Schuldgefühle

Mein grosser Sohn ist 8 und in der 2. Klasse.

Von allen Seiten höre ich, dass er ein „Schlamper“ ist. Die Lehrerin sagt es mir bei jedem Gespräch. „Die Unordnung unter seinem Tisch ist schlimm!“

Regelmässig vergisst er sein Mathebuch und kann deshalb die Hausaufgabe erst am Folgetag machen. Dafür hat er ab und an die Unterlagen oder Bücher seiner Mitschüler dabei, so dass DIE ihre Hausaufgaben nicht machen können.

Es gibt Anrufe von Eltern, weil ihr Kind meint, dass mein Sohn deren Buch eingesteckt habe und ich soll dafür sorgen, dass er es am nächsten Tag zurückgibt.

Mehrmals wöchentlich ist seine Mensakarte und dazugehöriger Brustbeutel verschollen, darüber ärgere ich mich schon gar nicht mehr.

Er tauchte immer wieder auf, denn jeeeeeder weiß, dass das ihm gehört.

Ich habe von Kindern gehört, dass er kein beliebter Nebensitzer ist, da jeder, der neben ihm sitzt auch schlampig wird.

Ich selber bin sehr ordentlich und gewissenhaft mit meinen Sachen, so dass es mich wirklich in den Wahnsinn treibt, all seinen Kram beisammen zu halten:

Kleidungsstücke, Cappies, Trinkflaschen inklusive.

Seit der 1. Klasse ist es ein Drama.

Ich habe ihm schon Taschengeld für meine Spritkosten abgezogen, weil ich 2 Wochen in Folge zu Hause feststellte, dass er nach dem Training die neuen Turnschuhe in der Halle vergass.

Meine Nerven, die ich dabei liess, sind unbezahlbar.

Sein Trainer geht nach dem Training extra in die Umkleide, um liegengebliebene Gegenstände von meinem Sohn einzusammeln.

So geht nichts verloren, ich weiss, alles landet wieder daheim. Aber es ist unangenehm, wenn er wieder lachend sagt, dass das bald Geld kostet.

So hat er seinen Ruf weg! Ich gebe zu, ich habe auch kein Geheimnis daraus gemacht und es oft genug thematisiert.

Ich habe Augen verdreht, gestöhnt, geschimpft und gemeckert, ohne darauf zu achten, ob es Publikum gibt.

Mein Sohn ist ein feiner Kerl, er hat wunderbare Eigenschaften. Erstaunliches Einfühlungsvermögen und sehr feine Antennen.

Wenn es um seine Ninjago Karten geht, ist ihm Ordnung und Vollständigkeit sehr, sehr wichtig. Jede Karte hat ihren Platz in der Sammelmappe und wehe, da gerät mal was durcheinander!

Heute hatte er Training.

Er geht gerne hin und mag den Trainer sehr. Wenn er schlechte Laune hat, weiss ich, dass ich 2 h später ein glückliches, ausgeglichenes Kind abholen werde.

Beim heutigen Abholen war schon grosse Aufregung. Ich sah im Augenwinkel eine besorgte Mama, die offensichtlich nach etwas suchte. Ihr Sohn hatte nur eins von zwei Riemchen, die wir für die Reckübungen kaufen mussten.

Sie befragte ihren Sohn und hielt ihn an, danach zu suchen.

In der Zwischenzeit und unabhängig davon, bat ich meinen Sohn die Tasche zu öffnen, um jetzt und nicht erst daheim feststellen zu können, was diesmal fehlt.

Zuverlässig wie immer, hatte der Trainer das vergessene T-shirt von letztem Montag zurückgegeben. Gut!

Dafür fehlten andere Dinge. Er rannte los und holte sie. Auch gut!

Als die andere Mutter immer noch suchte, sah ich bei meinem Sohn mal nach. Er wurde bereits gefragt, sagte aber, dass er nur seine Riemchen habe.

Als ich kontrollierte….oh Wunder…Er hatte 3 Riemchen und die Mama war erleichtert.

Der Turnkollege sagte lächelnd: „Letzte Woche hast du meine eingesteckt und diesmal die von X!“

Ich war genervt und sagte:

“ Wenn was fehlt, immer zuerst bei Robin schauen!“

Im Auto war die Stimmung schnell explosiv. Ich bemerkte sofort, dass etwas hier nicht stimmte.

Ich höre es sofort an der Stimmlage. Er diskutierte über eine Sache mit mir, bei der mir klar war:

Hier kann es nicht um die Sache an sich gehen! Hier ist was faul!

Noch bevor ich klar denken konnte und fragen, ob etwas im Training vorgefallen ist…hatte ich meine Antwort.

