Seit ich Kinder habe, macht das Element Wasser Angst.
Viele meiner Alpträume hatten damit zu tun, dass eins meiner Kinder nicht mehr auf der Wasseroberfläche zu sehen war.
Der Grosse lernte mit 4 3/4 im Thailandurlaub schwimmen.
Damals war er bereits im Geräteturnen und ich schiebe es auf seine unglaubliche Körperspannung, Kraft und Koordination, die das in dem Alter zuließ.
Unser Zwerg ist im Juni 6 geworden und vor 2 Wochen konnte er keine 2 Schwimmzüge ohne Hilfsmittel schaffen.
Ein ganzes Jahr lang hat er aufgrund von Corona kein Wasser gesehen, das höher als bis zu seinem Knie ging. Sein Schwimmkurs, zu dem er damals angemeldet war, fiel aufgrund der Schliessungen aus.
Mit mir wollte er überhaupt nicht üben, als es dann wieder ging.
Wir waren diesen Sommer häufig schwimmen, hauptsächlich wegen ihm. Er sprang aber lieber im Babybecken herum und tobte mit seinen Freunden.
Sein Bruder schämte sich wegen der Schwimmflügel und war fassungslos, dass man mit 6 immer noch nicht schwimmen kann.
Spontan entschied ich mich für ein Ferienangebot: in 2 Wochen zehn mal 60 min pro Tag. Wir hatten nichts Bestimmtes vor, am Nachmittag konnte ich trotz Arbeit die Uhrzeit gut schaffen.
Wer weiss, was im September wieder ist, wie es aufgrund von Corona läuft und das dann nach der Schule, die sicher eindrucksvoll genug wird.
Jetzt oder nie!

Jeden Tag Schwimmkurs, nichts vergessen können bis zum nächsten Mal, einmal richtig durchziehen.
Einen Tag vor dem Kurs waren wir mit seinem besten Freund im Hallenbad verabredet. Dieser kann bereits schwimmen und tauchen. Nach einigen Stunden war es meinem Sohn wohl peinlich und er hatte genug:
„Mama, mach mir die Schwimmflügel ab, ich schwimm jetzt so!“
Er war bereit!
Mit ein bisschen Ansporn vom Freund und ein paar hilfreichen Tipps schaffte er voll motiviert aus dem Nichts vier Züge. Dann zehn. Dann vierzehn. Nicht sauber, ohne besondere Technik. Er kam irgendwie an den Beckenrand ohne unterzugehen und wir alle freuten uns mit ihm.
Der Schwimmkurs begann, es war Montag.
Wir trafen uns 16 Uhr und ich weiss, dass Neues ihm zu Beginn Angst macht.
Er war völlig erschlagen von den ganzen Eindrücken. Unbekannte Kinder, unbekannte Eltern, unbekannte Schwimmhalle und Schwimmlehrer.
Wir Eltern mussten uns nach der Umkleide von den Kindern trennen, in die Dusche ging es mit den Schwimmlehrern.
Mein Sohn hasst duschen. Vor allem duschen mit Kopf. Es ist noch nicht lange her, dass er währenddessen nicht mehr schreit und sich an mir festkrallt, oder breitbeinig am Wannenrand abstösst.
Ich wusste, es ist eine grosse Herausforderung für ihn, lächelte aber und war positiv. Ich glaubte an ihn. Und schließlich wächst man an seinen Herausforderungen. Manchmal geht es mit Fremden ja auch viel besser als mit der Mama.
Der grosse Bruder und ich gingen so lang in die Stadt und er war sich sicher:
„Er wird heute untergehen!“
Er hat ihm bereits einmal das Leben gerettet, als im Kretaurlaub ein Mädchen hinter ihm auf einer Luftmatratze rutschte und er unter diese geriet.
Er hatte Schwimmflügel an und es war im Babybecken. Ich war gerade an der Liege angekommen, um mir mein durch Sonnencreme brennendes Auge abzuwischen, als ich das Schreien hörte:
„Beeene!“ Er zog ihn unter der Matratze hervor und wir alle standen noch lange unter Schock.
In dieser Nacht wachte der Grosse schreiend aus seinem Alptraum auf und schrie den schlafenden Bruder an:
„Mann, Bene, ich dachte du bist tot!“
Ja, wir haben Angst um ihn. Und ja, es wird Zeit, dass er schwimmen lernt.
Die erste Stunde war vorbei und ich holte ihn nach dem Duschen ab. Zunächst sah ich ihn nicht, vor mir waren andere Mamas und vor ihm andere Kinder.
Er schrie in der Umkleidekabine:
„Ich will da nie, nie, nie mehr hin!“
Was war passiert?
Sie sollten alle am Beckenrand stehen und ins Tiefe springen. Ohne Schwimmhilfe. Als Nichtschwimmer. „Mit Kopf unter!“
Er habe gesagt, dass er das nicht will und die eine Schwimmlehrerin habe gesagt, dass er aber müsse.
„Ich dachte ich komm nicht mehr hoch“, schrie er empört und betonte mehrfach, dass er da nicht mehr hin will.
Ausserdem habe er mich nicht gesehen und dachte, ich sei nicht zum Sbholen da. Er habe sogar ein bisschen geweint.
Sein Bruder zog die Augenbrauen hoch und sah mich besorgt und ratlos an. Ich lächelte zuversichtlich. Gut ging es mir jedoch auch nicht damit.
Ich grübelte hin und her, was für ihn und uns das Beste sei.
