Mobbing und in Schubladen stecken

Vor einigen Wochen hatte ich dazu ein Paradebeispiel.

Das Leben hat mir wieder mal so schön gezeigt, wie einfach es ist, Menschen, die man nicht kennt zu verurteilen.

Wie falsch man so Manches deutet und einfach keine Ahnung hat.

Hier die Vorgeschichte:

Bei meinem Sohn in der 4. Klasse sind seit letztem Jahr zwei neue Jungs.

Wir waren noch in Mutter- Kind- Kur und mein Sohn verpasste die erste Woche des Schuljahres.

Ihm wurde gleich von Mitschülern berichtet, dass es Probleme gäbe. Er kam nach dem ersten Tag nach Hause und seine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Ich fragte nach den Namen der neuen Kinder und er sagte sowas wie: „Der eine keine Ahnung, komischer Name, konnt ich mir nicht merken. Der andere heisst Bugs Bunny.“

Ich fragte nach dem Hintergrund dieses Namens und er meinte, er heisst wohl mit Nachnamen „Bugs“ und deshalb eben Bugs Bunny.

Immer wieder erzählte er daheim von Kämpfen, Streit, Schlägereien.

Der Neue nerve total, weil er nur vom Zocken rede und von Ballerspielen.

Er mache irgendeinen Kampfsport und drohe damit auch mit seiner Körperhaltung. Er täusche immer an, gleich einen Kampf zu eröffnen.

Es sei sehr unruhig in der Klasse und man könne kaum was lernen, weil sich die Hälfte der Zeit alles nur um Streitschlichtereien dreht.

In den Pausen wollen sie deshalb nicht, dass er mitspielt. Die Lehrer reagieren verschieden. Ein Lehrer sage, daß sei o.k, dann sollen sie ihn aber in Ruhe lassen.

Ein anderer Lehrer „zwinge“ sie dazu, ihn mitspielen zu lassen. Das sei „voll doof“, weil es mit ihm keinen Spass mache.

Und immer wieder Bugs Bunny. Immer noch wusste er nicht, wie sein richtiger Name war.

Im ersten Elternabend konfrontierte ich die Lehrerin damit, was mir berichtet wurde vom Kind. Fragte nach, ob das alles noch im Rahmen sei, oder man etwas tun müsse.

Sie erklärte, dass die zwei Neuen noch nicht ganz Anschluss finden, aber sie sei da ganz optimistisch. Es sei etwas unruhig, ja.

Dass jemand „gemobbt“ werde, oder sowas in der Art, das könne sie nicht sagen.

Ich dachte laut und sagte:

„Naja, wo fängt es an, wo hört es auf!?!“ Wies darauf hin, dass alle den Neuen wohl nur unter „Bugs Bunny“ kennen und auch so nennen.

Der Vater dieses Kindes saß vor mir und ich konnte nur dessen Rücken sehen. Null Reaktion. Fand ich komisch. Es ging doch um sein Kind!

Eine andere Mama sagte, dass man ja mit den eigenen Kindern nochmal reden könne und das Thema ansprechen. Es läge ja auch an uns selber und was wir daheim kommunizieren. Also gut!

Die Schauergeschichten wurden auch nach Monaten nicht weniger.

Aggressionen. Unruhe.

Beim Infoabend zum Thema weiterführende Schule war da diese eine Mama. Die einzige, die ich nicht kannte, also ordnete ich sie diesem Kind zu.

Sie war sehr ungepflegt, suchte keinen Blickkontakt, wirkte arrogant, oder auch desinteressiert und zündete sich die Zigarette an, sobald sie draußen war. Sie verabschiedete sich nicht und ich dachte nur:

„Na das passt ja!“

Ich holte mir Rat beim Elternbeirat. Wies sie an mal bei den anderen zu horchen, ob die das auch so empfinden.

Die Meinungen waren verschieden.

Manche hatten keine Probleme, manche mussten erst mal das Kind dazu befragen. Andere erzählten das gleiche.

Im Zuge dessen wurde auch wieder die Lehrerin befragt.

Alles sei halb so wild. Begründet wurde es damit, dass alle sich ja schon seit der 1. Klasse kennen und ein neues Kind, das 4 Jahre später dazu kommt, es natürlich schwer hat.

Vor wenigen Wochen passierte folgendes:

Eine Bekannte schrieb mich an, dass sie in einem dieser Gruppen sei ( Thema Testungen und Masken in Schulen).

Da sei auch eine Mama von einem Kind aus der 4. Klasse meines Sohnes. Ob ich das wüsste und ob es mich interessiere.

