Resilienz

Heute Morgen bin ich nach über neun Stunden gutem, erholsamen Schlaf aufgewacht.

Ich setzte mich mit meinem Kaffee auf den Balkon und schaute mir die Natur um mich herum an.

Zum ersten Mal seit Wochen war ein vermisster Gedanke wieder da und er war sowas von echt:

ICH BIN GLÜCKLICH!

Das ist nicht selbstverständlich, denn noch letzte Woche legte ich meinen Kopf tottraurig auf den Arbeitstisch und sagte zu meinem Kollegen:

„Mein Leben ist ein Scherbenhaufen“.

Von jetzt auf Nachher war nichts mehr so wie es war.

Motorschaden. Kein Auto mehr. Komplette Überforderung.

Auto abmelden- mit dem Bus.

Auto ausräumen fahren- mit dem Bus. Termine- alles mit dem Bus.

Ich konnte gleich das Gute im Schlechten sehen: Sohn 1 fährt eh mit dem Bus zur Schule. Er hat eh Sportverbot wegen dem Knie und kann nicht ins Fussballtraining.

Sohn 2 muss jetzt zur Schule laufen. Und auch wieder den steilen Berg zurück. Egal wie schwer der Ranzen ist, egal wie sehr die Beine vom Fußballspielen schmerzen.

Er wechselt die Jugend und hat jetzt seit wenigen Wochen bei uns im Ort sein Fussballtraining. Alles gut.

Ich habe mir für den Juli eine Deutschland- Card besorgt und mit der netten Dame sofort die Kündigung zum 1.8 eingereicht, weil ganz klar ist, dass ich dann wieder ein Auto haben werde.

Ich muss 2 Wochen am Stück arbeiten ( ausser das Wochenende), da meine Kollegin im Urlaub ist. Mit meinen 50 % arbeite ich nie von Montag bis Freitag durch. Allein das ist ungewohnt und ein riesen Berg an sich.

Jetzt aber müssen wir früher aufstehen, uns früher richten, früher aus dem Haus und ich komme erst viel später als sonst nach Hause.

Beide Kinder müssen sich jetzt viel mehr merken, bekommen mehr Infos zum Ablauf des Tages und haben mehr Verantwortung.

Die erste Woche ist geschafft. Ich war so traurig um die ganze Zeit, die ich an Haltestellen und im Bus verbringe und die mir daheim fehlt. 

Ich war fix und fertig, es war so viel anstrengender als sonst.

Das alles ist nur möglich, weil ich mich auf diese begrenzte Zeit eingestellt habe. Weil die Absprachen klar sind und meine Kinder groß.    

Es geht nur, weil es kurz vor den Sommerferien ist, alle Noten feststehen und nicht mehr für Arbeiten gelernt werden muss.

Meine Freundin fuhr mit mir zum Einkaufen und ich habe den Kühlschrank bis oben hin gefüllt.

Wie bitte gehen Menschen ohne Auto Tiefkühlkost kaufen?

Die ersten Tage liefen nicht so gut. Sohn 2 musste ich den Wc- Gang verbieten, um meinen Bus zur Arbeit rechtzeitig zu schaffen:

“ Es geht jetzt einfach nicht, du musst in der Betreuung gehen, tut mir leid!“

2 Tage lang war die Stimmung morgens mies und er war sauer auf mich beim Abschied. Dann hatten wir eine Familienkonferenz, weil mich dieses Gefühl den ganzen Tag begleitete.

Wir gingen alle Möglichkeiten durch, um es uns allen für diese begrenzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Unter anderem schlug ich vor, die Kleider für den nachsten Tag bereits am Abend anzuziehen.

Jedes Mittel war mir recht, aber bitte, bitte, es muss Harmonie her!

Wir fanden Lösungen für uns und gewöhnten uns an unseren neuen Ablauf.

Im Bus waren immer die gleichen zwei Männer, die sich auf dem Arbeitsweg ihr Leid klagten, sich gegenseitig bemitleideten und den Feierabend morgens schon herbeisehnten.

Ich war so dankbar, denn trotz der Umstände gehe ich jeden Tag so gerne zur Arbeit und freue mich sehr auf mein tolles Team. Dort treffe ich auf gute Gesprächspartner, viel Lachen und noch mehr Verständnis. 

Ab Donnerstag rutschte der junge Mann, neben dem immer noch ein Sitzplatz frei ist, für mich zur Seite und lächelte mich an.

Mein Sohn machte seine Hausaufgaben alleine zu Hause, ohne Aufforderung und Hilfe.

Wie ausgemacht, rief er mich jeden Mittag vom Festnetz aus an, um mir zu sagen, dass er jetzt daheim sei und mich lieb hat.

Es lief!

Dieses Wochenende war Balsam für die Seele. Ich hab mich so sehr auf Zeit mit meinen Jungs gefreut.

Wir haben tolle Dinge unternommen- mit dem Bus. Sohn 2 liebt das Busfahren und Stop drücken. Er hatte jahrelang nicht die Gelegenheit dazu. Er findet es besser als Autofahren.

Heute stand in seinem Glückskeks:

Ich hab den Spruch so gefühlt. Es wird eine wertvolle Erinnerung für ihn und landet definitiv in der Kategorie:

“ Weisst du noch damals, als unser Auto Schrott war…“

Die zweite Arbeitswoche wird ein Klacks. Keine Hausaufgaben mehr, weniger Verantwortung. Ich bin ganz ruhig im Inneren und voller Vorfreude.

Gestern habe ich unsere Zugfahrkarten zur Mutter- Kind- Kur gekauft. Und auf einmal kribbelte es, die Vorfreude kommt.

Wir fahren mit zwei verschiedenen ICE’s und haben Sitzplätze im Handy/ Großraumbereich. Zug gefahren sind wir drei schon öfter- jedoch tatsächlich noch nie mit dem ICE. Wie sehr ich mich freue!

Ja, ich spüre unendliches Glück und freue mich über ein paar neue Erfahrungen, die zu schönen Erinnerungen werden.

„Du entziehst mir die Kinder“

Es ist Jahre her, dass mein Exmann und ich in der gleichen Stadt wohnten. Damals blieb er in unserem gemeinsamen Haus, weil „Ich kann es mir im Gegensatz zu dir auch alleine leisten!“

Die Jungs und ich zogen in unsere kleine Wohnung 2 km weiter.

So oft schrieb ich ihm abends weinend, dass die Kinder ihn brauchen. Dass ich auch mit ihnen Fußball spielen kann und all das, es aber nicht das gleiche ist.

Ich flehte ihn an, sich mehr zu kümmern, mit ihnen vorm Haus zu spielen, auf den Spielplatz oder Sportplatz zu gehen.

Ich konnte nicht verstehen, dass er so nah wohnt und sich trotzdem nur am Umgangswochenende alle 14 Tage blicken lässt.

Vermisst er die Kinder denn gar nicht? Wie geht sowas?

Später machte ich Eingeständnisse, ließ ihn in unser Zuhause, ignorierte seinen Geruch aus Schweiss und Deo, den ich so gar nicht mehr ertragen konnte.

Ich sah über seine herablassenden Sticheleien hinweg und versuchte seinen Mitleidsblick auf mich nicht so nah an mich ranzulassen.

Ich fühlte mich in meiner eigenen Wohnung unwohl. Alles für die Kinder, dachte ich damals.

Ich ließ zu, dass er Tatsachen verdrehte und Diskussionen begann, traute mich nicht zu widersprechen, für die Kinder!

Ich schluckte runter, wenn er mich beleidigte, mir versuchte einzureden, dass ich falsch bin und ich es nur nicht richtig verstehe. Alles für die Kinder.

Ich lud ihn ein, uns zu Unternehmungen zu begleiten, weil ich dachte, er wäre alleine mit ihnen überfordert und so fiele es ihm leichter. Für die Kinder!

