Über die Verantwortung

Wenn man nicht mittendrin sitzt in der Misere, kann man es nicht glauben.

So oft war ich sprachlos und konnte die Ungerechtigkeit nicht fassen!

Wie oft hatte ich die Idee, mich mit einem Mikrofon auf den Marktplatz zu stellen und es rauszuschreien.

Da sitze ich nun mit 2 Kindern allein, die ich über alles auf der Welt liebe und für die ich alles tun würde.

Zum Glück! Denn das ist wohl das einzige, was ungemein dabei hilft, es durchzustehen.

Es sind die Finanzen…

Wenn das Konto leer ist, muss ich trotzdem einkaufen. Ich muss trotzdem neue Schulhefte kaufen und meine Jungs wollen auch keine langen Haare.

Manches kommt sehr wohl ungelegen, zb wenn ein Kindergeburtstag ansteht.

Noch schlimmer, wenn es ein Doppelgeburtstag ist und das Kind an der Tür merkt, dass es sich doch nicht traut dort zu bleiben.

Manche Sachen können warten.

Eine neue Turnhose zum Beispiel, wenn nach 2 Wochen Training bereits ein Loch am Knie ist, weil das Kind Torjubel geübt hat.

Wenn das Konto leer ist, muss ich trotzdem zähneknirschend Geld auf die Mensakarte laden.

Die Selbstbehaltsgrenze wird 2020 erhöht, weil, wie die Dame vom Jugendamt sagte:

“ 1200 Euro ist wirklich zu wenig!“

Wer fragt mich nach meinem Selbstbehalt und Millionen von anderen Elternteilen?

Die Überweisungen pausieren nicht in schlechten Zeiten.

Es ist kein anderes Konto da, so wie früher in der Ehe.

„Überweis das mal bitte für mich!“

Ich schmunzel, weil es so lang her ist, dass ich diesen Satz sagen konnte. Ich erinnere mich kaum.

Mein Sohn versteht oft nicht, warum ich zwanghaft versuche alles zusammenzuhalten und regelmäßig so sauer bin, wenn wieder eine Mütze weg ist, wieder die Jacke irgendwo in der Turnhalle liegen bleibt, wieder kein Spitzer oder Radiergummi mehr da ist.

Andere Mütter verstehen oft nicht, warum ich mich 1000 mal für die gebrauchten Winterstiefel in genau der passenden Größe bedanke.

Sie winken ab, wenn ich frage, warum sie diese denn nicht versucht haben zu verkaufen: “ Ach was!“

Es ist der Spagat zwischen Arbeit und dem Rest zu Hause.

Pünktlich morgens da zu sein, wenn jede Minute zählt. Oft mit nem Puls jenseits von 100, weil bereits zwischen 6 Uhr (Weckzeit der Kinder) und 7 Uhr (Öffnung von Kindergarten und Frühbetreuung) alles schief lief, was nur schief laufen kann.

Mittags pünktlich gehen zu müssen, alles liegen lassen, weil man schon wieder hetzen muss, um die Kinder rechtzeitig abzuholen.

Was oft bleibt ist das Gefühl, die Kollegen im Stich zu lassen. Doch noch etwas vergessen zu haben, was wichtig war. Selber zu kurz zu kommen.

Doch etwas nicht gesagt, was relevant war.

Wenn alles zu viel wird, kann ich nicht sagen:

“ Übernimm bitte mal, ich kann nicht mehr!“

Ich MUSS können. Es fragt keiner.

Es gibt keine Alternative. Ich selber bin meine einzige Lösung für solche Momente.

Also heißt es Ruhe bewahren. So gar nicht meine Stärke!

Kreativ sein. Oh und das bin ich!

Es ist nicht diese Art kreativ, wenn man ein Bild malt, etwas strickt oder bastelt.

Es ist die Art kreativ, wie ich einen 4 jährigen stundenlang auf der Tribüne beschäftigen kann und bei Laune halten, wenn der Bruder turnt.

Es ist die Art kreativ, wenn das Kind keine Zähne putzen will und ich so tuhe, als ob ich die Kontrolle über die Zahnbürste verloren habe. Nur damit er lacht und ich an die Backenzähne komme.

Es ist die Art kreativ, wenn der 8 jährige müde ist, einen langen Tag hatte und zig Matheaufgaben gelöst hat.

Das zu lernende Gedicht mich hämisch anlächelt und er es noch nicht kann. Okay, dann rappt er es eben und der kleine Bruder darf dazu beatboxen. Das macht Spass!

