Prävention/Aufklärung

Schon immer gehe ich mit schwierigen Themen sehr offen um und gebe das meinen Kindern auch so weiter.

Wir reden über den Tod, weil er eben zum Leben dazu gehört und wir alle betroffen sind. Keiner bleibt verschont.

Wir philosophieren ab und zu darüber, wie es danach wohl weitergeht.

Wir sind verschiedener Meinung, aber sind uns einig, dass wir nicht an die Hölle glauben wollen.

Ich beantworte alle Fragen zum Thema Sex, immer wieder muss ich vor’m Einschlafen den Tag seiner Geburt Revue passieren lassen. Dabei darf ich kein Detail auslassen, das merkt er sofort.

Der Grosse weiss genau, dass er durch die Scheide kam und sein Bruder durch den Bauch.

Come on…so ist es eben! Das sind die Fakten, die Realität!

Der 4 jährige weiss schon lange:

„Jungs haben einen Penis und Mädchen eine Scheide!“

Ich bin Krankenschwester, habe deshalb vielleicht wenig Tabus. Ich bin mit Sekreten und Geschlechtsteilen fremder Menschen täglich auf Tuchfühlung und für mich ist das alles normal.

So normal, dass in unseren Frühstückspausen über Dinge geredet wird, bei denen es anderen schon hochkommt. Wir essen dabei aber genüsslich unser Müsli oder Brötchen.

So normal!

Das interessante ist, dass es für meine Kinder auch nichts weltbewegendes ist.

So ist eben eine Geburt und so entstehen Babys. Punkt.

Als der kleine Bruder geboren wurde, war der Grosse schon 4 1/4 und hatte viele Fragen.

Ich kaufte als Unterstützung dieses Aufklärungsbuch für Kindergartenkinder.

Er hatte schnell alles begriffen:

Männer…Hoden…Samen

Frauen…Gebärmutter…Eizelle

Wie das allerdings zusammenkommt, so weit war er damals noch nicht. Es blieb offen.

In diesem Buch gab es eine Klappe. Wenn man die öffnet, sieht man, wie die Mama auf dem Papa sitzt. Der Text daneben lässt keine Fragen offen, da gehts dann wirklich ans Eingemachte. Puh!

Die Seite blätterte ich immer um. Das ging sogar mir zu weit.

Eines Tages waren wir wieder bei dem Thema. Wieder die bekannten Fragen und ich gab die bekannten Antworten.

Er wurde sauer und sagte:

„Ich weiss das alles! Mann…Samen…Frau…Eizelle. Das mein ich nicht! Sondern WIE kommt das zusammen?!!“

Ich bat ihn das besagte Buch zu holen, schlug die gewisse Seite auf und las vor. Ohne Scham, Wertung und Emotion.

Dann klappte ich zu. Sagte:“So, jetzt weisst du alles!“

Er hatte den Mund offen und sah mich mit grossen Augen an. Er zog die Augenbraue hoch und sagte: „Ok.“

Im Anschluss spielten wir Lego.

Bis heute schmunzel ich noch beim Gedanken an seinen Gesichtsausdruck.

Sehr früh haben wir über Tabus geredet. Wo man jemanden nie anzufassen hat. Nämlich überall da, wo bei Mädchen/Frauen ein Badeanzug ist und bei Jungs/Männern die Badehose.

Ausnahmen natürlich die Mama beim Duschen usw.

Ansonsten haben sie an diesen Körperstellen nichts zu suchen und dürfen dort niemanden einfach so hinfassen.

Weitere Ausnahme: die spätere Freundin/Frau, wenn man verliebt ist.

Mein Grosser weiss, dass das genauso umgekehrt gilt. Niemand hat ihn an seinen intimsten Stellen anzufassen. Dass es Erwachsene gibt die so ticken und dass das ne Straftat ist. Dass es verboten ist und er sich da wehren darf, soll und sogar MUSS!

Dass man solche „Geheimnisse“ nieeeeeemals für sich behalten darf und sich immer Hilfe holen muss. Diese Art Geheimnisse, die sich im Bauch blöd anfühlen. Über die man nachdenkt ohne zu wollen und die einem schlechte Laune machen. Vielleicht traurig oder wütend.

Dass man sich da niemals schämen darf und egal wie schlimm es ist, er mir immer davon erzählen kann.

Er war schon geschockt, dass es Menschen gibt, die so was tatsächlich von ihm fordern können. Vielleicht sogar vertraute Personen und dass das jeden Tag irgendwo passiert.

Er fand das einfach nur ekelhaft!

Und war irritiert, als ich ihm sagte, das diese Menschen dafür auch ins Gefängnis kommen.

Dass es viel zu selten der Fall ist, sie meist weiter draussen rumspringen…den Teil behielt ich für mich.

Er fragte: “ Also Moment. Wer genau kommt dann ins Gefängnis? Der, der das gemacht hat, das Kind oder die Eltern von dem Kind?“

Allein diese Frage von ihm gibt mir die Gewissheit, dass es so, so wichtig ist mit Kindern darüber zu reden.

Sie sind so lieb, naiv, wollen zu Erwachsenen nicht unhöflich sein, weil das bringt man ihnen ja bei.

Höflich und freundlich sein zu Erwachsenen hat aber Grenzen!

Nämlich dann, wenn der Erwachsene etwas tut, das du nicht möchtest, von dir etwas verlangt, was dir komisch vorkommt, oder sich für dich nicht gut anfühlt.

Eine Freundin erzählte mir, dass dieses Thema bei ihrer Tochter in der 1. Klasse als Prävention Inhalt war. Eine Mutter sei beim Elternabend danach empört aufgestanden und hätte gesagt:

„Man muss ja keine schlafenden Hunde wecken!“

Ich widerspreche! Doch, muss man!

Vorher…nicht danach!

Kinder gehen nicht davon aus, dass Erwachsene böse sind und ihnen was Schlechtes wollen.

Sie haben Respekt vor Erwachsenen, vor allem, wenn es enge Vertraute sind. Sie denken Erwachsene beschützen sie.

Das ist nicht immer so und ich finde das muss ein Kind wissen.

Damit es Recht von Unrecht unterscheiden kann!

Damit es sich Hilfe holt und sich jemanden anvertraut, wenn es in eine „komische“ Situation gerät.

Viele denken vielleicht, dass es weit weg ist und mit ihnen nichts zu tun hat.

Ich sage: dann lauft ihr mit geschlossenen Augen durch die Welt!

Ich kenne mehr als eine handvoll Frauen, denen keiner gesagt hat, dass es Unrecht ist, wenn der Vater, Opa, Freund des Vaters sie angefasst hat.

Ich bin gerne bereit mein Kind einmal zu schocken, wenn es ihm dabei hilft, nie in so eine Situation zu kommen.

Ich kann meine Kinder nicht immer beschützen, das ist klar.

Aber ich kann sie aufklären und sehe das auch als meine Pflicht als Mutter.

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