Sie stellte Kontakt her, weil ich neugierig war. Anhand des Profilbildes sagte sie mir nichts. Hätte jeder sein können.

Diese Mutter schrieb mich dann bei WhatsApp an.

„Hallo. Ich bin die Mama von X. Er ist ja neu in der Klasse und hatte einen schweren Start. Sicher hast du schon von ihm gehört.“

Sie sei auf der Suche nach anderen Kindern, die bereit seien eine Lerngruppe zu bilden.

Ich dachte:

„Oh mein Gott! Bitte nicht genau DIESES Kind! Und nicht DIESE Mutter.

Niemals würde mein Sohn mit ihm eine Lerngruppe bilden wollen. Er würde mir den Vogel zeigen und sowas von rebellieren.

Und jaaaaahaaaa. Von ihm habe ich wirklich schon viel gehört. Leider eben nichts gutes!

Er hatte einen schweren Start? Ha! Alle anderen hatten es noch schwerer. Wegen ihm! Wie komm ich bloß aus der Sache wieder raus?!“

Ich schrieb, dass ich wirklich schon VIEL von ihm gehört hätte.

Sie deutete es richtig, wie ich es meinte. Sie fragte, zu welchem Kind ich gehöre und sagte dann zunächst, dass sie von meinem Sohn noch nichts gehört habe. Das also bedeute, dass er nicht gerade zu den Favoriten Ihres Sohnes gehöre.

Ich dachte:

„Na zum Glück! Spricht eher für meinen Sohn!“

Später fiel ihr dann ein, dass sie den Namen meines Sohnes immer im Zusammenhang mit Ärgereien gehört habe.

Ich wollte sie gleich löschen, blockieren und mich aus dem Staub machen.

Irgendetwas hielt mich ab. Ich ging in mich und fand, dass ihr keine andere Antwort übrig blieb, nachdem ich schon so begann.

Ich weiss noch, dass wir zu Mittag aßen und meine Jungs dann draußen im Garten spielten.

Da bekam ich von dieser Mutter eine seeeehr lange Sprachnachricht.

Was wir schnell rausgefunden haben war vor allem, dass wir uns sehr sympathisch sind.

Sie wunderte sich, dass ihr ach so lieber, süßer Sohn, wie sie ihn kennt, noch keine Freunde in der Klasse gefunden hat. Da er neu war, gab es also keine Kontakte zu Mitschülern, oder anderen Eltern.

Sie hatte ja keine Ahnung!

Keine Ahnung davon, wie ihr Kind sich in der Schule gibt und verhält.

Sie hörte das von mir zuerst und fiel aus allen Wolken. Das alles wusste sie nicht und dachte, ich könne nicht von ihrem Sohn erzählen.

Sie war eher damit beschäftigt, warum mein Sohn ihren lieben Sohn ärgert. Sie dachte, er komme vielleicht aus schwierigen Familienverhältnissen und sei ein sogenanntes Problemkind.

Da musste ich ganz schön schlucken. Es war kein schönes Gefühl. Denn ich weiss es ja besser und es entspricht gar nicht dem, was sie dachte. Auch nicht wenn wir, seine Eltern, getrennt sind.

Sie erzählte, dass ihr Mann beim Elternabend damals das erste Mal davon hörten, dass man den Sohn „Bugs Bunny“ nenne. Sie dachten, wegen seinen breiten Schneidezähnen.

Als ich meinen Sohn später dazu befragte, gab er zu, dass er keine Ahnung habe, warum er so genannt wurde. Er habe lange gedacht, er heisst wirklich Bugs mit Nachnamen.

Sie erzählte, dass ihr Sohn in der 3. Klasse von einer handvoll Jungs in seiner damaligen Klasse geärgert, gemobbt und am Ende auch körperlich angegangen wären.

Grund dafür war u. a., dass er noch ein bisschen kindlicher sei und eben nicht „zocke“.

Er habe sehr darunter gelitten und deshalb der Schulwechsel zur 4. Klasse. Neuanfang.

Die Lehrerin habe die Vorgeschichte nicht wissen wollen, um unvoreingenommen zu sein.

Letztendlich glaube sie, dass ihr Sohn dies als Grund dafür nutzte, den Kindern nicht sein wahres Ich zu zeigen, damit ihm sowas niemals wieder passiert. Keiner kannte ihn, er konnte alles sein.