Ich bat ihn, mich beim Kindergeburtstag zu unterstützen und er sagte nur, dass er für sowas nicht nen halben Tag frei nehme könne. Ich soll schauen, wie ich klar komme.

Wir waren zusammen auf dem Weihnachtsmarkt und er stand teilnahmslos neben mir, während ich schwitzend 2 ungeduldigen Kindern Schneeanzüge, Schal, Mütze und Handschuhe anzog.

Ich informierte ihn zu jedem Laternenfest, Sommerfest und zu jeder Weihnachtsfeier vom Kindergarten, dem Sportverein, oder später der Schule. Dabei stand er meist irgendwo rauchend am Rand, oder lief meterweit hinter uns, während ich Laterne und Kleinkind gleichzeitig trug.

Oder er nutzte die Gelegenheit vor den Kindern wilde Diskussionen zu starten, dass wir uns nur noch unwohl fühlten. Kleinlaut erinnerte ich ihn dann, warum wir da seien und dass es nicht um uns geht.  Alles für die Kinder.

Er ging auf Konzerte, hatte neue Partnerschaften und genoss seine Freiheit.

Immer wieder musste ich mich daran erinnern, dass ich nicht neidisch bin, denn niemals wollte ich mit ihm tauschen und ohne meine Kinder sein, keinen Tag.

Noch heute kommen diese wütenden Sprachnachrichten. Wenn sie nur 14 Sek. lang ist und du denkst, in der kurzen Zeit kann er ja nichts Schlimmes sagen.

Falsch!

In 14 Sek. kann er sehr viele Beleidigungen packen. Und mal wieder sein Vorwurf „Du entziehst mir die Kinder!“

Nein, ich kann es nicht ernst nehmen und schüttel nur verständnislos den Kopf.

Heute kann er mich nicht mehr täuschen.

Weder schenke ich ihm auch nur 1 Sekunde Aufmerksamkeit auf diese Provokation, noch habe ich das Bedürfnis mich zu verteidigen und erklären.

Für ihn ist es leichter mir DAS vorzuwerfen, als sich einzugestehen, dass er seit Wochen nicht nach den Kindern gefragt hat.

Am letzten Vatertag ließ er sich nicht blicken und wir machten da eine Fahrradtour. Es fiel mir so schwer, all die Wut runterzuschlucken, ich war so müde und ich war es so leid.

WIE wütend ich war und WIE sehr es mich zermürbte, wusste ich erst am Ende unseres Tages, als es aus mir rausplatzte:

„Ich kann das doch nicht auch noch machen. Ich kann nicht Mama, Papa und alles sein! Das schaff ich nicht!“

Die Kette des kleinen Sohnes war abgesprungen und der Große bekam es nicht hin. Ich bin ausgerastet.

Und dann hab ich geheult. Und dann ging es weiter. So wie immer. Das Mamasein macht keine Pause, egal wie du dich fühlst.

Ja, es fühlt sich an wie Hohn, wenn er mir vorwirft: „Du entziehst mir die Kinder!“

Ich möchte laut und hysterisch lachen. Und schreien. Und ihn schütteln!

Stattdessen bin ich umso mehr da für meine Kinder. Ich verpasse keine Aufführung, kein Turnier, keinen Wettkampf, kein Fußballspiel, kein Fest.

Ich bin immer die, die ihnen am lautesten zujubelt und klatscht, bis die Handinnenflächen glühen.

Heute weiss ich, wenn er mir vorwirft „Du entziehst mir meine Kinder“, meint er nur, dass ich sie ihm nicht mehr anpreise. Sie ihm nicht mehr auf dem Präsentierteller serviere.

Meine Grenzen sind so klar. Spielchen gibt’s mit mir nicht mehr. Ich bin sachlich. Keinerlei Emotionen. Keine privaten Details. Er weiss nur so viel über die Kinder, wie er bei den Treffen mit ihnen von ihnen erfährt.

Er fragt nicht. Und ich berichte nicht mehr alles, so wie ich es früher tat.

Arztbesuche, wie es in der Schule läuft, was Sohn sich zum Geburtstag nächste Woche wünscht, Lehrergespräche, Unternehmungen, neue Hobbies, was sie beschäftigt, was sie glücklich macht, wer neue Freunde sind,  von all dem hat er keine Ahnung. Ich erzähle es nicht mehr ungefragt.

Er ist nicht bereit Verantwortung zu übernehmen. Er ist ( immer noch ) nicht bereit Vater zu sein.

Er macht es sich nur sehr leicht.

Ich bin wütend. Hier warten immer noch die Vatertagsgeschenke auf ihn, weil er seither nie nach einem Treffen gefragt hat. Es ist nicht so, dass ich es nicht zulasse, oder mir Ausreden ausdenke.

Aber für ihn ist es wohl leichter zu sagen:

„Du entziehst mir die Kinder!“

Bist du bereit für eine neue Beziehung?

Als ich mich endlich aus meiner toxischen Beziehung gelöst habe, hatte ich nur einen Wunsch:  Ruhe. 

Bis ich das Ende richtig realisiert und mein Leben neu geordnet hatte, vergingen Monate. Ich musste mich um Wohnung, Finanzen, Arbeit, Kinderbetreuung und Kitaplatz kümmern, es gab zu wenig Zeit und noch weniger Geduld.

Ich war ein Wrack und ein Nervenbündel, ich hatte Zusammenbrüche und immer, wenn ich dachte, das Schlimmste ist rum und es kehrt Ruhe ein, liess der Ex- Partner sich was Neues einfallen, damit es nicht ZU langweilig und ruhig wurde.

Das letzte woran ich dachte war mich kopfüber in eine neue Beziehung zu stürzen. Gott bewahre!

Ich versuchte meinen Kindern ein Minimum an Stabilität zu bieten, ein bisschen Alltag zu ermöglichen und nahm mir viel Zeit für Gespräche. Das machte mit uns Allen was, wir hatten viel zum Verarbeiten.

Als ich mich etwas gefasst hatte, brachen die vielen Fragen auf mich ein.

Warum bist du an ihn geraten?

Warum bist du so lang geblieben?

Wer bin ich und wer will ich sein?

Wie definiere ich für mich eine gute Beziehung?

Was ist für mich wichtig?

Was lief hier so dermaßen gewaltig schief?

Ich las Bücher über Bücher, ich hörte Podcasts und informierte mich.

Ich schrieb viel auf, dabei bekam ich viele Antworten und hatte schmerzhafte Aha- Momente.

Man kann dabei nicht so ein bisschen an der Oberfläche kratzen und dann weitermachen. Man muss zurück in die Kindheit und ganz am Anfang starten.

Ich betrachtete unsere Familiendynamik, schaute mir an, wie da Beziehungen gelebt wurden und was ich davon mitbekam.

Ich befasste mich mit Co- Abhängigkeit und fand meine Glaubenssätze raus.

„Du bist nicht genug, was du tust, ist nicht genug.“

„Du musst etwas tun/ viel tun, um liebevoll behandelt zu werden“.

„Du bist schwer zu lieben“.

„Du bist zu viel, zu laut, zu neugierig, zu anstrengend.“

Plötzlich ergab Vieles Sinn und ich verstand, warum diese Art von Mann mich wie ein Magnet anzog.

Ich kannte das „Spiel“ aus meiner Kindheit.

„Ich muss nur lieb sein, soll nicht widersprechen, nicht alles aussprechen, mich möglichst anpassen…dann kommt es nicht zum Streit. „

Wenn nicht, ging es auch altbekannt mit Rückzug und Nichtbeachtung weiter, weshalb mich das in meiner Ehe nicht besonders schockierte.

Ich war es nicht gewohnt Grenzen zu setzen und danach zu handeln. Jeder konnte ungehindert mit seinen Matsschuhen über meinen metaphorischen Marmorboden gehen.

Wenn er mir dann dafür auch noch die Schuld gab, glaubte ich das jahrelang, denn ich war eben nicht angepasst und immer lieb, schon gar nicht konnte ich den Mund halten. Selber Schuld!

