stille zurückholen, die ich all die Jahre nicht hatte.
Der Gedanke daran, dass mich niemand etwas fragt und ich keine Fragen beantworten muss, ist Musik in meinen Ohren.
Ich will einmal den Jakobsweg gehen und ganz viel in mich.
Ich will Wandertagebuch schreiben und alle meine Gedanken festhalten.
Ich will Vögel zwitschern hören, grüne Wiesen sehen, Schmetterlinge beobachten. Und Stille. Einfach Stille.
Ich will auf der Couch sitzen, vielleicht sogar liegen. Ohne, dass jemand auf mir rumhüpft, mit unter meine Decke will, oder etwas sucht, bei dem ich helfen muss.
Ich will Seminare besuchen zu allen Themen, die mich interessieren. Mich einfach anmelden können, unabhängig von dem Wochentag oder der Uhrzeit, weil ich nicht auf Betreuung angewiesen sein werde.
Ich spürte, wie meine Augen anfingen zu leuchten, als ich all das meinem Sohn anvertraute.
Er zog die Augenbrauen hoch.
Ich sagte: “ DAS alles will ich mal machen. Das alles ist in mir drin. Danach sehne ich mich.
Aber jetzt seid ihr noch klein und braucht mich. Ich habe mir mein Leben nie ohne Kinder vorstellen können und ich danke Gott dafür, dass ihr mich als eure Mama ausgewählt habt.
Ich WILL jetzt für euch da sein, ich liebe es Mama zu sein und stecke jetzt gern dafür zurück. Meine Zeit wird kommen. Der Tag wird kommen, da seid ihr Erwachsen und braucht mich nicht mehr immer um euch.
Dann freue ich mich auf alles was kommt. Ihr steht mir bei all dem nicht im Weg. JETZT bin ich Mama. „
Ein bisschen Stille dann und wann wäre trotzdem schön.
Und wenn ich sie dann irgendwann habe, wird es mir sicher schnell zu viel, weil ich es gar nicht kenne.
Ich werde an meine wilden kleinen Jungs zurückdenken, die mich oft fast meinen Verstand gekostet haben, aber dass ich die wilde Zeit, das Hüpfen auf mir, das Rennen in der Wohnung, die Stöcke im Auto, den Sand im Flur, die Grasflecken, die blauen Flecken und die Löcher in den Schuhen wirklich genossen habe.
Ich werde still sein, meine Augen schließen und schmunzeln, weil so viele schöner Erinnerungen in Bildern vor meinem geistigen Auge erscheinen werden.
Familienkonferenzen sind häufiger geworden in den letzten Monaten und mein Grosser sagt schon „Oh, oh“, sobald ich es ausspreche.
Heute hatte ich einfach nur das Bedürftnis mich bei meinen Jungs zu entschuldigen.
Dass ich dabei so sentimental werde und dass da dieser Kloß in meinem Hals ist, das war nicht geplant.
Ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich in letzter Zeit oft nicht die Mama sein kann, die ich gerne sein will.
Ich sagte ihnen, dass es nicht an ihnen liegt. Dass sie tolle Kinder sind, die besten, die ich mir vorstellen kann und dass ich sie über alles liebe.
Ich erklärte ihnen, dass ich an so Vieles denken muss, mich um so viel kümmern muss und versuche, individuelle Lösungen zum Thema Testpflicht in Schule und Kindergarten zu finden, so, dass es für uns alle gut ist.
Dass ich solange es irgendwie geht nach einem Ausweichplan suche und alles dafür gebe, sie bei ihrem Wunsch, nicht getestet zu werden, unterstütze.
Dass es mir leid tut, dass ich oft ungeduldig bin, schnell laut werde und meine Grenzen schneller erreicht sind wie früher.
Dass mir die Zeit alleine fehlt, zum Nachdenken, Organisieren und Planen. Dass sie früher davon nichts mitbekommen haben, weil ich das alles gemacht hab, bevor sie mittags zu Hause waren.
Ich habe ihnen gesagt, dass Teamarbeit mir noch nie so wichtig war wie in dieser Zeit. Dass es mir im Herzen wehtut, dass sie so viel streiten und sich gegenseitig weh tun.
Dass sie mich unterstützen können, indem sie nicht morgens 7 Uhr schon wütend Türen hinter sich zuschlagen.
Heute war ich sauer auf meinen Grossen.
Mit einer Freundin und deren Kindern trafen wir uns auf dem Spielplatz. Lange ging es gut, bis wir immer wieder unterbrochen wurden: Nachfragen, Dazwischenquatschen, Diskussionen über Tabletzeiten usw.
Es war unpassend. Ich war sauer.
Daheim erklärte ich ihm, dass andere Mamas meistens ja noch den Papa zum Reden haben. Sich mit diesem austauschen können. Sich gegenseitig bestärken und unterstützen können.
Da es bei uns nicht der Fall ist und ich der einzige Erwachsene bei uns bin, muss ich alles alleine mit mir ausmachen.
Wenn ich mit anderen Erwachsenen reden will, muss ich telefonieren, oder mich mit diesen verabreden.
Dass mir das dann sehr wichtig ist und ich kein Verständnis dafür habe, wenn ich ständig unterbrochen werde. Dass ich nicht akzeptiere, wenn er mit dabei sitzt und sich in die Gespräche mit einmischt.
Vor einigen Wochen hatte ich dazu ein Paradebeispiel.
Das Leben hat mir wieder mal so schön gezeigt, wie einfach es ist, Menschen, die man nicht kennt zu verurteilen.
Wie falsch man so Manches deutet und einfach keine Ahnung hat.
Hier die Vorgeschichte:
Bei meinem Sohn in der 4. Klasse sind seit letztem Jahr zwei neue Jungs.
Wir waren noch in Mutter- Kind- Kur und mein Sohn verpasste die erste Woche des Schuljahres.
