“ Heute ist mein Glückstag…“

Der Zwerg hüpfte vergnügt durch das Tor des Kindergartens, als er das sagte.

Seit Wochen bettelt er um Knete, weil er die „soooo liebt“ und ich vertröste immer.

Ich kaufe oft pro Jahr Knete und bereue es oft pro Jahr wieder. Denn alles wird vermischt und letztendlich landet es im Müll. Irgendwie doof.

Wie jedes Jahr am 5.12 kann der Grosse vor Aufregung nicht einschlafen. Ich muss 2 mal aufstehen und durch den Spion kucken, denn er hat Schritte gehört. Er selber ist unter der Decke versteckt und sagt:

“ Irgendwie hab ich jetzt Angst vor mir selber!“ Wir lachen. Er ist 8 und es wundert mich sehr, dass er das Erwachsenengeheimnis noch nicht ganz gelüftet hat. Seit 2 Jahren stellt er berechtigte Fragen und versucht zu verstehen.

Aber die Theorie, dass der Nikolaus und der Weihnachtsmann Brüder sind, die hält sich noch. Natürlich weiss er schon lange, dass die auf den Weihnachtsmärkten und in den Läden nicht die echten sind, sondern nur verkleidete. Und natürlich weiss er auch, dass der Weihnachtsmann zu uns nur kommt, um uns, die hier wohnen zu beschenken.

Dass wir den anderen in der Familie aber auch ne Freude machen wollen und denen dann was kaufen/basteln/malen. Das ist dann von uns und hat nichts mit dem Weihnachtsmann zu tun.

Als ich ca 6 war hab ich den Osterhasen gesehen. Den Echten! Es war früh am Morgen und ich schaute zum Fenster raus in den Garten.Vielleicht habe ich es mir so, so sehr gewünscht, dass meine Phantasie mit mir durchgegangen ist. Vielleicht war es auch ein Traum. Aber selbst jetzt mit 37 habe ich das Bild von ihm noch ganz klar vor Augen.

Er war riesig, noch grösser als ein Känguru und auf dem Rücken hatte er einen grossen braunen Korb. Er sah herzensgut aus, hatte es aber eilig. Kurz trafen sich unsere Blicke.

Mein Sohn fragte gestern direkt:“Oder machst du das mit den Geschenken?“Ich antwortete nicht gleich, rang nach den richtigen Worten, um ihn nicht zu enttäuschen. Er redete aber selber einfach weiter und wollte scheinbar gar keine Antwort von mir hören. Er sagte, dass er an den Weihnachtsmann noch mehr glaubt, weil, wenn der kommt, seien wir ja immer ALLE in der Kirche oder so.

Das könne ja nicht ich machen.Er ist ein Luchs und inzwischen achte ich auf alle Details, um den Zauber noch etwas zu erhalten. Zum Beispiel schreibe ich keine Namen auf die Pakete. Seit er lesen kann, habe ich Bammel, dass er meine Schrift erkennt.

Da sein Bruder 4 Jahre jünger ist, kann es nicht zu Verwechslungen kommen, da die Interessengebiete weit auseinander liegen. Auch achte ich darauf, dass ich keinesfalls Geschenkpapier verwende, das wir bereits zu Hause haben und das erkannt werden könnte.

Die Geschenke für die anderen in der Familie müssen also mit ganz anderem Papier verpackt werden.Früher, als wir noch zu viert waren, war alles einfacher mit dem Vorbereiten. Als der Grosse 4 war, blieb Papa mit dem Baby zu Hause und konnte alles vorbereiten.

Wir 2 waren in der Kirche und er sprang auf und ab vor Freude, als wir wiederkamen und lauter Geschenke unter dem Baum lagen. Selbst der Papa war überrascht, er hatte nichts mitbekommen, da er oben grad gewickelt hatte.

Unser 1. Weihnachten nach der Trennung werde ich niemals vergessen. Es war eindrucksvoll und doch so einzigartig. Wir waren ein paar Monate in unserer neuen Wohnung. Zu dritt.

Ich hatte meine Arbeit verloren und das Kindergeld mein einziges Einkommen.Viele Stunden verbrachten das Baby und ich auf den Fluren des Jobcenters. Es war demütigend. Ich war todtraurig, überfordert, frustriert und das Konto war leer. So viele Pakete und Geschenke von Freunden gab es nie davor und nie mehr danach.

