Dankbarkeit

Der Donnerstag steht ganz im Sinne der Dankbarkeit.

Ich bin dankbar für die Zeit mit meinen Kindern. So sehr wie noch nie!

Vor Corona war ich oft genervt davon, so fremdgesteuer zu sein. Zählte die Tage, bis wieder Papa-Wochenende war und ich durchatmen kann.

Ich sehnte mich so sehr nach Zeit alleine, ohne die Kinder, dass der Beginn von Corona mein wahrgewordener Alptraum war. Notbetreuung, wenn ich arbeite, ja. Ansonsten non stop Kinderprogramm, rund um die Uhr. Ohne kurze Verschnaufpause, ohne meinen geliebten Outdoorsport, ohne Schule und ohne Kindergarten.

Heute, schau an, was das mit mir gemacht hat! Oft erkenne ich mich selber nicht wieder und muss über mich selber lachen.

Ich vermisse meine Jungs- so oft!

Ist das nicht irre und total verrückt? Wie konnte das nur geschehen?

Als sie das erste Mal beide wieder in die Einrichtung durften, war ich 8 km walken. Es tat soooo gut, diese Freiheit!

Auf dem Weg zurück kam das erste Mal dieser Gedanke auf:

„Ach, jetzt könnten sie eigentlich auch schon wieder heim kommen.“

Wenn jetzt Papa-Wochenende ist, kam schon mal der Gedanke auf:

„Wenn er sie diesmal nicht holt, ist es eigentlich auch nicht schlimm.“

Donnerstags ist mein kleiner Sohn auch am Nachmittag im Kindergarten angemeldet, weil der Grosse da normalerweise Nachmittagsschule hat.

Donnerstag war immer mein Lieblingstag. Nach der Arbeit mal nicht schnell in den Kindergarten hetzen. Zeit für mich. Oder für Termine, Haushalt, Einkaufen. Aber eben nicht mit zwei Kindern im Schlepptau.

Nach Corona: ich hole meinen Sohn grundsätzlich schon mittags ab, weil ich ihn um mich haben will. Weil ich das Gefühl habe, dass nichts wichtiger ist als die Zeit mit ihm.

Heute lag ich auf der Couch. Und glaubt mir, das ist etwas ganz Besonderes.

In den letzten Jahren bin ich nicht oft einfach mal so auf der Couch gelegen. Es gab immer was zu tun, oder jemand wollte was von mir, sobald ich mich kurz gesetzt hatte.

Auf jeden Fall lag ich so rum und schaute meinen Jungs beim Lego bauen zu. Ich schaute sie genau an. Ihre Mimik, ihre Gestik, ihr Blick. Ich wollte all das nie wieder vergessen.

Die Leute hatten recht. Die, die immer gesagt haben:

„Deine Kinder werden größer, es wird leichter!“

Damals schien das alles noch so weit entfernt und ich konnte es nicht erwarten.

Jetzt ist es passiert.  Sie sind schon so gross und brauchen mich bei vielen Dingen immer weniger.

Heute lagen wir zu dritt im Bett, ich in der Mitte und der Grosse zählte mir auf, warum er EIGENTLICH jetzt sogar besser schlafen kann, wenn ich rausgehe.

9 Jahre Schlafbegleitung bis auf wenige Ausnahmen, in denen es mal einfach so in einer guten Phase geklappt hat. Er war ein so schlechter Schläfer und wollte nie alleine sein.

Er wollte meine Hand, gekrault werden, oder später dann Fussmassage. Aber auf keinen Fall, dass ich rausgehe!

Tja, hier stehen wir nun. Jetzt ist es so, dass ich frage:

„DARF ich noch ein bisschen bleiben?“

Ich gebe zu, ich muss mich noch etwas daran gewöhnen.

Die besten Gespräche hatten wir immer vor dem Einschlafen. Dann, wenn der kleine Bruder längst beim Vorlesen eingeschlafen war.

Da erfuhr ich dann alles aus seinem Seelenleben. Was für ihn ein guter und was ein schlechter Freund war zum Beispiel.

Über was er gelacht hat, wen er verteidigt hat, oder wer sich für ihn eingesetzt hat.

Welche Mädchen er gut findet und welche doof.

Was er als ungerecht empfand und warum er heute zu XY besonders nett war.