Ihm wurde gleich von Mitschülern berichtet, dass es Probleme gäbe. Er kam nach dem ersten Tag nach Hause und seine Begeisterung hielt sich in Grenzen.
Ich fragte nach den Namen der neuen Kinder und er sagte sowas wie: „Der eine keine Ahnung, komischer Name, konnt ich mir nicht merken. Der andere heisst Bugs Bunny.“
Ich fragte nach dem Hintergrund dieses Namens und er meinte, er heisst wohl mit Nachnamen „Bugs“ und deshalb eben Bugs Bunny.
Immer wieder erzählte er daheim von Kämpfen, Streit, Schlägereien.
Der Neue nerve total, weil er nur vom Zocken rede und von Ballerspielen.
Er mache irgendeinen Kampfsport und drohe damit auch mit seiner Körperhaltung. Er täusche immer an, gleich einen Kampf zu eröffnen.
Es sei sehr unruhig in der Klasse und man könne kaum was lernen, weil sich die Hälfte der Zeit alles nur um Streitschlichtereien dreht.
In den Pausen wollen sie deshalb nicht, dass er mitspielt. Die Lehrer reagieren verschieden. Ein Lehrer sage, daß sei o.k, dann sollen sie ihn aber in Ruhe lassen.
Ein anderer Lehrer „zwinge“ sie dazu, ihn mitspielen zu lassen. Das sei „voll doof“, weil es mit ihm keinen Spass mache.
Und immer wieder Bugs Bunny. Immer noch wusste er nicht, wie sein richtiger Name war.
Im ersten Elternabend konfrontierte ich die Lehrerin damit, was mir berichtet wurde vom Kind. Fragte nach, ob das alles noch im Rahmen sei, oder man etwas tun müsse.
Sie erklärte, dass die zwei Neuen noch nicht ganz Anschluss finden, aber sie sei da ganz optimistisch. Es sei etwas unruhig, ja.
Dass jemand „gemobbt“ werde, oder sowas in der Art, das könne sie nicht sagen.
Ich dachte laut und sagte:
„Naja, wo fängt es an, wo hört es auf!?!“ Wies darauf hin, dass alle den Neuen wohl nur unter „Bugs Bunny“ kennen und auch so nennen.
Der Vater dieses Kindes saß vor mir und ich konnte nur dessen Rücken sehen. Null Reaktion. Fand ich komisch. Es ging doch um sein Kind!
Eine andere Mama sagte, dass man ja mit den eigenen Kindern nochmal reden könne und das Thema ansprechen. Es läge ja auch an uns selber und was wir daheim kommunizieren. Also gut!
Die Schauergeschichten wurden auch nach Monaten nicht weniger.
Aggressionen. Unruhe.
Beim Infoabend zum Thema weiterführende Schule war da diese eine Mama. Die einzige, die ich nicht kannte, also ordnete ich sie diesem Kind zu.
Sie war sehr ungepflegt, suchte keinen Blickkontakt, wirkte arrogant, oder auch desinteressiert und zündete sich die Zigarette an, sobald sie draußen war. Sie verabschiedete sich nicht und ich dachte nur:
„Na das passt ja!“
Ich holte mir Rat beim Elternbeirat. Wies sie an mal bei den anderen zu horchen, ob die das auch so empfinden.
Die Meinungen waren verschieden.
Manche hatten keine Probleme, manche mussten erst mal das Kind dazu befragen. Andere erzählten das gleiche.
Im Zuge dessen wurde auch wieder die Lehrerin befragt.
Alles sei halb so wild. Begründet wurde es damit, dass alle sich ja schon seit der 1. Klasse kennen und ein neues Kind, das 4 Jahre später dazu kommt, es natürlich schwer hat.
Vor wenigen Wochen passierte folgendes:
Eine Bekannte schrieb mich an, dass sie in einem dieser Gruppen sei ( Thema Testungen und Masken in Schulen).
Da sei auch eine Mama von einem Kind aus der 4. Klasse meines Sohnes. Ob ich das wüsste und ob es mich interessiere.
Sie stellte Kontakt her, weil ich neugierig war. Anhand des Profilbildes sagte sie mir nichts. Hätte jeder sein können.
Diese Mutter schrieb mich dann bei WhatsApp an.
„Hallo. Ich bin die Mama von X. Er ist ja neu in der Klasse und hatte einen schweren Start. Sicher hast du schon von ihm gehört.“
Sie sei auf der Suche nach anderen Kindern, die bereit seien eine Lerngruppe zu bilden.
Ich dachte:
„Oh mein Gott! Bitte nicht genau DIESES Kind! Und nicht DIESE Mutter.
Niemals würde mein Sohn mit ihm eine Lerngruppe bilden wollen. Er würde mir den Vogel zeigen und sowas von rebellieren.
Und jaaaaahaaaa. Von ihm habe ich wirklich schon viel gehört. Leider eben nichts gutes!
Er hatte einen schweren Start? Ha! Alle anderen hatten es noch schwerer. Wegen ihm! Wie komm ich bloß aus der Sache wieder raus?!“
Ich schrieb, dass ich wirklich schon VIEL von ihm gehört hätte.
Sie deutete es richtig, wie ich es meinte. Sie fragte, zu welchem Kind ich gehöre und sagte dann zunächst, dass sie von meinem Sohn noch nichts gehört habe. Das also bedeute, dass er nicht gerade zu den Favoriten Ihres Sohnes gehöre.
Ich dachte:
„Na zum Glück! Spricht eher für meinen Sohn!“
Später fiel ihr dann ein, dass sie den Namen meines Sohnes immer im Zusammenhang mit Ärgereien gehört habe.
Ich wollte sie gleich löschen, blockieren und mich aus dem Staub machen.