Ein echter Tannenbaum kam nicht in Frage.

Das Geld reichte nur für diesen kleinen weissen Plastikbaum, den ich so erbärmlich fand und mich furchtbar schämte. Für mich war es kaum zu ertragen, dass das alles war, was ich meinen Kindern bieten konnte.

Er kostete 23 Euro und eigentlich war das in dem Horrormonat Dezember auch nicht drin. Ich fürchtete mich vor der Reaktion meiner Kinder.

Was ist wohl passiert?

Sie fanden ihn wunderschön! Vor allem, weil wir ihn zusammen geschmückt haben und alle gebastelten Dinge aus dem Kindergarten mit dran gehängt haben.

Im nächsten Jahr ging es uns viel besser, ich hatte wieder Arbeit und wollte einen besseren und grösseren Baum kaufen. Meine Jungs flehten mich an, dass wir den Baum vom letzten Jahr nochmal nehmen, „weil der war sooo schön!“

Der erbärmliche weisse Plastikbaum begleitet uns jetzt bereits das 3. Jahr und wir haben ihn lieb gewonnen.

Immer wieder zeigt er mir, dass man nicht viel braucht zum glücklich sein. Nichts Grosses, nichts Teures, nichts Spektakuläres.

Viel wichtiger ist unsere neue Tradition. Das Gemeinsame.

Dass es nicht perfekt sein muss um schön zu sein. Noch nie haben meine Kinder gesagt, dass sie den doof finden, auch so einen Grossen haben möchten wie alle anderen. Für mich ist es einfach schön zu wissen, dass wir genau diesen Baum haben WOLLEN. Wir KÖNNTEN uns jetzt einen anderen kaufen. Wollen wir aber nicht. Also ist es auch viel weniger schlimm.

Eins meiner grössten Probleme als alleinerziehende an Heilig Abend war, wie die Geschenke unter den Baum kommen sollen. Es wäre einfach gewesen, dass die Geschenke morgens schon unter dem Baum liegen.

Das finde ich aber doof und entschied mich dagegen. Im 1. Jahr nach der Trennung hatte der Nicolaus Eintrittskarten für den Zirkus ein paar Dörfer weiter gebracht. Was kleines….nichts besonderes. Aber doch so, dass ich die Kinder aus dem Haus locken konnte.

Im Keller war ein Jutesack vorbereitet und mit dem Nachbarn war abgesprochen, dass er diesen zu verabredeter Zeit vor unsere Tür stellt.

Da die Zirkusvorstellung am 24.12 so schlecht besucht war, wurde sie abgesagt. Ausser uns waren noch ca. 10 Menschen da und vor so wenig Publikum treten sie nicht auf, erklärten die Artisten.Schwer enttäuscht und den Tränen nahe stapften wir zum Auto zurück. Der Kleine weinte und wollte nicht gehen. Der Grosse hatte miese Laune und sagte die ganze Zeit, wie „scheisse“ er das findet.

Ja, was soll ich sagen? Mit jedem Jahr wurde es besser.

Ich achte darauf, dass wir qualitativ Zeit miteinander verbringen. Ich frage die Jungs, was sie essen wollen und meist ist es was einfaches, schnelles. Ok…Denn ich will auch nicht den ganzen Tag in der Küche stehen. Ich spiele lieber mit. Ich lese und wir hören Weihnachtslieder. Letztes Jahr haben wir Kekse gebacken, damit die Zeit schneller rum geht.

Danach waren wir in der Kirche. Ich steh mit der Kirche ja eher auf Kriegsfuss, aber die Stimmung an Heiligabend ist wunderschön. Und die Jungs wünschen es sich dieses Jahr wieder. Der Jutesack liegt im Keller bereit und ich hoffe, dass ein netter Nachbar mich wieder unterstützt. Damit der Zauber dieses Jahr noch anhält. Sicher ist es für den Grossen das letzte Jahr, dass er an den Weihnachtsmann glaubt.

Ich gönne es ihm von ganzem Herzen und werde mir dafür ganz besonders Mühe geben.

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