What a beautiful day

Heute war einer dieser sauanstrengenden Tagen und trotzdem grinse ich vergnügt vor mich hin wie ein verliebter Teenager.

Mein Sohn ist seit gut 3 Jahren im Geräteturnen und heute war mal wieder Wettkampf, ein sehr wichtiger noch dazu.

Landesfinale, der höchst mögliche Wettkampf in seiner Altersklasse.

Wir sind geübt, denn, besonders in diesem Jahr gab es sehr viele Wettkämpfe.

Der Wecker klingelte um 7.30 Uhr, ich freute mich auf den Tag und hatte ein gutes Gefühl.

Ich schnippelte Obst und packte alles in den Rucksack, was man so braucht, wenn man stundenlang auf irgendeiner Tribüne rumsitzt.

Die Jungs kamen zusammen in die Küche und machten einen müden Eindruck. Viel Zeit zum Nachdenken war nicht, ebenso wenig, um grosse Aufregung zu verspüren. Waschen, Anziehen, Zähne putzen. Ich duschte und liess mir 2 min länger Zeit, weil das Geschrei da draussen mich so gar nicht lockte. Diesmal ging es um die Legos und ob es mit Absicht oder aus Versehen zerstört wurde.

Der obligatorische Turnbeutel wurde gepackt. Darin befinden sich 50% unseres Hausrats und so ziemlich alles an Spielzeug, was den kleinen Bruder lang genug beschäftigt: Autos, Superhelden, seine Lupe, Dinos, ein bisschen Werkzeug und das gebastelte Ding von gestern, das scheinbar ein Instrument sein soll. In Wirklichkeit ist es eine Küchenrolle mit etwa einer Rolle Tesa wild draufgeklebt.

Also gut! Los geht’s!

Der Kleine ist seit 2 Wochen ohne Windel und die Erfolge nur mittelmässig. Ich war aufgeregt, ich gebe es zu.

Der Grosse versicherte sich, ob es nicht doch besser wäre, ihm wieder ausnahmsweise eine Windel dranzumachen, da wir über 1 h Fahrzeit hatten.

„Nein, das schafft er“, sprach ich mir selber Mut zu.

Mein Fazit zu diesem Thema: jaaaaa, er hat es geschafft. Aber er hatte auch grossen Spass daran viel zu trinken und dann lachend zu rufen: “ Ich muss pippi!“ Ich schnappte ihn jedes Mal, rannte mit ihm die 30 m zum Flur, die Treppe runter und ….ahhhhh, geschafft.

Insgesamt machte ich das Spiel 9 mal mit in ca. 4 h . Ich habe mehr Kalorien verbraucht, als so mancher Turner an diesem Tag. Nerven übrigens auch.

Vom Auftritt selber habe ich nichts verpasst, also war ich dankbar für das timing und nahm es mit Humor.

Nach dem 1. Durchgang sah ich das zufriedene Nicken des Trainers und die leuchtenden Augen meines Sohnes. Er setzte sich vor mich und ich flüsterte ihm ins Ohr: „Da ist wohl einer gut drauf heut, was?“

Er nickte und zwinkerte. „Mama, ich glaub das wird heut was Gutes!“

Letztes Jahr wurde er 7. beim Landesfinale und es war sehr ernüchternd für ihn.

Diesmal wollte er aufs Treppchen und ne Medaille, egal welche.

Es lief! Er war in Form! Und ich so aufgeregt wie noch nie.

Ich bin diese Art Mama, die sich laut freut und auch ein bisschen peinlich ist, weil ich klatsche bis die Handflächen glühen und auch juble, weil ich einfach nicht anders kann.

Ich freu mich, wenn er gut turnt und hoffe, dass ihm kein fetter Patzer passiert, den er sich vorwerfen wird.

Er strengte sich richtig, richtig an und selten sucht er Blickkontakt zu mir. Diesmal hatte er 14 Punkte am Barren abgeräumt und unsere Blicke trafen sich, obwohl er am ganz anderen Ende der Halle sass. Ohne Ton jubelten wir einander zu!

„Reiss dich zusammen….contenonse Mama“, dachte ich…bevor ich mich weiter freute.

