Toxische Beziehungen

Heute schreibe ich nicht als Mutter- sondern als Frau.

Die letzten Jahre habe ich mich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt. Ich habe darüber gelesen, podcasts gehört, aber auch in meinem Umfeld beobachtet und gesehen.

Aus der Vogelperspektive und der Rolle im Aussen ist es so offensichtlich und klar.

Man fragt sich, was diesen Partner nur in dieser Beziehung hält!

“ Sieht der das denn nicht?“

„Merkt er denn nicht, wie der andere ihn behandelt?“

Weder habe ich das Bedürfnis jemandem die Augen zu öffnen, noch sehe ich es als meine persönliche Aufgabe.

Ich für mich weiss, dass dieser Mensch noch nicht so weit ist, noch nicht am “ point of no return“.

Er kann und will noch mehr ertragen, noch mehr leiden.

Warum?

Weil man denkt, es sei so normal. Die berühmten Höhen und Tiefen. Durch Dick und Dünn. In guten und in schlechten Zeiten.

Weil man denkt, man müsse nur NOCH mehr geben und NOCH mehr lieben, damit der andere es merkt und sich ändern kann.

Noch mehr weinen und erklären, wie man sich fühlt, in der Hoffnung, dass es den anderen dann nicht mehr so kalt lässt und er alles einsieht.

Wenn das einer weiss, dann ich.

Nie würde ich auf die Idee kommen, jemanden dafür zu verurteilen, sich immer wieder für diese Beziehung zu entscheiden.

Ich weiss, die Hoffnung stirbt zuletzt.

„Es kommen wieder bessere Zeiten!“

„Er meint es nicht so.“

„Eigentlich meint er es doch gut mit mir.“

„Er ist gar nicht so!“

„Es ist nur eine Ausnahme.“

Um in einer Beziehung verletzt zu werden, braucht es keine Schläge.

Menschen fragen sich, was jemanden hält. Warum ist er/sie mit so jemanden zusammen? Warum geht er/ sie nicht? Warum lässt er/sie sich sowas nur bieten?

Für Außenstehende unmöglich, das zu begreifen.

Ich WAR Teil einer solchen Beziehung. Wie ich jetzt weiss, auch nicht erst einmal.

Mir ist dabei wichtig zu sagen, dass nicht ein Mensch alleine böse und toxisch ist. Es ist die Symbiose. Das Miteinander, das es toxisch werden lässt.

Was ich bis dato von mir dachte:

Ich bin taff, weiss was ich will und hole es mir. Ich mache meinen Mund auf, wenn mir etwas nicht passt und stehe für meine Werte ein. Ich lasse nicht zu, dass man mir Unrecht tut und keiner wird mich schlecht behandeln. Ich bin kein graues Mäuschen, lasse mich nicht einschüchtern und habe vor nichts Angst.

Was mich diese toxische Beziehung lehrte:

Haha! Du hast ja keine Ahnung! Alles, was du glaubst, lasse ich verschwinden. Vor allem den Glauben an dich und den an die Wahrheit.

Nicht sofort. Nach und nach. Stück für Stück.

Gerne höre ich dazu die Geschichte vom Frosch im Kochtopf.

Wirft man ihn in kochendes Wasser, springt er raus. Ist er allerdings bereits im Kochtopf und man erhöht allmählich die Temperatur des Wassers, bemerkt er erst was los ist, wenn es schon viel zu spät ist.

Vielleicht war ich das alles tatsächlich.  Wenn man aber an den „richtigen“ Mann gerät, wird alles ausser Gefecht gesetzt.

Mit meinem Wissen von jetzt und dem Abstand dazu weiss ich, dass die Anzeichen sehr früh auftauchten und ich viele Male mein Bauchgefühl übergangen habe. So oft, bis ich so tief drin war und es kein Zurück mehr gab.

Ich habe mich abhängig gemacht. Im Aussen durch materielle Dinge wie z.B. einem Hausbau. Durch gemeinsame Kinder, aber auch seelisch abhängig.

Ich rauche nicht, ich trinke so gut wie nie Alkohol. Suchtpotential? Ich?

Niemals! Oder doch?

Als wir uns kennenlernten, war alles so magisch. Leidenschaftlich. Die pure Verschmelzung.

Dieses „zu schön, um wahr zu sein“.

