
Montag.
Eigentlich mein Lieblingstag.
Denn der Montag stellt die Weichen für die Woche. Montag steht für Neubeginn, noch mehr wie jeder neue Tag an sich.
Am Montag geht mir alles leichter von der Hand. Ich verstehe nicht, warum es an sich so ein ungeliebter Tag ist, liebe ich ihn doch so sehr.
Was mir mal wieder nur spiegelt, dass allein meine Einstellung und Haltung zu etwas es gut, oder schlecht machen kann.
Heute Morgen zwischen 6 und 7 Uhr gab es bei uns daheim bereits Streit und ich beschloss, meinen Sohn heute nicht von der Schule abzuholen.
Ich war nicht bereit seinem Verhalten und seinen Provokationen entgegenzukommen und beschloss, dass ihm der Nachhauseweg dabei helfen könnte, über einige Dinge nachzudenken.
Der Abschied war seinerseits lieblos und ohne Worte. Er schlug die Autotür zu, nachdem er sich die Tränen weggewischt hatte. Sein wütendes Gesicht begleitete mich auch bei der Arbeit noch lange, jedoch wollte ich nicht einknicken.
Als er am Nachmittag klingelte, atmete ich tief durch. Jetzt war alles möglich!
Kurzatmig und lächelnd waren seine ersten Worte:
„Danke Mama, dass ich laufen musste, ich hab so viele getroffen!“
Ich drückte ihn und auch ihm schien es wichtig, dass ich mich wieder vertragen will.
Emotionen.
Die hat er von mir. Vor allem Wut und Zorn. Er ist ein Sturkopf durch und durch.
Ich selber habe mich oft für meine Gefühle geschämt, irgendwann aber aufgegeben dagegen anzukämpfen.
Wenn ich wütend bin, dann lauf.
Wenn ich weinen muss, gibt es kein Halten. Es wird schlimmer, wenn ich versuche, die Tränen zurückzuhalten.
Ich bin sehr nah am Wasser gebaut.

Vor allem seit ich Kinder habe. Sobald es um Familie, Wiedersehen, oder Schicksale und Krankheit geht. Ebenso, wenn es nur Videos, oder kurze Ausschnitte sind, ich weine. Hemmungslos. Und dann freue ich mich über mein weiches Herz.
Stark sein hat rein gar nichts damit zu tun, keine Gefühle zu zeigen. Das habe selbst ich dann irgendwann verstanden.
Bücher und Artikel über Themen, von denen ich mich angesprochen fühle, lassen meinen Puls so hoch schlagen, dass ich mir in solchen Momenten ein Mikrofon und eine Bühne wünsche, weil ich so viel zu sagen habe.
Aber nein, keine Sorge. Meine Glaubenssätze lassen das nicht zu und sind ein gutes Gegengewicht! Wer weiss, wozu ich sonst im Stande wäre!
Für einige war ich schon immer ZU alles. ZU laut, ZU gefühlvoll, ZU sensibel, ZU emotional, ZU mitfühlend, ZU sentimental, ZU wütend.

Als mein Opa starb, weinte ich manchen Menschen zu viel und zu lange.
Welche Verbindung er und ich hatten und dass mit ihm nicht nur mein einziger Opa, sondern so viel mehr gestorben ist…mir reicht, dass ich das weiss.
In meiner ersten Schwangerschaft war ich völlig aus dem Gleichgewicht.
Man fand mich „unausstehlich“ und ich solle mich „zusammenreißen“.
Ich weinte, wenn die Spieluhr La-le-lu spielte und später, wenn ich es meinem Kind vorsang.
Ich weinte damals sogar bitterlich, als ich an einem 30-er Zone Schild vorbeifuhr, unter dem stand:
„Es könnte auch dein Kind sein!“
Dieser Satz setzte mich damals Schach matt.
Als man mir ungefragt Ratschläge gab ( Ratschläge sind auch Schläge) und mir vorschreiben wollte, wie ich was zu tun habe, sagte man mir, ich solle mir einen breiteren Rücken zulegen. Ich sei zu empfindlich.
Als ich letztes Jahr an meiner Biografiearbeit saß und über unsere Trennung schrieb, weinte ich stundenlang.
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Ich tippte und weinte, als ich leise zu mir selber sagte:
„Wir haben es so in den Sand gesetzt!“
Ich habe intuitiv meinem Ex-Mann geschrieben, dass ich ihn sein lasse wie er ist. Dass es nicht nur so kam, weil er war, wie er war, sondern auch, weil ich war, wie ich war.
Dass ich keinen Hass, oder böse Gefühle für ihn hege und völlig mit ihm im Reinen bin. Dass er Recht hatte, als er sagte, es gab nicht nur schlechte Zeiten. Wir haben 2 wundervolle Kinder und diese werden uns immer miteinander verbinden.
Dass ich mich allein deswegen immer mit ihm ein bisschen verbundener fühle, als mit sonst jemandem.
Er war überrascht von meinen Worten und ich denke, sie kamen genau im richtigen Moment und waren für ihn noch wichtiger wie für mich.
Ausserdem ist seit diesem Tag auch alles ein wenig besser geworden, Stück für Stück. Es ist harmonisch und ich bin zufrieden. Die Ebene mit ihm war immer mein Ziel und nichts habe ich mir mehr für unsere Kinder gewünscht.
Meine Emotionen haben mich ans Ziel gebracht!
Heute vertrete ich den Standpunkt, dass ich ein ganzes Meer von Gefühlen aller Art bin und es ist ein Segen, sie alle ausdrücken zu können.
Sie machen mich aus und in mir steckt Liebe, Hingabe und Leidenschaft. Wie kann zu viel davon etwas Schlechtes sein?
Nicht jedem bin ich sympathisch und es gibt wohl nur pro und kontra im Bezug auf mich, es gibt nur wenig dazwischen.

