Nach der Trennung…und heute

Ich erinnere mich noch an alle Details.

Es war so ähnlich wie bei meinen 2 Geburten: man weiss, dass es real ist und gerade passiert. Aber irgendwie ist man völlig in trance und es ist, als wär man irgendwie nicht in seinem Körper.

Ich hatte hämmernde Kopfschmerzen vom Schock und vom Weinen und musste so meinen Sohn vom Kindergarten abholen.

Er war damals 5 und dann war da noch das Baby im Kinderwagen.

Natürlich fiel mein erbärmliches Geschluchze gleich jedem auf und bevor einer was sagen konnte, beendete ich die fragenden Gesichter mit 2 kurzen Sätzen.

Ich schnappte mir meine Kinder und auf dem Fussweg von ca 15 min bis nach Hause, erklärte ich dem Grossen die Situation.

Papa ist jetzt weg und wohnt nicht mehr mit uns zusammen.

Begriffen hat er es damals wahrscheinlich genauso wenig wie ich.

Da waren wir nun, allein in unserem 2 Jahre alten Haus. Das war anders geplant, wir kannten uns seit der 5. Klasse.

Ich stillte noch rund um die Uhr, beide Kinder schliefen bei mir im Bett und ich lag wach. Oft die ganze Nacht.

Ich heulte, grübelte und hatte so viel Angst wie noch nie, in so viele verschiedenen Richtungen.

Ich hatte keine Zeit mich mit dem zu befassen, was da passiert ist, ich funktionierte nur.

Ich schlief nicht, hatte dick geschwollene Augen, die Nerven lagen blank und ich weinte ohne aufhören zu können.

Mein Sohn sagte irgendwann morgens zu mir: “ Mama, du bist echt voll die Heulsuse, es gibt Schlimmeres!“

Ich fragte ihn, was denn bitte schlimmer sein könne wie DAS ALLES und er antwortete: „Wenn man zum Beispiel immer nur streitet!“

Ich lachte erleichtert, denn dann war es scheinbar so richtig.

Nach einigen Tagen erfuhr ich, dass ich nach der Elternzeit, die 2 Monate später ablief, nicht zurück in meinen Job konnte. Da ich jetzt aufgrund des Betreuungsumfanges erst ab 7.30 Uhr arbeiten konnte und auch nur bis maximal 16 Uhr, riet man mir, die Elternzeit zu verlängern, da das jetzt so gar nicht passt.

In einem Jahr sehe die Welt schon wieder anders aus, sagte man mir und vielleicht würden wir uns ja wieder vertragen, mein Mann und ich.

Er hatte Gleitzeit und so konnte ich bisher die Frühschicht 6 Uhr beginnen und auch Spätschicht arbeiten, wenn er pünktlich Feierabend machte.

Wie ich in der Verfassung damals überhaupt an Arbeiten denken konnte…ich hätte es niemals geschafft.

Aber für mich brach eine Welt zusammen, ich hatte das Gefühl, dass mein Leben hier grad zerstört wird. Es war nur noch ein Scherbenhaufen.

Das Elterngeld wurde noch einen Monat ausbezahlt, dann war ausser 2 mal Kindergeld kein Einkommen da. PANIK!

Ich musste mich beim Jobcenter melden und Arbeitslosengeld 2 beantragen, oder auch Harz 4 genannt.

Ich wollte arbeiten, bin eine dieser Fachkräfte, die überall gesucht werden, hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag und sass trotz allem im EG meines Jobcenters, mehrere Stunden im Monat. Im Schlepptau ein unruhiges Baby, das nicht an still sitzen dachte und Warten blöd fand.

Die Flüchtlinge, die mit uns warteten spielten oft „Kuckuck“ mit ihm. Einer Frau durfte er sogar mal mit Erlaubnis ihre Handtasche ausräumen. Sie hatte so viel mehr Geduld als ich! Und so viel bessere Nerven!

Ich hab nie vorher was mit dem Jobcenter zu tun gehabt und hatte keine Ahnung, was für eine Lawine da auf mich zukommen wird.

Wieviele Kopien ich machen musste, wieviele Formulare ich ausfüllen musste, seitenlang.

Es war der Horror für mich, denn mein kleiner Sohn war ja noch nicht in der Kita, krabbelte überall hoch und war nicht äusserst hilfreich. Ebenso wenig wie der Druck, den ich mir selber machte.