Wir waren so verliebt ineinander, hatten nur noch Augen für uns und der Rest der Welt wurde unwichtig. Wir waren uns genug und brauchten niemanden sonst.

Es sind im Nachhinein die Kleinigkeiten, die so wichtig sind. Diese kleinen Vorboten, die dir zeigen, wie es später verlaufen wird, wenn es um die grossen Dinge geht.

Ich erinnere mich daran, als wir mit seinem Bruder verabredet waren. Er lief mit diesem voraus und sie unterhielten sich angeregt. Der Gehweg war schmal und so trottete ich beiden hinterher, bis der Bruder mir die Tür zum Cafe aufhielt, während mein Freund bereits drin war.

Es ist nicht so, dass ich auf diese „Kleinigkeiten“ nicht achte. Bemerkt habe ich es sehr wohl. Bauchgefühl übergangen.

„Sonst ist er ja nicht so.“

„Er hat sich so gefreut seinen Bruder zu sehen, da ist doch jetzt nichts dabei.“

„Mach kein Fass auf wegen so einer Lapalie!“

Später fühlte ich mich ganz oft links liegen gelassen, nicht gesehen. Nicht wertgeschätzt und schlichtweg unwichtig und als Anhängsel.

Er redete gern in der Ich-Form, auch wenn es uns beide betraf. Das war neu für mich und fiel mir auf.

Bauchgefühl übergangen.

Später stellte ich oft an seinem Verhalten fest, dass er wirklich nur sich meinte und ich nicht zählte. Ich war Luft.

Er raucht mal nen Joint, trinkt mal über den Durst. Bauchgefühl übergangen.

„Mein Gott, das machen andere auch!“

„Jetzt übertreib doch nicht gleich, was ist dabei?“

„Andere stört es doch auch nicht, obwohl ihr Partner das tut. Also mach dich locker.“

Er kann nicht mit Geld umgehen und obwohl ich weniger verdiente, zahlte ich die Nachzahlung von Strom, Wasser etc.

Bauchgefühl übergangen.

„Wir sind ein Team. Wer mehr leistet, oder einbringt, ist doch egal“.

Wenn ich für mich einstand und kritisierte, gab es Streit. Meine Meinung war immer die Unwahrheit. Ich war immer im Unrecht. Ich war die mit den komischen Ansichten. Die, die nicht richtig tickt.

Die, die krank im Kopf ist. Zu grosse Erwartungen hat, die keiner erfüllen kann. Ich war falsch. Nie zufrieden. Immer am meckern. Irre. Depressiv. Gestört. Gehöre in die Klapse. Schizophren. Krank. Übertreibe immer maßlos. Weiss nichts zu schätzen. Stehe mit meiner Ansicht alleine da.

Habe ein völlig verschobenes Bild. Bin nicht echt.

„Wenn deine Freunde wüssten, wie du wirklich bist…“

…bis zu…

„Ich hätte dich nie heiraten sollen!“

Jedes normale, harmlose Gespräch, in dem ich anderer Meinung war, oder etwas kritisierte, führte zu einem schlimmen Streit. Und in jedem Streit wurden mir all diese Dinge vorgeworfen.

Bauchgefühl übergangen.

„Er war halt sauer!“

„Das meinte er nicht so!“

„Eigentlich liebt er mich doch.“

„Sonst würde er sowas doch nie sagen und danach tut es ihm ja auch leid. „

Nach jeder Auseinandersetzung war ich mir sicher, dass ich es nicht geschafft habe, die richtigen Worte zu finden. Dass ich mich falsch ausgedrückt habe. Dass ich unsensibel bin. Dass es schwer ist mit mir. Dass ich nicht einfach bin. Dass ich mich zusammenreißen muss. Mir noch mehr Mühe geben muss. Dass es von mir allein abhängt, ob diese Beziehung Bestand hat.

So schlich es sich ein, dass ich mich immer weniger traute zu kritisieren und über meine Gefühle zu reden.

Immer mehr merkte ich, dass mir tiefe Gespräche fehlen. Dass es für mich sogar der Grundpfeiler ist, das Fundament.

Ich ignorierte mein Bauchgefühl. Ich zog die Samthandschuhe an. Ich ging sprichwörtlich auf Zehenspitzen.

