Wir haben endlich eine Diagnose!
An diesem Tag war ich glücklich und traurig zugleich.
Glücklich, weil wir schon Einiges hinter uns hatten und das Leiden enorm zugenommen hat.
Endlich einen Schritt weiter, das Kämpfen hat sich gelohnt.
Todtraurig, weil Schuldgefühle hochkamen.
Zweifel.
Angst.
Hätte mir jemand vor einem Jahr gesagt, dass ich einen Termin mit dem Kinderarzt annehmen werde mit eventueller Medikamenteneinstellung- ich hätte wild den Kopf geschüttelt.
Mein Kind? Niemals!
Aber ganz sicher nicht! Nicht, damit mein Kind in dieses sch…Schulsystem passt, hinter dem ich gar nicht stehe!
Nicht, damit aus den Dreiern und Vierern vielleicht Zweier werden. Für mich muss er keine Einser und Zweier schreiben- ich sehe was er kann!
Nicht für die Lehrerin, damit sie sich weniger ärgern muss und mein Kind weniger negativ auffällt.
Für mich war er immer gut genug, aber wir waren inzwischen alle kraftlos, mutlos und ausgepowert.
Ich war voller Sorgen, meine Gedanken kreisten täglich um:
Wie soll ich es bloß schaffen, dieses Kind (gut) durch die Schule zu bekommen?
Nachdem die Hausaufgaben ab Klasse 3 ein riesen Thema waren, stieg der Druck enorm.
In Klasse 2 fiel seine Matheschwäche auf und ich erinnere mich an die Empörung meinerseits, als auf der Überweisung neben Dyskalkulie auch ADHS- Testung stand.
Ich fand es lächerlich und ich war sauer auf den Kinderarzt, fragte mich, wie er dazu kommt.
Als ich seitenlang Fragebögen ausfüllen musste, stellte ich fest, dass AD(H)S sehr vielseitig ist und so viele Lebensbereiche umfasst.
Ich wehrte mich mit Händen und Füssen.
Sicher nicht mein Kind! Im Leben nicht!
Damals wusste ich sehr, sehr wenig über die Diagnose, war eher genervt von ihr und den Kindern, die ich als Betroffene kannte.
Mein Kind war nicht so!
Damals wurde alles getestet und wir gingen erleichtert ohne Diagnose.
Zum Glück alles gut, dachte ich damals noch.
Dann ist er halt schlecht in Mathe. Egal. Hauptsache keine Diagnose. Ich verkündete dem Arzt dort, dass es auch MIT Diagnose keine Änderung gegeben hätte, denn ich bin absolut gegen Medikamente bei ADHS.
Damals riet die Psychologin mir, es im Auge zu behalten. Gegen Medikamente sein sei eins, es seien aber Kinder, die schnell verzweifeln. Denn sie machen und machen, strengen sich an und es kommt nichts dabei rum.
Was sich seither geändert hat, als ich dachte, wir leben jetzt einfach unser Leben weiter:
Ich habe meine Arbeitszeit umverteilt, damit ich ihn so oft wie möglich mittags zu den Hausaufgaben abholen kann.
In der Hausaufgabenbetreuung träumte er, ließ sich von allem ablenken und wurde nie fertig.
Wir haben rausgefunden, wie wir die Hausaufgaben ohne Schreien und Tränen schaffen. Ich habe Caroline von St. Ange entdeckt und sie hat unser Leben verändert.
Sie ist Lehrerin, will aber in diesen Zeiten nicht unterrichten. Sie ist gegen Noten und Hausaufgaben und solange dieses Schulsystem so ist wie es ist, unterstützt sie Eltern und Lehrer, um es bestmöglich zu schaffen.
Ich war so glücklich, als mein Sohn nach den Hausaufgaben sagte:
“ Heut haben wir aber viel gelacht Mama!“
Ich wollte mehr davon und wir haben viel mit Bewegung verbunden. Wir schreiben Lernwörter ans Fenster, oder mit Kreidestiften an den Schrank.
Wir verbrennen gemachte Aufgaben in einer Aluschüssel.
Unter der Woche gibt es keinerlei Medien- kein TV, kein Tablet, keine Switch. Dafür Kartenspiele, raus gehen und lesen.
Ich habe so viel gelesen und alles aufgesaugt. Alles was es leichter macht. Für ihn und auch für mich.
Wir haben ne Menge tools und ich weiss, was ich sagen kann, um ihn zu motivieren, aber nicht zu überfordern.




Der Druck stieg, es reichte nicht mehr aus. Die Überforderung war unser täglicher Begleiter. Wir saßen 3-4 Stunden an den Hausaufgaben. Mit Pausen natürlich.
Nur, um das Pensum irgendwie zu schaffen. Für die Lehrerin. Damit sie nicht wieder ins Heft schrieb:
Hausaufgabe nicht vollständig. Bitte nachholen.
Es hatte nichts mit Wollen zu tun. Wir waren beide so gefrustet. Ich machte keine Pläne am Nachmittag, wir verabredeten uns nicht mehr und er war viel zu wenig draußen für das Draußenkind, das er eigentlich war.
So konnte es nicht weitergehen.
Wir saßen ewig nach der Schule und er schaffte das Pensum nicht.
Da er im Unterricht auch sehr langsam war und ihm alles viel schwerer fiel als anderen, wurde es immer noch mehr für zu Hause. Noch mehr Druck durch die Schule, da er nicht geschaffte Aufgaben oft nachholen musste.
Der Tag hatte nicht genug Stunden und am Wochenende saßen wir jeden einzelnen Tag nur an den Hausaufgaben, dem Nachholen, Lernen für Arbeiten.
