Verlustangst

„Mama, ich schnapp mir den Fussball und meine Kopfhörer und geh vor die Tür“, höre ich ihn sagen und staune.

Es ist noch gar nicht so lang her, dass seine Verlustangst Jahre nach der Trennung sowas nicht möglich gemacht hat.

Ich stehe am Fenster, lächle vor mich hin und schau ihm zu. Ich musste mich selbst davon überzeugen, sonst hätte ich es nicht geglaubt.

Vor Jahren war es für ihn die schlimmste Strafe, wenn ich ihn mit seinem Bruder vor die Tür geschickt hab.

Es ging nur mit Streiten, Gegenwehr, Betteln und Flehen.

„Aber nur mit dir“, war der Satz, der auf meine Ankündigung folgte.

Wir fühlten uns beide zerrissen und diese Situationen waren so energieraunend.

Ich verstand warum er sich so verhielt.

Ich wusste, dass er Angst hatte, mir könnte was passieren.

Ich wusste, er vermutet, da ist ein neuer Mann in meinem Leben und ich werde telefonieren.

Ich wusste, er hatte Angst auch mich zu verlieren.

Ich verstand, dass ich alles war, was ihm blieb, nachdem alles um ihn herum zerbrach. Alles stand und fiel mit mir.

Ich verstand, dass ich seine einzige Sicherheit war und der Fels in der Brandung. Die Rettungsboje, an die er sich klammerte, wenn er hilflos auf dem Wasser trieb und keinen Boden spürte.

Ich verstand, dass er nicht bereit war mich zu teilen, einen Mann in mein Leben zu lassen, der nicht sein Papa war.

Ich wusste, er hatte Angst. Ich sah es ganz deutlich in seinen Augen.

Sobald ich es angesprochen hatte, verfinsterte sich seine Mine und er versprach, sich ganz ruhig in seinem Zimmer zu verhalten, aber ich solle ihn bitte, bitte nicht rausschicken.

Mit normalem Menschenverstand kam man nicht dagegen an. Wir führten so viele Gespräche, ich erklärte ihm, dass ich 24 h für sie da bin und mit ihnen zusammen. Ich brauche nur diese halbe Stunde, um durchatmen zu können.

Nur diese halbe Stunde, um klar denken zu können, zu weinen, mit Anwälten telefonieren, atmen, einfach nur daliegen, ne Sprachnachricht an meine Freundin schicken und mein Herz erleichtern.

Ich brauchte diese halbe Stunde am Tag, um Energie zu sammeln für die weiteren Stunden des Tages.

Diese halbe Stunde, ohne Geschrei, ohne Ermahnungen, ohne Fragen zu beantworten, ohne zu diskutieren, ohne den Verstand zu verlieren.

Ich versicherte ihm, dass sein Bruder und er das allerallerwichtigste in meinem Leben sind. Dass sie mir Kraft geben, das alles durchzustehen.

Dass ich das alles jederzeit wieder so entscheiden würde, mir nichts anders wünsche und schon gar nicht im Bezug auf sie beide.

Ich versprach ihm, dass ich sie über alles liebe und immer da sein werde. Niemals werde ich mein Versprechen brechen und mich je gegen sie entscheiden.

Er verstand es.

Aber er konnte nicht anders. Das verstand ich ebenso.

Es war nicht seine Absicht mich zu ärgern, es auf die Spitze zu treiben, mich zu provozieren.

Und dennoch, ich konnte keine Überweisung tätigen, wenn sich über meinem Kopf der Ball zugeworfen wurde.

Ich konnte nicht telefonieren, wenn um mich herum Fange gespielt wurde.

Ich konnte nicht kochen, wenn beide an mir zerrten und mit mir spielen wollten.

Ich war nur einer. Für einen Job, der für zwei ausgelegt ist.

Der Satz damals saß:

„Wenn wir bei Papa sind, kocht er und seine Freundin spielt mit uns Ball.“

Jahrelang suchte er nach Möglichkeiten, diese halbe Stunde vor der Tür zu umgehen.

Er klingelte nach max 10 Minuten und musste aufs Klo. Meist dauerte es nur wenige Minuten, bis es klingelte. Irgendwas war immer. Durst, Klo, etwas vergessen. 

„Können wir nicht einfach wieder hoch?“

Oft saß er die Zeit direkt vor der Eingangstür ab. Im wahrsten Sinne.

Er saß auf dem Fussabtreter und wartete nervös, bis die Zeit abgelaufen war. Dabei starrte er auf den Timer.

Wenn er es schaffte draussen zu bleiben, klingelte er 10 min vor Ablauf dieser 30 Minuten und wollte hoch.

Es trieb mich regelmäßig in den Wahnsinn. So oft hatte ich das Gefühl nicht atme zu können. Ich fühlte mich erdrückt und fremdbestimmt.

Er sich völlig verloren und schutzsuchend.

Ich hasste es so sehr, dass alles an mir hing.

Und gleichzeitig versuchte ich ihm zu geben, was er brauchte.

Sicher gelang es mir nicht immer, und wenn, nicht immer gleich gut.

Sein Bruder war nicht so. Er genoß die Zeit mit ihm draußen. Trampolin springen, mit Malkreide malen und Fussball spielen.

Oft habe ich die halbe Stunde durchgesetzt, egal wieviel es mir abverlangte. Die restlichen  23 1/2 Stunden war ich da.

Irgendwann gab ich auf. Irgendwann konnten sie die 30 Minuten am Mittag in ihren Zimmern verbringen.

Alles ändert sich, alles ist im Wandel.

Nur eines nicht: ich war nie weg und bin immer noch da!

Ich hab nie aufgehört mich zu sorgen, zu kümmern und zu lieben.

Und dazusein. 

Ich stehe am Fenster und schaue ihm zu.

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