Der Hulk in mir

Ich treibe im Wasser und nur meine Nase kuckt raus. Ich muss mich richtig abmühen nicht unterzugehen und stehe auf Zehenspitzen.

So fühlte ich mich die letzten Wochen.

Ich arbeitete viel, in der 3. Klasse meines Sohnes geht es Schlag auf Schlag mit Arbeiten schreiben, Gedicht lernen, Dies und Das.

Dazu kamen einige schlechte Nachrichten, Rückschläge und ich war ohne jegliche Energie.

Mein „Ich-funktioniere-einfach-nur-noch-irgendwie“- Modus lief noch, wenn auch der Alarm ab und an mal anging.

Der Gedanke an 3 freie Tage diese Woche hielt mich irgendwie über Wasser.

An Sport war nicht zu denken. Mein Knie machte mir einen Strich durch die Rechnung, meine #30squatsdays challenge hab ich an Tag 20 beendet.

Mein Sohn war der nächste, der mich wieder in meine Mitte brachte, denn er hat ne fette Bindehautentzündung und kann seit Montag nicht in den Kindergarten.

Meine kleine Handbremse. Ich war ihm fast schon dankbar, denn ich lief ziemlich auf dem Zahnfleisch.

Auf der Couch liegen, lesen, spielen, Fernseh schauen war wirklich das was ich brauchte.

Jeden Mittag bin ich zu Hause von der Arbeit und habe wirklich nie das Gefühl gehabt was verpasst zu haben.

Jetzt wurde es mir auf dem Silbertablett präsentiert. Ich hatte ja keine Ahnung!

Dieses 4 jährige Wunderpaket hat mir von Dingen erzählt, die mich staunen liessen.

Ich bin jetzt um Einiges schlauer im Bezug auf seine Freunde, seine Wünsche zu Weihnachten, wen er zu seinem Geburtstag einladen will und wen eben nicht. Ich bin auf dem Laufenden mit seinen Lieblingssendungen und habe sie bewusst mit ihm zusammen angeschaut. Er strahlte so sehr, als er mir alles erklären durfte und ich ihm zuhörte.

Ich beobachtete ihn beim Singen, wir haben zusammen gekocht und er war ein toller Helfer.

Obwohl ich immer da bin, ist selten Zeit! Schnell dies, schnell Das. Schnell dahin, schnell dorthin. Und nur kurz Dies und eine Minute das. Immer muss ich irgendetwas tun! Hausaufgaben, abfragen, Termine ausmachen, telefonieren, überweisen, etwas nachlesen, den Haushalt schmeissen, jemanden irgendwohin fahren, oder eben abholen.

Wir verbringen sehr viel Zeit zusammen. Aber zu wenig qualitative. Zu selten schaue ich meine Jungs genau an, lächle über die Mimik, die mir neu ist.

Doch, ich verpasse sehr viel!

Heute haben mein Sohn und ich 3 Mal einen Spielzeugkatalog durchgeblättert. 3 Mal! In Ruhe! Mit jedem „schau mal hier“ und jedem „oh, das wünsch ich mir“.

Es ist wirklich Luxus so dasitzen zu können und nicht daran zu denken, was noch alles zu tun ist.

Klar, diese Gelegenheiten sind mir wichtig. Dafür lasse ich auch bewusst etwas anderes liegen. Klar mache ich Abstriche und lasse Neune gerade sein.

Aber es holt mich ja ein, denn es wartet ja auf mich. Keiner nimmt es mir ab, damit ich diese Situation mit meinem Kind zelebrieren kann. Und es gibt jeden Tag sooooo viel zu tun.

3 Tage war ich jetzt nicht mehr arbeiten und Tage wie heute lassen mich daran zweifeln, wie ich das Alles manchmal wuppe ohne durchzudrehen.

Als ich mein Schulkind heut Mittag abhholte, lächelte er zögerlich.

Im Auto erzählte er mir aufgebracht und wütend, dass er im Gedicht nur ne 2 – bekommen habe und daran seien seine Freunde schuld.