Irgendetwas hielt mich ab. Ich ging in mich und fand, dass ihr keine andere Antwort übrig blieb, nachdem ich schon so begann.
Ich weiss noch, dass wir zu Mittag aßen und meine Jungs dann draußen im Garten spielten.
Da bekam ich von dieser Mutter eine seeeehr lange Sprachnachricht.
Was wir schnell rausgefunden haben war vor allem, dass wir uns sehr sympathisch sind.
Sie wunderte sich, dass ihr ach so lieber, süßer Sohn, wie sie ihn kennt, noch keine Freunde in der Klasse gefunden hat. Da er neu war, gab es also keine Kontakte zu Mitschülern, oder anderen Eltern.
Sie hatte ja keine Ahnung!
Keine Ahnung davon, wie ihr Kind sich in der Schule gibt und verhält.
Sie hörte das von mir zuerst und fiel aus allen Wolken. Das alles wusste sie nicht und dachte, ich könne nicht von ihrem Sohn erzählen.
Sie war eher damit beschäftigt, warum mein Sohn ihren lieben Sohn ärgert. Sie dachte, er komme vielleicht aus schwierigen Familienverhältnissen und sei ein sogenanntes Problemkind.
Da musste ich ganz schön schlucken. Es war kein schönes Gefühl. Denn ich weiss es ja besser und es entspricht gar nicht dem, was sie dachte. Auch nicht wenn wir, seine Eltern, getrennt sind.
Sie erzählte, dass ihr Mann beim Elternabend damals das erste Mal davon hörten, dass man den Sohn „Bugs Bunny“ nenne. Sie dachten, wegen seinen breiten Schneidezähnen.
Als ich meinen Sohn später dazu befragte, gab er zu, dass er keine Ahnung habe, warum er so genannt wurde. Er habe lange gedacht, er heisst wirklich Bugs mit Nachnamen.
Sie erzählte, dass ihr Sohn in der 3. Klasse von einer handvoll Jungs in seiner damaligen Klasse geärgert, gemobbt und am Ende auch körperlich angegangen wären.
Grund dafür war u. a., dass er noch ein bisschen kindlicher sei und eben nicht „zocke“.
Er habe sehr darunter gelitten und deshalb der Schulwechsel zur 4. Klasse. Neuanfang.
Die Lehrerin habe die Vorgeschichte nicht wissen wollen, um unvoreingenommen zu sein.
Letztendlich glaube sie, dass ihr Sohn dies als Grund dafür nutzte, den Kindern nicht sein wahres Ich zu zeigen, damit ihm sowas niemals wieder passiert. Keiner kannte ihn, er konnte alles sein.
Da er zuvor dafür ausgegrenzt wurde, dass er nicht zockt, erzählte er jetzt eben genau davon und von Ballerspielen. Nichts davon entspreche der Realität, sagte die Mutter später.
Dass er genau deshalb hier jetzt wieder nicht gemocht wurde, war Zufall.
In dem Selbstverteidigungskurs sei er nur, weil sie dachten, daß würde sein angekratztes Ego etwas aufpolstern. Nicht, damit er dies bei seinen Mitschülern anwendet.
Sie sei schon länger auf der Suche nach der besagten Mutter von damals aus dem Elternabend. Die, die sich für ihr Kind eingesetzt hat und das Ganze auf den Tisch gebracht hat. Sonst hätte sie wohl nie etwas davon erfahren.
Sie war so dankbar, dass sie endlich weiss, was los ist, warum er keine Freunde mit nach Hause bringt.
Ihr Sohn sei hochsensibel und auch leicht hochbegabt erzählte sie mir. Inzwischen sei ihm auch bewusst, was er angerichtet habe und schäme sich dafür. Komme jetzt aber aus der Sache nicht mehr raus.
Ich weinte allein auf der Couch.
Ich war so gerührt von ihrer Geschichte.
Und ich schämte mich so sehr.
Fürs Verurteilen und in Schubladen packen.
Es stellte sich auch schnell raus, dass sie nicht diese Mutter vom Infoabend damals war. Weder raucht sie, noch hat sie schwarze Zähne und war damals verhindert.
Wir schliefen beide ein paar Nächte nicht so gut und mussten immer wieder daran denken, wie so etwas zu Stande kommt. Eigentlich ganz einfach.
Keiner hat geredet. Jeder hat nur gedacht. Übereinander. Nicht miteinander.
Ein paar Tage später verabredeten wir uns auf einem Spielplatz.
Meinem Sohn musste ich natürlich ein bisschen erzählen, sonst wäre er nicht mal ins Auto gestiegen.
„Waaaaaas? Er ist eigentlich Simon, tut aber, als ob er Alvin ist???? Warum????“ ( Chipmunks)
Er war aufgeregt vor dem Treffen. Eigentlich konnte er ihn ja nicht ausstehen. Aber jetzt wusste er, dass er in echt gar nicht so war und alles nur erfunden hat.
Weil er dazu gehören wollte. Nichts anderes. Einfach dazugehören und nicht ausgegrenzt werden.
Nach einer Minute spielten sie Tischtennis zusammen und wir hatten herrlich entspannte Stunden miteinander. Haben geredet, getobt, gelacht und jaaaa „eigentlich ist er voll nett!“
Am Abend lief 20:15 Uhr:
Der kleine Bruder schlief bereits und mir war es so wichtig.
Warum Carsten Stahl sich gegen Mobbing einsetzt erzählte ich ihm davor noch und er war geschockt.
Mit offenem Mund saß er da und konnte nicht fassen, was Mobbing mit den Opfern anrichten kann. Dass Täter oftmals vorher auch Opfer waren und irgendwann einfach beschließen, nie wieder Opfer zu sein.
Dass Wegsehen und nichts dagegen tun genauso schlimm ist, wie mitmachen.