Ich war verzweifelt und er zweifelte an sich. Ich weinte, als er sich eines Abends gegen den Kopf schlug und immer wieder schrie:
„Ich bin so dumm, ich bin so dumm, ich bin so dumm…“
Es war ein Prozess. Ich hatte gelernt: ich breche nach gewisser Zeit ab, wir gehen hier alle kaputt. Es ist mir egal was die Lehrer sagen, er schafft es nicht, es ist zu viel.
Ich hab ihn spielen lassen und 18 Uhr kam er verschwitzt und schmutzig rein, lieferte kurz ab, was mittags ewig dauerte.
Der Rotstift war sehr präsent im Matheheft und ich hatte schon gar keine Lust es aufzuschlagen. Sämtliche Gespräche mit Lehrer, Schulsozialarbeiter brachten keine wirkliche Erleichterung.
Kopfhörer wollte er nicht ausprobieren, weil keiner Kopfhörer hat zur Reizabschirmung und er will nicht auffallen.
Als er in der Hausaufgabenbetreuung einen Viertklässler damit sah, bekam er Mut.
Er benutzte sie tatsächlich und erzählte den Kindern, er höre Spotify. Was zur Folge hatte, dass einige empört waren und es ungerecht fanden, dass er das darf. Das machte ihm dann natürlich Spaß und immer wieder packte er sie mal mit in den Ranzen.
An dem Punkt, als ich dachte, wir wären auf einem guten Weg, rief die Lehrerin an.
Sie sei ernsthaft besorgt und habe Angst ihn zu verlieren. Er mache inzwischen gar nicht mehr mit, er sei mit nichts zu kriegen. Er sei von allem abgelenkt und habe angefangen auf dem Stuhl vor und zurück zu wippen, so, als ob er sich selber regulieren/beruhigen wolle.
Er mache mündlich gar nicht mit, mache in 25 min gerade mal 1-2 Aufgaben.
Er habe ihr klar gesagt, Noten seien ihm scheißegal. (Das hab ich sehr gefeiert!)
Ich möchte auch auf gar keinen Fall, dass er seinen Wert über Noten definiert. Das war mein Ziel! Dass er anders ist, merkt er eh! Dass alle anderen die Aufgaben schaffen und nur er nicht. Dass andere in einer Stunde mit allem fertig sind, er aber nicht mal die Hälfte geschafft hat.
Für mich war dieser Anruf ein absoluter Weckruf. An diesem Punkt musste ich uns Hilfe holen. Hier kam ich nicht mehr weiter.
Ich merkte, wie SEHR mein Kind unter Druck steht und wie schwer es ihm fallen muss jeden Tag zur Schule zu gehen.
Ich hatte ein sehr langes Telefonat mit einer Schulpsychologin und die ersten Termine liefen gut. Ich fühlte mich gut aufgefangen.
Die nette Dame erklärte ihm alles geduldig, auch, wo sie ihn unterstützen kann. Und auch, dass alles was hier geredet wird den Raum nicht verlässt.
Sie hatte eine ganze Kiste voller Brillen mit bunten Brillengläsern und erklärte ihm, dass sie die Lehrerin nicht ändern könne. Jetzt sehe er sie sicher durch die rote Brille:
Wut, Hass.
Sie könne ihm helfen, dass er sie aber durch die gelbe Brille sehen kann und sie gar nicht mehr so schlimm ist. Man könne nämlich viel selber beeinflussen uns es werde immer wieder Menschen in seinem Leben geben, die vielleicht gemein, ungerecht und böse sind. Egal ob Chef, oder Kollegen. Dann komme es drauf an, durch welche Brille man den Menschen sieht und dabei helfe sie ihm.
Sie bat mich darum, das Thema ADS nochmal aufzurollen. Ohne Diagnose kämen wir nicht weiter, es wäre so wichtig und erst dann könne man ihm richtig helfen, z.b mit Nachteilsausgleich und Lernbegleiter.
Keine 3 Wochen später hatte ich ein Telefonat mit dem Kinderarzt und die Diagnose.
Er meinte, wir müssen nicht nochmal anfangen zu testen. Die Defizite seien da, auch wenn es damals nicht zur Diagnose gereicht habe. Sobald es klinisch werde, sei das die Diagnose.
Er erklärte mir geduldig, warum es so wichtig sei zu handeln. Warum diese Kinder sich sonst die Schuld geben und eben denken, sie seien dumm.
Der Part mit den Medikamenten fällt mir noch sehr schwer. Ich fühl mich wie ein Versager. So, als ob ich mein Kind nicht annehmen kann wie es ist. Ich möchte ihn nicht ruhiger, nicht anders und schon gar nicht wesensverändert. Ich möchte ihn mit all seiner Wut und seinem abgelenkt sein. Aber ich sehe, wie er kaputt geht. Wie seine Selbstzweifel wachsen und er sich nichts zutraut. Wie das Denken sich verfestigt: „Mathe kann ich nicht!“
Ich tu es nicht für das fuc*ing Schulsystem, hinter dem ich nicht stehe.
Ich tu es nicht für bessere Noten, die interessieren mich nicht. Mir ist wichtig, dass er sein Bestes gibt. Das ist genug, ungeachtet der Note.
Ich tu es nicht für mich, damit ich es leichter habe.
Ich tu es nur für ihn! Ich möchte ihm nicht im Weg stehen mit meinen Vorurteilen und Ängsten. Er soll seine Chance erhalten. Ich werde aber sehr, sehr achtsam sein, was es mit ihm macht.
Ich werde nicht erwarten, dass es andere verstehen. Erst wenn man so ein Kind hat versteht man es. Es war ein langer Weg! Es ist noch nicht zu spät!
Ich lasse nichts unversucht. Es kostet viel Energie. Und gleichzeitig ist es so ein gutes Gefühl.




