Ich sehe mich heulend vor Wut auf dem Boden sitzen und wie ich verzweifelt versuchte, das Treppenschutzgitter zu montieren. Ich schaffte es nicht.

Der Grosse war „anstrengend“, so wie ein Kind wohl ist, wenn seine Welt grad zusammenbricht.

Das Haus war so gross, der Rasen wuchs schnell und mit der Heizung hatte ich mich nie richtig beschäftigt.

Ich wusste nicht wo der Akku des Spielautos war, obwohl mein Sohn unbedingt damit fahren wollte. Er war sauer.

Ständig hörte ich Geräusche im Haus und wachte davon auf. Einmal wollte ich daraufhin das Licht anmachen und musste feststellen, dass wohl Stromausfall war. Es blieb dunkel und mein Handyakku war leer.

Vor ziemlich genau 3 Jahren kam dann auch noch das Hochwasser.

Es regnete, wie ich es noch nie vorher erlebt hatte. Mit Baby auf dem Arm und Kleinkind daneben, sassen wir auf der Treppe und ich überlegte, wie hoch das Wasser noch stehen muss, bis mein Auto vom Parkplatz wegschwimmt.

Mein Sohn weinte und hatte Angst, dass die Hagelkörner unsere Fenster zerstören könnten.

Ich sass irgendwie teilnahmslos da und versuchte alle zu beruhigen, mich inklusive.

Wir hatten Glück, denn wir hatten Hanglage. Nur ein paar Zentimeter Wasser im Keller.

Die Tage zogen so an mir vorbei.

Rückblickend weiss ich ehrlich gesagt nicht, wie ich es geschafft habe, dass Essen auf dem Tisch stand, meine Kinder saubere Kleidung hatten, der Grosse morgens pünktlich im Kindergarten war und woher ich die Kraft nahm, mit ihm den Sandkasten blau anzustreichen, so wie er es sich wünschte.

Ich hatte Lack gekauft. Ich hatte keine Ahnung!

Es war eine riesen Sauerei und es gibt Fotos davon. Wir haben jeder einen Pinsel in der Hand, blaue Farbe im Gesicht und wir lächeln.

Woran ich mich auch noch gut erinnere…

Es war in etwa morgens um 7, die Kinder waren schon länger wach, es ging drunter und drüber und ich war so überfordert.

Ein Glas ging zu Bruch, dabei waren wir eh schon spät dran. Ich schrie während dem Einsaugen der Scherben laut rum und war ne Furie. Mein Sohn sagte: “ Du bist so eine scheiss Mutter…“

…Und ich hab ihm eine geknallt. Er hatte MEINE Gedanken ausgesprochen und das tat verdammt weh.

Diese Situation war nicht mehr zu retten. Ich brachte ihn in den Kindergarten und stand kurz darauf mit Baby auf dem Arm in der Praxis meiner Hausärztin.

Ich heulte mal wieder uns sagte nur: “ Ich habe keinen Termin, aber ich werde nicht gehen!“ Ich wusste, dass ich das ohne Hilfe nicht schaffen kann.

Sie selber hat 7 Kinder und fand die richtigen Worte.

Ich bekam eine Überweisung zum Psychologen, sie machte mir aber nicht Hoffnung, dass ich unter 4 Wochen Wartezeit einen Termin bekommen würde. Ansonsten gäbe es nichts, was sie für mich tun könne.

Zwischen damals und heute liegen gute 3 Jahre und ca. 2 dauerte es, bis ich verstanden habe, was da mit uns allen passiert ist.

Es war harte, sehr schmerzvolle Arbeit, ja wirklich Arbeit, aber ich habe es überwunden.

Wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich aber sofort an das Gefühl von damals. Das bleibt wohl für immer.

Ich hoffe, dass ich mich nie wieder so fühlen werde!

Heute ist unser Leben anders, aber gewiss nicht schlechter.

Ich bin gewachsen. Teilweise über mich hinaus.

Es ist unglaublich, was für Kräfte man in solchen Zeiten entwickeln kann, aber man kann. Ich konnte es!

Ich frage mich nicht mehr, warum mir das passiert ist. Ich frage nur noch, was wollte das Leben mir damit zeigen?!

Ich habe alle Antworten für mich gefunden!

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