Mein Sohn ist 7 Jahre alt.
Er wollte nie in einen Verein, sondern hat lieber stundenlang Lego gespielt.
Fussball hat ihn immer interessiert und er hat mehrmals geschnuppert.
Dann beschloß er, dass das nichts für ihn ist und er nur mit anderen auf dem Sportplatz kicken will. Die ganzen Übungen braucht er nicht und wird auch ohne ein berühmter Fussballer.

„Mama, ich will auch ins Karate“, kam eines mittags, als ich ihn von der Schule abholte. Mehrere Mitschüler und Freunde schauten mich erwartungsvoll an und warteten auf meine Antwort, ob er zum Schnuppern darf.
Es war wie Klassentreffen für ihn, an der Tür wurde er mit Begeisterungsstürmen erwartet und aufgeregt wurde er herumgeführt.
3 mal Schnuppern und 2 Zehnerkarten später, war er sich immer noch sicher: DAS IST ES!
Wenn ich ihn dabei beobachtete, war ich mir auch sicher. Er strahlte! Er war stolz!
Er zeigte dem großen Bruder danach immer die Übungen und konnte ihn mit ein paar Handgriffen und Kicks in die Knie zwingen. Und beeindrucken.
Er ist eher ruhig, zurückhaltend, schüchtern, traut sich nicht viel zu. Dort wuchs er über sich hinaus. Er fühlte sich stark!
Vor ein paar Wochen fing es an:
„Ich will nicht mehr ins Karate, Mama.“
Ich konnte nichts rausfinden. Nur, dass es ihm keinen Spass mehr macht und er nicht mehr hin will. Ich war überrascht und wir kämpften einige Male miteinander.
Ich wollte, dass er hingeht. Erstens, weil es ihm gut tut, fand ich.
Zweitens, weil ich es zahle. Und es ist echt sauteuer. Eine Summe, die o.k ist bei leuchtenden Augen. Aber nicht o.k, wenn das Kind nicht hingeht.
Ich, wie in meinem Kopf war:
„Nee, das wird nicht diskutiert. Du wolltest unbedingt hin und hast mich angefleht. Du hast dich dafür entschieden und ich zahle es. Du gehst hin!“
Er stieg mit Tränen in den Augen aus und ging langsam den Weg ins Dojo.
Es fühlte sich nicht gut an. Ab diesem Tag.
Abends haben wir lange darüber geredet. Ich hab ihm gesagt, dass ich ihn nicht abmelde, aber er eine Karatepause einlegen kann, bis er sich besser fühlt.

Dafür will ich aber wissen, was sich verändert hat. Damit ich es besser verstehen kann.
Er hat geweint. Da ist dieser eine Junge. Der will immer kämpfen und obwohl er nein sagt, fängt er einfach an zu treten, oder zu boxen. Der bedrängt ihn so. Und nach der Schule geht es im Karate eben weiter damit.
Wir haben Pause gemacht. Mehrere Wochen. Ich hab immer mal gefragt, ob er weiss, wie lang diese gehen soll. Antwort war immer:
„Irgendwann geh ich wieder hin. Aber jetzt noch nicht.“
Und dann kam der Tag.
„Na guuuut, dann geh ich jetzt wieder ins Karate“, hatte er am Abend davor beschlossen.
Am besagten Tag hatte er den Mut verloren und es brauchte ein paar Schubser. Ich schaute zu. Wollte wissen, ob es ihm wirklich keinen Spass mehr machte und hoffte eine Antwort in seinem Gesicht zu finden.
Erst war alles gut. Dann sollte sich jeder einen Partner suchen für eine Übung. Sofort sprang dieser eine Junge auf und zog an ihm herum. Er bedrängte ihn so sehr. Immer wieder. Mein Sohn sagte nein, dann schubst er ihn ein bisschen weg, um ihn auf Abstand zu bekommen. Aber er wurde ihm nicht Herr und gab dann nach, weil alle anderen inzwischen einen Partner gefunden hatten.
Nach dem Training sah er traurig aus. Ich entschied mich dafür, die Trainerin diesbezüglich anzusprechen. Ich erzählte ihr von der Pause und dem Grund dafür. Dass ich nicht so ernst nahm, bis ich gesehen habe, wie sehr er bedrängt wird. Und dass er sich nicht gegen ihn wehren kann.
Die Trainerin sagte, er soll jetzt wieder regelmäßig ins Training kommen. Sie achtet darauf, dass er bei Partnerübungen nicht mit ihm zusammen übt. Und:
„Wir machen dich jetzt so richtig stark, dass er dir nichts mehr kann!“
Das wars. So einfach. Seit Wochen geht er wieder freudestrahlend ins Training. Er wird jedes Mal bedrängt, weiterhin. Der Junge gibt nicht auf, es ist unglaublich.
Aber im Kopf von meinem Sohn hat sich was verändert.
„Die machen mich jetzt richtig stark Mama, ich freu mich so!“
Er sagt jetzt klar nein und lässt sich nicht überreden. Er lässt ihn links liegen, reagiert nicht auf ihn und schaut sich in Ruhe um, wer noch frei ist.
Einmal stand er ganz alleine da. Er bekam dann einen Partner zugeteilt, der eigentlich schon mit einem anderen zusammengefunden hatte.
Er war traurig, dass der Junge, mit dem er so gern die Übung machen wollte, diese lieber mit dessen Klassenkameraden machen wollte.
Auf dem Weg zum nächsten Training fragte ich ihn, mit wem er am allerliebsten die Übung machen will, wenn er frei wählen könne. Er nannte einen Namen.
Ich riet ihm, vor dem Training diesen Jungen zur Seite zu nehmen. Ihm zu sagen, dass er heut gern mit ihm trainieren wolle und ob sie die Partnerübung zusammen machen wollen.
Er reagierte nicht, dann sah ich in den Rückspiegel.
„Glaubst du, du traust dich das?“
Er zuckte mit den Schultern. Als ich ihn abholte, war er so richtig fröhlich.
Er hat alles genauso gemacht und dieser Junge hat sofort ja gesagt. Und heute hatte er einen anderen Wunschpartner, weil der andere krank ist. Als ich ihn abholte, machte er mit ihm die Übung und sie hatten Spass.

Wieder habe er ihn vorm Training angesprochen und es habe auch diesmal geklappt. Der andere zerre immer noch an ihm rum, aber geht dann gleich auf seinen ausgewählten Partner zu und ich hoffe, dass er irgendwann sein Nein akzeptiert und aufgibt.
Ich bin stolz auf ihn! Mit dieser Lösung bin ich mehr als einverstanden.
Mit 7 muss man das noch nicht ganz alleine schaffen und manche brauchen da noch etwas Führung.
Manchmal hilft es, seine Muster beiseite zu legen.
All das:
„Du musst jetzt aber!“ „Mir egal wieso!“ „Und du gehst da hin!“
Ein liebevoller Blick reicht. Es ist ein Prozess. Ich lerne.
But I’m on my way.


































