Die „NEXT“

Aller Anfang ist schwer. Ich erinnere mich noch gut an das Rumpelstilzchen, das damals in mir aufkam.

Wir waren gerade mal 4 Monate getrennt, als die Kinder und ich aus unserem Haus auszogen.

Ich hatte diese kleine Wohnung gefunden, war mit Umzug und Einräumen beschäftigt.

Ich war durch.

Konzentrationsschwierigkeiten, weil es so viel zu tun gab. Gleichzeitig. Existenzängste, da ich nichts als Elterngeld und Kindergeld zum Leben hatte.

Angespanntheit. „Was mach ich jetzt nur!?!“

Schlaflose Nächte. Augenringe. Kopfschmerzen und Kopfdruck vom Weinen.

Wut. „Wie kann er uns sowas antun?!?“

Bürokratie. Arbeitsamt. Jugendamt. Wohngeld.

Recht schnell nach der Trennung und noch vor dem Auszug beantragte ich eine Mutter-Kind-Kur. Ich musste weg.

Ich konnte dieses Elend nicht ertragen und brauchte Abstand. Vor allem zu ihm, der mir das Leben so schwer machte, obwohl es ohne seine Stolpersteine schon schwer genug war.

Die Zusage kam recht schnell. Drei Wochen Schwarzwald im August/September. Das WO war mir so egal.

Am 2. August war unsere erste Nacht in der Wohnung, weg von meinem Noch-Mann und dem Papa der Kinder. Er blieb in unserem zwei Jahre alten Haus, weil er der Meinung war es sich leisten zu können.

Am 4. August war der schlimmste Tag meines bisherigen Lebens.

Die Kinder waren ein paar Stunden bei ihm, damit ich in der Wohnung etwas einräumen und putzen konnte. Ich kam wie angekündigt mit meinem Schlüssel ins Haus, um dickere Kleidung für die Kinder und die Kur abzuholen.

Er hatte geschrieben: „Wir sind spazieren.“

Was ich damals noch nicht ahnte:

Mit WIR meinte er nicht nur unsere Kinder und sich.

Ich war froh ihn nicht sehen zu müssen und wollte auf direktem Weg wieder raus, sobald ich alles hatte.

Als ich die Eingangstür öffnete, blieb ich wie angewurzelt sekundenlang stehen.

Frauenschuhe.

Es ratterte.  Weder hatte er eine Schwester, noch eine gute Freundin. Ich wurde stutzig und mir war leicht übel. Langsam ging ich die Treppe hoch ins Wohnzimmer.

Unsere Hochzeitsbilder waren von der Wand abgenommen und in eine Box gelegt. Aussortiert.

Auf der Couch lag ein Kuscheltier und mir war sofort klar:

„Da will sich eine bei meinen Kindern einschleimen!“

Mein zweiter Gedanke:

„Wie peinlich! Meine Kinder können mit Kuscheltieren gar nichts anfangen!“

Auf der Fensterbank neben der Couch  stand eine blaue Flasche Massageöl. Das war eindeutig!

Meine Kinder waren damals 5 Jahre und 10 Monate alt.

Wir waren 4 Monate getrennt und vor  zwei Tagen erst ausgezogen!

Wer war sie bloß? Wo kam sie so plötzlich her? Hätte ich etwas merken müssen?

Ich ging hoch zu den Kinderzimmern, alles normal. Offensichtlich wurde mit dem Legozug gespielt.

In „unserem“ Schlafzimmer stand die Tür einen Spalt offen und ich schob sie ganz langsam auf.

Mein Herz sprang dabei fast aus meiner Brust, so sehr raste mein Puls bei dem, was ich da sehen musste.

Ich erinnere mich an einen ihrer roten Tangas, der auf der Kommode lag. Daneben ihre Antibabypille.

In meinem Nachttisch, der er zumindest vor zwei Tagen noch war, fand ich eine Grosspackung Kondome.

In meinem Kleiderschrank, der er zumindest vor zwei Tagen noch war, fand ich ihre eingeräumte Kleidung. Von Badeanzug bis Schuhkollektion war alles dabei.

Sie blieb wohl länger.

Im grossen Bad, das überwiegend ich genutzt hatte, stand ihre elektrische Zahnbürste, ihr Duschgel, Shampoo, Föhn und Rundbürsten.

Alles was man so braucht, wenn man vorhat länger zu bleiben.

Vor zwei Tagen hatte ich dort noch geduscht und die Kinder gebadet. Dort saß ich auf dem Badewannenrand, wenn mein Mann badete und wir unterhielten uns dabei. Damals noch.