Da er zuvor dafür ausgegrenzt wurde, dass er nicht zockt, erzählte er jetzt eben genau davon und von Ballerspielen. Nichts davon entspreche der Realität, sagte die Mutter später.

Dass er genau deshalb hier jetzt wieder nicht gemocht wurde, war Zufall.

In dem Selbstverteidigungskurs sei er nur, weil sie dachten, daß würde sein angekratztes Ego etwas aufpolstern. Nicht, damit er dies bei seinen Mitschülern anwendet.

Sie sei schon länger auf der Suche nach der besagten Mutter von damals aus dem Elternabend. Die, die sich für ihr Kind eingesetzt hat und das Ganze auf den Tisch gebracht hat. Sonst hätte sie wohl nie etwas davon erfahren.

Sie war so dankbar, dass sie endlich weiss, was los ist, warum er keine Freunde mit nach Hause bringt.

Ihr Sohn sei hochsensibel und auch leicht hochbegabt erzählte sie mir. Inzwischen sei ihm auch bewusst, was er angerichtet habe und schäme sich dafür. Komme jetzt aber aus der Sache nicht mehr raus.

Ich weinte allein auf der Couch.

Ich war so gerührt von ihrer Geschichte.

Und ich schämte mich so sehr.

Fürs Verurteilen und in Schubladen packen.

Es stellte sich auch schnell raus, dass sie nicht diese Mutter vom Infoabend damals war. Weder raucht sie, noch hat sie schwarze Zähne und war damals verhindert.

Wir schliefen beide ein paar Nächte nicht so gut und mussten immer wieder daran denken, wie so etwas zu Stande kommt. Eigentlich ganz einfach.

Keiner hat geredet. Jeder hat nur gedacht. Übereinander. Nicht miteinander.

Ein paar Tage später verabredeten wir uns auf einem Spielplatz.

Meinem Sohn musste ich natürlich ein bisschen erzählen, sonst wäre er nicht mal ins Auto gestiegen.

„Waaaaaas? Er ist eigentlich Simon, tut aber, als ob er Alvin ist???? Warum????“ ( Chipmunks)

Er war aufgeregt vor dem Treffen. Eigentlich konnte er ihn ja nicht ausstehen. Aber jetzt wusste er, dass er in echt gar nicht so war und alles nur erfunden hat.

Weil er dazu gehören wollte. Nichts anderes. Einfach dazugehören und nicht ausgegrenzt werden.

Nach einer Minute spielten sie Tischtennis zusammen und wir hatten herrlich entspannte Stunden miteinander. Haben geredet, getobt, gelacht und jaaaa „eigentlich ist er voll nett!“

Am Abend lief 20:15 Uhr:

Der kleine Bruder schlief bereits und mir war es so wichtig.

Warum Carsten Stahl sich gegen Mobbing einsetzt erzählte ich ihm davor noch und er war geschockt.

Mit offenem Mund saß er da und konnte nicht fassen, was Mobbing mit den Opfern anrichten kann. Dass Täter oftmals vorher auch Opfer waren und irgendwann einfach beschließen, nie wieder Opfer zu sein.

Dass Wegsehen und nichts dagegen tun genauso schlimm ist, wie mitmachen.

Dass Viele nicht mehr leben wollen, weil sie gemobbt werden. Meistens nur deswegen, weil sie nicht sind, wie andere das gern haben wollen.

Mein Sohn war tief berührt und sagte:

„Weisst du Mama, wenn Filme traurig sind, muss ich nie weinen. Aber DAS?!? Da schon. Das ist echt krass!“

Wir haben in den letzten Wochen beide viel dazugelernt und mein oberstes Ziel ist es, ihn dafür zu sensibilisieren.

Nicht nur, weil er niemals Opfer sein soll. Oder Täter. Sondern auch um stark genug für andere zu sein, die es nicht können. Für andere einstehen.

Dazwischengehen. Es nicht zulassen.

Dass es viel cooler ist nicht dabei mitzumachen und noch viel, viel cooler, sich für Schwächere einzusetzen.

Mitmachen ist so einfach!

Alle machen es doch! Genau! Die Gruppendynamik ist dabei nicht zu unterschätzen.

Danke Leben! Danke für diese Lehre!

Ps: ich fragte meinen Sohn, ob es ihm schon mal so schlecht ging, dass er lieber sterben wollte.

Er fand den Gedanken absurd und schüttelte entschieden den Kopf.

„Nicht mal damals, als Papa und ich uns getrennt haben?“

„Nein! Da dachte ich nur, dass ihr beide Arschlöcher seid. Aber sterben? Niemals.“

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