Dass Viele nicht mehr leben wollen, weil sie gemobbt werden. Meistens nur deswegen, weil sie nicht sind, wie andere das gern haben wollen.
Mein Sohn war tief berührt und sagte:
„Weisst du Mama, wenn Filme traurig sind, muss ich nie weinen. Aber DAS?!? Da schon. Das ist echt krass!“
Wir haben in den letzten Wochen beide viel dazugelernt und mein oberstes Ziel ist es, ihn dafür zu sensibilisieren.
Nicht nur, weil er niemals Opfer sein soll. Oder Täter. Sondern auch um stark genug für andere zu sein, die es nicht können. Für andere einstehen.
Dazwischengehen. Es nicht zulassen.
Dass es viel cooler ist nicht dabei mitzumachen und noch viel, viel cooler, sich für Schwächere einzusetzen.
Mitmachen ist so einfach!
Alle machen es doch! Genau! Die Gruppendynamik ist dabei nicht zu unterschätzen.
Danke Leben! Danke für diese Lehre!
Ps: ich fragte meinen Sohn, ob es ihm schon mal so schlecht ging, dass er lieber sterben wollte.
Er fand den Gedanken absurd und schüttelte entschieden den Kopf.
„Nicht mal damals, als Papa und ich uns getrennt haben?“
„Nein! Da dachte ich nur, dass ihr beide Arschlöcher seid. Aber sterben? Niemals.“
Es dauerte jedoch sehr lange, bis ich anfing zu leben.
Mit meiner Freundin philosophierte ich vor einigen Tagen genau darüber:
„Wann begann dein Leben?“
Ich sagte zunächst, dass es begann, als mein erster Sohn zur Welt kam.
Vielleicht, weil seine Geburt so gewaltig war an Emotionen und Liebe, dass sie all die Jahre davor in den Schatten stellte.
Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl nicht zu leben, aber was sehe ich im Rückblick?
Ich war jung, ungebunden, lebte in der Großstadt. Ich schlenderte durch die Kaufhäuser, gab mein Geld für Kleidung, Schuhe und Handtaschen aus.
Ich sehe ein junges Mädchen, oberflächlich und unsicher, vielleicht ein bisschen arrogant.
Mit den Kindern wurde ich auf jeden Fall weicher. Da war diese grosse Sehnsucht und mit zwei gesunden Kindern war sie gestillt.
Ich war verheiratet, wir bauten ein Haus. Ist das LEBEN? Und wenn ja, wie fühlt es sich an?
Ist es LEBEN, wenn man alles hat und trotzdem unglücklich ist?
Ist es LEBEN, wenn es sich nach Stillstand anfühlt?
Ist es LEBEN, wenn man neidisch zu anderen schaut und sich vergleicht?
Ist es LEBEN, wenn man so gerne reinpassen will und immer wieder an seine Grenzen stößt?
Ist es LEBEN, wenn man sich selbst immer wieder erinnern muss, dass man einen Traum lebt?
Es war einer- allerdings nicht meiner.
Meine Kinder haben viel verändert. Um mich herum, aber auch in mir drin.
Ich war bereit, alles hinter mir zu lassen, alles herzugeben, auf alles zu verzichten. Alles was ich brauchte waren meine Kinder, das war mir schnell klar.
Das ist es, was MEIN Leben ist. Die Liebe zu meinen Jungs. Nicht für das, was sie tun und sagen, sondern einfach wegen ihres Seins. Für sie Zeit haben, sie behüten, für sie stark sein und kämpfen, egal, wie oft ich hinfalle.
Die ersten Jahre nach der Trennung waren die schlimmsten meines gesamten bisherigen Lebens.
Sie lehrten mich jedoch auch, was LEBEN für mich bedeutet und um was es wirklich geht.
Mein Weg ist seit wenigen Jahren so klar wie noch nie zuvor.
Ich habe mir versprochen, dass ich nie wieder irgendwo bleibe, wo ich nicht willkommen bin, oder unglücklich. Egal, ob es eine Beziehung ist, eine Freundschaft oder ein Arbeitgeber.
Ich will LEBEN! Und ich LEBE!
Das heisst, dass ich mit allen Sinnen genieße.
Ich genieße es frei und ungebunden zu sein. Bis es dunkel ist draußen bleiben zu können, weil zu Hause keiner wartet.
Wir müssen nicht heim, weil der Papa von der Arbeit kommt, oder ich kochen muss. Ich muss einfach gar nichts.
Wir können tun und lassen was wir wollen. Bleiben wo wir wollen, mit wem wir wollen und so lange wir wollen.
Das geniesse ich gerade so sehr!
Ich spare nichts auf.
Nicht einen Haufen Geld, damit ich meine Rente geniessen kann, oder eine Weltreise anstrebe. Wer weiss, was bis dahin ist?
Ich will JETZT leben. Und ich beginne nicht damit, wenn ein bestimmter Zeitpunkt in der Zukunft eingetreten ist.
Ich spare an keinen Unternehmungen, Ausflügen, Fahrradtouren oder Sonstigem. Wenn wir Lust drauf haben, wird es gemacht, ob es nun Dienstag, oder Samstag ist.
Ich spare nicht an sozialen Kontakten, weder an meinen, noch an denen meiner Kinder.
Freunde treffen ist wichtig. Es macht glücklich und füllt alle Speicher auf. Die richtigen müssen es nur sein!
Ich liebe es mit meinen Kindern, Freunden und auch mit mir selbst gute Zeit zu verbringen. Nicht irgendwann, bald und wir müssten mal.
Ich bin glücklich. Ich brauche nicht viel dazu. Was ich brauche erfülle ich mir.
Jetzt lebe ich mein Traumleben.
Von Aussen sieht es vielleicht nicht so aus. Im Inneren fühlt es sich aber so an. Früher war es umgekehrt.