Dann musste ich mich eben noch mehr und noch besser anstrengen, damit es wieder harmonisch wurde. Ich dachte, ich muss mir Liebe verdienen.

Als ich das alles erstmal verstanden und verarbeitet habe, lernte ich wieder Männer kennen. Ich dachte, ich hätte die ganze Arbeit hinter mir, zog aber immer nur wirklich psychisch labile Männer an, die ihr eigenes Leben nicht im Griff hatten und schon gar nicht emotional verfügbar waren.

Ich sah sie als Wegbegleiter, erkannte meine Lernaufgabe in jedem einzelnen.

Alles schrie:

„Wo sind deine Grenzen und deine fu**ing Standards?“

Ich war es so leid. Ich hatte keine Lust mehr darauf und lernte mein Leben allein in vollen Zügen zu geniessen, dass alleine sein nicht das gleiche ist wie einsam sein und dass ich mein Glück von keinem Mann abhängig machen werde.

Ich bin mir selbst genug, die Liebe ist einfach viel zu kompliziert. Abgehakt.

Welche Frau möchte ich sein? Unabhängig von einem Mann und einer Partnerschaft.

Wie möchte ich als Frau sein?

Irgendwann stellst du fest, dass diese Art Mann keine Chance mehr in deinem Leben hat, dass dein Alarmsystem sowas von durchdreht und sehr früh warnt. 

Du bist in der Lage einfach zu gehen, wenn er mit matschig Schuhen an der Tür steht und du lässt ihn nicht mehr über die Schwelle.

Nein, ich muss nichts dafür tun, um mir Liebe zu verdienen. Ich bin liebenswert. Einfach so.

Ich will eine Beziehung, in der ich nicht auf Fussspitzen laufen muss. Nicht über rohe Eier gehen. Ich will sagen was ich denke, auch wenn das Gegenüber anders denkt.

Ich will darüber reden können, diskutieren, ohne, dass ich danach alleingelassen werde. Ohne, es mit mir alleine ausmachen zu müssen. Ich will, dass ich meine Meinung frei sagen, meinen Standpunkt vertreten kann und weiterhin nicht auf Ablehnung stoße.

Ich will nicht mit Nichtbeachtung gestraft werden, bis ich mich entschuldige, weil ich die Stille und Kälte nicht mehr ertragen kann.

Ich will geliebt sein, auch mit anderer Meinung. Ich will nicht darum bitten müssen, dass da jemand ist, der mich auffängt und mich im Arm hält.

Ich wünsche mir jemanden, der mir vorm Einschlafen sagt, dass er mich liebt. Auch wenn er sauer und wütend ist. Nur, weil er weiss, dass ich sonst nicht einschlafen kann.

Ich verdiene es gut behandelt zu werden. Meine Kinder verdienen es zu sehen, dass ich gut behandelt werde.

Die Arbeit ist nicht umsonst. Die Schuhe sind nicht mehr matschig. Das Gesetz der Anziehung ändert sich.

Und wenn es nur Wegbegleiter sind und nichts von Dauer ist, bin ich dankbar für die Zeit. Vielleicht tut es weh, kann gut sein, aber ich fang mich selbst wieder auf und bin gut zu mir.

Warum ich gegen Noten bin

Gute Noten- du bist klug.

Schlechte Noten- du bist dumm.

Mit dieser Schublade bin ich aufgewachsen und in diesem Glauben befinden sich auch heute sicher noch viele Eltern, die das so an ihre Kinder weitergeben.

Mein Bewusstsein dafür kam nicht mit Kind 1, der in der Grundschule regelrecht notengeil war und kein Problem hatte abzuliefern.

Er brachte in jedem Leseverständnistest eine 4 heim und wir konnten herzlich drüber lachen, weil diese 4 ihm so gar nichts anhaben konnte.

Ja, damals  mochte ich Noten auch schätze ich. Ich war stolz, denn ein bisschen war es auch mein Verdienst. Ich hab viel Zeit investiert.

Sohn 2 lehrte mich Umdenken und ich wusste, mit ihm muss ich anders verfahren.

Er ist anders und meine bedingungslose Liebe, Üben und Zeit reichen hier nicht.

Schnell beschloss ich, dass Noten ihm niemals seinen Wert widerspiegeln sollen.

Auch wenn sich in meinem Kopf alte Muster abspielten: „Was? NUR ne Drei?“

Ich habe mir so sehr auf die Zunge gebissen, es nicht auszusprechen. Ich schenke seinen Noten nicht viel Beachtung. Den guten nicht, den schlechten nicht.

Ich unterschreibe meist wortlos. Bei guten Noten ist seine Belohnung die Freude darüber. Weder gibt es Geld dafür, oder Geschenke, noch eine besondere Anerkennung.

Er soll nie Angst haben mir einen Test vorzulegen. Das ist das Ziel.

Oft besprechen wir noch einzelne Aufgaben, wenn ich Defizite erkenne.

Manchmal aber auch nicht, weil in unserem Bildungssystem rast man ja gleich zum nächsten Thema. Nach der geschriebenen Arbeit interessiert es niemanden mehr.

Ich messe ihn maximal an sich selber:

„Schon besser als beim letzten Mal, das Üben hilft. Langsam verstehst du es hab ich das Gefühl.“

Er kämpft mit seinem Selbstwert, traut sich wenig zu und bekommt natürlich durch die Noten gespiegelt:

„Ein Überflieger bist du ja nicht gerade. Du bist langsamer als andere und schlechtere Noten hast du auch!“

Seine Mathelehrerin erzählte mir von einem Vier- Augen – Gespräch mit ihm. Ihr fehlt Ehrgeiz und Ansporn an ihm. Sie erzählte, was er ihr gesagt hat:

„Noten sind mir egal!“

Sie war natürlich empört darüber. Und mein Herz ist gewachsen. Die Samen tragen Früchte. Meine Stimme ist laut genug und ist ein Schutzschild gegen all diese Noten, die auf ihn einprasseln.

Mir sind Noten auch egal. Völlig. Was die Lehrerin nicht weiß: mir ist nicht egal, ob er sein Bestes gegeben hat.

Manchmal frage ich ihn beim Unterschreiben der Note, ob er sich Mühe gegeben hat. Dass er geübt und gelernt hat, weiß ich ja am besten. Wenn er „ja“ sagt, ist es genug, unabhängig der Note.

Ich liebe es genau mit ihm inspirierende Filme zu schauen und ihm viele inspirierende Geschichten zu erzählen.

Meist von berühmten Menschen, ihrem Scheitern und wie sie dann doch mit etwas groß rauskamen.

J.K Rowling, alleinerziehende Mama, verprügelt vom Ehemann und sitzengelassen, arm und mittellos. Zig Verlage lehnten Harry Potter ab. Was draus wurde weiß jeder.

Unser Film heute. Eine wahre Geschichte über eine 64 jährige Frau, die 161 km von Kuba bis Florida geschwommen ist. 5 Versuche brauchte sie und 4 mal ist sie gescheitert.

Zwei ihrer Drei ersten Sätze am Ziel:

1. Gebt niemals auf

2. Ihr seid nie zu alt etwas zu beginnen

Gern erzähl ich ihm auch die Sicht von Caroline von St. Ange im Bezug auf Noten:

Das eine Kind kann mit 4 schon richtig gut Fahrradfahren. Ein anderes lernt es erst mit 6. Am Ende können beide gleich gut fahren und es spielt keine Rolle, wer es zuerst konnte.

Hätte man damals Noten verteilt, hätte das eine Kind ne 1 bekommen, das andere eine 6. Verteilt man die Noten, als beide es können, bekommen beide eine 1.

Noten sind maximal eine Momentaufnahme. Wer heut ne 4 hat, sollte ein paar Wochen später zum gleichen Thema nochmal überprüft werden und dann an sich selber gemessen werden.

