Nur 18 Sommer…

Nur ca. 18 Sommer haben wir mit unseren Kindern.

18 ist keine besonders hohe Zahl.

Und womöglich sind es sogar nicht mal 18 Sommer.

Mein großer Sohn ist bereits 13.

Wir hatten 13 Sommer miteinander, es folgen nur noch wenige.

Mein jüngerer Sohn ist auch schon 9, dementsprechend haben wir sicher auch bereits den Großteil unserer Sommer hinter uns.

Der Gedanke daran macht mich wehmütig.

Mich beschäftigt die Frage, ob ich die gemeinsame Zeit gut genutzt habe und es bewusst wahrgenommen habe.

Blieb genug Zeit zwischen finanziellen Krisen und fehlender Kinderbetreuung?

War genug Zeit zwischen mentaler Überforderung, Gereiztheit und der Arbeit?

Was werden meine Kinder mal von ihren 18 Sommern erzählen?

Hatten sie das Gefühl, ich verbringe gerne die Stunden mit ihnen?

Erinnern Sie sich an mein Schreien, an Tagen, die nicht gut liefen?

Oder überwiegt die Erinnerung, an das Kitzelmonster, das die Finger nach ihnen ausstreckt, wenn sie sich zusammen laut lachend unter der Decke versteckten?

Werden sie wissen, dass sie immer, immer geliebt waren, auch wenn ich nicht die Kraft hatte es zu zeigen?

Ist es ausreichend, wenn man sich in schwachen Momenten entschuldigt?

Was bleibt in Erinnerung?

Die Tränen und der Schmerz, oder wie wir Hand in Hand loslaufen und ins Wasser springen?

Überwiegt die Erinnerung daran, wie kurz die Zündschnur beim Duschen war als sie klein waren? Wenn sie nicht wollten, gestrampelt haben und geschrien? Bleibt mein genervtes Gesicht, oder die Tatsache, wie ich sie mit ausgebreitetem Handtuch raushebe und wir uns drücken?

Werden Sie sich an die vielen, vielen Bücher erinnern, die ich ihnen abends vorgelesen habe, oder überwiegt die Erinnerung daran, wenn ich es nicht so liebevoll geschafft habe sie ins Bett zu bringen, wie ich es mir gewünscht hätte?

Überwiegen die endlosen Gespräche vorm Einschlafen? Oder mein: „Jetzt ist Schluss!“

Denken sie an die liebevollen Verabschiedungen in den Kindergarten, mit „noch einmal drücken“ und winken, oder die paar Mal, wenn wir uns lieblos und im Streit getrennt haben?

Ich erinnere mich an alles! Das Gute und das schlechte.

Nach 13 Jahren Mama sein habe ich viel dazugelernt.

Mit dem Wissen von heute würde ich viele Situationen von damals viel entspannter angehen lassen.

Mich würde heute viel weniger aus der Ruhe bringen, wie damals noch.

13 Sommer hatten wir bereits gemeinsam und es gibt keinen See in der Nähe, in dem wir nicht geschwommen sind.

Kein Bach, an dem wir noch keinen Staudamm gebaut haben.

Kein Turm, den wir noch nicht bestiegen sind.

Keine Wiese, auf der wir noch kein Picknick gemacht haben. Keine Ruine oder Burg, wo sie noch nicht geklettert sind.

Kein Spielplatz, auf dem sie noch nicht barfuß ein riesen Loch gegraben haben.

Kein Hügel, den sie sich nicht runterkullern ließen.

Wir haben kein Abenteuer ausgelassen, waren zusammen am Meer, haben bei Konzerten in der ersten Reihe gesungen, haben zusammen einen Hindernislauf gemeistert, Fahrradtouren gemacht. So viele Überraschungen, die ich heimlich vorbereitet habe.

So viele schöne, kostbare Erinnerungen in meinem Herzen. Sie werden ein Leben lang halten.

So oft habe ich mir mehr Geld auf dem Konto gewünscht, um öfter mit ihnen ferne Länder zu besuchen.

Ein paar Wünsche haben wir noch und will ich uns noch erfüllen, dafür spare ich jetzt ne ganze Weile.

Die wertvollsten Erinnerungen sind jedoch die Spontanen und die, die kein Geld gekostet haben.

Die tollen Gespräche mit einem Teenager sind für mich unschlagbar. Ich liebe es zu beobachten, wie er heranwächst, welche Ansichten er hat, wie positiv er in die Zukunft blickt und dass ich ihm gute Werte mit auf den Weg geben konnte.

Ich liebe die Erinnerungen, als sie klein waren. Das in die Decke wickeln und einfach rausgehen in die Nacht, den großen Wagen suchen und andere Sternbilder.

Ich spüre deutlich, dass die 18 Sommer schneller vorbei sind, als ich bereit bin.

Teach them young

Mein großer Sohn schimpft, er glaubt, ich habe wieder einen Ratgeber zum Thema Erziehung gelesen.

Was er feststellt: ich bin irgendwie so streng geworden.

Was er nicht weiss: es war kein Ratgeber, sondern die tolle Psychologin in der Mutter- Kind- Kur vor ein paar Wochen.

Sie fragte mich beim Abschlussgespräch, was ich so mitgenommen habe aus der Zeit.

Nach all den positiven Dingen erzählte ich ihr diese eine für mich so erschreckende Situation mit meinen Kindern. Ein echter Wachmacher und Wachrüttler.

Folgende Situation:

Wir waren mit 2 anderen Mamas und deren Kinder in einer Minigolfanlage. Es war Mittag, die Sonne knallte.

Und obwohl wir nach unserer 2 stündigen Tierwanderung mit der festen Absicht kamen, dort Minigolf zu spielen, beschlossen wir Mamas einstimmig, dass das heute nicht geht, da die komplette Anlage in der prallen Sonne stand.

Wir setzten uns in den Biergarten in den Schatten und beschlossen nur zu Essen und zu Trinken.

Schlechte Stimmung breitete sich aus, die Kinder waren bockig und verbündeten sich gegen uns gemeine Mamas.

Mies gelaunt teilten sie mir ihre Getränkewünsche mit und setzten sich gemeinsam weiter weg.

Ich stellte mich an und hatte dann eine Hand zu wenig, denn ich habe 2 Kinder. Dementsprechend waren es zwei Getränke und mein Kaffee.

Ich bat die eine Mama, mir kurz was abzunehmen, dass ich die drei Getränke sicher in meinen Händen platziere und transportieren kann.

Ich stellte fest, dass ich nicht mal auf die Idee gekommen bin, meine Jungs zum Unterstützen zu holen. Erst als ich darauf hingewiesen wurde.

Das war so erschreckend!

Die Psychologin hatte sofort eine Erklärung parat, warum das so ist.

Eine Mischung aus Schuldgefühlen, weil…

„… wenn sich der Vater schon nicht kümmert!“

„… wenn sie schon nur mich haben!“

„… wenn sie schon so viel verloren haben!“

„… wenn sie schon so viel durchgemacht haben!“

„… wenn sie schon so viele Tiefpunkte erlebt haben!“

Und einem Stück eigener Kindheit:

“ Sie sollen es besser haben!“

“ Ihnen soll es besser gehen!“

Autsch!

Sie riet mir, die große Energie meiner großen Jungs in Anspruch zu nehmen!