Das Bett hatte ich erst vor wenigen Monaten gekauft. Ein gutes sollte es sein, deshalb auch nicht ganz günstig. Mein Mann hatte einen Bandscheibenvorfall. Und jetzt schlief er mit ihr da drin.

Die, von der ich keine Ahnung hatte wer sie ist.

Ich war hysterisch. Ich rannte im Haus umher und war mit der Gegenwart konfrontiert.

Es tat so unglaublich weh und ich fühlte mich wirklich gefangen in einem Alptraum.

Ich wusste mir so gar nicht zu helfen und wählte die Nummer meiner besten Freundin. Sie wohnt hunderte Kilometer weit weg, keine Ahnung was ich mir davon versprach.

Sie war gerade mit ihrer Familie auf dem Weg in den Urlaub und ich denke, ich hab sie in eine schwierige Lage gebracht damals.

Ich weiss, dass ich so sehr weinte und schrie. Ich krümmte mich immer wieder vor Fassungslosigkeit und Schmerz. Innerer Schmerz. Es dauerte einige Momente, bis ich überhaupt einen Ton herausbekam.

Ich schrie ins Telefon, dass ich glaube den Verstand zu verlieren. Und ja, so fühlte es sich an.

Ich war mit so vielen Dingen beschäftigt, konnte keine Minute sitzen, war ruhelos, getrieben und doch so erschöpft.  Gleichzeitig kümmerte ich mich um einen Umzug und unsere beiden Kinder, von denen eins noch ein Baby war.

Und er? Wie geht sowas?!?

Es ging nicht in meinen Kopf. 

Verliebt, verheiratet, zusammengezogen, zwei Kinder, Haus gebaut, getrennt und sofort ausgetauscht.

Das Haus hatte er ja noch, die Kinder irgendwie ja auch und noch dazu viel mehr Zeit, weil sie ja nicht mehr immer um ihn waren. Jetzt konnte er sich anderweitig vergnügen. 

Ich war rasend vor Wut und Eifersucht. Eifersüchtig, obwohl ich sicher war, dass ich diesen Mann nie mehr zurück wollte.

Ich rief ihn an und fragte wo er mit den Kindern ist. Er hörte sich ganz fröhlich an und sagte:

„Wir sind Enten füttern!“

Ich schrie, dass er genau 10 Minuten Zeit hat mir die Kinder zu bringen.

Zehn Minuten war unmöglich, wenn man bedenkt, dass er den Buggy noch ins Auto laden musste. Er schaffte es in fünfzehn.

Selbstsicher stieg er aus und fühlte sich wahrscheinlich wie ein Held.

SIE stieg aus und ich hatte sie noch nie vorher gesehen. Sie war jung.

Während es bei uns heiss herging, setzte sie sich etwas weiter weg im Schneidersitz auf den Boden und was sie dachte…ich weiss es nicht.

Was ich dachte, während ich Blitze zu ihr schickte war:

„Du hast meine Familie zerstört.“

Ich war ausser mir. Ich konnte nicht nachvollziehen, wie er das mit seinem Gewissen in Einklang bringen konnte.

Wir waren vor zwei Tagen ausgezogen verdammt!

Oder wie er sagte:

„Wir sind schließlich schon fast ein halbes Jahr getrennt!“

Ich war besorgt um die Kinder und was das alles mit ihnen machen wird.

Er fand: „Die Kinder haben kein Problem. Die einzige, die eins hat bist DU!“

Die ersten Papa-Wochenenden waren reine Folter. Denn ich wusste sie sind bei ihr! In MEINEM Haus. Nur ohne mich. Sonst war alles gleich.

Es trieb mich umher und ich weinte sehr viel. Ich war nicht in der Lage etwas zu tun, oder irgendwo hin zu gehen. Pausenlos dachte ich darüber nach, was sie wohl machen und wie es den Kindern wohl geht.

Mir ging es beschissen. Ich kam gar nicht klar damit. Wenn die Kinder Sonntag Abend zurück kamen, stellte ich viele Fragen und hoffte auf etwas, das es mir leichter machte.

Die Kinder mochten sie. „Weisst du Mama, wenn Papa kocht, spielt sie mit uns Fussball.“

Ich wollte nicht, dass sie nett ist. Ich wollte, dass alle sie hassen. So wie ich.

Die Wochen vergingen und es zog mich immer wieder zum Haus. Ich schaute, ob sein und ihr Auto dastanden. Ob sie es sich gemütlich machen.

In meinem Haus. In meinem Bett.

Weder wollte ich ihren Namen hören, noch sie sehen müssen. Und doch alles über sie erfahren.