Aber dieses…jedes Kind, zum gleichen Zeitpunkt, das gleiche Wissen, den gleichen Lernstand…das ist Quatsch.

Er hatte ein Mädchen in der Klasse, die wegen schlechten Noten trotz Wiederholen der Klasse in die Förderschule wechselte.

Schnell war die Schublade für dieses Kind klar benannt: „Die ist so dumm!“

Ich erkläre ihm, dass Noten rein gar nichts mit ihrem IQ zu tun haben.

Dieses Kind kommt aus keinem guten Elternhaus. Es ist weder sicher, noch kennt es gesundes Essen, einen geregelten Tag, oder eine liebende Familie.

Sie bekommt keinerlei Unterstützung. Null. Mit ihr setzt sich weder jemand hin, noch schaut jemand nach Hausaufgaben. Dieses Kind hat keine Chance gehabt. In einer anderen Familie, mit etwas Unterstützung, mit anderen Bedingungen, hätte sie vielleicht ganz, ganz andere Noten.

Ich wünsche jedem Kind wie meinem eine Lehrkraft, die es sieht. Als Ganzes und nicht als Note.

Eine Lehrkraft wie die von Kind 1, die unter seine Note schrieb:

„Bleib dran, oft zeigt es sich noch nicht gleich. Aber ich sehe dich, wie du dich anstrengst und dass du schon so lang so gut mitmachst. Das wird!“

Mein Sohn und ich sind uns einig. Wenn es für Hilfsbereitschaft, das größte Herz, Mitgefühl und Courage, Einsatzbereitschaft, Ausdauer beim Fussball und all das Noten geben würde, dann hätte er die Einser sicher.

Mein ADS- Kind

Wir haben endlich eine Diagnose!

An diesem Tag war ich glücklich und traurig zugleich.

Glücklich, weil wir schon Einiges hinter uns hatten und das Leiden enorm zugenommen hat.

Endlich einen Schritt weiter, das Kämpfen hat sich gelohnt.

Todtraurig, weil Schuldgefühle hochkamen.

Zweifel.

Angst.

Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich einen Termin mit dem Kinderarzt annehmen werde mit eventueller Medikamenteneinstellung- ich hätte wild den Kopf geschüttelt.

Mein Kind? Niemals!

Aber ganz sicher nicht! Nicht, damit mein Kind in dieses sch…Schulsystem passt, hinter dem ich gar nicht stehe!

Nicht, damit aus den Dreiern und Vierern vielleicht Zweier werden. Für mich muss er keine Einser und Zweier schreiben- ich sehe was er kann!

Nicht für die Lehrerin, damit sie sich weniger ärgern muss und mein Kind weniger negativ auffällt. 

Für mich war er immer gut genug, aber wir waren inzwischen alle kraftlos, mutlos und ausgepowert.

Ich war voller Sorgen, meine Gedanken kreisten täglich um:

Wie soll ich es bloß schaffen, dieses Kind (gut) durch die Schule zu bekommen?

Nachdem die Hausaufgaben ab Klasse 3 ein riesen Thema waren, stieg der Druck enorm.

In Klasse 2 fiel seine Matheschwäche auf und ich erinnere mich an die Empörung meinerseits, als auf der Überweisung  neben Dyskalkulie auch ADHS- Testung stand.

Ich fand es lächerlich und ich war sauer auf den Kinderarzt, fragte mich, wie er dazu kommt.

Als ich seitenlang Fragebögen ausfüllen musste, stellte ich fest, dass AD(H)S sehr vielseitig ist und so viele Lebensbereiche umfasst.

Ich wehrte mich mit Händen und Füssen.

Sicher nicht mein Kind! Im Leben nicht!

Damals wusste ich sehr, sehr wenig über die Diagnose, war eher genervt von ihr und den Kindern, die ich als Betroffene kannte.

Mein Kind war nicht so!

Damals wurde alles getestet und wir gingen erleichtert ohne Diagnose.

Zum Glück alles gut, dachte ich damals noch.

Dann ist er halt schlecht in Mathe. Egal. Hauptsache keine Diagnose. Ich verkündete dem Arzt dort, dass es auch MIT Diagnose keine Änderung gegeben hätte, denn ich bin absolut gegen Medikamente bei ADHS.  

Damals riet die Psychologin mir, es im Auge zu behalten. Gegen Medikamente sein sei eins, es seien aber Kinder, die schnell verzweifeln. Denn sie machen und machen, strengen sich an und es kommt nichts dabei rum.

Was sich seither geändert hat, als ich dachte, wir leben jetzt einfach unser Leben weiter:

Ich habe meine Arbeitszeit umverteilt, damit ich ihn so oft wie möglich mittags zu den Hausaufgaben abholen kann.

In der Hausaufgabenbetreuung träumte er, ließ sich von allem ablenken und wurde nie fertig.

Wir haben rausgefunden, wie wir die Hausaufgaben ohne Schreien und Tränen schaffen. Ich habe Caroline von St. Ange entdeckt und sie hat unser Leben verändert.

Sie ist Lehrerin, will aber in diesen Zeiten nicht unterrichten. Sie ist gegen Noten und Hausaufgaben und solange dieses Schulsystem so ist wie es ist, unterstützt sie Eltern und Lehrer, um es bestmöglich zu schaffen.

Ich war so glücklich, als mein Sohn nach den Hausaufgaben sagte:

“ Heut haben wir aber viel gelacht Mama!“

Ich wollte mehr davon und wir haben viel mit Bewegung verbunden. Wir schreiben Lernwörter ans Fenster, oder mit Kreidestiften an den Schrank.

Wir verbrennen gemachte Aufgaben in einer Aluschüssel.

Unter der Woche gibt es keinerlei Medien- kein TV, kein Tablet, keine Switch. Dafür Kartenspiele, raus gehen und lesen.

Ich habe so viel gelesen und alles aufgesaugt. Alles was es leichter macht. Für ihn und auch für mich.

Wir haben ne Menge tools und ich weiss, was ich sagen kann, um ihn zu motivieren, aber nicht zu überfordern.

Der Druck stieg, es reichte nicht mehr aus. Die Überforderung war unser täglicher Begleiter. Wir saßen 3-4 Stunden an den Hausaufgaben. Mit Pausen natürlich.

Nur, um das Pensum irgendwie zu schaffen. Für die Lehrerin. Damit sie nicht wieder ins Heft schrieb:

Hausaufgabe nicht vollständig. Bitte nachholen.

Es hatte nichts mit Wollen zu tun. Wir waren beide so gefrustet.  Ich machte keine Pläne am Nachmittag, wir verabredeten uns nicht mehr und er war viel zu wenig draußen für das Draußenkind, das er eigentlich war.

So konnte es nicht weitergehen.

Wir saßen ewig nach der Schule und er schaffte das Pensum nicht.

Da er im Unterricht auch sehr langsam war und ihm alles viel schwerer fiel als anderen, wurde es immer noch mehr für zu Hause. Noch mehr Druck durch die Schule, da er nicht geschaffte Aufgaben oft nachholen musste.

Der Tag hatte nicht genug Stunden und am Wochenende saßen wir jeden einzelnen Tag nur an den Hausaufgaben, dem Nachholen, Lernen für Arbeiten.

Ich war verzweifelt und er zweifelte an sich. Ich weinte, als er sich eines Abends gegen den Kopf schlug und immer wieder schrie:

„Ich bin so dumm, ich bin so dumm, ich bin so dumm…“

Es war ein Prozess. Ich hatte gelernt: ich breche nach gewisser Zeit ab, wir gehen hier alle kaputt. Es ist mir egal was die Lehrer sagen, er schafft es nicht, es ist zu viel.

Ich hab ihn spielen lassen und 18 Uhr kam er verschwitzt und schmutzig rein, lieferte kurz ab, was mittags ewig dauerte.

Der Rotstift war sehr präsent im Matheheft und ich hatte schon gar keine Lust es aufzuschlagen. Sämtliche Gespräche mit Lehrer, Schulsozialarbeiter brachten keine wirkliche Erleichterung.