Ich wehrte mich und sagte, dass beide sehr wohl mit anpacken und Aufgaben übernehmen müssen…

… aber eben nicht regelmäßig

… und nichts Festes

… und eigentlich auch nur Kleinigkeiten, die mir nicht wirklich große Erleichterung bringen

… und auch nur „Zutrauliches“, ja nichts Ungeliebten und gar Ekeliges

… und eigentlich auch nur dann, wenn es mir mal wieder zu bunt und zu viel wurde

Sie war überzeugt davon, dass das so stimmt. Bat mich jedoch Regelmäßigkeit und feste Aufgaben zu verteilen, so dass ich nicht jeden Tag neu diskutieren muss und jedem klar ist, was zu tun ist.

Daheim wurde es gleich besprochen und festgelegt.

In der ersten Woche wurde täglich gewechselt:

Einer war immer für die Spülmaschine zuständig und der andere für anfallende Aufgaben:

Papier, gelber Sack, Rest- oder Biomüll runter in die Tonnen vors Haus bringen, Staubsaugen, Spiegel putzen, Wäsche sortieren und waschen, Boden wischen, oder auch mal Wäsche aufhängen

( by the way…ich war erschrocken, weil ich dachte es reicht, dass er sieht wie ich das mache. Aber das reicht nicht. Vieles, was für mich selbstverständlich ist, ist es nicht für einen 13 jährigen. Er braucht Anleitung und Führung)

Inzwischen haben wir uns eingegrooved auf wöchentlichen Wechsel. Einer ist für die Spülmaschine zuständig, der andere muss die ganze Wohnung saugen. Beides geschieht bei uns täglich, allein schon wegen dem frechen Kater und seinem verteilten Streu.

Letzte Woche gab es 10.15 Uhr einen Tierarzttermin. Routine und eine Spritze. Ich habe darauf bestanden, dass beide mitgehen. Nicht wie die letzten 2 mal. Es ist UNSER Kater, nicht meiner. Wir lieben ihn alle, dazu gehört auch mal in den Ferien 9.30 Uhr den Wecker zu stellen.

Diese zwei festen Aufgaben, Spülmaschine und Staubsaugen, helfen sehr. Ich versuche mich nicht schlecht dabei zu fühlen, auch wenn ich Urlaub habe und in der Zeit nichts „wegarbeite“.

Ich helfe beim Erinnern an die tägliche Aufgabe, setze Limits, bis wann diese Aufgabe erledigt werden muss.

Und siehe da! Es klappt. Es wird nicht diskutiert darüber. Für mich ist es eine enorme Entlastung und ich geniesse es!

Du BRAUCHST einen Mann

Zuletzt hörte ich diesen Satz in der Mutter- Kind- Kur vor ein paar Tagen.

Gesagt wurde er von einer Frau.

Gerichtet war er an eine junge Mama, die mit zwei kleinen Kindern da war. Ich wusste, dass ihr Mann sie verlassen hatte und es noch ganz frisch war.

Sie war sehr depressiv, besaß seit der Trennung nur schwarze Kleidung.

Davor habe sie gern bunt getragen, jedoch hat sie in einem Ausnahmezustand alles zerschnitten.

Der Vater ihrer Kinder lässt nichts aus, um sie zu demütigen.

Sie erzählte mir von Psychoterror, nachdem er ausgezogen ist.

Zum Beispiel überwies er den Kindesunterhalt in kleinen Häppchen über mehrere Tage.

Sie war darauf angewiesen und war fast am Durchdrehen deswegen.

Zwischendurch wollte sie sich das Leben nehmen.

„Ich wollte einfach nicht mehr!“

Wir saßen  eines Abends so zusammen und tauschten uns aus.

Da kam eine neu angereiste Frau mit uns ins Gespräch, sehr oberflächlich und am Rande bekam sie mit, dass die besagte Frau getrennt ist.

Ihre Stimmung war ihr wohl zu schlecht, vielleicht konnte sie ihre Traurigkeit nicht ertragen, ihren ernsten Blick und dass sie sehr selten mal lächelte.

Sie befand: “ Du brauchst einen Mann“ und alle lächelten verhalten. Eine andere Mama und ich tauschten Blickkontakt aus, nachdem dieser Satz fiel.

„BRAUCHT man denn einen Mann? Ich glaube nicht, dass eine Frau einen Mann BRAUCHT,“ sagte diese.

Ich fragte mich, warum sie sowas sagte.

Sie ist Italienerin und ist sicher sehr traditionell aufgewachsen erklärte ich mir selbst.

Vielleicht wurde es ihr so vorgelebt und sie handelt aus alten Mustern.

Vielleicht wollte sie die Stimmung auflockern und dachte sich nichts dabei.

Was mir durch den Kopf ging:

Warum darf sie nicht einfach tottraurig sein und sich soviel Zeit nehmen wie nötig, um wieder auf die Beine zu kommen?

Wofür braucht sie einen Mann?

Damit Sie vergisst, was ihr passiert ist?

Schnell drüber hinwegkommt?

Das Bild nach Aussen wieder stimmt?

Sie wieder glücklich ist?

Weitermacht, als ob nichts wäre?

Warum darf sie da nicht alleine durchgehen, egal wie lange es dauert?

Wenn dann wieder ein Mann Platz an ihrer Seite findet und sie bereit dafür ist, ist das toll!

Aber BRAUCHEN braucht sie ihn sicher nicht, so wie keine Frau heutzutage einen Mann BRAUCHT!

Man sollte sich ergänzen, gleiche Werte und Ziele haben.

Aber BRAUCHEN sollte eine Frau keinen Mann!

Mutter- Kind- Kur

Seit heute sind wir nach drei Wochen Mutter- Kund- Kur zurück.

Ich war beim Abschied etwas emotional, da es aufgrund dem Alter der Kinder unsere letzte Kur gewesen sein wird.

Insgesamt war es unsere Dritte und ich bin so stolz auf mich, dass ich es alle 4 Jahre in Anspruch genommen habe.

Die Erste als Nervenbündel und am Boden zerstört. Frisch getrennt und alleinerziehend mit zwei Kleinkindern. Ich wollte einfach weg und brauchte Abstand.

Ich hab dort geweint und hatte eine tolle Psychologin, die mich gut aufgefangen hat.

Dort hörte ich zum ersten Mal von der Beistandschaft, nachdem ich feststellte, dass mein Konto aufgrund fehlenden Unterhaltes im Minus war. 

Die Zweite am gleichen Ort vier Jahre später, war so wichtig für mich.

Ich erinnerte mich, wie schlecht es mir damals ging und wie weit ich gekommen war.

Ich hatte eine Wohnung, ein Auto, einen Job, meine Kinder bei mir und alles zum Thema Kindesunterhalt lief inzwischen. 

Ich weiss, dass ich mich gut fühlte, viel Sport gemacht hab und fast euphorisch war. 

Damals erzählte ich der Psychologin dort, was ich alles unternehmen möchte und sehen. Sie zog die Augenbrauen hoch und ermahnte mich, nicht zu viel zu machen, ich sei zur Erholung da.

Ich fuhr damals mit dem Gefühl hin, dass ich eine furchtbare Mama sei, die letzten Jahre nagten an mir.

Dort stellte ich fest, dass ich mich gut um meine Jungs gekümmert habe, auch an meinen schlechtesten Tagen, als es nur Spaghetti mit Pesto gab.

Ich hatte MICH wiedergefunden. Neu entdeckt. Die Frau, nicht nur die Mutter.