Ohne die Trennung wäre ich nie die geworden, die ich heute bin.
Mein Leben begann nach der Trennung! So sehe ich das heute.
Ich bin demütig. Mein Leben hat so viel Tiefgang bekommen, dass ich die oberflächliche Großstadttussi nur noch mitleidig belächle. Sie wusste es nicht besser und sie freut sich mit mir. Viel anfangen mit mir könnte sie womöglich nicht, würde mich „verrückt“ nennen, womöglich „bekloppt“.
Leben ist, sich glücklich zu fühlen.
Sich Träume zu erfüllen und immer wieder neu zu träumen. Das Gegenteil von Stillstand, denn Stillstand ist Resignation.
Zu lieben! Mein Herz war noch nie so voller Liebe. Und je mehr ich davon verschenke, umso mehr wird es.
Ich ziehe wundervolle Menschen in mein Leben und ich bin so reich.
An Lebenserfahrung und purem Glück.
Ich finde immer mehr raus, was mich ausmacht und wer ich tief im Inneren bin.
Ich kann mich immer besser verstehen und auch leiden. Ich komme gut mit mir aus.
Wenn ich heute von einer tödlichen Krankheit erfahren würde und eine Woche zu leben hätte…DAS ist für mich LEBEN.
Nicht den Haushalt vorziehen, sondern kuscheln mit meinen Jungs.
Zeit verbringen mit den Menschen, die man liebt. So viel wie möglich.
Erinnerungen schaffen.
Nichts unausgesprochen lassen.
Nichts bereuen müssen, vor allem nicht bereuen, etwas nicht getan zu haben.
Nur so viel arbeiten, dass man genug Zeit für die wirklich wichtigen Dinge hat. Arbeit ist wichtig, aber nicht mein Platz 1.
Die Menschen, die ich liebe, denen sage und zeige ich es. Ich warte nicht damit und schiebe es nicht auf.
LEBEN heisst für mich fühlen. Im Reinen sein. In einer Woche tot sein zu können- rein theoretisch. Nichts bereuen, oder ausgelassen haben. Sondern denken:
Ich habe einige tolle und starke Frauen in meinem Leben.
Toll im Sinne von:
Du tust mir gut. Du inspirierst mich. Du verstehst mich. Wir ticken gleich. Nicht alles was du mir sagst, gefällt mir. Ich respektiere dich jedoch so sehr, dass ich es auf mich wirken lasse und dich nur kurz auch mal ein bisschen doof finde.
Toll im Sinne von:
Ohne dich wäre ich aufgeschmissen. Was wäre mein Leben bloß ohne dich, deine Liebe und Güte mir gegenüber?
Mein Zuhörer, mein Wachrüttler.
Mein „in was für nem Film bist du denn grad wieder?“
Toll im Sinne von:
Von dir kann ich so viel lernen. Wir sind auf dem gleichen Weg und schauen in die gleiche Richtung.
Toll im Sinne von:
Auf dich ist immer Verlass. Du bist immer da. Ich weiss, mit dir an meiner Seite kann mich einfach nichts umhauen.
Zusammen sind wir stark, noch stärker.
Meine Insel. Meine Oase. Meine Stille und innere Ruhe.
Toll im Sinne von:
Absolute Solidarität. Du regst dich mit mir auf. Du kämpfst an meiner Seite und für die gleiche Sache.
Eine starke Frau definiere ich nicht durch Äußerlichkeiten.
Die stärksten Frauen in meinem Leben sind diese sanften Wesen. Die, deren Blick mich trifft und der alles sagt, was Worte nicht ausdrücken können.
Die stärksten Frauen in meinem Leben haben schmerzliche Erfahrungen gemacht, an denen sie fast zerbrochen sind.
Die starken Frauen in meinem Leben sind voller Gefühl und haben keine Probleme damit, auch mal schwach zu sein.
Diese starken Frauen kennen sich sehr gut, vertrauen auf ihre Intuition und kennen ihre Grenzen.
Sie besinnen sich auf ihre Stärken und ziehen sich daran immer wieder hoch. Sie sind sich ihren Schwächen aber durchaus bewusst.
Starke Frauen sind nicht nur stark für sich selbst, sondern richten auch andere wieder auf.
Sie haben Neid und Missgunst nicht nötig. Sie können sich für andere freuen, auch wenn es ihnen selber gerade etwas an Glück fehlt.
Starke Frauen brennen für eine gute Sache und wollen Spuren hinterlassen.
Starke Frauen brauchen weder Muskeln, noch eine bestimmte Körpergrösse und Superkräfte.
Du erkennst sie an ihrer Verwundbarkeit.
An der weichen Mimik, dem Lächeln im Gesicht. Dem Herz voller Liebe. Daran, dass sie empathisch ist.
Daran, dass du nach einem Treffen mit einer starken Frau gute Laune hast und voller Energie bist. Daran, dass dein Akku aufgeladen ist und es dir so gut tut, sie in deiner Nähe zu haben.
Stark, weil du ihr nichts vormachen kannst. Sie nicht nur auf deine Worte achtet, sondern auch auf das, was zwischen den Zeilen steht.
Immer wieder bin ich überrascht, was wir erreichen können, wenn wir andere an der Hand nehmen.
Wenn wir uns zusammentun und füreinander da sind, sind wir nicht mehr aufzuhalten. Dann ist nichts unmöglich.
Der Weltfrauentag ist am 8. März, er ist schon ein paar Tage her.
Dieses Jahr haben mir mehrere meiner starken Frauen gezeigt, was unsere Superpower ist und zu was wir im Stande sind, wenn wir uns nicht gegenseitig bekämpfen, sondern uns gegenseitig die Hand reichen.
Wie viel leichter und schöner ist das Leben, wenn man tolle und starke Frauen in seinem Leben weiss.