Kopfhörer wollte er nicht ausprobieren, weil keiner Kopfhörer hat zur Reizabschirmung und er will nicht auffallen.

Als er in der Hausaufgabenbetreuung einen Viertklässler damit sah, bekam er Mut.

Er benutzte sie tatsächlich und erzählte den Kindern, er höre Spotify. Was zur Folge hatte, dass einige empört waren und es ungerecht fanden, dass er das darf. Das machte ihm dann natürlich Spaß und immer wieder packte er sie mal mit in den Ranzen.

An dem Punkt, als ich dachte, wir wären auf einem guten Weg, rief die Lehrerin an.

Sie sei ernsthaft besorgt und habe Angst ihn zu verlieren. Er mache inzwischen gar nicht mehr mit, er sei mit nichts zu kriegen. Er sei von allem abgelenkt und habe angefangen auf dem Stuhl vor und zurück zu wippen, so, als ob er sich selber regulieren/beruhigen wolle.

Er mache mündlich gar nicht mit, mache in 25 min gerade mal 1-2 Aufgaben.

Er habe ihr klar gesagt, Noten seien ihm scheißegal. (Das hab ich sehr gefeiert!)

Ich möchte auch auf gar keinen Fall, dass er seinen Wert über Noten definiert. Das war mein Ziel! Dass er anders ist, merkt er eh! Dass alle anderen die Aufgaben schaffen und nur er nicht. Dass andere in einer Stunde mit allem fertig sind, er aber nicht mal die Hälfte geschafft hat.

Für mich war dieser Anruf ein absoluter Weckruf. An diesem Punkt musste ich uns Hilfe holen. Hier kam ich nicht mehr weiter.

Ich merkte, wie SEHR mein Kind unter Druck steht und wie schwer es ihm fallen muss jeden Tag zur Schule zu gehen.

Ich hatte ein sehr langes Telefonat mit einer Schulpsychologin und die ersten Termine liefen gut. Ich fühlte mich gut aufgefangen.

Die nette Dame erklärte ihm alles geduldig, auch, wo sie ihn unterstützen kann. Und auch, dass alles was hier geredet wird den Raum nicht verlässt. 

Sie hatte eine ganze Kiste voller Brillen mit bunten Brillengläsern und erklärte ihm, dass sie die Lehrerin nicht ändern könne. Jetzt sehe er sie sicher durch die rote Brille:

Wut, Hass.

Sie könne ihm helfen, dass er sie aber durch die gelbe Brille sehen kann und sie gar nicht mehr so schlimm ist. Man könne nämlich viel selber beeinflussen uns es werde immer wieder Menschen in seinem Leben geben, die vielleicht gemein, ungerecht und böse sind. Egal ob Chef, oder Kollegen. Dann komme es drauf an, durch welche Brille man den Menschen sieht und dabei helfe sie ihm.

Sie bat mich darum, das Thema ADS nochmal aufzurollen. Ohne Diagnose kämen wir nicht weiter, es wäre so wichtig und erst dann könne man ihm richtig helfen, z.b mit Nachteilsausgleich und Lernbegleiter.

Keine 3 Wochen später hatte ich ein Telefonat mit dem Kinderarzt und die Diagnose.

Er meinte, wir müssen nicht nochmal anfangen zu testen. Die Defizite seien da, auch wenn es damals nicht zur Diagnose gereicht habe. Sobald es klinisch werde, sei das die Diagnose.

Er erklärte mir geduldig, warum es so wichtig sei zu handeln. Warum diese Kinder sich sonst die Schuld geben und eben denken, sie seien dumm.

Der Part mit den Medikamenten fällt mir noch sehr schwer. Ich fühl mich wie ein Versager. So, als ob ich mein Kind nicht annehmen kann wie es ist. Ich möchte ihn nicht ruhiger, nicht anders und schon gar nicht wesensverändert. Ich möchte ihn mit all seiner Wut und seinem abgelenkt sein. Aber ich sehe, wie er kaputt geht. Wie seine Selbstzweifel wachsen und er sich nichts zutraut. Wie das Denken sich verfestigt: „Mathe kann ich nicht!“

Ich tu es nicht für das fuc*ing Schulsystem, hinter dem ich nicht stehe.

Ich tu es nicht für bessere Noten, die interessieren mich nicht. Mir ist wichtig, dass er sein Bestes gibt. Das ist genug, ungeachtet der Note.

Ich tu es nicht für mich, damit ich es leichter habe.

Ich tu es nur für ihn! Ich möchte ihm nicht im Weg stehen mit meinen Vorurteilen und Ängsten. Er soll seine Chance erhalten. Ich werde aber sehr, sehr achtsam sein, was es mit ihm macht.

Ich werde nicht erwarten, dass es andere verstehen. Erst wenn man so ein Kind hat versteht man es. Es war ein langer Weg! Es ist noch nicht zu spät!

Ich lasse nichts unversucht. Es kostet viel Energie. Und gleichzeitig ist es so ein gutes Gefühl.

Daten als Alleinerziehende

Männer sind sehr schnell nach einer gescheiterten Beziehung offen für was Neues und stürzen sich wieder ins Leben- so meine Erfahrung.

Frauen nehmen sich eine längere Auszeit- so meine Erfahrung.

Wir Frauen ziehen uns meist zurück, gehen in uns, hinterfragen uns, unsere Beziehungen und unser Leben im Allgemeinen. Wir machen es mit unseren Freundinnen aus und am meisten mit uns selbst.

Wir schauen ganz genau hin, wissen nach einem schmerzhaften Prozess, durch den wir gehen, recht schnell wo das Problem ist.

Wir arbeiten hart an uns, wir weinen, schreiben, tanzen, gehen in die Natur, oder ziehen uns zurück. Wir lesen, meditieren, versuchen uns wieder aufzurichten und wieder in unsere Kraft zu kommen.

Und dann ist irgendwann dieses Gefühl da:

Ich bin nicht nur Mama, ich bin auch eine Frau. Ich habe Liebe verdient, brauche eine starke Schulter und jemanden, der mich fest im Arm hält.

Mit kleineren Kindern ist man selten ohne sie unterwegs.

Wenn es Umgangswochenenden gibt, gehen Mamas oft arbeiten. Oder sehnen sich nach Ruhe. Wollen nicht reden, sondern Schlaf nachholen, vielleicht die Wohnung putzen, weil das ohne die Anwesenheit von Kindern so viel leichter ist. 

Sie sehnen sich nach einem guten Film, Essen im Bett, wollen Liegengebliebenes erledigen und sich pflegen, damit sie sich wieder wohler in ihrer Haut fühlen.

Die wenigsten, die ich kenne, stürzen sich dann ins Nachtleben und tanzen die ganze Nacht auf hohen Schuhen. 

Also ist die 1. Wahl natürlich eine Plattform im Internet.

Man schaut sich so um und stellt fest, dass „der Markt“ echt schlecht ist.

Dass alles so oberflächlich ist und eigentlich auch viel zu anstrengend.

Dann lässt man es sein, weil diese kurze Zeit ohne Kinder viel zu wertvoll ist, um sie mit maximal nem Plan B zu füllen.

Wenn es zu einem Treffen kommt, ist man mit dem Kopf bei den Kindern, stellt fest, dass er nicht das gelbe vom Ei ist und eher eine Zeitverschwendung, weil nur sehr selten was Gutes dabei rauskommt.

Im besten Fall kommt es zu einigen Treffen, Austausch von Zärtlichkeiten, oder gutem Sex.

Am Anfang ist man immer sehr vorsichtig, glaubt niemanden nichts und die Mauer ist sehr hoch.

Dann ist da noch das schlechte Gewissen:

Ich küsse hier einen Mann, der nicht der Vater meiner Kinder ist.