Ich hatte an mir gearbeitet und stellte erste Erfolge fest.

Jetzt, bei der Dritten, war ich bereit für einen neuen Ort.

Aber auch diesmal ging es wieder in den Schwarzwald. Mit zwei richtig großen Jungs im Alter von 13 und 9 Jahren.

Beide hatten gar keine Lust auf die Kur und die dortige Betreuung.

Der Große sagte eines Tages im Auto zu mir:

„Mann Mama, wir brauchen das doch gar nicht, du hast doch alles voll gut im Griff und kriegst alles gut hin!“

Ich lachte müde, war erleichtert über seine Ansicht, wohlwissend, dass DER Teil auch stimmt. Jedoch verlangt es mir einiges ab und es ist auf meine Kosten. Ich war so müde und energielos- ich spürte es war mehr als nötig.

Die Arbeit als Krankenschwester, so sehr ich sie auch liebe!

Zwei Schulkinder und die Organisation drum herum, ich bin absolut in der Verantwortung.

Ein Kind mit Neurodiversität und der Kampf rund um den Nachteilsausgleich, Gespräche mit der Klassenlehrerin und die Info darüber, wo ich welche Hilfe bekomme, was ihm zusteht.

Ein Motorschaden und ein kleiner Geschmack drauf, wie unser Leben auf dem Land ohne Auto sein wird. Puh!

Auch diesmal war die Kur mehr als nötig.

Ich genoss es so sehr wie noch nie, mich an den gemachten Tisch zu setzten und einfach alles stehen lassen zu können.

Kein Einkauf, kein Kochen, kein schmutziges Geschirr.

Den Kindern hab ich klipp und klar gesagt, dass sie selbstverständlich dort in die Betreuung gehen werden, weil es hier um MICH geht, nur um mich.

Ich müsse wieder Energie für unseren Alltag tanken, damit ich alle Aufgaben weiterhin schaffe.

Schon länger spürte ich mein Herzrasen- vor allem in Ruhe. Eine Weile hatte ich das Gefühl, es ist mein Ende.

Alles wurde abgeklärt und mein Herz ist absolut ok. Es ist der Stress. Die Psyche. Die wahnsinnige Belastung über lange Zeit.

Mein Nacken/ Schulterbereich war total verspannt und meine rechte Schulter schmerzte seit vielen Tagen. Es zog vom Nacken bis ins Schulterblatt und ich fühlte mich dadurch sehr eingeschränkt.

Dort nahm ich an fast allen angebotenen Aktivitäten teil, weil ich genau spürte, was mein Körper brauchte:

Wirbelsäulengymnastik, Beckenbodengymnastik, Wassergymnastik, Bewegungstherapie und Walking.

Ich hörte mir alles an zum Thema Stressbewältigung, Selbstfürsorge, Achtsamkeit und stellte fest, dass ich das bereits verinnerlicht habe.

Ich kann sehr gut für mich selber sorgen.

Nur manchmal kommt die Welle und bricht über mir, so dass das nicht mehr reicht.

Dort waren diesmal so viele Alleinerziehende, ganz am Anfang wie ich damals. Sie fragten sich noch, was SIE falsch gemacht haben, dass er so ist und ich dachte:

„Vor dir liegt noch ein weiter Weg!“

Andere haderten damit, dass sie jahrelang sein Verhalten nie hinterfragt hatten und sich heftige Vorwürfe für ihre Naivität und Blindheit machten.

Ich war eine von ihnen. Nur Jahre weiter. Ich habe die Gewissheit, dass ich vieles richtig gemacht habe und wir ein tolles Team sind, meine Jungs und ich.

Wichtig dafür ist allerdings, dass es MIR gut geht. Ich kann nur geben, wenn ich genug habe. Mein Tank ist voll. Ich habe neue Ziele und freue mich auf alles was kommt.

Ich bin stolz auf mich und meine Selbstfürsorge. Darauf, dass ich mich oft zur Priorität mache, ohne mich egoistisch zu fühlen.

Ich höre auf mein Bauchgefühl und habe klare Grenzen.

Gepaart mit purer Lebensfreude und bedingungsloser Liebe bin ich unaufhaltsam.

Teenagerjungs

Das sind die ersten Sommerferien mit einem Teenagersohn. Und sie starten schon so anders, als alle anderen Ferien zuvor.

Ich stelle deutliche Veränderungen fest.

Es ist so spannend mit einem 13 jährigen Jungen, ich entdecke jeden Tag so viel Neues an ihm.

Ich habe keinen Bruder und obwohl ich eng mit meinem Cousin aufgewachsen bin, kann ich mich so überhaupt nicht an all das erinnern.

Ich liebe diese Phase so sehr und werde es nicht Leid jedem davon zu erzählen. 

Das Türenschlagen ist schon lange nicht mehr vorgekommen.

„Ich wünschte ich wäre nie geboren“, liegt lange hinter uns.

Es ist harmonisch. Er kann gut für sich einstehen und sammelt gute Argumente.

Er fordert nicht zu viel ein, nur so viel, dass es womöglich klappen könnte.

Ich verstehe nicht, dass so viel über Teenager und ihre Eigenarten geschimpft wird.

Kann sein wir stehen noch ganz am Anfang und das dicke Ende kommt noch.

Allerdings denk ich nicht daran und geniesse die Zeit jetzt.

Wir reden jetzt über Zinsen und Kredite, warum man sich nicht einfach ALLES kaufen kann, selbst wenn man einen Kredit benötigt.

Wir reden über Gewinnspiele auf dem Handy und dass man nicht auf alles reinfallen darf.

Über Mobbing, Datenschutz, Werte, Karma, Deo und Ziele. Manchmal auch über Gefühle.

Ich muss mir ein Schmunzeln verkneifen, wenn er sich aufregt und sich dabei seine Stimme überschlagt.

Bisher in den Ferien hatte er nur einen Wunsch: mehr Medienzeit.

Jetzt schickt er mir Bilder von einem leckeren Joghurt mit Vollkorncrunchies drin und dass er sich noch nen Apfel reingeschnitten hat. Es sah sehr lecker aus.

Ich habe gestaunt. 

Am letzten Schultag sagte er:

“ Mama, ich will jetzt erstmal 4 Tage nicht rausgehen!“

Er hat sich keinen Tag dran gehalten und hatte spätestens 20 Uhr Lust auf ein paar Schüsse, Wandbolzen oder Fussballtricks üben.

Ich soll mit und muss dann immer zählen, oder seine Ballannahmen bewerten.

Der kleine Bruder ist k.o von den 2 Tagen Ferienbetreuung und will nicht mit.

Verkehrte Welt!

Heute haben wir zusammen 30 min nach dem Fussball gesucht, den er mit voller Wucht ins Gebüsch geschossen hat.

Ich wollte erst schimpfen, weil er unauffindbar war, das Gebüsch voller Spinnennetze. Dann stellte ich fest, dass ich  die Zeit so genieße.

Ihn zu beobachten. Seine Energie. Seine Strategie. Seine schnellen Bewegungen.

Die Freude und Erleichterung, als er den Ball gesichtet hat.

Er duscht freiwillig, heute bereits zwei Mal- eine tolle Veränderung!

Er macht viel Sport in seinem Zimmer, hat Ziele und hat das „Vorherfoto“ gemacht.

Immer 18 Uhr sind wir verabredet. Er will, dass ich ihm zuschaue und seine Ausführung beobachte.