In gut einem Monat ist es soweit, dann dürfen meine Kinder ihren Halbbruder Henry begrüßen.
Ihre Schwangerschaft zog grad so an mir vorbei. Es kommt mir vor wie gestern, als ich dachte, ich hör nicht recht.
Meine Kinder erzählten es mir nach dem Papa- Wochenende ganz aufgeregt und beide lächelten dabei glücklich.
Ich war kurz in Schockstarre, damit hatte ich nicht gerechnet. Hatte er doch immer betont, dass er keine weiteren Kinder möchte.
Ich schickte meiner Freundin die news rüber (…ich gebe zu, es waren mehrere Freundinnen und nicht nur eine…)😬
Hallo?!? Ich brauche Meinungen! Bitte alles her zu mir, ich will hören, dass er doof ist und alles blöd.
Eine meiner liebsten Freundinnen schrieb nur kurz zurück: „Und was hat das mit DIR zu tun?“
Ich muss dazu sagen, sie kennt mich gut und hat voll getroffen. Sie weiss, ich steigere mich gern in Dinge rein und bin eine dramaqueen.
An dem Tag war ich genervt von ihr und verdrehte die Augen. Sie hatte ja keine Ahnung! Das hier verstand sie wohl nicht, sie ist glücklich verheiratet und somit in ner ganz anderen Welt.
Wie sollte das hier NICHT mit mir zu tun haben?!? Hier geht es quasi NUR um mich fand ich, bzw. wohl eher mein Ego.
Ich hatte Zeit mich damit zu arrangieren. Er ist ausgeglichen und zuverlässig, seit er mit ihr zusammen ist. Davon profitiere ich auch. Ich bin also mehr als zufrieden mit ihr und bin mit seiner Wahl sehr einverstanden.
Die Kinder mögen sie, erzählen viel Positives und den 7 jährigen Sohn mögen sie auch. Es ist wohl sehr harmonisch, wenn sie alle zusammen sind. Das kenne ich auch anders und ich kenne auch andere seiner Freundinnen, meinen Nachfolgerinnen quasi.
So richtig kennen jetzt nicht wirklich, aber eben von den Erzählungen meiner Kinder und von der Verfassung, in der sie nach manch einem Wochenende zu mir zurückkamen.
„Sie waren gerade mal 2 Tage bei ihm, was bitte hat er nur mit diesen Kindern gemacht? SO habe ich sie ihm am Freitag Abend aber nicht anvertraut!“
Oft war ich traurig, dass sie in so eine Situation geraten sind. Unschuldig. Weil er und ich es verbockt haben. Das hört nach der Trennung nicht immer direkt auf.
Um es auf den Punkt zu bringen: es läuft gut!
Ich habe mich damit abgefunden. Alle 14 Tage bekomme ich neue Infos über die Größe Ihres Bauches, die aktuelle Länge des Babys, das Gewicht, Beschreibungen von Ultraschallbildern.
Meist ist das erste, was mein Grosser sagt, wenn ich Sonntag Abend die Tür öffne: „Mama, das Wochenende war so cool!“
Das macht mich auch glücklich und zufrieden. Gespannt höre ich zu und frage wenig nach.
Henri..hmmmm. Als ich mit dem 2. Sohn schwanger war, war Henri auch in der engeren Wahl.
Ach egal, nicht nachdenken. Henri ist ein schöner Name. Punkt.
Inzwischen freue ich mich sogar mit und fieber diesem Baby auch etwas entgegen. Ich freue mich für meine Jungs, dass sie diese Erfahrung machen dürfen. Ein Baby! Das kann gar nicht verkehrt sein.
Es wird anders. Ich bin gespannt WIE anders es wird. Und vor allem bin ich froh, dass es nicht mein Baby ist.
Denn ich bin mit dem Thema durch. Dem Schlafentzug, dem Herumtragen, Stillen, wiegen, Schlaflieder singen, pucken, Fliegergriff, dem ständigen Umziehen, Bäuerchen machen und dem Windeln wechseln.
Ich möchte das alles nicht noch mal, auch wenn ich jeden Moment genossen und alles in mich eingesaugt habe. Ich kann es noch abrufen. Schön war es. Sehr anstrengend war es auch.
Ich denke nicht an den Kindesunterhalt, der jetzt neu berechnet wird.
Ich denke ebenso nicht daran, dass er mit ihr glücklich (er) ist. Unsere Zeit war und sie ist vorbei. Ich bin weder neidisch, noch tut es weh. Darüber bin ich hinweg.
Es ist einfach nur komisch. Nicht mehr und nicht weniger.
Mein Grosser bleibt ein grosser Bruder, er kennt es schon.
Der Ältere und auch oft der Klügere. Er steckt viel zu oft freiwillig zurück, nur weil der Zwerg eskaliert und bockt.
Nach dem letzten Papa- Wochenende bemerkte ich schließlich eine Veränderung am Zwerg. Nicht gleich kam ich darauf, woher der Wind weht.
Er war sehr launisch, bockig, wütend und war irgendwie auf dem Stand eines maximal 2 Jährigen. Erst war ich sehr irritiert. So sehr, dass ich meinen Exmann fragte, ob irgend etwas am Wochenende bei ihm passiert sei. Streit vielleicht?
Er verneinte.
Zwergi packte die verstauten Spieluhren aus und seine Schnullersammlung, die er nie akzeptiert hat. Neben mir lag ein Vorschüler, der am Schnuller saugte und die Spieluhr sang „Lalelu“.
Am nächsten Tag verbannte ich beides wieder ganz nach hinten in den Schrank.
Jetzt benahm er sich nur noch wie ein Baby. Inklusive Babysprache und viiiiiel Körperkontakt. Kuscheln, tragen, sich nicht alleine anziehen können, „…weil, ich bin doch ein Baby“.