Im schlimmsten Fall gibt man dem Ganzen von Anfang an keine Chance, redet es sich selber kaputt und ist hoffnungslos, dass es sich jemals richtig anfühlen kann.

Ich küsste einige Frösche, die nie zu Prinzen wurden und war verzweifelt, weil ich doch so viel an mir gearbeitet hatte.

Wieso noch diese ganzen Lernaufgaben- warum nur?

Ich dachte wirklich, dass ich bereit dafür bin und es jetzt wiiiiirklich verdient habe. Wieder eine Bruchlandung.

Ich stellte fest, dass das Loslassen jedoch ganz einfach war, wenn es sich falsch anfühlte.

Ich ging mit einem Lächeln, konnte nett sein und ohne jeden Groll. Im Auto bekam ich einmal einen Lachanfall, weil es sich so gut anfühlte.

Er war nicht Mr.Right, aber ich hatte gelernt Grenzen zu setzen, wusste, es hat mehr mit ihm als mit mir zu tun und ich drehte mich nicht einmal um.

Das war ein gutes Gefühl. Ich hatte gelernt, dass ich nichts tun muss, damit er bleibt.

Meinen schönen, sauberen und glänzenden Marmorboden, den ich mir erschaffen hatte, durfte niemand mehr mit seinen schmutzigen, schlammigen Gummistiefeln betreten.

Ich wusste noch nicht ganz was ich will, aber immerhin sortierte ich gleich alles aus, was ich nicht wollte. Auch das ist eine Ressource.

Wann ist es der richtige Zeitpunkt, den Kindern davon zu erzählen?

Da gibt es sicher verschiedene Auffassungen.

Die einen, die sich auf einem Spielplatz verabreden und so tun, als wäre er ein guter Freund.

Die, die ewig warten und sich erst richtig, richtig sicher sein wollen.

Und die, die denken wie ich. Ich werde nicht ewig warten. Meine Kinder dürfen gern sehen, wenn ich glücklich bin, denn auch wenn es komisch für sie ist, nichts anderes wünschen sie mir.

Irgendwann steht er da, lächelt dich an, ist aufmerksam und kann dir alles geben, was du insgeheim so vermisst hast.

Du wirst dich sehr wohl in seiner Nähe fühlen, ihr werdet stundenlang über Gott und die Welt reden können.

Er wird dir den Kopf verdrehen und du stellst verblüfft fest, dass deine Mauern nicht nötig sind, denn er ist nicht gekommen, um dich zu verletzen.

Er wird dich mit diesem liebevollen Blick anschauen und auch wenn du ganz du selbst bist, ist ihm das genug.

Wenn alles Kaputtdenken keinen Spass macht, weil sich fallen lassen viel schöner anfühlt.

Dann weisst du, dass du bereit bist.

Warum Alleinerziehendsein oft kacke ist

Es gibt viele Vorteile, keine Frage.

Viele Facetten feiere ich und es hat ein bisschen was von „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“

Heute las ich bei einer Frau, dass sie diese Woche alleinerziehend sei, weil ihr Mann im Ausland ist.

Eine Woche! Wow!

Sie lobte sich dafür, wie gut sie den heutigen Tag gemeistert hat, obwohl so viel zu tun war.

Das sind Momente, in denen ich diese Wut spüre und in den Wald zum Schreien gehen möchte.

Wer verheiratet ist, ist nicht alleinerziehend, nur, weil der Mann für eine Woche nicht da ist. Er kommt wieder!

Sie sind sicher trotzdem im Kontakt.

Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, lässt er sicher alles stehen und liegen und ist da.

Er verdient trotzdem Geld! Für die Familie.

Er steht ihr sicher trotzdem mit Rat und Tat zur Seite, sollte sie das wünschen!

Eine Woche!

Von meiner Seite gibt’s da nur ein müdes Lächeln.

Alleinerziehend sein- WIRKLICH alleinerziehend sein bedeutet nämlich, dass da kein 2. Lohn ist, wenns mal brenzlig wird. Wenn das Auto kaputt ist und die Reperatur teuer.

Wenn die Nebenkostenabrechnung dich schockiert und die Kinder wieder größere Kleidung brauchen, neue Sportschuhe, oder ins Schullandheim gehen.

Es heisst, dass ich die Kinder ins Training fahre UND beide auch wieder abhole.

Im besten Fall gibt es eine Fahrgemeinschaft, wie bei meinem Zwerg. Einer hin- einer zurück.

Im schlimmsten Fall stemmt man beide Fahrten, weil kein anderes Kind in dieser Richtung wohnt.

Alleinerziehend sein heisst, dass du dich um die ganze Wäsche, um die Spülmaschine, das Betten beziehen, Staub wischen, Fenster putzen, Saugen, Wischen, Klo putzen, Bad putzen, Kleiderschränke aussortieren, aufräumen, Tisch decken, kochen alleine kümmerst.

Im besten Fall hast du größere Kinder, die mit anpacken können. Im schlimmsten Fall haben sie darauf wenig Lust und du musst bis zum Tatendrang auch noch Diskussionen führen und in ein genervtes Gesicht schauen.

Alleine Einkaufen, immer. Auch die Kleinigkeiten zwischendurch. Und das schlimmste- den ganzen Einkauf schleppen, eventuell in den 1., 2., oder 3.Stock.

Im besten Fall kannst du wie ich daheim anrufen und die Kinder stehen auf dem Stellplatz bereit zum Helfen.

Im schlimmsten Fall hast du nicht nur den Einkauf zum Schleppen, sondern auch noch ein Baby im Tragetuch, oder ein Kleinkind hinter dir herziehend, das weint, weil es getragen werden will, müde ist, oder jede Stufe einzeln nimmt, während dir fast die Arme abreissen.

Alleinerziehend heisst, ein Kind wecken zu müssen, um das andere abzuholen.

Es heisst, wenn ein Kind krank ist, musst du zu Hause bleiben. Da ist keiner, mit dem du ausdiskutieren kannst, wer diesmal daheim bleibt.

Alleinerziehend heisst- auch ein krankes Kind mitzerren zu müssen- egal ob Fieber oder nicht, um einzukaufen, wenn der Kühlschrank komplett leer ist. Oder das Geschwisterkind  irgendwo hinzubringen, oder abzuholen.

Alleinerziehend heisst, aushalten zu müssen, wenn man ein krankes Kind mit Ruhebedürfnis hat und eins, das topfit ist, nicht ausgelastet und dringend an die frische Luft müsste.

Alleinerziehend heisst, dein Kind/ deine Kinder jeden verdammten Abend ins Bett zu bringen und teilweise ewige Einschlafbegleitungen leisten zu können.

Da ist keiner, mit dem du dich abwechseln kannst, falls du müde bist, wütend, oder krank vor Sorge. Jeden Tag aufs Neue.

Alleinerziehend heisst- dass du besonders in Augenschein genommen wirst. Dass du doppelt so hart arbeitest, weil du keinen Stempel haben willst und nicht in diese eine Schublade gesteckt werden willst.

Es heisst, ALLE Entscheidungen triffst du alleine. Auch die, von denen du nicht weisst, ob sie die richtigen sind. Alles lastet auf dir. Du kannst dich mit Freundinnen beraten und austausche- aber es ist nicht das gleiche.

Im besten Fall ist da ein Ex- Partner, der gleichgültig ist und dich walten lässt. Im schlimmsten Fall ist da einer, der dir bei jeder Gelegenheit das Leben schwer macht und anderer Meinung ist- einfach, um dich zu ärgern.

Alleinerziehend sein heisst, dass du definitiv nicht genug Urlaub hast, um alle Kitaschliesstage, oder Ferien auffangen zu können.

Im besten Fall hast du größere Kinder und sie können alleine bleiben. Im schlimmsten Fall passen die Zeiten der Ferienbetreuung so gar nicht zu deinen Arbeitszeiten, oder du kannst dir diese nicht leisten.

Alleinerziehend heisst, die ganze Wut des Tages abzubekommen und aushalten zu müssen.