Ich liebe seinen Musikgeschmack und die letzten Tage endete es damit, dass ich mal wieder die Hanteln geschwungen hab.

Ich hab ihn heute so dafür gelobt, dass er so gut für sich sorgen kann und so gut zu sich selbst ist. Das ist ne tolle Ressource und hoffe, er behält das bei.

Resilienz

Heute Morgen bin ich nach über neun Stunden gutem, erholsamen Schlaf aufgewacht.

Ich setzte mich mit meinem Kaffee auf den Balkon und schaute mir die Natur um mich herum an.

Zum ersten Mal seit Wochen war ein vermisster Gedanke wieder da und er war sowas von echt:

ICH BIN GLÜCKLICH!

Das ist nicht selbstverständlich, denn noch letzte Woche legte ich meinen Kopf tottraurig auf den Arbeitstisch und sagte zu meinem Kollegen:

„Mein Leben ist ein Scherbenhaufen“.

Von jetzt auf Nachher war nichts mehr so wie es war.

Motorschaden. Kein Auto mehr. Komplette Überforderung.

Auto abmelden- mit dem Bus.

Auto ausräumen fahren- mit dem Bus. Termine- alles mit dem Bus.

Ich konnte gleich das Gute im Schlechten sehen: Sohn 1 fährt eh mit dem Bus zur Schule. Er hat eh Sportverbot wegen dem Knie und kann nicht ins Fussballtraining.

Sohn 2 muss jetzt zur Schule laufen. Und auch wieder den steilen Berg zurück. Egal wie schwer der Ranzen ist, egal wie sehr die Beine vom Fußballspielen schmerzen.

Er wechselt die Jugend und hat jetzt seit wenigen Wochen bei uns im Ort sein Fussballtraining. Alles gut.

Ich habe mir für den Juli eine Deutschland- Card besorgt und mit der netten Dame sofort die Kündigung zum 1.8 eingereicht, weil ganz klar ist, dass ich dann wieder ein Auto haben werde.

Ich muss 2 Wochen am Stück arbeiten ( ausser das Wochenende), da meine Kollegin im Urlaub ist. Mit meinen 50 % arbeite ich nie von Montag bis Freitag durch. Allein das ist ungewohnt und ein riesen Berg an sich.

Jetzt aber müssen wir früher aufstehen, uns früher richten, früher aus dem Haus und ich komme erst viel später als sonst nach Hause.

Beide Kinder müssen sich jetzt viel mehr merken, bekommen mehr Infos zum Ablauf des Tages und haben mehr Verantwortung.

Die erste Woche ist geschafft. Ich war so traurig um die ganze Zeit, die ich an Haltestellen und im Bus verbringe und die mir daheim fehlt. 

Ich war fix und fertig, es war so viel anstrengender als sonst.

Das alles ist nur möglich, weil ich mich auf diese begrenzte Zeit eingestellt habe. Weil die Absprachen klar sind und meine Kinder groß.    

Es geht nur, weil es kurz vor den Sommerferien ist, alle Noten feststehen und nicht mehr für Arbeiten gelernt werden muss.

Meine Freundin fuhr mit mir zum Einkaufen und ich habe den Kühlschrank bis oben hin gefüllt.

Wie bitte gehen Menschen ohne Auto Tiefkühlkost kaufen?

Die ersten Tage liefen nicht so gut. Sohn 2 musste ich den Wc- Gang verbieten, um meinen Bus zur Arbeit rechtzeitig zu schaffen:

“ Es geht jetzt einfach nicht, du musst in der Betreuung gehen, tut mir leid!“

2 Tage lang war die Stimmung morgens mies und er war sauer auf mich beim Abschied. Dann hatten wir eine Familienkonferenz, weil mich dieses Gefühl den ganzen Tag begleitete.

Wir gingen alle Möglichkeiten durch, um es uns allen für diese begrenzte Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Unter anderem schlug ich vor, die Kleider für den nachsten Tag bereits am Abend anzuziehen.

Jedes Mittel war mir recht, aber bitte, bitte, es muss Harmonie her!

Wir fanden Lösungen für uns und gewöhnten uns an unseren neuen Ablauf.

Im Bus waren immer die gleichen zwei Männer, die sich auf dem Arbeitsweg ihr Leid klagten, sich gegenseitig bemitleideten und den Feierabend morgens schon herbeisehnten.

Ich war so dankbar, denn trotz der Umstände gehe ich jeden Tag so gerne zur Arbeit und freue mich sehr auf mein tolles Team. Dort treffe ich auf gute Gesprächspartner, viel Lachen und noch mehr Verständnis. 

Ab Donnerstag rutschte der junge Mann, neben dem immer noch ein Sitzplatz frei ist, für mich zur Seite und lächelte mich an.

Mein Sohn machte seine Hausaufgaben alleine zu Hause, ohne Aufforderung und Hilfe.

Wie ausgemacht, rief er mich jeden Mittag vom Festnetz aus an, um mir zu sagen, dass er jetzt daheim sei und mich lieb hat.

Es lief!

Dieses Wochenende war Balsam für die Seele. Ich hab mich so sehr auf Zeit mit meinen Jungs gefreut.

Wir haben tolle Dinge unternommen- mit dem Bus. Sohn 2 liebt das Busfahren und Stop drücken. Er hatte jahrelang nicht die Gelegenheit dazu. Er findet es besser als Autofahren.

Heute stand in seinem Glückskeks:

Ich hab den Spruch so gefühlt. Es wird eine wertvolle Erinnerung für ihn und landet definitiv in der Kategorie:

“ Weisst du noch damals, als unser Auto Schrott war…“

Die zweite Arbeitswoche wird ein Klacks. Keine Hausaufgaben mehr, weniger Verantwortung. Ich bin ganz ruhig im Inneren und voller Vorfreude.

Gestern habe ich unsere Zugfahrkarten zur Mutter- Kind- Kur gekauft. Und auf einmal kribbelte es, die Vorfreude kommt.

Wir fahren mit zwei verschiedenen ICE’s und haben Sitzplätze im Handy/ Großraumbereich. Zug gefahren sind wir drei schon öfter- jedoch tatsächlich noch nie mit dem ICE. Wie sehr ich mich freue!

Ja, ich spüre unendliches Glück und freue mich über ein paar neue Erfahrungen, die zu schönen Erinnerungen werden.

„Du entziehst mir die Kinder“

Es ist Jahre her, dass mein Exmann und ich in der gleichen Stadt wohnten. Damals blieb er in unserem gemeinsamen Haus, weil „Ich kann es mir im Gegensatz zu dir auch alleine leisten!“

Die Jungs und ich zogen in unsere kleine Wohnung 2 km weiter.

So oft schrieb ich ihm abends weinend, dass die Kinder ihn brauchen. Dass ich auch mit ihnen Fußball spielen kann und all das, es aber nicht das gleiche ist.

Ich flehte ihn an, sich mehr zu kümmern, mit ihnen vorm Haus zu spielen, auf den Spielplatz oder Sportplatz zu gehen.

Ich konnte nicht verstehen, dass er so nah wohnt und sich trotzdem nur am Umgangswochenende alle 14 Tage blicken lässt.

Vermisst er die Kinder denn gar nicht? Wie geht sowas?

Später machte ich Eingeständnisse, ließ ihn in unser Zuhause, ignorierte seinen Geruch aus Schweiss und Deo, den ich so gar nicht mehr ertragen konnte.