Am Abend fragte er mich dann, ob er meinen Bauch küssen dürfe. Sein grosser Bruder fing an zu lachen und sagte, dass der 7 jährige Sohn der schwangeren Freundin eben immer frage, ob er ihren Bauch küssen darf.
Ahhhhhhhh! Jetzt war alles klar, daher wehte der Wind. Jetzt war mir alles klar, ich konnte lachen. Und verstehen.
Mein Zwergi wird ein grosser Bruder! Na wenn das nicht neu ist und nach Irritation schreit!
Der Grosse bleibt der Grosse. Aber der Kleine wird jetzt ein grosser Bruder. Er weiss ja ganz gut, was einem da so abverlangt wird.
Der Grosse rief: „Dann siehst du mal, wie das ist! Ha!“
Ich freu mich auf alles was kommt und vor allem um diese neue Erfahrung für meine Kinder. Sie haben nicht das Gefühl, dass ihnen etwas genommen wird. Im Gegenteil!
Babys riechen so gut. Und schreien so laut. Die Karten werden neu gemischt und die Rollen neu verteilt.
Mit meinem Exmann rede ich nicht viel darüber. Ich warte lieber ab.
Lachen können wir allerdings auch darüber. Wegen der aktuellen Situation darf er nicht bei der Geburt dabei sein. Er witzelte:
„Dann hatte ich alles. Ne Spontangeburt, nen Kaiserschnitt und eine, bei der ich nicht dabei war.“
Ich mag seinen Humor manchmal noch. Alles ist gut wie es ist. Genauso wie es ist!
Ich kann durchaus mein Glück sehen und klar erkennen:
Keine Kurzarbeit, keine Geldeinbußen.
Ich darf arbeiten gehen, weg von zu Hause und weg von den Kindern.
Schlimmer geht immer und mein persönlicher Alptraum wäre homeoffice mit meinen wilden Kerlen, die im Hintergrund kämpfen und die Türen schlagen. Hilfe!
Sie sind 5 und 9 Jahre alt und noch immer kann ich nicht länger als 5 min in Ruhe telefonieren. Genau dann müssen sie etwas sehr Wichtiges fragen, etwas essen, oder
…kämpfen. Davon bin ich übrigens auch müde.
Ich versuche mich auf das Positive zu fokussieren, wie:
Wir alle sind gesund und das alles, blablabla.
Es ist wichtig, DAS Wichtigste, keine Frage. Aber ist das genug? Wir leben im Mangel. Jeder von uns spürt es, jeder hat einen anderen Mangel und es wechselt täglich.
So wie meine Stimmung.
Gestern überschlug sich noch meine Stimme bei der Ansage, die Kinder sollen sich endlich Anziehen zum Rausgehen.
„Mama weinst du?“
Ja. Nur kurz. Und nicht wegen euch, dachte ich.
Es ist die Lautstärke. Das Chaos, die Unordnung, die Wäscheberge, das Kochen. Das keinem gerecht werden.
Inzwischen weiss ich, es ist nichts von Dauer. Ein Anruf, ein Gespräch, eine gute Nachricht, ein netter Besuch und schon ist alles wieder gut.
Heute strahlen wir um die Wette, sind entspannt und alles klappt.
Wer weiss, was morgen kommt?
Ich schätze das nennt sich LEBEN.
Ich renne von Zimmer zu Zimmer. In dem einen bespreche ich die Matheaufgaben und kontrollieren Ergebnisse, verbessere die Rechtschreibung, motiviere, tröste, solidarisiere mich:
„Ja, es ist wirklich viel, das stimmt. Es wird aber nur weniger, wenn du beginnst.“
Wenn 10 Ergebnisse der gleichen Rechenart richtig sind, warum muss man trotzdem noch 20 weitere Aufgaben lösen? Und wenn 10 Ergebnisse falsch sind, motivieren mich dann die 20 weiteren Aufgaben?
In dem anderen Zimmer lobe ich, dass er so schön spielt und den Bruder nicht stört. Kurz knuddeln, dann in die Küche, bevor es aus dem ersten Zimmer schon wieder schreit:
„Hä? Ich check das nicht. Maaaaaama!“
Ich bin keine Lehrerin. Mein Leben geht hier normal weiter und ich habe nicht mehr Stunden geschenkt bekommen. Ich muss immer noch den Haushalt machen, arbeiten, waschen, kochen und all das.
Immer noch denke ich:
„Das ist verdammt nochmal nicht meine Aufgabe!“
Mir fehlen meine freien Tage. Die, wenn der eine Sohn im Kindergarten ist und der andere in der Schule.
Ich denke an die Zeit zurück, als ich ein paar Stunden ICH sein konnte.
Als ich nicht reden musste. Jetzt bin ich entweder Krankenschwester, oder ich bin Mutter. Wann kann ich endlich wieder mal ganz nur ICH sein? Ich fehle mir.
Meine Kinder können nichts dafür und natürlich bemühe ich mich, dass der Kopf weiter arbeitet, auch im Lockdown.
Lesen, Einmaleins nebenbei wiederholen.
Mit dem Vorschüler die Wochentage, die Monate, Jahreszeiten, ein bisschen zählen üben und Buchstaben schreiben.
Manchmal klappt es gut und ich bleibe ruhig.
Manchmal werde ich laut, muss den Raum verlassen. Tränen fließen, das Tagebuch wird aus dem Regal geholt.
Ich hoffe, dass mein Sohn auch an den guten Tagen mal was reinschreibt und nicht nur, wenn er mich auf den Mond wünscht.
Ich denke ich komme trotzdem recht gut klar.
Warum ist das wohl so? Heute habe ich darüber nachgedacht und die Antwort gefunden.
Als Alleinerziehende bin ich es gewöhnt, dass meine Kinder um mich herum sind. Ständig, überwiegend.