Warum mein Herz schneller schlägt?

Ich bin stolz auf ihn, keine Frage!

Ich freue mich, dass er etwas gefunden hat, für das er so brennt und auch noch Erfolg damit hat.

Noch mehr als über seinen aufrechten Gang, freue ich mich darüber, dass er die Möglichkeit hat zu einem Team zu gehören und sich mit anderen vor jeder Platzierung die Nervosität teilen zu können.

Dass er sich für andere freut, wenn die auf dem Treppchen stehen. So wie die Gewissheit zu haben, dass sie für ihn klatschen, wenn er auf dem Treppchen steht.

Ich freue mich sehr darüber, dass er viel selbstbewusster ist, als er es noch vor 1 Jahr war.

Dass er mutig ist und sich was zutraut, bereit ist für Ziele zu kämpfen und alles zu geben.

Ich finde es beeindruckend und unheimlich stark, dass er sich über den 2. Platz genauso gefreut hat, wie über den ersten. Er hatte ein Ziel, das hat er geschafft.

Um gut zu sein, muss man nicht 1. sein. Er hat sein allerallerbestes gegeben und da darf man gewiss stolz auf sich sein. Er hat sich nicht eine Sekunde geärgert, dass er nicht die Goldmedaille bekommen hat.

Ich freu mich, dass er einen tollen Trainer hat, der eine sehr wichtige männliche Bezugsperson geworden ist, denn in seiner Welt ist er umgeben von Frauen.

Und wenn ich klatsche, beklatsche ich immer auch ein bisschen mich selbst. Er weiss es nicht, aber sein Turnen ist sauteuer.

Oft nach der Trennung hatte ich schlaflose Nächte, weil dieser Betrag wieder abgebucht wurde und ich es mir eigentlich gar nicht leisten konnte.

Wie froh bin ich heute, dass ich nie daran gedacht habe ihn abzumelden. Keine Minute! Lieber hätte ich 2 Monate nur Brot und Butter gegessen.

Jeder Wettkampf erinnert mich daran, dass alles, wirklich alles sich gelohnt hat und gut investiert war.

Jede seiner Medaillen erinnert mich daran, wie stark und mutig ich war, denn ich hab es ihn nie spüren lassen und ihm fehlte nie etwas.

Wenn ihr mich also anschaut, ich Freudentränen in den Augen habe und wild klatsche….ist das nicht peinlich. Es ist die Erleichterung! Das pure Glück! Der Stolz! Und die Tatsache, dass alles schon viel schlechter war und wir alle stolz sein können.

Wir hatten einen Deal: kommt er aufs Treppchen, darf er einmal Training schwänzen. Er verriet mir, dass ihn das angetrieben habe, in der Hoffnung, dass er stattdessen Fernseh schauen dürfe.

Am Ende sagte er:“ Ach, ich geh lieber doch ins Training, ich will ja schliesslich besser werden!“

Dafür nehme er dann lieber 5 Euro, so wie es sein Turnerfreund für den 3. Platz von seinen Eltern bekommt. Das komme ihm eher entgegen.

Er konnte lange nicht einschlafen und zeigte mir dann wieder, warum ich ihn so sehr liebe. Er drückte seinen Bruder und mich plötzlich und unerwartet, mitten aus der Stille heraus und sagte:

“ Ich könnte euch gar nicht mehr lieben und stolzer auf euch sein!“

Er…stolz auf uns…der, der beim Landesfinale auf dem Treppchen stand. Ich schüttel den Kopf.

2 Kommentare zu „What a beautiful day

  1. Wow, Petra,
    wie schön geschrieben! Ich glaube echt, du bist wirklich eine tolle Mutter. Und dein Blog und deine Texte sind super – lese hier immer mal wieder und was du schreibst wärmt echt mein Herz und berührt mich!
    Lieben Gruß, Sarah🙂

    Liken

    1. Ach Gott! Danke für diese wundervolle Nachricht, die mir sowas von gute Laune macht.
      Ich blogge ja erst seit wenigen Wochen und verstehe die einfachsten Funktionen noch nicht. Umso mehr freue ich mich über so eine Rückmeldung. Vielen Dank!

      Gefällt 1 Person

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