Ich sah über seine herablassenden Sticheleien hinweg und versuchte seinen Mitleidsblick auf mich nicht so nah an mich ranzulassen.

Ich fühlte mich in meiner eigenen Wohnung unwohl. Alles für die Kinder, dachte ich damals.

Ich ließ zu, dass er Tatsachen verdrehte und Diskussionen begann, traute mich nicht zu widersprechen, für die Kinder!

Ich schluckte runter, wenn er mich beleidigte, mir versuchte einzureden, dass ich falsch bin und ich es nur nicht richtig verstehe. Alles für die Kinder.

Ich lud ihn ein, uns zu Unternehmungen zu begleiten, weil ich dachte, er wäre alleine mit ihnen überfordert und so fiele es ihm leichter. Für die Kinder!

Ich bat ihn, mich beim Kindergeburtstag zu unterstützen und er sagte nur, dass er für sowas nicht nen halben Tag frei nehme könne. Ich soll schauen, wie ich klar komme.

Wir waren zusammen auf dem Weihnachtsmarkt und er stand teilnahmslos neben mir, während ich schwitzend 2 ungeduldigen Kindern Schneeanzüge, Schal, Mütze und Handschuhe anzog.

Ich informierte ihn zu jedem Laternenfest, Sommerfest und zu jeder Weihnachtsfeier vom Kindergarten, dem Sportverein, oder später der Schule. Dabei stand er meist irgendwo rauchend am Rand, oder lief meterweit hinter uns, während ich Laterne und Kleinkind gleichzeitig trug.

Oder er nutzte die Gelegenheit vor den Kindern wilde Diskussionen zu starten, dass wir uns nur noch unwohl fühlten. Kleinlaut erinnerte ich ihn dann, warum wir da seien und dass es nicht um uns geht.  Alles für die Kinder.

Er ging auf Konzerte, hatte neue Partnerschaften und genoss seine Freiheit.

Immer wieder musste ich mich daran erinnern, dass ich nicht neidisch bin, denn niemals wollte ich mit ihm tauschen und ohne meine Kinder sein, keinen Tag.

Noch heute kommen diese wütenden Sprachnachrichten. Wenn sie nur 14 Sek. lang ist und du denkst, in der kurzen Zeit kann er ja nichts Schlimmes sagen.

Falsch!

In 14 Sek. kann er sehr viele Beleidigungen packen. Und mal wieder sein Vorwurf „Du entziehst mir die Kinder!“

Nein, ich kann es nicht ernst nehmen und schüttel nur verständnislos den Kopf.

Heute kann er mich nicht mehr täuschen.

Weder schenke ich ihm auch nur 1 Sekunde Aufmerksamkeit auf diese Provokation, noch habe ich das Bedürfnis mich zu verteidigen und erklären.

Für ihn ist es leichter mir DAS vorzuwerfen, als sich einzugestehen, dass er seit Wochen nicht nach den Kindern gefragt hat.

Am letzten Vatertag ließ er sich nicht blicken und wir machten da eine Fahrradtour. Es fiel mir so schwer, all die Wut runterzuschlucken, ich war so müde und ich war es so leid.

WIE wütend ich war und WIE sehr es mich zermürbte, wusste ich erst am Ende unseres Tages, als es aus mir rausplatzte:

„Ich kann das doch nicht auch noch machen. Ich kann nicht Mama, Papa und alles sein! Das schaff ich nicht!“

Die Kette des kleinen Sohnes war abgesprungen und der Große bekam es nicht hin. Ich bin ausgerastet.

Und dann hab ich geheult. Und dann ging es weiter. So wie immer. Das Mamasein macht keine Pause, egal wie du dich fühlst.

Ja, es fühlt sich an wie Hohn, wenn er mir vorwirft: „Du entziehst mir die Kinder!“

Ich möchte laut und hysterisch lachen. Und schreien. Und ihn schütteln!

Stattdessen bin ich umso mehr da für meine Kinder. Ich verpasse keine Aufführung, kein Turnier, keinen Wettkampf, kein Fußballspiel, kein Fest.

Ich bin immer die, die ihnen am lautesten zujubelt und klatscht, bis die Handinnenflächen glühen.

Heute weiss ich, wenn er mir vorwirft „Du entziehst mir meine Kinder“, meint er nur, dass ich sie ihm nicht mehr anpreise. Sie ihm nicht mehr auf dem Präsentierteller serviere.

Meine Grenzen sind so klar. Spielchen gibt’s mit mir nicht mehr. Ich bin sachlich. Keinerlei Emotionen. Keine privaten Details. Er weiss nur so viel über die Kinder, wie er bei den Treffen mit ihnen von ihnen erfährt.

Er fragt nicht. Und ich berichte nicht mehr alles, so wie ich es früher tat.

Arztbesuche, wie es in der Schule läuft, was Sohn sich zum Geburtstag nächste Woche wünscht, Lehrergespräche, Unternehmungen, neue Hobbies, was sie beschäftigt, was sie glücklich macht, wer neue Freunde sind,  von all dem hat er keine Ahnung. Ich erzähle es nicht mehr ungefragt.

Er ist nicht bereit Verantwortung zu übernehmen. Er ist ( immer noch ) nicht bereit Vater zu sein.

Er macht es sich nur sehr leicht.

Ich bin wütend. Hier warten immer noch die Vatertagsgeschenke auf ihn, weil er seither nie nach einem Treffen gefragt hat. Es ist nicht so, dass ich es nicht zulasse, oder mir Ausreden ausdenke.

Aber für ihn ist es wohl leichter zu sagen:

„Du entziehst mir die Kinder!“

Bist du bereit für eine neue Beziehung?

Als ich mich endlich aus meiner toxischen Beziehung gelöst habe, hatte ich nur einen Wunsch:  Ruhe. 

Bis ich das Ende richtig realisiert und mein Leben neu geordnet hatte, vergingen Monate. Ich musste mich um Wohnung, Finanzen, Arbeit, Kinderbetreuung und Kitaplatz kümmern, es gab zu wenig Zeit und noch weniger Geduld.

Ich war ein Wrack und ein Nervenbündel, ich hatte Zusammenbrüche und immer, wenn ich dachte, das Schlimmste ist rum und es kehrt Ruhe ein, liess der Ex- Partner sich was Neues einfallen, damit es nicht ZU langweilig und ruhig wurde.

Das letzte woran ich dachte war mich kopfüber in eine neue Beziehung zu stürzen. Gott bewahre!

Ich versuchte meinen Kindern ein Minimum an Stabilität zu bieten, ein bisschen Alltag zu ermöglichen und nahm mir viel Zeit für Gespräche. Das machte mit uns Allen was, wir hatten viel zum Verarbeiten.

Als ich mich etwas gefasst hatte, brachen die vielen Fragen auf mich ein.

Warum bist du an ihn geraten?

Warum bist du so lang geblieben?

Wer bin ich und wer will ich sein?

Wie definiere ich für mich eine gute Beziehung?

Was ist für mich wichtig?

Was lief hier so dermaßen gewaltig schief?

Ich las Bücher über Bücher, ich hörte Podcasts und informierte mich.

Ich schrieb viel auf, dabei bekam ich viele Antworten und hatte schmerzhafte Aha- Momente.

Man kann dabei nicht so ein bisschen an der Oberfläche kratzen und dann weitermachen. Man muss zurück in die Kindheit und ganz am Anfang starten.

