Grenzen

Heute beim Alleinerziehendentreff wurde es ehrlich – wir haben über Grenzen gesprochen. Unsere eigenen, die unserer Kinder und die, die wir manchmal erst mühsam wiederfinden müssen.

Wir stellten fest- alle, die wir da saßen:

Wir konnten schlecht oder gar nicht für uns einstehen und teilweise haben wir immer noch damit zu kämpfen.

Das schöne an unseren monatlichen Treffen ist, dass wir uns gegenseitig aufmerksam machen und uns stärken.

Wir befanden uns in Partnerschaften, in denen Missbrauch jeglicher Art stattfand. Nicht von Anfang an.

Wir alle sind an verschiedenen Punkten im Lernen, manche entdecken den Ursprung ganz neu, andere haben bereits aus Fragezeichen Ausrufezeichen gemacht.

Wir wirken auf den ersten Blick taff und stark. Jedoch kommen die meisten aus einer Beziehung, in der sie nicht nur einmal zugelassen haben, dass ihre Grenze überschritten wurde.

Erst als man sich in Sicherheit wähnte und nur hinter verschlossenen Türen. Nicht von Anfang an.

Ich vergleiche es immer mir dem Zubereiten eines Frosches, den man nicht ins kochende Wasser wirft, weil er sonst sofort rausspringen würde.

Man legt ihn ins kalte Wasser und erhöht allmählich die Temperatur. Wenn das arme Tier bemerkt, was gespielt wird, ist es längst zu spät.

Genau so verlieren wir in ungesunden Beziehungen Stück für Stück das Gefühl für unsere eigenen Grenzen.
In einer toxischen Beziehung werden also Manipulation, Schuldumkehr, emotionale Abhängigkeit, Kontrolle so langsam und kleinschrittig eingeführt, dass Betroffene sie nicht sofort als gefährlich erkennen.

Anfangs sind die Ausmaße noch gering. Der Täter gibt einem nur einen kleinen Vorgeschmack auf das, was teilweise Jahre danach folgt.

Die Abstände, in denen seine Augen sich schwarz verändert und er mit Drohgebärden vor dir steht, sind noch lang.

Lang genug, um es als „einmalig“ abzustempeln.

„Er war halt wütend, sonst ist er ja nicht so!“

Grenzen kann man nicht früh genug lernen.

Dazu sind Erwachsene nötig, die das selber gelernt haben und weitergeben können.

Kein: „Ach, so schlimm war das jetzt auch nicht.“

Kein: „Reiß dich doch mal zusammen!“

Kein: „Augen zu und durch.“

Kein Durchhalten um jeden Preis.

Grenzen lernt man, indem die eigenen gewahrt wurden und nicht übergangen.

Grenzen lernt man, indem man seinen eigenen Wert kennt und das Unrecht erkennt.

Grenzen lernt man, indem man dich gut behandelt und du nichts anderes zulässt.

Grenzen lernt man, indem man Grenzen setzen darf, ohne daß einem Liebe, Zuwendung, oder Sicherheit entzogen wird.


Grenzen und Selbstwertgefühl gehören zusammen wie Wurzeln und Standfestigkeit – ohne das eine wankt das andere.


Wie das Lenkrad und die Richtung – ohne Grenzen verliert das Selbstwertgefühl schnell die Orientierung.


Wie Stimme und Gehör – wer seinen Selbstwert spürt, traut sich auch, Nein zu sagen.


Wir alle haben das durch schmerzhafte Erfahrung lernen müssen und lernen immer noch.

Nein sagen, Grenzen setzen, für sich selber einstehen, ohne sich schlecht und egoistisch zu fühlen.

Schuldig, weil uns das immer so eingeredet wurde.

Eine Ehe/ Partnerschaft ist nicht dann gut, wenn sie für immer hält.

Oft haben wir Frauen einfach nur gelernt klein beizugeben, still zu sein, keinen Aufstand zu machen, nicht laut zu sein, nicht aufzustehen, alles unter den Teppich zu kehren, durchzuhalten. Für Harmonie zu sorgen.

Auszuhalten.

Weil unsere Mütter und Großmütter es genau so getan haben. Egal was war!

Tyrann, Schläger, Alkoholiker, Fremdgeher, Choleriker, das alles spielte keine Rolle, denn man hatte zu bleiben.

„Das macht man nicht!“

„Das ist halt so!“

„Manche Dinge kann man nicht ändern.“

Es gibt immer noch viel zu viele Frauen die bleiben. Oder bleiben müssen. Aus Angst, aus finanzieller oder psychischer Abhängigkeit. Aus Angst um die Kinder.

Was einem als Frau drohen kann, wenn man es wagt zu gehen, kann man jeden zweiten Tag in der Zeitung lesen.

Einige haben keine Vorstellung davon, was hinter verschlossenen Türen in Deutschland so passiert.

Von anderen Ländern ganz zu schweigen.

Was man als Kind nicht gelernt hat, muss man sich selbst im Erwachsenenalter mühsam beibringen:

Ich darf laut sein, wenn es ungerecht wird.

Ich darf aufstehen, wenn es sich nicht gut anfühlt.

Ich darf auf mein Bauchgefühl hören, wenn es mir Zeichen gibt.

Ich darf Grenzen setzen, wenn ich nicht gut behandelt werde.

Und ich darf gehen, wenn es nicht aufhört.

Ich stehe für all diese Frauen,

… die täglich ihre Stimme erheben, auch wenn sie zittert.

… die gelernt haben, dass Nein sagen Selbstfürsorge ist.

… die sich selbst wieder wichtig nehmen.

… die nicht länger schweigen, wenn ihre Grenzen verletzt werden.

Weil jede von uns es verdient, mit Respekt behandelt zu werden.

… weil Veränderung bei uns beginnt.

… damit unsere Töchter und Söhne in einer Welt aufwachsen, in der Grenzen geachtet werden.


Weil ich weiß, wie viel Mut es braucht.

… weil auch ich diesen Weg gehe – Tag für Tag.

… weil ich ihre Geschichten kenne – sie sind auch meine.

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