Warum er sich geärgert hat und welche Eigenschaften er an seinen Freunden so mag.

Ich erfuhr über seine Ziele und wie er sich sein weiteres Leben so vorstellt.

Eine Umarmung, ein „Schlaf schön“ und rausgehen schien da noch so weit entfernt.

Ich freute mich umso mehr, als der Grosse aus der Badewanne rief:

„Mama, weißt du was wir schon ganz lang nicht mehr gemacht haben?

Ich liebe dich, weil…“

Dieses Spiel entstand aus der Not.

Im Wechsel sagen wir: Ich liebe dich, weil… und sagen einem anderen Familienmitglied den Grund dafür.

Wir haben das oft gemacht, wenn ich zu müde war, um mich zu bewegen und nur reden noch ging.

Auch gern gewählt an Tagen, an denen wenig Liebe spürbar war und es drunter und drüber ging.

Also spielten wir: ich liebe dich, weil…

Es ist herrlich, was die Kinder manchmal da so aufzählen. Und es zeigt mir, dass auch für sie nichts selbstverständlich ist, obwohl ich das oft denke.

Das tut gut! Wir alle strahlen. Vor allem der Zwerg. Er ist gut weggekommen und vom grossen Bruder hören, warum er einen so liebt, tut ihm unheimlich gut.

Ich merke, dass sie gross geworden sind, weil sie nicht mehr auf meine Tricks reinfallen.

Wenn ich zum Beispiel ernst alle zusammentrommle, fällt der Grosse nicht mehr drauf rein.

Gelangweilt sagt er:

„Ich weiß was jetzt kommt! Ich hab euch lieb, bla bla bla!“

Ihm kann ich nichts mehr vormachen. Oft fragt er mich, ob ich es wirklich ernst meine, oder das nur wieder so ein „Erwachsenentrick“ sei. Wie das, dass Mamas Kinder ins Bett bringen, dann sagen, dass sie nur kurz Wäsche machen oder sowas und dann wieder kommen. Und wenn sie wiederkommen ist das Kind eingeschlafen. Jahrelang hat es immer mal wieder geklappt.

Wenn der Zwerg mir sein Legoauto und das seines Bruders vor sie Nase hebt und wissen will, welches ich cooler finde…dann sage ich immer leise, dass ich seins cooler finde. Erstens, weil er sich so sehr freut, sich immer große Mühe gibt und zweitens, weil ich weiß, dass der Grosse eh weiß, dass seines klar cooler ist mit 4 Jahren Altersunterschied.

„Fall da nicht drauf rein, das ist wieder so ein Erwachsenentrick. Wenn du sie fragst, welches cooler ist, sagt sie deins. Wenn ich sie frage, sagt sie meins. „

Ich werfe ihm einen giftigen, belustigten Blick zu und der Zwerg grinst zufrieden, als ich das vehement abstreite.

Wenn ich mich mit der 80 jährigen Frau aus der Nachbarschaft unterhalte und sie mal wieder anerkennt, dass alleinerziehend sein alles andere als leicht ist, dann lächle ich.

Oft war genau dieser Satz Anlass dazu mein Herz auszuschütten. Wie ungerecht die Welt ist, WIE schwer es wirklich ist, wie schlimm, nichts gerecht zu werden.

Jetzt bin ich eher stolz auf das, was hinter mir liegt. Wie ich diese schweren Jahre gemeistert habe und dass es jetzt ein bisschen einfacher wird.

Ja. Sie sind gross geworden. Und ich bin dankbar dafür, dass ich Teil des Ganzen bin.

4 Kommentare zu „Dankbarkeit

    1. Witzig. Gerade, als ich deinen Text lese, kommt die Nachricht von deinem Kommentar. Genau in dem Moment dachte ich so für mich: ja schau, auch was mit Dankbarkeit!

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      1. Ja, ich fand so schön, dass du die kleinen, eher unspektakulären Momente mit deinen Jungs beschreibst und welche Freude du daraus ziehst. So ging es mir, als ich vor ein paar Tagen unverhofft die Mail erhalten habe, von der ich in meinem Beitrag schreibe. Alltagsmomente, deren Wert ich sehr zu schätzen weiß!🙂 Lg, Sarah

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