Ich betrachtete unsere Familiendynamik, schaute mir an, wie da Beziehungen gelebt wurden und was ich davon mitbekam.

Ich befasste mich mit Co- Abhängigkeit und fand meine Glaubenssätze raus.

„Du bist nicht genug, was du tust, ist nicht genug.“

„Du musst etwas tun/ viel tun, um liebevoll behandelt zu werden“.

„Du bist schwer zu lieben“.

„Du bist zu viel, zu laut, zu neugierig, zu anstrengend.“

Plötzlich ergab Vieles Sinn und ich verstand, warum diese Art von Mann mich wie ein Magnet anzog.

Ich kannte das „Spiel“ aus meiner Kindheit.

„Ich muss nur lieb sein, soll nicht widersprechen, nicht alles aussprechen, mich möglichst anpassen…dann kommt es nicht zum Streit. „

Wenn nicht, ging es auch altbekannt mit Rückzug und Nichtbeachtung weiter, weshalb mich das in meiner Ehe nicht besonders schockierte.

Ich war es nicht gewohnt Grenzen zu setzen und danach zu handeln. Jeder konnte ungehindert mit seinen Matsschuhen über meinen metaphorischen Marmorboden gehen.

Wenn er mir dann dafür auch noch die Schuld gab, glaubte ich das jahrelang, denn ich war eben nicht angepasst und immer lieb, schon gar nicht konnte ich den Mund halten. Selber Schuld!

Dann musste ich mich eben noch mehr und noch besser anstrengen, damit es wieder harmonisch wurde. Ich dachte, ich muss mir Liebe verdienen.

Als ich das alles erstmal verstanden und verarbeitet habe, lernte ich wieder Männer kennen. Ich dachte, ich hätte die ganze Arbeit hinter mir, zog aber immer nur wirklich psychisch labile Männer an, die ihr eigenes Leben nicht im Griff hatten und schon gar nicht emotional verfügbar waren.

Ich sah sie als Wegbegleiter, erkannte meine Lernaufgabe in jedem einzelnen.

Alles schrie:

„Wo sind deine Grenzen und deine fu**ing Standards?“

Ich war es so leid. Ich hatte keine Lust mehr darauf und lernte mein Leben allein in vollen Zügen zu geniessen, dass alleine sein nicht das gleiche ist wie einsam sein und dass ich mein Glück von keinem Mann abhängig machen werde.

Ich bin mir selbst genug, die Liebe ist einfach viel zu kompliziert. Abgehakt.

Welche Frau möchte ich sein? Unabhängig von einem Mann und einer Partnerschaft.

Wie möchte ich als Frau sein?

Irgendwann stellst du fest, dass diese Art Mann keine Chance mehr in deinem Leben hat, dass dein Alarmsystem sowas von durchdreht und sehr früh warnt. 

Du bist in der Lage einfach zu gehen, wenn er mit matschig Schuhen an der Tür steht und du lässt ihn nicht mehr über die Schwelle.

Nein, ich muss nichts dafür tun, um mir Liebe zu verdienen. Ich bin liebenswert. Einfach so.

Ich will eine Beziehung, in der ich nicht auf Fussspitzen laufen muss. Nicht über rohe Eier gehen. Ich will sagen was ich denke, auch wenn das Gegenüber anders denkt.

Ich will darüber reden können, diskutieren, ohne, dass ich danach alleingelassen werde. Ohne, es mit mir alleine ausmachen zu müssen. Ich will, dass ich meine Meinung frei sagen, meinen Standpunkt vertreten kann und weiterhin nicht auf Ablehnung stoße.

Ich will nicht mit Nichtbeachtung gestraft werden, bis ich mich entschuldige, weil ich die Stille und Kälte nicht mehr ertragen kann.

Ich will geliebt sein, auch mit anderer Meinung. Ich will nicht darum bitten müssen, dass da jemand ist, der mich auffängt und mich im Arm hält.

Ich wünsche mir jemanden, der mir vorm Einschlafen sagt, dass er mich liebt. Auch wenn er sauer und wütend ist. Nur, weil er weiss, dass ich sonst nicht einschlafen kann.

Ich verdiene es gut behandelt zu werden. Meine Kinder verdienen es zu sehen, dass ich gut behandelt werde.

Die Arbeit ist nicht umsonst. Die Schuhe sind nicht mehr matschig. Das Gesetz der Anziehung ändert sich.

Und wenn es nur Wegbegleiter sind und nichts von Dauer ist, bin ich dankbar für die Zeit. Vielleicht tut es weh, kann gut sein, aber ich fang mich selbst wieder auf und bin gut zu mir.

Warum ich gegen Noten bin

Gute Noten- du bist klug.

Schlechte Noten- du bist dumm.

Mit dieser Schublade bin ich aufgewachsen und in diesem Glauben befinden sich auch heute sicher noch viele Eltern, die das so an ihre Kinder weitergeben.

Mein Bewusstsein dafür kam nicht mit Kind 1, der in der Grundschule regelrecht notengeil war und kein Problem hatte abzuliefern.

Er brachte in jedem Leseverständnistest eine 4 heim und wir konnten herzlich drüber lachen, weil diese 4 ihm so gar nichts anhaben konnte.

Ja, damals  mochte ich Noten auch schätze ich. Ich war stolz, denn ein bisschen war es auch mein Verdienst. Ich hab viel Zeit investiert.

Sohn 2 lehrte mich Umdenken und ich wusste, mit ihm muss ich anders verfahren.

Er ist anders und meine bedingungslose Liebe, Üben und Zeit reichen hier nicht.

Schnell beschloss ich, dass Noten ihm niemals seinen Wert widerspiegeln sollen.

Auch wenn sich in meinem Kopf alte Muster abspielten: „Was? NUR ne Drei?“

Ich habe mir so sehr auf die Zunge gebissen, es nicht auszusprechen. Ich schenke seinen Noten nicht viel Beachtung. Den guten nicht, den schlechten nicht.

Ich unterschreibe meist wortlos. Bei guten Noten ist seine Belohnung die Freude darüber. Weder gibt es Geld dafür, oder Geschenke, noch eine besondere Anerkennung.

Er soll nie Angst haben mir einen Test vorzulegen. Das ist das Ziel.

Oft besprechen wir noch einzelne Aufgaben, wenn ich Defizite erkenne.

Manchmal aber auch nicht, weil in unserem Bildungssystem rast man ja gleich zum nächsten Thema. Nach der geschriebenen Arbeit interessiert es niemanden mehr.

Ich messe ihn maximal an sich selber:

„Schon besser als beim letzten Mal, das Üben hilft. Langsam verstehst du es hab ich das Gefühl.“

Er kämpft mit seinem Selbstwert, traut sich wenig zu und bekommt natürlich durch die Noten gespiegelt:

„Ein Überflieger bist du ja nicht gerade. Du bist langsamer als andere und schlechtere Noten hast du auch!“

Seine Mathelehrerin erzählte mir von einem Vier- Augen – Gespräch mit ihm. Ihr fehlt Ehrgeiz und Ansporn an ihm. Sie erzählte, was er ihr gesagt hat:

„Noten sind mir egal!“

Sie war natürlich empört darüber. Und mein Herz ist gewachsen. Die Samen tragen Früchte. Meine Stimme ist laut genug und ist ein Schutzschild gegen all diese Noten, die auf ihn einprasseln.

Mir sind Noten auch egal. Völlig. Was die Lehrerin nicht weiß: mir ist nicht egal, ob er sein Bestes gegeben hat.