Ihn abmelden, dann kann sie den Platz noch vergeben. Schwimmen lernen soll ja nicht durch Zwang passieren, sondern auch ein bisschen Spass machen.
Jedoch fühlte es sich nicht gut an. Ihn mit diesem Gefühl zurückzulassen. Das Ziel war ja schwimmen lernen und mit der Abmeldung würden wir uns von dem Ziel entfernen.
Ich fragte die Schwimmlehrerin um Rat. Was war richtig? Sie hatte Erfahrung.
Sie riet mir dringend davon ab und erzählte aus ihrer Erfahrung.
Es würde nicht mehr vorkommen, sie rede mit der Kollegin, die an dem Tag 15 Minuten übernommen hatte, da sie die nächste neue Gruppe in Empfang nahm.
Sie hatte keine Ahnung, was in dieser Zeit im Wasser gemacht wurde.
Sie selber lasse erst nach dem 5. Mal vom Beckenrand springen und kommuniziere immer, dass das für das „Seepferdchen“ nötig sei. Wer das aber nicht will, dem reiche sie die Hände so, dass er nicht ganz untergeht.
Der zweite Tag. Morgens erwähnte ich nebenbei den Schwimmkurs. Geschrei. Ich erzählte ihm, dass ich mit der Schwimmlehrerin telefoniert hatte und er nicht mehr vom Rand springen MUSS.
„Ich hab dir schon mal gesagt, dass ich da nicht mehr hinwill!“ Ich durfte nicht mehr darüber reden sagte er.
Nach meiner Arbeit ging ich zunächst heim, aß etwas und stimmte mich seelisch darauf ein.
Ich holte ihn so vom Kindergarten ab, dass wir noch ausreichend Zeit hatten, aber so, dass wir direkt zum Schwimmkurs fuhren.
„Was machen wir heute?“
Ich erinnerte ihn ganz selbstverständlich an seinen Kurs heute.
Ich versprach, die erste Mama zu sein, die ihn abholt und mich durchboxe, so, dass er mich gleich sieht, wenn er aus der Dusche kommt.
Nichts half. Nichts konnte ihn beruhigen. Er war ausser sich. Jammerte. Weinte. Schrie.
Er schnallte sich immerhin an und redete ab da kein Wort mehr mit mir.
Dort angekommen, wollte er nicht aussteigen. Ich bot ihm an, ihn huckepack zu tragen. Das war ihm peinlich.
Wenn ich die Autotür öffnete, rutschte er schnell lachend auf die andere Seite.
Nach drei Mal wollte ich dieses Spiel nicht mehr mitmachen.
Die anderen Mamas gingen bereits mit ihren Kindern rein und ich sagte, dass ich jetzt vorgehe. Und mir wünsche, dass er gleich nachkommt.
Er kam, was ich nicht erwartet hatte. Er weinte und kämpfte mit sich. Er tat mir so leid. Aber ich konnte das so nicht stehen lassen. Ich hatte mit der Schwimmlehrerin vereinbart, dass ich am Anfang ruhig mit rein dürfe. Das war mein Joker, half aber nicht.
Er wollte nicht in die Umkleide. Die Schwimmlehrerin kam zu ihm, sagte, dass heut nicht getaucht wird und er heute nur bei ihr in der Gruppe sei.
Er wendete sich immer wieder ab von ihr, verschränkte seine Arme bockig.
Ich war angespannt und schnappte ihn dann einfach. Er trat nach mir, weinte, schien verzweifelt.
Er riß am Mundschutz und verrutschte ihn über meine Augen.
Ich versuchte mit letzter Kraft ruhig ein Spiel draus zu machen und sagte, dass ich ihn dann eben blind umziehen und tastete mich an ihm entlang.
„Das Spiel ist blöd! Es reicht jetzt aber!“
Und ich erhob auch verzweifelt meine Simme:
„Und mir reicht es jetzt auch!“
Dann nahm ich ihn in den Arm und sagte:
„Wir schaffen das zusammen!“

Er liess sich umziehen und ging in die Dusche. Es ging ihm nicht gut damit. Wir trafen uns auf der anderen Seite und er saß ganz verloren wartend neben den anderen Kindern.
Ja, ich war die einzige Mama die da saß und mir war es so heiss!
Sobald er einen Fuss im Wassee hatte, strahlte er nur noch, sah immer wieder lächelnd zu mir und winkte fröhlich.
Das war es, was er von mir brauchte. Sicherheit.
Ein bekanntes Gesicht in all dem Fremden und Neuen. Es machte mich glücklich, dass ich das für ihn sein konnte. Nach ca 15 min verabschiedete ich mich bei ihm. Ich sagte ich schmelze gleich wie Olaf und müsse sofort hier raus.
Ich war die erste Mama beim Abholen und er kam mir gleich lachend in den Arm gesprungen.
Die Schwimmlehrerin habe gesagt:
„Schau mal, deine Mama schwitzt wie ein Schwein!“ Dann hätten sie gelacht und der Damm war gebrochen.
Ich war so erleichtert, dass es so ausging. So froh, dass er fröhlich war. So glücklich, dass ich den Kampf auf mich genommen habe und es durchgesetzt habe.
Morgen ist seine letzte Stunde und er freut sich drauf.
Ob er sein Seepferdchen schafft, ist mir nicht wichtig.
Vorgestern durften wir 5 min zuschauen und ich sah, wie mein Sohn ins Tiefe sprang und ganz alleine zum nächsten Beckenrand schwamm. Er war so stolz! Und ich noch stolzer. Ich konnte es nicht fassen.
Wieder mal viel gelernt. Fürs Leben!