Es geht vorbei…

Ich habe jetzt zwei Schulkinder, einer ist in der 5. Klasse, einer in der ersten.

Dass der Große eine immer längere Leine braucht, merke ich schon eine ganze Weile.

Ich hab mich immer damit getröstet, dass ich ja noch meinen Zwuckel habe. Er braucht mich noch so sehr und verbringt seine Zeit am liebsten mit mir.

Jedoch ist er jetzt auch schon groß und die Leine muss auch schon wieder etwas länger werden.

Man sagte mir: „Es wird leichter, deine Kinder werden größer!“

Und ich fragte: „Wann!?!“

Damals, als ich mich halb 5 morgens im Bad für die Arbeit richtete und mein Kleinkind im Schlafsack auf der Waschmaschine saß.

Heute, wenn ich ihn wecke und er nicht aufstehen will, weiß ich:

Es ging vorbei!

Damals, als ich auf dem Spielplatz kein Wort mit anderen Erwachsenen reden konnte, weil es aus einer Ecke immer rief: „Maaaama!“

Beim Klettern unterstützen, die Hand reichen beim Balancieren, einen Schubser auf der Schaukel, den Sand aus den Schuhen leeren.

Heute sitze ich nur da, genieße die Sonne im Gesicht und kann meinen eigenen Gedanken nachgehen.

Ich beobachte meine Kinder, wie sie mit ihren Freunden toben. Wie sie klettern, balancieren, von der Schaukel springen und ihre Schuhe selber ausleeren.

Es ging vorbei!

Mein großer Sohn ist zwar sportlich, hasste es aber so sehr, wenn er MAL von der Schule nach Hause laufen musste.

Wenn ich arbeiten war, ging es. Schlimmer war es, wenn ich zu Hause war. Zum Beispiel, wenn der Bruder krank war, oder ich Termine hatte und mich einfach nicht mehr ins Auto setzen wollte.

Wie oft haben wir deswegen gestritten und wie oft hat er geweint vor Wut!

Der Ranzen war schwer, der Berg nervt, keiner muss in seine Richtung laufen und überhaupt!

Jetzt fährt er Bus und muss direkt vor seiner alten Schule in den Bus steigen.

Wieder und immer noch der gleiche doofe Weg.

Letzte Woche hatte ich frei und er hatte wirklich schwer zu schleppen. Ich sagte, dass ich ihn heute ja auch ausnahmsweise mal fahren könne.

Seine Antwort überraschte mich sehr.

„Das musst du nicht. Ich fahr lieber mit dem Bus!“

Alles geht vorbei.

Manchmal ist über Nacht alles plötzlich anders.

Wenn ich ihn abends ins Bett gebracht habe, dauerte unser Ritual immer ewig. Sein Bruder schlief meist nach zwei Mal über das Köpfchen streicheln ein.

Bei ihm war ich oft bis zu einer Stunde drin.

Da wollte er dann erzählen und zeigen, ein bisschen Rücken kraulen, ein bisschen Fußmassage, noch eine Turnübung vorführen.

Egal, wann ich raus gehen wollte, es war nie genug!

„Nur noch eine Seite lesen!“

„Nur noch eine Minute!“ Und dann noch eine.

Beim Abschied klammerte er sich an mich und wollte mich nicht gehen lassen. Es war oft einfach nur anstrengend und kräftezehrend.

Ich führte die gelbe Karte ein, die er IMMER ausreizte.

Nach dem Gute Nacht sagen, darf man nicht mehr rauskommen zu Mama. Jeder hat eine gelbe Karte. Dann ist aber wirklich gut!

Jeden Abend klopfte er an die Tür! „Ich weiss, ich krieg jetzt ne gelbe Karte, aber…!“

Dann streckte er die Arme aus, stellte sich wortlos vor mich und wollte noch einen Drücker. Erst danach konnte er schlafen.

Seit wenigen Wochen fordert er seine gelbe Karte nicht mehr ein.

Es geht vorbei.

Wir reden, manchmal muss ich bei Instagram noch was für ihn suchen. Oder wir schauen zusammen Youtube Videos von irgendwelchen Comedians.

Er erzählt mir irgendwas von einem neuen Brawler, den er in seinem Spiel gezogen hat.

Dann drücken wir uns und sagen uns Gute Nacht.

Er kommt nicht mehr raus.

Als mir das auffiel, hatte ich das dringende Bedürftnis nochmal bei ihm zu klopfen.

Ich breitete die Arme aus und stellte mich wortlos vor ihn.

Ja, es geht vorbei. Das Anstrengende und auch das Schöne!

Manchmal schleichend, oft auch ganz plötzlich und überraschend.

Es ist schön, so große Kinder zu haben und zu sehen, wie selbständig sie schon sind. Denn das ist ja auch mein Ziel.

Ab und an hilft eine Umarmung und ein bisschen Kuscheln dabei, es leichter anzunehmen und sich darüber zu freuen.

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