Manchmal frage ich ihn beim Unterschreiben der Note, ob er sich Mühe gegeben hat. Dass er geübt und gelernt hat, weiß ich ja am besten. Wenn er „ja“ sagt, ist es genug, unabhängig der Note.

Ich liebe es genau mit ihm inspirierende Filme zu schauen und ihm viele inspirierende Geschichten zu erzählen.

Meist von berühmten Menschen, ihrem Scheitern und wie sie dann doch mit etwas groß rauskamen.

J.K Rowling, alleinerziehende Mama, verprügelt vom Ehemann und sitzengelassen, arm und mittellos. Zig Verlage lehnten Harry Potter ab. Was draus wurde weiß jeder.

Unser Film heute. Eine wahre Geschichte über eine 64 jährige Frau, die 161 km von Kuba bis Florida geschwommen ist. 5 Versuche brauchte sie und 4 mal ist sie gescheitert.

Zwei ihrer Drei ersten Sätze am Ziel:

1. Gebt niemals auf

2. Ihr seid nie zu alt etwas zu beginnen

Gern erzähl ich ihm auch die Sicht von Caroline von St. Ange im Bezug auf Noten:

Das eine Kind kann mit 4 schon richtig gut Fahrradfahren. Ein anderes lernt es erst mit 6. Am Ende können beide gleich gut fahren und es spielt keine Rolle, wer es zuerst konnte.

Hätte man damals Noten verteilt, hätte das eine Kind ne 1 bekommen, das andere eine 6. Verteilt man die Noten, als beide es können, bekommen beide eine 1.

Noten sind maximal eine Momentaufnahme. Wer heut ne 4 hat, sollte ein paar Wochen später zum gleichen Thema nochmal überprüft werden und dann an sich selber gemessen werden.

Aber dieses…jedes Kind, zum gleichen Zeitpunkt, das gleiche Wissen, den gleichen Lernstand…das ist Quatsch.

Er hatte ein Mädchen in der Klasse, die wegen schlechten Noten trotz Wiederholen der Klasse in die Förderschule wechselte.

Schnell war die Schublade für dieses Kind klar benannt: „Die ist so dumm!“

Ich erkläre ihm, dass Noten rein gar nichts mit ihrem IQ zu tun haben.

Dieses Kind kommt aus keinem guten Elternhaus. Es ist weder sicher, noch kennt es gesundes Essen, einen geregelten Tag, oder eine liebende Familie.

Sie bekommt keinerlei Unterstützung. Null. Mit ihr setzt sich weder jemand hin, noch schaut jemand nach Hausaufgaben. Dieses Kind hat keine Chance gehabt. In einer anderen Familie, mit etwas Unterstützung, mit anderen Bedingungen, hätte sie vielleicht ganz, ganz andere Noten.

Ich wünsche jedem Kind wie meinem eine Lehrkraft, die es sieht. Als Ganzes und nicht als Note.

Eine Lehrkraft wie die von Kind 1, die unter seine Note schrieb:

„Bleib dran, oft zeigt es sich noch nicht gleich. Aber ich sehe dich, wie du dich anstrengst und dass du schon so lang so gut mitmachst. Das wird!“

Mein Sohn und ich sind uns einig. Wenn es für Hilfsbereitschaft, das größte Herz, Mitgefühl und Courage, Einsatzbereitschaft, Ausdauer beim Fussball und all das Noten geben würde, dann hätte er die Einser sicher.

Mein ADS- Kind

Wir haben endlich eine Diagnose!

An diesem Tag war ich glücklich und traurig zugleich.

Glücklich, weil wir schon Einiges hinter uns hatten und das Leiden enorm zugenommen hat.

Endlich einen Schritt weiter, das Kämpfen hat sich gelohnt.

Todtraurig, weil Schuldgefühle hochkamen.

Zweifel.

Angst.

Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich einen Termin mit dem Kinderarzt annehmen werde mit eventueller Medikamenteneinstellung- ich hätte wild den Kopf geschüttelt.

Mein Kind? Niemals!

Aber ganz sicher nicht! Nicht, damit mein Kind in dieses sch…Schulsystem passt, hinter dem ich gar nicht stehe!

Nicht, damit aus den Dreiern und Vierern vielleicht Zweier werden. Für mich muss er keine Einser und Zweier schreiben- ich sehe was er kann!

Nicht für die Lehrerin, damit sie sich weniger ärgern muss und mein Kind weniger negativ auffällt. 

Für mich war er immer gut genug, aber wir waren inzwischen alle kraftlos, mutlos und ausgepowert.

Ich war voller Sorgen, meine Gedanken kreisten täglich um:

Wie soll ich es bloß schaffen, dieses Kind (gut) durch die Schule zu bekommen?

Nachdem die Hausaufgaben ab Klasse 3 ein riesen Thema waren, stieg der Druck enorm.

In Klasse 2 fiel seine Matheschwäche auf und ich erinnere mich an die Empörung meinerseits, als auf der Überweisung  neben Dyskalkulie auch ADHS- Testung stand.

Ich fand es lächerlich und ich war sauer auf den Kinderarzt, fragte mich, wie er dazu kommt.

Als ich seitenlang Fragebögen ausfüllen musste, stellte ich fest, dass AD(H)S sehr vielseitig ist und so viele Lebensbereiche umfasst.

Ich wehrte mich mit Händen und Füssen.

Sicher nicht mein Kind! Im Leben nicht!

Damals wusste ich sehr, sehr wenig über die Diagnose, war eher genervt von ihr und den Kindern, die ich als Betroffene kannte.

Mein Kind war nicht so!

Damals wurde alles getestet und wir gingen erleichtert ohne Diagnose.

Zum Glück alles gut, dachte ich damals noch.

Dann ist er halt schlecht in Mathe. Egal. Hauptsache keine Diagnose. Ich verkündete dem Arzt dort, dass es auch MIT Diagnose keine Änderung gegeben hätte, denn ich bin absolut gegen Medikamente bei ADHS.  

Damals riet die Psychologin mir, es im Auge zu behalten. Gegen Medikamente sein sei eins, es seien aber Kinder, die schnell verzweifeln. Denn sie machen und machen, strengen sich an und es kommt nichts dabei rum.

Was sich seither geändert hat, als ich dachte, wir leben jetzt einfach unser Leben weiter:

Ich habe meine Arbeitszeit umverteilt, damit ich ihn so oft wie möglich mittags zu den Hausaufgaben abholen kann.

In der Hausaufgabenbetreuung träumte er, ließ sich von allem ablenken und wurde nie fertig.

Wir haben rausgefunden, wie wir die Hausaufgaben ohne Schreien und Tränen schaffen. Ich habe Caroline von St. Ange entdeckt und sie hat unser Leben verändert.

Sie ist Lehrerin, will aber in diesen Zeiten nicht unterrichten. Sie ist gegen Noten und Hausaufgaben und solange dieses Schulsystem so ist wie es ist, unterstützt sie Eltern und Lehrer, um es bestmöglich zu schaffen.

Ich war so glücklich, als mein Sohn nach den Hausaufgaben sagte:

“ Heut haben wir aber viel gelacht Mama!“

Ich wollte mehr davon und wir haben viel mit Bewegung verbunden. Wir schreiben Lernwörter ans Fenster, oder mit Kreidestiften an den Schrank.