10 min bevor er es Aufsagen musste, hätte es Streit gegeben. Keiner hätte ihm geglaubt, dass der Umfang eines Wasserkopfes 1 m sein kann.

Wie er drauf kommt? In meiner Ausbildung zur Krankenschwester war ich in einer speziellen Einrichtung. Vor Jahren erzählte ich ihm von Simon, dessen Kopfumfang sogar 1.50 m betrug. Meine Erzählung und die Fotos in meinem Album müssen ihn schwer beeindruckt haben.

Alle hätten ihn aufgrund dessen ausgelacht. Niemand habe ihm geglaubt. Er habe sich Mühe gegeben bei der Betonung, aber er sei voller Wut gewesen und hätte das Gedicht nur in monotonem Wutton aufsagen können.

Puh! Er tobte und liess alles raus. Er war so sauer. Auf alle anderen. Die seien Schuld und er habe sich seinen Notendurchschnitt versaut.

Zu Hause stellte er fest, dass er seine Hausaufgabe in Mathe nicht machen kann, da er sein Buch in der Schule vergessen hat.

In Deutsch klappte es auch nicht, ich hörte ihn laut fluchen und auf den Tisch hauen. Er sei immer noch viel zu wütend und könne sich nicht konzentrieren.

Wir waren uns einig, dass er nach dem Training weitermacht.

Es wurde anstrengend, denn er war der Meinung nur Fernseh schauen könne ihm jetzt helfen. Genau das wollte ich auf keinen Fall, mit dem Argument, dass Fernseh schauen nicht dabei hilft seine Wut loszuwerden.

Ich packte mal wieder den Rucksack.

Die Natur wird das schon richten.

Im Auto ging es laut zu. Es wurde darüber gestritten, dass jeder ein „Arschloch“ hat. Der Grosse sagte, er habe ein „Popoloch“. Bei ihm heisse das anders, weil er älter sei. Er fand sich unheimlich lustig und genoss das Geschrei.

Neben der Trainingshalle ist ein Park und wir waren lange nicht mehr da.

Er lachte, sprang rum, schlug Räder, balancierte, kletterte.

Dazwischen pisakte er den Bruder, zerriss dessen schönstes Blatt mutwillig und nannte ihn ständig „Kleiner“. Das Geschrei war gross und ich atmete. Es war anstrengend und ich schaute auf die Uhr.

5 min früher als sonst brachten wir den Grossen zum Sport. Ich war mir sicher, dass es ihm danach besser geht.

Der Trainer konnte wohl Gedanken lesen, denn mein Sohn sagte heut etwas, das wie Musik in meinen Ohren klingt: „Boah, bin ich müde!“

Die Hausaufgaben waren blitzschnell gemacht.

Jetzt war er ruhiger, weniger geladen.

Als Beweis soll ich auf seine Hand den Umfang des Kopfes schreiben, damit ihm alle glauben und ihn nicht mehr auslachen.

Wir hatten eine hitzige Diskussion über „Schuld“.

Dass er allein was für die 2- kann, dass er allein das Gedicht wütend aufgesagt hat und seine Freunde nichts für seine Note können.

Dass nie die anderen Schuld sind an dem was man selber tut. Man hat immer die Wahl. Und manchmal muss man sich einfach auch an der eigenen Nase packen.

Wut kann so viel kaputtmachen. Wenn einer das weiss, dann eine wütende Mutter.

Ich steh mir oft selber im Weg deswegen. Aber ich schiebe es lange nicht mehr immer auf die anderen. Ab und zu kann ich mich sogar inzwischen entschuldigen.

Wirklich eingesehen hat er es nicht. Daran arbeiten wir dann morgen weiter. Jetzt bin ich einfach froh, dass beide schlafen und ich nen Haken hinter einem weiteren anstrengenden Tag setzen kann.

Als ich nachschauen will, ob beide schlafen, klebt dieser Zettel an der Tür.

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