Bloss keinen „Lärm“ machen. Denn inzwischen hatte ich gelernt, was es mit sich zog und was daraus entstehen kann. Wie kräftezehrend es ist.

Lieber runterschlucken. Weglächeln.

Gute Mine machen. Die Fassade halten. Meine Meinung für mich behalten.

Üblicherweise folgte jedes Mal, wenn ich über meine Gefühle redete ein schlimmer Streit. Er haute mir alles mögliche um die Ohren, beleidigte mich, beschimpfte mich, bereute mich kennengelernt zu haben und war weg.

Wie lange und wo- das wusste ich nie. Manchmal nur eine Stunde. Am Ende auch schon mal über Nacht. Das Telefon war ausgeschaltet und ich saß da mit einem 4 jährigen und einem frisch geborenen Säugling, der erst wenige Wochen alt war.

Ob er je wiederkommt, das wusste ich auch nie.

Was ich lernte war: er kam immer wieder. Und tat, als wäre nichts gewesen. Manchmal brachte er frische Brötchen mit. Er fing an über Oberflächlichkeit zu reden. Wenn mir das schwer fiel, weil ja etwas ganz anderes in der Luft lag, flog die Bäckertüte und er nannte mich undankbar.

Oft weinte ich mich in den Schlaf. Er schnarchte schon lange neben mir und hatte damit keine Probleme.

Das Ergebnis war, dass wir nie über Probleme redeten, weil wir es nicht konnten. Also gab es auch nie eine Lösung. Nachdem wir unter einem Dach lebten und kein Wort miteinander redeten, wurde es irgendwann besser. Manchmal nach Stunden. Manchmal nach mehreren Tagen. Am Ende war es eine Woche. Je nachdem, wie schnell ich bereit war, es abzuhaken, meine Fehler einzusehen und mich für Dinge entschuldigte, für die es nie eine gebraucht hätte.

Wie ich es da raus schaffte?

Es kam dieser Tag, an dem meine Grenze erreicht war. Der point of no return. Der Zeitpunkt, wenn du sicher bist: bis hierher und nicht weiter. STOP!

Wieviele dieser Beziehungen es wohl hinter verschlossenen Türen gibt?

Ich bin die mit der grossen Klappe. Keiner hätte es bei mir vermutet. Nicht mal die beste Freundin wusste alles, denn manche Situationen muss man mit sich selber ausmachen.

Die kann man keinem erzählen, weil man weiss, wie verrückt sich das alles anhört.

Es hat lange gedauert, bis mein Kartenhaus zusammenfiel. Bis das Gerüst brach und selbst ich die Fassade nicht mehr halten konnte.

Mit 4 Jahren Abstand habe ich viel aufgearbeitet. Oft nach dem „Warum“ gefragt und eine Antwort gefunden. Es war nicht so, nur weil er so war. Es kam auch so, weil ich war wie ich war.

Inzwischen habe ich mich wiedergefunden. Den Mensch, so wie ich vor ihm war. Mit meiner Moral. Mit meinen Standards. Ich weiss, dass ich nicht meine Erwartungen runterschrauben muss. Ich muss nur auf mein Bauchgefühl hören, es zeigt mir den Weg.

Ich kenne die sog. „red flags“, die „dealbreaker“ und die „no go’s“. Ich ignoriere sie nicht mehr.

Ich achte auf mich und die Anzeichen. Ich kenne meinen Wert und mache keine faulen Kompromisse.

Wenn du meine Grenzen nicht achtest, hast du keinen Platz an meiner Seite.

Heute behaupte ich, dass mir so etwas nie wieder passieren wird. Dass diese Art Männer mich immer noch magisch anziehen. Dass ich jedoch viel schneller hellhörig werde und mein inneres Alarmsystem zu klingeln beginnt.

Ich bin mit meinem inneren Aufräumen noch lange nicht am Ziel, falls man das je sein kann. Aber ich habe mich auf den Weg gemacht und verharre nicht mehr. Rede es mir nicht mehr schön, wenn es das nicht ist.

Stelle ich heute fest, dass mir der Mann an meiner Seite nicht gut tut, drehe ich mich um und gehe. Vielleicht tut es kurz weh, aber ich gehe trotzdem lächelnd. Weil ich so viel weiter bin als damals.

4 Kommentare zu „Toxische Beziehungen

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