Alleinerziehend sein mit mehr als einem Kind bedeutet oft, dass man keinem gerecht werden kann. Dass einer immer zu kurz kommt. Im schlimmsten Fall bist du es selber.

Alleinerziehend sein heisst, dass du nicht zum Weihnachtsessen mit den Kollegen gehen kannst, denn auch abends, wenn Schlafenszeit ist, kannst du deine Kinder nicht alleine lassen.

Alleinerziehend sein heisst, dass du Sorgen, Kummer und Nöte mit dir selber ausmachen musst.

Im besten Fall hast du tolle Freunde, oder Familie, die dich unterstützen. Im schlimmsten Fall nichts davon und auch keine regelmäßigen Umgangswochenenden beim Papa.

Es heisst, dass du getrennt bist. Dass deine Lebensblase geplatzt ist. Im besten Fall habt ihr wieder zu einem Miteinander gefunden und er ist bemüht.

Im schlimmsten Fall powert er zusätzlich gegen dich, schleppt dich ständig vor Gericht und du hast auch noch Angst, dein Kind an ihn zu verlieren.

Alleinerziehend sein heisst, dass du nie Ausschlafen kannst. Ausser du hast Teenagerkinder, die selber lang schlafen.

Alleinerziehend sein heisst, tagsüber selten oder gar nicht zu sitzen, weil einfach so unheimlich viel zu tun ist.

Es heisst jeden Tag die Vesperdose richten zu müssen. Ich hasse es so sehr.

Sicher gibt es viele schöne Dinge am Alleinerziehendsein.

Vieles ist aber auch einfach nur so, dass man es nicht schön reden kann.

Ps: wenn dein Mann für eine Woche nicht da ist, bitte nenne dich nicht alleinerziehend.

Was lernst du gerade, was du noch nicht kannst?

Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch.

Noch dazu geb ich nicht gern die Kontrolle ab.

Ich mag meinen roten Faden, der mich durch den Tag bringt, Unvorhergesehenes mag ich nicht.

Bisher war ich überzeugt davon, dass mein großer Sohn meine größte Lernaufgabe im Leben ist. Wenn seine und meine Wut aufeinanderprallten, wird es explosiv.

Wir wollen beide gern rechthaben, und sind Dickschädel, wenn es darum geht, den anderen von unserer Meinung zu überzeugen.

Er drückt nur wenige Knöpfe, aber damit löst er eine Lawine aus.

Wir sind laut, es werden Türen geknallt und es geht heiß her.

Wir beide können besser selber reden als zuhören und haben ein großes Mitteilungsbedürfnis.

Wir sind beide schnell auf 180 und ebenso schnell wieder unten, das ist echt anstrengend für den jeweils anderen.

Durch ihn lerne ich mich bei meinem Kind zu entschuldigen, wenn ich einen Fehler gemacht habe.

Ich lerne, trotz stur sein und gern recht zu haben, dass man sich Fehler eingestehen muss.

Ich lerne, auf ihn zuzugehen und den ersten Schritt zu machen.

„Es tut mir leid“, sagen fällt mir immer noch schwer, ohne ein „aber“ hinterherzuschieben.

Ich lerne, dass ich als Erwachsene die komplette Stimmung daheim beeinflusse. Ich allein habe im Griff, ob es eskaliert, oder harmonisch bleibt, ganz ungeachtet der Stimmung meiner Kinder.

Es ist eine wahnsinns Macht, die ich feststelle und immer öfter genieße ich dieses Gefühl so mächtig zu sein.

Wieder ein Tag, an dem ich eine herausfordernde Situation so viel besser gemeistert habe, als noch früher.

An manchen Tagen gelingt es mir so gut, dass ich abends staune und mich selber beglückwünschen muss:

„Wow, das hast du heut echt gut gelöst.“

„Wow, das war genau das, was dieses Kind heute so gebraucht hat. Du hast es richtig erkannt!“

„Wow, wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass du mal so einen Lösungsansatz findest und schau, wie gut es sich anfühlt!“

Es ist mein Job, den Draht zu meinem fast- Teenager nicht zu verlieren, auch wenn die imaginäre Nabelschnur echt lang geworden ist.

Es tut gut, sein wahres Bedürfnis hinter seiner Wut zu erkennen und nicht nur darauf zu vertrauen, was er mir zeigt.

Wir können immer besser miteinander reden, er vertraut mir immer noch wichtige Dinge an, ist ehrlich, wenn er Mist gebaut hat und wir haben einen guten Draht zueinander.

Es ist so viel harmonischer zwischen uns und ich denke er schätzt meine Bemühungen und die Arbeit an mir selbst.

Mein kleiner Sohn ist sooo anders als wir zwei, was der andere gern zum Anlaß nimmt, um es als negativ auszulegen.

Aber nein!

Seine Sanftheit, Verschlossenheit, sein großes Herz und sein Gerechtigkeitssinn sind so, so wichtig für mich.

Wenn ich ihn mit meinem Plumpsein überrolle, tut ihm das weh und er kann das deutlich sagen.

Bei ihm muss ich alles stehen und liegen lassen, alles beenden, was ich gerade im Begriff war zu tun und ganz klar ihn als Priorität setzen.

Ich muss auch weich und sanft werden, zu ihm liegen und kuscheln, egal wie lang die to-do- Liste ist.

Mit ihm lerne ich mehr im Moment zu sein und nicht wieder 10 Schritte weiter.

Ich lerne, dass mit ihm Beyblade spielen und auf dem Boden sitzen viel, viel wichtiger ist, als der Zustand der Küche.

Wo ich doch mehr ne „Macherin“ bin als ne Stillsitzerin.

Wo ich doch gern so viel abarbeite.

Jetzt lerne ich, dass Beyblade spielen die wiiiiirklich wichtigen Dinge sind. Nicht nur für ihn, auch für mich.

Ihm genügt 0-8-15 nicht, für ihn muss ich kreativ werden. Nur Anweisungen geben funktioniert bei diesem Kind nicht. Denn er hält meinem Blick stand und schreit mir entgegen:

„Und was ist wenn nicht!?!“

Ja, was eigentlich? Mist!

Ich muss mich selber hinterfragen und Dinge anders angehen.

Für ihn muss ich mir richtig Zeit nehmen. Denn wenn ich ihn unter Druck setze, sitzt er tobend am Boden, verschränkt seine Arme, setzt den Todesblick auf und dann komm ich gar nicht mehr an ihn ran.

Er ist mein „Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“

Nicht umsonst habe ich genau diese zwei Kinder, die nicht unterschiedlicher sein könnten und mich so unterschiedlich brauchen und herausfordern.

Challenge accepted- aber scheiße ist das viel Arbeit!

Bald ein Teenager im Haus

In wenigen Wochen wird mein großer Sohn ein Teenager.

13 Jahre bin ich schon Mama, 8 davon alleinerziehend.

Er ist meine größte Herausforderung gewesen die letzten Jahre.

Nichts und niemand konnte mich so schnell auf 180 bringen wie er.

Wir haben viel diskutiert, uns gestritten und angebrüllt.

Es flogen Türen, böse Wörter und Beleidigungen.

Ich schätze inzwischen diese kleine, große Persönlichkeit sehr. Mit all seinen Ecken und Kanten.

Ich liebe sein Wesen, was für ein Mensch er ist und bin so gespannt, was noch kommt.

Ich freue mich so sehr auf die Teenagerjahre, bin bereit dazu, alles anzunehmen und dankbar zu sein.

Laut Jesper Juul erntet man in der Pubertät die Früchte unseres Umganges mit dem Kind bis dahin.

Streit hin oder her, aber ich kann stolz behaupten, dass wir immer in Verbindung zueinander waren, dass ich nie aufgehört habe Gespräche zu beginnen und mit ihm zu suchen, um herauszufinden, worum es ihm geht und was ihm wichtig ist.

Ich kenne ihn so gut wie keinen anderen Menschen.