Deshalb trifft mich das in diesem Fall vielleicht nicht ganz so hart. Immer verantwortlich sein- das kenne ich zu gut.
Alle Aufgaben mit dem Schulkind zu machen…war nie anders.
Die ganzen Einschränkungen, das ist nicht neu für mich. Ich konnte vorher schon nicht überall hin und mich lustig treffen, mit wem und wann ich will.
Es gab vorher schon viel, bei dem ich sagen musste:
„Geht leider nicht!“
Was mir in letzter Zeit auffällt, dass andere Mütter sich bei mir entschuldigen, wenn sie davon erzählen, dass ihnen alles zu viel wird.
„Ach, wem erzähl ich das denn. Und dabei hab ich noch einen Mann, der mich unterstützt!“
„Ich rede hier von meinem Stress, entschuldige bitte. Wie geht es wohl dir?“
Jeder hat ein Recht darauf traurig zu sein, wütend, entmutigt und ratlos.
Jeder darf mal alles stehen und liegen lassen, keine Lust mehr haben.
Jeder darf fluchen, schreien, weinen, toben.
Jeder darf alles sein und alles fühlen und ich verstehe alles so gut. Nie würde ich all dieses Empfinden anderen absprechen, nur weil ich es in manchen Dingen schwerer habe allein.
Aber in manchen eben auch leichter.
Keiner sollte sich für aufkommende Gefühle in diesen Zeiten entschuldigen. Alles ist erlaubt.
Nicht nur einmal hat das Leben mir voll in die Fresse geschlagen, mich zu Boden gerissen und mich an den Haaren über den Boden gezogen.
Nicht nur einmal war ich verzweifelt, hoffnungslos und fühlte mich einfach nur elend.
Ich war jung, lebte in den Tag hinein, hatte keine Ziele und hinterfragte nicht viel.
Ich fand es ungerecht und wollte am liebsten toben wie Rumpelstilzchen, inklusive dem Teil, als es sich vor lauter Zorn und Wut selbst entzwei riß.
Ich schob die Schuld gern auf andere, machte Menschen oder Situationen für mein Leid verantwortlich.
Meinen eigen Anteil daran sah ich nicht und war auch nicht bereit hinzusehen.
Ungerecht! Einfach ungerecht- so schrie alles in mir.
Und genau das schätze ich am Älter werden.
Du bekommst die einmalige Gelegenheit zu wachsen! An dir zu arbeiten- wenn du es denn willst.
All das, was dich so oft zurückgeworfen hat und diese ganze Steine, die dir in den Weg gelegt wurden, du kannst was draus machen!
Ich möchte gar nicht die Zeit zurückdrehen, Dinge anders lenken, wieder 20 sein.
Genauso wie ich jetzt bin, bin ich nur wegen dem, was mir widerfahren ist.
Es sind die vielen kleinen Steine, aber auch die Felsen, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.
Weit weg von Perfektion, versteht mich nicht falsch. Aber schon ein Stückchen weiter. Mit offenen Augen und erhobenem Kopf. Bereit hinzusehen.
Es nicht weghaben zu wollen, weil es unangenehm ist und sich doof anfühlt. Sondern annehmen! Akzeptieren. Auch WENN es sich doof anfühlt.
Resilienz.
Für mich bedeutet das vor allem Stärke von innen.
Dass ich mich nicht an Dingen im Aussen orientiere. Oberflächlichkeiten. Materiellem. Vergänglichem.
Ich besinne mich auf wer ich bin- tief in meinem Inneren.
Ich- nur ich. Nicht das, was mir mal jemand gesagt hat. Nicht, wie jemand anderes es angeht. Nicht geleitet von „man sollte“ und „das macht man nicht“.
Nur ich! Für was stehe ich? Was und wie will ich sein? Was sind meine Werte? Was ist mir wichtig?
Resilienz heisst für mich, dass nichts NUR schlecht ist. Kein Mensch und keine Situation.
Wenn mein 5 jähriger Sohn sich ungerecht behandelt fühlt, ob von mir, oder vom Leben, sagt er gerne:
„Heute ist mein allerschlimmster Tag!“
Er verschränkt dann trotzig die Arme, schaut zum Boden und setzt den Todesblick auf.
Wir finden auch an so einem Tag immer etwas, das gut lief und schön war.
Resilienz heisst für mich bei mir zu bleiben.
Mich auf meine Stärken zu besinnen. Auf mein Sein. Egal was im Aussen passiert. Egal welcher Sturm bläst. Ich bleibe bei mir.
Ich mache mich frei von negativen Gefühlen wie Rache, Neid und Missgunst!
Wenn jemand zu mir ungerecht ist, lasse ich es bei ihm. Ich muss ihm das nicht zurückgeben, es am besten noch toppen, oder gar darauf reagieren.
Ich weiss, wer ich bin. Ich weiss, was mich ausmacht. Ebenso wie ich nicht sein möchte. Wie ich nicht reagieren will.
Auch wenn ich nichts geschenkt bekomme, macht es mir trotzdem Freude zu schenken und erfüllt mein Herz.
Das bin ich!
Ich brauche keinen Applaus und keinen Zuspruch von Aussen.
Ich weiss, wofür ich stehe und wenn ich danach handle, ist es mehr als gut.
Ich bin dankbar. Ich schätze Kleinigkeiten und Menschen. Ich habe gelernt, dass die kleinen Dinge die ganz Grossen sind.
Ich habe gelernt auszusortieren, was und wer mir nicht gut tut.
Meine Grenzen zu wahren und auch von anderen nicht überschreiten zu lassen.
Ich höre auf mein Bauchgefühl.
Ich habe Vertrauen, dass alles Sinn macht, so wie es ist. Auch wenn ich ihn jetzt noch nicht erkenne.
Ich halte nicht fest und lasse mich treiben…das ist mein Schlüssel zum Glück.