Eine Freundin, die damals bereits länger getrennt war, sagte, ich solle froh sein, wenn sie nett zu den Kindern ist. Alles andere wäre schlimmer.

Die Einschulung des Sohnes nahte und ich bat ihn ohne sie zu kommen. Ich hätte das nicht ausgehalten. Sie hatte meiner Meinung nichts dort zu suchen. Es waren MEINE Kinder und immerhin auch immer noch MEIN Mann! Und MEIN Haus.

Ich genoss es auch ein bisschen, dass sie daheim auf ihn warten musste, während er mit mir und unseren Familien diesen besonderen Tag feierte.

Ein Jahr hielt die Beziehung in etwa. Dann war sie weg und ich atmete durch. Ich wurde ruhiger.

Bis zur nächsten. Von ihr erfuhr ich nach einem Papawochenende. Sie war mit Sohn und Katze mit im Haus. Mein Sohn erzählte mir aufgeregt, dass dieser Sohn ihn im Garten ausgesperrt hätte und es richtig Krieg gegeben hätte.

Wo war Papa? „Der war grad mit ihr im Keller, irgendwas suchen.“

Zu allem Überfluss hatte die Katze meinen beiden Kindern in ihre Taschen gepisst und ich musste sie wegwerfen. Es war unerträglich. Ja, auch der Geruch.

Ich war rasend vor Wut und es dauerte bis Mittwoch, bis ich meinen Sohn wiedererkannte. Er provozierte, war wütend, zornig und powerte ohne Ende. Gegen mich. Es war kräftezehrend und machte mir Angst.

Zwei Tage bei ihm und ein so verstörtes, überfordertes Kind? Sollte das jetzt immer so sein?

Er hat recht schnell gemerkt, dass es nicht die beste Partie war und auch sie war Geschichte.

Endlich kehrte etwas Ruhe ein. Lange Zeit.

Vor wenigen Monaten erfuhr ich von einer neuen Freundin. Wieder nach dem Papawochenende. Ich wusste, dass er umziehen wollte. Nicht aber, dass er gleich mit ihr und ihrem Sohn zusammengezogen war.

Bis dahin hatte ich nicht mal von ihr gewusst. Also gut, jetzt wusste ich es.

„Weisst du Mama, sie ist eigentlich glitzegleich wie du. Nur- najaaaa…sie kann halt kochen!“

Er erzählte mir von den Gemeinsamkeiten, die ich mit ihr habe und ich stellte fest:

Wenn wir doch so glitzegleich sind und er so von ihr schwärmt, kann ich ja nicht so verkehrt sein für ihn.

Bis heute weiss ich von ihm nichts von ihr. Ich schätze, weil er keinen Wert auf meine Meinung legt.

Meine Kinder mögen sie sehr, ebenso den Sohn, der „manchmal viiiiiel zu nett und lieb ist!“

Nach jedem Papawochenende erzählen Sie ganz aufgeregt und viel. Sie geniessen es. Und ich freue mich so sehr mit Ihnen. Ich stelle kaum Fragen. Es gibt nur eine Standartfrage nach Besuchen bei Papa:

„Habt ihr ’ne schöne Zeit gehabt?“

Ich weiss viel über sie und ich muss sagen: Sie gefällt mir.

Sie hat mein Herz gewonnen, als sie ein Projekt mit den Kindern machte, warum Cola schlecht für Kinder ist und eine Nudel über Nacht in ein Colaglas legte.

Der Kleine sagt oft in letzter Zeit:

„Ich freu mich auf Papa. Aber ich will nicht schon wieder so viel raus gehen müssen und spazieren. Das nervt mich!“ Dann schmunzel ich, drücke ihn mitleidig und insgeheim jubelt mein Mutterherz.

Ich habe weder Konkurrenzdenken.

Noch habe ich das Gefühl, dass sie mir was wegnimmt.

In diesem Sinne: danke NEXT.

Meine Komplizin. Ich muss dich nicht kennen. Dir nichts sagen. Es reicht zu wissen, dass es dich gibt und dass du mehr als lieb zu meinen Kindern bist.

Es tut gut zu wissen, dass du dich mit kleinen Jungs auskennst, auch ne Mama bist und sicher Globuli, Pflaster und Ibuprofensaft da hast, wenn es gebraucht wird.

Danke, dass ich dir meine Kinder beruhigt anvertrauen kann und sie immer so fröhlich und begeistert von dir erzählen. Das macht die Sache um so Vieles einfacher.

Ganz nebenbei gönne ich dir diesen Mann von ganzem Herzen. Vielleicht hast du mehr Glück mit ihm. Ich wünsche es uns allen.

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