Momentaufnahme

Beim gestrigen Einkauf begegnete ich dieser einen Mama. Sie war mit ihrer ungefähr 5 jährigen Tochter dort und offensichtlich mehr als genervt.

Sie rief immer wieder nach ihr und verdrehte die Augen.

Die Tochter lief immer wieder weg und ihr Ton wurde schärfer.

Das kleine Mädchen rief zwischen den Regalen nach ihr und sie rief gereizt zurück: “ Hier bin ich, du…“

Sie beendete den Satz nicht und blieb genervt stehen.

Was sie wohl sagen wollte?

Eine Freundin machte mich erst letztens darauf aufmerksam, dass in einem „Streit“ auf ein DU immer ein böses Wort folgt, oder eine Beleidigung.

„Du bist dumm“

„Du Arschloch“

„Du Baby“, was in unserem Fall regelmässig zu Tränen führt.

Diese mir fremde Mutter hatte einen starren Blick, keine Mimik. Sie schaute grimmig.

Ich lächelte sie im Vorbeigehen freundlich an. Sie erwiderte meinen Blick nicht, schon gar nicht mein Lächeln.

Diese Mutter, mit ihrer ganzen Überforderung und Wut, der fehlenden Kraft, dem genervt sein und dem bösen Blick…die war ich.

Es war, als ob mir jemand den Spiegel hinhält und ich sehe mich selbst.

Nicht an diesem Tag, aber an so vielen anderen.

Sie hat mir leid getan. Ich weiss, dass sie nicht so sein will, dass sie sich selber nicht leiden kann, wenn sie so ist.

Ihre Tochter ist zuckersüß, hat ein breites Grinsen im Gesicht und scheint fröhlich.

Ich bin sicher, sie nimmt ihre Mama nicht so wahr, denn Kinder lieben bedingungslos. Sie lieben uns mit all unseren Gemütszuständen.

Sie lieben uns sogar dann, wenn wir uns so gar nicht lieben.

Wenn uns die Kraft fehlt und wir unsere Liebe nicht zeigen können. Wenn wir nichts zu geben haben, weil wir mit dem Wenigen, das wir haben sparsam sein müssen, um den Tag zu überstehen.

Sie lieben uns, auch wenn wir nach dem Aufwachen den Moment ersehnen, wenn das Kind abends wieder schläft.

Sie nehmen uns mit all unseren Launen an, wollen trotzdem mit uns Kuscheln und uns drücken, auf unserem Schoss sitzen und uns alles erzählen.

Ich verurteile Mütter in solchen Situationen nicht. Das wäre zu einfach und sicher erwartet sie das.

Sie weiss doch selber am besten, dass sie so nicht sein sollte und ihr Kind einfach nur Kind ist. Es kann nichts dafür!

Wer weiss, mit was sie sich quält und beschäftigt?

Wer weiss, was sie gerade durchmacht?

Wenn wir es wüssten, würden wir sicher sagen: „Ich verstehe!“

Ich hoffe für diese Mama, dass sie jemanden hat, der sie am Abend fest gedrückt hat und vielleicht hat sie auch geweint. Vielleicht hat sie Schuldgefühle.

Ich hoffe sie konnte ihrer Tochter sagen, dass sie sie liebt. Trotz allem. Und gerade deshalb!

Liebe fremde Mama, ich verurteile dich nicht! Sicher hast du dein Bestes gegeben, mehr war eben nicht drin.

Es ist nur eine Momentaufnahme.

Vielleicht hat sie ihrem Kind schon lange vorgelesen, mit ihm gemalt, gespielt, es gebadet und mit ihm gekocht.

Vielleicht hat sie es fest gedrückt und in die Luft geworfen vor Freude. Vielleicht hat sie es durchgekitzelt und geküsst. Ihm zärtlich über den Kopf gestreichelt und an seinem Haar gerochen.

Das alles weiss ich nicht, genauso kenne ich ihre Sorgen und Nöte nicht.

Aber ich kenne diese Tage sehr gut. Ich kenne dieses Gefühl, sich selbst nicht leiden zu können.

Auch kenne ich das Gefühl zu wissen, wie ich es besser machen könnte, aber es trotzdem nicht umsetzen kann.

Zu meinem grossen Sohn sagte ich am Abend, dass ich heut bei ihm bleibe bis er schläft und er konnte sein Glück nicht fassen. Wir hatten ein tolles Gespräch und er ist in meinem Arm eingeschlafen.

Ich hatte Glück. Diesmal. Denn ich hatte viel zu geben. Geduld und Liebe.

Und ich hoffe sehr, dass das für die besagten Tage reicht, an denen ich bin wie diese Mutter gestern beim Einkauf.

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