Ich erwische ihn bei seinen Flunkereien, kann jeden Blick deuten und weiß sofort, was Sache ist.

Manchmal ist er empört und fasziniert zugleich, wie ich DAS jetzt schon wieder bemerkt habe.

Wir hatten schon immer eine enge Beziehung zueinander. Haben abends viel geredet, wenn sein Bruder schon geschlafen hat.

Besonders im Bezug auf seinen Vater haben wir viel philosophiert, abgewägt und ich habe viele offene Fragen beantworten müssen.

Ich liebe die Veränderung, die ich von Monat zu Monat sehe.

Wie habe ich es verflucht, dass er immer so früh wach ist! Egal wie spät es ins Bett ging, er war immer gleich früh wach.

Wie viel Kraft haben mich die langen, kräftezehrenden Einschlafbegleitungen gekostet.

Nochmal kraulen, noch ne Fussmassage, Hand halten, nochmal die Geschichte von seiner Geburt erzählen und noch eine Seite mehr im Buch lesen.

Jedes „Ich hab Angst!“ Und jedes „Ich kann irgendwie nicht schlafen!“

Das „Aber lass die Tür nen Spalt offen“ und das “ Licht im Flur anlassen bitte“.

Wir haben alles hinter uns gelassen. Die Tür ist zu, das Licht im Flur nicht mehr nötig. Die Angst vor Einbrechern und Zombies hat er für sich in den Griff bekommen.

Was geblieben ist, ist die niemals fehlende Umarmung und zum Glück auch noch viele Gespräche. Inzwischen eher auf der Couch. Entweder er erzählt mir von seinen Freunden, oder will über etwas bestimmtes reden.

Manchmal heisst es auch:

„Wie und was und mit wem kann ich dir nicht erzählen, das geht nicht, ich habs versprochen niemanden zu erzählen.“

Und manchmal auch kurz:

„Also dann, ich geh ins Bett. Gute Nacht, hab dich lieb.“

Ganz selten fragt er:

„Bringst du mich noch ins Bett, so bisschen zudecken und 1 min kuscheln?“

Manchmal geniesse ich die Zeit bei ihm und dann wirft er mich raus, weil er zum Telefonieren verabredet ist.

Ich mag jeden seiner Freunde sehr und sie sind hier immer willkommen, jederzeit.

Das geniesst er glaube ich sehr. Ich mache immer alles möglich, dass Sie sich treffen können, hier übernachten, oder wir fragen, ob einer davon mit zum Schwimmen will. Freunde sind wichtig!

Uns bleiben noch ein paar Jahre bis er auszieht, mehr als die Hälfte ist gewiss um.

Der Gedanke macht mich wahnsinnig, wenn auch die Selbständigkeit das oberste Ziel der Erziehung ist.

Mich fasziniert, wie gut er für sich einstehen kann, wie er seine Grenzen behauptet und ganz klar weiß was er will und was nicht.

Und wenn ich anderer Meinung bin, kann ich mich auf den Kopf stellen, er weiß, was ihm wichtig ist und warum.

Ich liebe diese Nachrichten, wenn er was von mir will. Wie er argumentiert und wie toll er sich ausdrückt.

Er weiß ganz genau, wann er es ansprechen kann und wie er es anstellen muss, damit ich zumindest sage:

„Puh. Ich kann dir jetzt nicht die Antwort geben, die du dir erhoffst. Aber ich verspreche darüber nachzudenken, wir reden an Tag × nochmal drüber!“

Ich liebe es, dass er freiwillig und selbständig duscht.

Nach all den Tränen, dem Gebrüll.

Bis vor wenigen Jahren wurde immer noch diskutiert:

„Aber ohne Kopf!“ Und wenn mit Kopf, „dann aber ohne Seife“.

Alles vorbei, alles im Wandel.

Ich lerne loszulassen. Die imaginäre Nabelschnur wird länger und länger.

Ich freue mich auf unseren letzten Lebensabschnitt zusammen unter einem Dach.

„Alte Bekannte!“

Sarah Zöllner hat wieder eine Blogparade zu oben genanntem Thema eröffnet und sofort habe ich etwas damit verbunden.

Danke liebe Sarah und here I am…

https://mutter-und-sohn.blog/2023/12/09/blogparade-alte-bekannte/

Es ist gute 7 Jahre her, aber das Gefühl ist noch präsent und prägend.

Ich inmitten eines riesen Gefühlschaos, einer Berg und Talfahrt, frisch getrennt, mit viel bösen Blut und schlechter bis gar keiner Kommunikation.

Frisch eingezogen in der kleinen Wohnung, raus aus dem 2 Jahre alten Einfamilienhaus.

Ganz alleine mit zwei Kindern, damals 5 und 1 Jahr alt.

Meine damalige Freundin war eine große Stütze und erklärte sich bereit mit mir und den Kindern ins Haus zu gehen. Wir wollten weitere Dinge wie Kinderkleidung  abholen.

Ich konnte mir nicht vorstellen mit ihm alleine zu sein und fürchtete mich vor all dem, was gefühlstechnisch in der kurzen Zeit auf mich zukommen konnte.

Oben spielte er mit den Kindern.

Unten saßen die Freundin und ich auf dem Boden, sortierten Kleidung und zogen alle Schubladen auf, um zu schauen, was meins und was seins war.

Sie war wild am Machen, schmiss alles unsortiert in eine der Taschen.

Ich eher in mich gekehrt, tottraurig, hob immer wieder die kleinen Mützchen, Hosen und Bodys hoch und fragte mich:

„Wie konnte ich nur an diesen Punkt kommen!?“

Sie hob alles Mögliche hoch, fragte bei Unsicherheiten:

„Was ist damit?“

„Deins?“ 

„Willst du das mitnehmen?“

Ich sah im Augenwinkel, wie sie eine Uhr in unsere Tasche legte, die definitiv ganz klar als Männeruhr kenntlich war.

Die Sitizen Uhr vom Duty Free Flug nach Thailand.

Er kaufte damals diese Uhr, ich teures Parfum.

Ich sagte ihr, dass diese Uhr ihm gehöre und ihre Antwort war folgende:

„Hör auf zu spinnen! Die liegt hier rum und natürlich nimmst du sie mit. Du kannst sie verkaufen. Hör mir auf mit Moral und Anstand, überleg mal lieber, wie der dich behandelt hat!“

Ein müdes Lächeln meinerseits und die Uhr landete in der Tasche.

Wir lebten schon lange in unserer kleinen Wohnung und ich hatte die Uhr nie mehr gefunden.

Schon beim Auspacken damals fiel auf, dass die Uhr nicht dabei war.

Wir haben hin und herüberlegt. Wir konnten es uns nicht erklären.

Jahre später wollte ich mit meinen Jungs schwimmen gehen, es war schon die Zeit, in der Plastiktüten verpönt waren und ich hatte Mühe eine für die nassen Sachen danach zu finden.

Ich hatte eine Tüte gefunden, ganz hinten in einer Ecke des Küchenschrankes. In dieser Tüte waren noch mehr Tüten und in einer davon war einzeln eingerollt die Uhr von damals.

Ich starrte darauf und bekam einen Lachanfall. Ich schrie vor Freude und Erleichterung und konnte nicht aufhören zu lachen.

Diese Uhr zeigte mir Jahre später, wie viel weiter ich war als damals. Ich war wieder glücklich.

Die Jungs und ich waren ein gutes Team und fühlten uns in der Wohnung wohl.

Uns ging es finanziell soweit gut, ich hatte einen Job uns es reichte uns für Urlaube, ein Eis zwischendrin und mal ins Kino gehen.

Ich brauchte die Uhr jetzt nicht mehr. Zumindest war jetzt klar, dass ich sie nicht verkaufe, sondern sie einen ganz anderen Wert für mich hat.

Sie steht für Entwicklung.

Für:

„Die Zeit heilt keine Wunden, aber das Gefühl dazu verändert sich.“