Was ich aber immer mehr merke ist, dass genau die, die nicht gut mit mir umgehen können, genau die sind, die nach meiner Meinung fragen.
Denen es wichtig ist, wie ich dazu stehe, weil ich ehrlich bin. Geraderaus. Bei mir weiss man, woran man ist.
Ich lache dir nicht heute ins Gesicht, um morgen über dich herzuziehen.
Wenn ich über dich rede, dann habe ich es dir längst ins Gesicht gesagt, oder warte noch auf den richtigen Moment.
Irgendwie machte der Tag mir Hoffnung, mein neuer Job lässt mich aufblühen. Ich mag ehrliche Menschen, die sagen was sie denken, auch wenn es kurz unangenehm ist.
Nirgends sonst findet man das so geballt, wie in der Psychiatrie.
Sagt man was Blödes, kommt sofort die Rückmeldung. Wie sie dich gerade finden übrigens auch, klipp und klar, ob man es hören will, oder nicht.
„Stellen Sie eigentlich immer erst ’ne Frage und reden dann weiter, wenn man antworten will?“
„Fragen Sie mich nie mehr, wie es mir geht! Schlecht geht es mir! Zufrieden?“
Den Abend über begleiteten meine Kinder und mich nur noch gute Laune. Wir schauten auf Youtube die besten „Haka-Tänze“ und es zog uns sofort in den Bann. Meine Kinder wollten immer mehr davon und ich erzählte ihnen alles darüber, was ich wusste.

Alles, was die Maori damit ausdrücken wollen. Und das ist so viel! Alle Emotionen werden vereint und voller Stärke nach Aussen transportiert. Alles rausgelassen.
Wir drei erfanden einfach unseren eigenen Haka. Ich hörte Töne von meinen Kindern, die mir neu waren und sah Ausdrücke in ihren Gesichtern, die ich nie zuvor sah.
Sie hatten es verstanden und genau heute war es so wichtig. Keiner schämte sich und keiner lachte über den anderen, egal wie skurril die Geste schien, oder wie weit die Zunge rausgestreckt war. Was für eine Dynamik! Jeder bekam die passende „Antwort“ auf seine „Frage“.

Emotionen sind toll! Und können so stark und übermächtig sein!
Um diesen Tag zu feiern und richtig zu zelebrieren, hörten wir „Jerusalema“ in Dauerschleife. Wir tanzten dazu durch alle Zimmer, jeder hatte seinen eigenen Stil und jeder erfand sich neu. Der Zwerg wollte, dass ich ihm zuschaue und ich muss sagen, er hat den Rhythmus im Blut.
Wir tanzten jeder alleine, wenn wir uns in einem Raum begegneten, drehte ich den Zwerg, oder tanzte Hand in Hand mit dem Grossen.
Den Flur auf und ab, von einem Kinderzimmer ins nächste.
Ausgelassen zog mein Grosser sein Schlafanzugoberteil aus und schwang es über seinem Kopf! Völlig ungehemmt liess er seinen Emotionen freien Lauf und ich liebe das!
Wir alle lachten dabei und waren fröhlich. Bis wir schwitzend und ausser Atem auf der Couch zusammenbrachen.

„Ahhhhh. Das war so cool, Mama!“
Emotionen geben mir Macht. Sie lassen mich vom Verstand ins Gefühl kommen. Roboter gibt es genug auf dieser Welt. Ich will fühlen!

Ein bisschen „ZU“ von allem sein, birgt auch Vorteile.

Zu neugierig heisst, dass ich viel hinterfrage und nicht alles so hinnehme.
Zu sensibel heisst, dass ich zwar nicht immer mit Worten, aber eben mit Tränen sagen kann: „Das tat mir weh!“
Zu mitfühlend heisst, dass ich mich mit dir über deinen Erfolg freuen kann. Ohne Neid und Missgunst, weil du mir damit nichts wegnimmst. Ich denke es nicht nur, sondern komme auf dich zu und sage es dir.
Zu emotional heisst, dass ich es so meine, wenn ich dir sage, ich hab Gänsehaut am ganzen Körper und das es stimmt, wenn ich sage: „Von ganzem Herzen nur das Beste!“
Mein liebster Ex-Kollege ist zum 1. Mal Papa geworden. Das Bild, wie er seinen Sohn im Arm hält, liebevoll zu ihm herunterschaut und die Erzählung zur Geburt…Gefühlausbruch!
Meine Emotionen lassen mich immer wieder erkennen, um was es wirklich geht. Gefühle. Fühlen. Dankbarkeit und Glück. Ich bin reich und dazu brauche ich nichts im Aussen.
