Vor wenigen Monaten hatte ich die furchtbare Aufgabe den Kindern beizubringen, dass Papa und seine Freundin sich getrennt haben.
Und noch schlimmer, dass sie mit dem Halbbruder Henri und ihrem eigenen 8 jährigen Sohn nach Köln gezogen ist.
Alles ging schnell, es gab für uns keine Vorwarnung und keinen Abschied von meinen Kindern.
Ich wusste das wird hart und ich habe sie zu einem Ausflug überredet. In der Natur verdaut sich so eine Nachricht vielleicht besser dachte ich.

Wir hatten ein schönes Plätzchen gefunden, saßen im Gras und aßen unseren Proviant.
Als es raus war, sah ich in geschockte Gesichter.
Keiner von beiden hatte wohl irgendwelche Anzeichen bemerkt und der Schock saß tief. Es brach mir das Herz.
Der Große hatte sofort Tränen in den Augen und sprach seine größte Angst aus:
„Wir werden Henri nie wieder sehen?!“
Der Zwerg hatte wohl den Gleichen Gedanken gehabt und sagte:
„Oh nein, Henri war doch so süß. „
Er lief sofort los, wollte da vorne nochmal in die Kapelle rein, aus der wir erst kamen und dafür beten, dass sie ihren Babybruder wieder sehen.
Ich betete mit. An dem Tag war mit den Jungs nichts anzufangen und wir redeten viel, bevor es still wurde.
All die Fragen nach dem wie und warum konnte ich nicht beantworten. Nur trösten.
Ich hatte nie Kontakt mit der Freundin vom Papa. Mehr als Hallo und einem Winken vom Balkon gab es nicht. Ich wollte mich zurückhalten als Ex-Frau.
Mir reichte es, dass meine Kinder sie lieb hatten und von ihr schwärmten.
Ich habe lange mit mir gerungen, bevor ich ihre Nummer aus dem Handy meines Sohnes raussuchte.
Ich schrieb ihr, wie es den Kindern mit der Nachricht der Trennung ging, dass sie Henri vermissen, verwirrt und ängstlich sind. Dass ich akzeptiere, wenn sie keinen Kontakt will, dann wäre das meine erste und letzte Nachricht.
Ihre Antwort kam etwas später:
“ Ich bin so froh, dass du dich meldest, ich habe mich nicht getraut!“
Vor ein paar Wochen waren wir in Köln.
Es war Vorfreude pur! Von allen Beteiligten.
Von der Seite des Papas gab es keine Möglichkeit des Kontaktes zwischen den Parteien, also hatte ich kein schlechtes Gewissen. Denn auch ich vermisste Henri und das alles.
Wir hatten uns inzwischen gut kennengelernt, es gab Telefonate mit den Kindern, Fotos wurden ausgetauscht, news und Anektoden.
Das Wiedersehen war dementsprechend herzlich, gar nicht fremd.
Und die Kinder hatten Recht:
„Sie ist wie du!“ „Ihr seid euch voll ähnlich!“
Ihr 8 jähriger Sohn hatte an dem Freitag eigentlich Schule in Köln, denn dort waren die Sommerferien längst vorbei. Er war aber so aufgeregt, dass er nicht zur Schule „konnte“. Bis wir da waren, hatte er Kopfweh, Bauchweh und all das.

Er wartete schon am Straßenrand, sprang hoch vor Freude, winkte wie verrückt und meine Kinder sprangen fast noch aus dem fahrenden Auto.


Sie und ich- wir drückten uns fest und nein, es war nicht komisch. Wir hatten vom gleichen Mann Kinder, ich zwei, sie eins.
Und wir beide hatten eine Trennung mit ihm hinter uns, nur war ich ihr um Jahre voraus.
Henri schlief noch und als sie schließlich mit ihm auf dem Arm reinkam, kuschelte er sich an ihre Brust, Blick gesenkt.
Mein Kleiner ging zuerst hin, streichelte ihm über Kopf und Rücken, begrüßte ihn mit sanfter Stimme. Nichts. Wir gaben ihm etwas Zeit wach zu werden. Und zu verstehen.
Wir redeten einfach weiter und als mein Großer zu reden begann, schaute Henri plötzlich auf und ließ seine Augen nicht mehr von ihm. Jetzt erkannte er ihn. Das war der Moment, ich war sicher.
Wir hatten ein wunderschönes Wochenende dort. Die Kinder schliefen alle in einem Zimmer und Henri begrüßte morgens mit „Hi“, seinem einzigen richtigen Wort bisher, krabbelte auf sie drauf, um sie zu wecken.
Wir waren auf Spielplätzen unterwegs und sie hoben ihn an eine Reckstange hoch, lachten über sein angestrengtes Gesicht.
Sie buddelten ihn im Sand ein, wippten mit ihm und spielten Ball.
Mein Großer setzte sich zu Henri und uns auf die Bank, auf Knien sitzend zeigte er ihm etwas im Sand.
Und aus dem Nichts legte Henri sich in seinen Arm und kuschelte seinen Kopf in seine Arme. Er erinnerte sich.

Er wollte immer abklatschen, so wie die beiden es früher immer gemeinsam machten.
Dem Zwerg wollte Henri immer Bussi geben, so wie sie es früher immer gemacht haben. Er erinnerte sich!
Wir hatten reine Erwachsenengespräche, als alle Kinder längst schliefen. Das war wichtig.

Wir redeten auch viel mit den Kindern. Das war wichtig.
Und an einem Abend gab es ein Erwachsenengespräch mit nur dem großen Sohn, die Kleinen mussten früher ins Bett. Auch das war so wichtig. Er hatte sehr viele Fragen. Und bekam seine Antworten.
Wir haben beschlossen Weihnachten dieses Jahr zusammenzufeiern. Das war eine spontane Idee und wir fanden sie alle toll. Wir haben schon Geschenkideen und fiebern dem Wiedersehen entgegen.
Aufgrund der Entfernung und unterschiedlicher Ferienzeiten sehen Sie sich nicht mehr so oft wie früher, wenn Papa- Wochenende anstand.
Aber keiner muss Angst haben, sich aus den Augen zu verlieren.