Wir verbrennen gemachte Aufgaben in einer Aluschüssel.

Unter der Woche gibt es keinerlei Medien- kein TV, kein Tablet, keine Switch. Dafür Kartenspiele, raus gehen und lesen.

Ich habe so viel gelesen und alles aufgesaugt. Alles was es leichter macht. Für ihn und auch für mich.

Wir haben ne Menge tools und ich weiss, was ich sagen kann, um ihn zu motivieren, aber nicht zu überfordern.

Der Druck stieg, es reichte nicht mehr aus. Die Überforderung war unser täglicher Begleiter. Wir saßen 3-4 Stunden an den Hausaufgaben. Mit Pausen natürlich.

Nur, um das Pensum irgendwie zu schaffen. Für die Lehrerin. Damit sie nicht wieder ins Heft schrieb:

Hausaufgabe nicht vollständig. Bitte nachholen.

Es hatte nichts mit Wollen zu tun. Wir waren beide so gefrustet.  Ich machte keine Pläne am Nachmittag, wir verabredeten uns nicht mehr und er war viel zu wenig draußen für das Draußenkind, das er eigentlich war.

So konnte es nicht weitergehen.

Wir saßen ewig nach der Schule und er schaffte das Pensum nicht.

Da er im Unterricht auch sehr langsam war und ihm alles viel schwerer fiel als anderen, wurde es immer noch mehr für zu Hause. Noch mehr Druck durch die Schule, da er nicht geschaffte Aufgaben oft nachholen musste.

Der Tag hatte nicht genug Stunden und am Wochenende saßen wir jeden einzelnen Tag nur an den Hausaufgaben, dem Nachholen, Lernen für Arbeiten.

Ich war verzweifelt und er zweifelte an sich. Ich weinte, als er sich eines Abends gegen den Kopf schlug und immer wieder schrie:

„Ich bin so dumm, ich bin so dumm, ich bin so dumm…“

Es war ein Prozess. Ich hatte gelernt: ich breche nach gewisser Zeit ab, wir gehen hier alle kaputt. Es ist mir egal was die Lehrer sagen, er schafft es nicht, es ist zu viel.

Ich hab ihn spielen lassen und 18 Uhr kam er verschwitzt und schmutzig rein, lieferte kurz ab, was mittags ewig dauerte.

Der Rotstift war sehr präsent im Matheheft und ich hatte schon gar keine Lust es aufzuschlagen. Sämtliche Gespräche mit Lehrer, Schulsozialarbeiter brachten keine wirkliche Erleichterung.

Kopfhörer wollte er nicht ausprobieren, weil keiner Kopfhörer hat zur Reizabschirmung und er will nicht auffallen.

Als er in der Hausaufgabenbetreuung einen Viertklässler damit sah, bekam er Mut.

Er benutzte sie tatsächlich und erzählte den Kindern, er höre Spotify. Was zur Folge hatte, dass einige empört waren und es ungerecht fanden, dass er das darf. Das machte ihm dann natürlich Spaß und immer wieder packte er sie mal mit in den Ranzen.

An dem Punkt, als ich dachte, wir wären auf einem guten Weg, rief die Lehrerin an.

Sie sei ernsthaft besorgt und habe Angst ihn zu verlieren. Er mache inzwischen gar nicht mehr mit, er sei mit nichts zu kriegen. Er sei von allem abgelenkt und habe angefangen auf dem Stuhl vor und zurück zu wippen, so, als ob er sich selber regulieren/beruhigen wolle.

Er mache mündlich gar nicht mit, mache in 25 min gerade mal 1-2 Aufgaben.

Er habe ihr klar gesagt, Noten seien ihm scheißegal. (Das hab ich sehr gefeiert!)

Ich möchte auch auf gar keinen Fall, dass er seinen Wert über Noten definiert. Das war mein Ziel! Dass er anders ist, merkt er eh! Dass alle anderen die Aufgaben schaffen und nur er nicht. Dass andere in einer Stunde mit allem fertig sind, er aber nicht mal die Hälfte geschafft hat.

Für mich war dieser Anruf ein absoluter Weckruf. An diesem Punkt musste ich uns Hilfe holen. Hier kam ich nicht mehr weiter.

Ich merkte, wie SEHR mein Kind unter Druck steht und wie schwer es ihm fallen muss jeden Tag zur Schule zu gehen.

Ich hatte ein sehr langes Telefonat mit einer Schulpsychologin und die ersten Termine liefen gut. Ich fühlte mich gut aufgefangen.

Die nette Dame erklärte ihm alles geduldig, auch, wo sie ihn unterstützen kann. Und auch, dass alles was hier geredet wird den Raum nicht verlässt. 

Sie hatte eine ganze Kiste voller Brillen mit bunten Brillengläsern und erklärte ihm, dass sie die Lehrerin nicht ändern könne. Jetzt sehe er sie sicher durch die rote Brille:

Wut, Hass.

Sie könne ihm helfen, dass er sie aber durch die gelbe Brille sehen kann und sie gar nicht mehr so schlimm ist. Man könne nämlich viel selber beeinflussen uns es werde immer wieder Menschen in seinem Leben geben, die vielleicht gemein, ungerecht und böse sind. Egal ob Chef, oder Kollegen. Dann komme es drauf an, durch welche Brille man den Menschen sieht und dabei helfe sie ihm.

Sie bat mich darum, das Thema ADS nochmal aufzurollen. Ohne Diagnose kämen wir nicht weiter, es wäre so wichtig und erst dann könne man ihm richtig helfen, z.b mit Nachteilsausgleich und Lernbegleiter.

Keine 3 Wochen später hatte ich ein Telefonat mit dem Kinderarzt und die Diagnose.

Er meinte, wir müssen nicht nochmal anfangen zu testen. Die Defizite seien da, auch wenn es damals nicht zur Diagnose gereicht habe. Sobald es klinisch werde, sei das die Diagnose.

Er erklärte mir geduldig, warum es so wichtig sei zu handeln. Warum diese Kinder sich sonst die Schuld geben und eben denken, sie seien dumm.

Der Part mit den Medikamenten fällt mir noch sehr schwer. Ich fühl mich wie ein Versager. So, als ob ich mein Kind nicht annehmen kann wie es ist. Ich möchte ihn nicht ruhiger, nicht anders und schon gar nicht wesensverändert. Ich möchte ihn mit all seiner Wut und seinem abgelenkt sein. Aber ich sehe, wie er kaputt geht. Wie seine Selbstzweifel wachsen und er sich nichts zutraut. Wie das Denken sich verfestigt: „Mathe kann ich nicht!“

Ich tu es nicht für das fuc*ing Schulsystem, hinter dem ich nicht stehe.

Ich tu es nicht für bessere Noten, die interessieren mich nicht. Mir ist wichtig, dass er sein Bestes gibt. Das ist genug, ungeachtet der Note.

Ich tu es nicht für mich, damit ich es leichter habe.

Ich tu es nur für ihn! Ich möchte ihm nicht im Weg stehen mit meinen Vorurteilen und Ängsten. Er soll seine Chance erhalten. Ich werde aber sehr, sehr achtsam sein, was es mit ihm macht.

Ich werde nicht erwarten, dass es andere verstehen. Erst wenn man so ein Kind hat versteht man es. Es war ein langer Weg! Es ist noch nicht zu spät!

Ich lasse nichts unversucht. Es kostet viel Energie. Und gleichzeitig ist es so ein gutes Gefühl.