Ich hatte gehofft, dass es nur eine Übung war, die heut nicht geklappt hat und ihn ärgert.

Aber nein! Heut war es etwas anderes.

Nachdem der Trainer ihm sein liegengebliebenes T-shirt überreichte und er seine Handschuhe für die Reckübung nicht findet konnte, habe der Trainer zu ihm gesagt: „Genau deshalb mag deine Mama dich nicht, weil du alles verschlampst!“

Bäääääm!

Ok, ok….Ich muss mich sammeln!

Inzwischen sind wir schon am Spielplatz angekommen und ich lasse den kleinen Bruder vergnügt zu seinen Freunden.

Ich gehe ums Auto herum, öffne die Tür vom kleinen Häuflein Elend.

Er weint wie verrückt und schluchzt, kann kaum reden. Ich muss ihm alles aus der Nase ziehen und mir aus den Bruchstücken die Geschichte zusammenreimen.

Ich frage ihn nicht, ob er aussteigen will, denn ich weiss, dass er sich für seine Tränen schämt.

Ich gehe in die Hocke, er sitzt zusammengekauert da und weint, kann sich nicht beruhigen.

Ich hake nach, ob er das genau so gesagt hat, so ähnlich, oder, ob er es evtl. falsch verstanden, oder falsch interpretiert hat.

Er ist sich nicht mehr sicher.

So, oder so ähnlich… irgendwie zumindest.

Ihn quält die Frage, WARUM er sowas sagt. WIESO sagt der sowas Gemeines?

Dass es nicht stimmt, dass weiss er ja, aber wieso tut er das?

Das sei in der Mitte vom Training gewesen und er habe dann kein Wort mehr mit dem Trainer geredet. Nur noch, wenn es um Übungen ging.

Der sei halt der Erwachsene und er das Kind, deshalb habe er einfach nichts gesagt.

Er leidet und mir bricht das Herz ihn so leiden zu sehen.

Ich erinnere mich an seine Kindergartenzeit, als er so alt war wie sein Bruder.

Da weinte er mal vor Wut, oder wegen einer Verletzung.

Jetzt geht es um menschliche Enttäuschung von einer seiner engsten Vertrauten.

Das tut richtig weh!

Ich weiss, dass er grossen Respekt vor seinem Trainer hat und dieser auch viel von ihm hält, das sagt er oft genug.

Nach ein paar Minuten kommt mein Sohn aus dem Auto und wir setzen uns beide auf eine Schaukel und reden.

Den kleinen Bruder hab ich im Auge, er ist beschäftigt und beachtet uns nicht.

Ich stelle mich vor meinen Sohn, er hat sich beruhigt.

Leise frage ich ihn, ob wir uns mal drücken sollen, oder ob ihm das jetzt zu peinlich sei.

Er antwortet nur mürrisch:

“ Peinlich!“

Ich erkläre ihm, dass man manche Dinge falsch versteht. Dass andere etwas sagen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie sehr das den anderen verletzen kann.

Egal was für ein Fall das jetzt ist, sei es mir wichtig, dass er eins immer weiss:

Auch wenn 100 Leute so etwas behaupten, er soll immer wissen, dass seine Mama ihn über alles liebt. Er soll sich daran erinnern, dass ich es ihm jeden Abend vor dem Einschlafen sage und egal WIE schlampig und vergesslich er ist, dass das niemals die Liebe zerstört, die ich für ihn habe.

Es ist angekommen, ich kann es in seinem Gesicht lesen.

Die weiteren 2 h verliefen sehr harmonisch und wir hatten viel Spass.

Zu Hause habe ich mich aufrichtig bei ihm entschuldigt. Dafür, dass ich oft betont habe, wie schlampig er ist.

Dass ich mir Situationen in Erinnerung gerufen habe, die für ihn dadurch unangenehm gewesen sein können.

Vielleicht hat er sich geschämt.

Er nickte und gab mir auch die Hand: Entschuldigung angenommen!

Ich sagte ihm, dass ich diese Situation definitiv mit dem Trainer besprechen werde und fragte, ob er dabei sein will, oder, ob ich das alleine klären soll.

Er möchte nicht dabei sein. Akzeptiert!

Ich versprach ihm, dass das in Zukunft anders laufen wird.

Kein Gemecker mehr!Stattdessen sind wir 2 jetzt ein Team und ich helfe ihm dabei, an seine Sachen zu denken.

Nach der Schule werden wir uns ne ruhige Ecke suchen, im Ranzen schauen, ob alles da ist. Oder ob sich etwas rein verirrt hat, das gar nicht ihm gehört.

Dann kann er es gleich begradigen.

Ebenso nach dem Training.

Ohne Publikum.

Nur das Team. Nur er und ich!

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