Dann ist endlich Wochenende, man könnte es sich gemütlich machen. Endlich runterfahren. Die Hausaufgaben auf mehrere Tage verteilen, jeden Tag ein bisschen.

Aber es ist Papa Wochenende.

Bei ihm ist dann der gemütliche Teil.

Ja, ich bin neidisch. Ab und zu. Es muss schön sein. Einfach in den Tag leben, machen, worauf man Lust hat.

Ohne jegliche Verantwortung. Ohne Schulstress. Ohne Freizeitstress. Ohne Brote schmieren und überlegen, welcher Belag heute besser ankommt als der gestrige, der mittags in den Müll wanderte.

Einfach nur qualitytime.

Wenn der in unserem Fall Ex-Mann sich an den Ferien nicht beteiligen will/kann/ JETZT noch nichts sagen kann…ja dann kann er nicht gezwungen werden.

Dann MUSS ich wohl. Mich fragt keiner. Ob ich will und kann. Wie ich 12 Wochen Schulferien kompensieren soll mit 30 Tagen Urlaub? Ich MUSS. Denn wer soll es denn sonst machen?

Wenn er Umgangswochenenden absagt, dann ist es wohl so.

Dann muss ich das wohl übernehmen. Ob ich krank bin, Pläne hatte, oder arbeiten muss…fragt keiner.

Wie meine Anwältin bereits vor 2 Jahren sagte:

“ Ob sie am Umgangswochenende 10 Männer mit heim nehmen, oder arbeiten gehen, es ist egal. Die Tatsache allein ändert nichts!“

Wenn er von einem Tag auf den anderen keinen Unterhalt zahlt, weil er trotz gutem Job nicht mit Geld umgehen kann…ja, dann muss ich das wohl so hinnehmen.

Ich werde wieder 100 Kopien machen, um alles nachzuweisen. Dann 4 Seiten Antrag pro Kind ausfüllen, um Unterhaltsvorschuss zu beantragen, der genau die Hälfte der Summe ist, die mir monatlich fehlt.

Ich brauche eine aktuelle Wohnbescheinigung dafür.

Diese kostet mich beim Rathaus 5 Euro.

Im Auto bekomme ich einen Lachanfall wegen der Ironie an sich.

Ich renne Geld hinterher, das den Kindern zusteht. Um dem Geld, das mir jeden Monat fehlt hinterherzurennen, habe ich enormen Aufwand durch die Bürokratie UND muss für Unterlagen, die ich brauche, um meinem Geld hinterherzurennen Geld bezahlen.

Wenn’s gut läuft, muss ich nur 2 mal Miete kompensieren, dann ist der Antrag geprüft, noch fehlende Unterlagen nachgereicht und das Geld auf dem Konto.

„Ja haben Sie keine Reserven bis dahin?“

Es gibt alle möglichen Hilfen…wir liegen irgendwie mit dem Einkommen immer zu hoch. Es steht uns nichts zu.

Wir scheinen noch nicht arm zu sein.

Weit weg davon.

Meine „Reserven“ waren nicht dafür gedacht, zu kompensieren, was der Papa jetzt nicht mehr zahlen kann.

Es war harmonisch. Endlich. Wenigstens zahlt er, wenn er sonst schon nicht viel macht, dachte ich immer.

Ich wurde gefragt, wie ich es schaffe, so ruhig zu bleiben was ihn betrifft.

Meine Bekannte redet sich jede Woche deswegen in Rage, obwohl es bei ihr schon Jahre her ist und ihre Töchter erwachsen.

Sie sei sofort wieder mitten drin und wisse genau wie ich mich fühle. Deshalb verstehe sie es nicht. Sie würde es ihn spüren lassen denkt sie. Ihm am liebsten ins Gesicht spucken und ihn fragen, ob er sich nicht schämt?

Ich sehe ihn zum Glück nicht oft und wenn, dann vor den Kindern. Ein paar Minuten.

Ich bin neutral und distanziert. Alles andere wäre furchtbar für die Kinder. Das tu ich ihnen nie mehr an. Die Zeiten sind vorbei.

Als Krankenschwester kann ich sagen, es ist wie heutzutage in der Pflege:

Irgendeiner springt immer ein ( in meinem persönlichen Fall ich selbst) und irgendwie geht’s ja doch immer. ( nicht immer gut, aber es geht. ) Irgendwie.

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